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Die Liebe und ihre Vergänglichkeit in der Lyrik des Sturm und Drang und der Neuen Sachlichkeit

Hausarbeit 2013 22 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sturm und Drang
2.1 Die Epoche
2.2 Das Gedicht
2.2.1 Formale Gestaltung
2.2.2. Interpretation
2.3 Biographie Jakob Michael Reinhold Lenz

3. Neue Sachlichkeit
3.1 Die Epoche
3.2 Das Gedicht
3.2.1 Formale Gestaltung
3.2.2 Interpretation
3.3 Biographie Erich Kästner

4. Vergleich

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Liebe – dieses unbeschreibliche Gefühl – ist ein Elementarbedürfnis des Menschen. Unzählige Male wurde es beschrieben, vielfältige Ausdrucksformen wurden geschaffen. Sehnsucht, Erfüllung, Schmerz und Trauer nehmen Gestalt an in Malerei, Musik und Literatur.

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit Literatur befassen und zwar mit dem speziellen Bereich der Lyrik. Zu allen Zeiten haben Menschen ihre Gefühle in Versen ausgedrückt, unterschiedlich in Stil und Form, manchmal direkt, manchmal verschlüsselt. Dass das Innerste berührt wurde, ist wohl in den meisten Gedichten zu spüren. Vergleicht man verschiedene Literaturepochen miteinander, so sind jedoch Unterschiede zu erkennen, die sich unter anderem als abhängig von den Empfindungen des jeweiligen Dichters, dem Zeitgeschmack und sogar dem historischen Hintergrund erweisen.

Meine Ausarbeitung befasst sich mit der Lyrik des Jakob Michael Reinhold Lenz, einem der bekanntesten Autoren des Sturm und Drang und mit Erich Kästner, den man der Literaturepoche der Neuen Sachlichkeit zuordnet. Beide Gedichte haben die Vergänglichkeit der Liebe zum Thema. Inwieweit sich typische Zeichen der jeweiligen Literaturepoche finden, eventuell ein privates Geschehen und der historische Hintergrund mit einfließen, soll diese Hausarbeit herausarbeiten.

Dazu gehe ich folgendermaßen vor: Der nachstehende Text wird in verschiedene Bereiche unterteilt. Zuerst Teil stelle ich die jeweilige Epoche und das entsprechende Gedicht vor. Anschließend beschreibe ich dessen formale Gestaltung, danach folgt die Interpretation sowie eine Kurzbiographe des Autors. In der abschließenden Zusammenfassung vergleiche ich die beiden Gedichte und versuche, das Spezielle der jeweiligen Literaturströmung herauszuarbeiten.

2. Sturm und Drang

2.1 Die Epoche

Im 18. Jahrhundert fand der Übergang von der sogenannten Gesellschaftsdichtung zur Individualdichtung statt. Laut dem 1624 erschienenen Buch von Martin Opitz (1597-1639) „Das Buch von der Deutschen Poeterey“, in dem die Regeln für das Erstellen von Lyrik festgeschrieben worden waren, galt Dichtung als erlernbar. Persönliches Genie war nicht notwendig. Individuelle Empfindungen wurden nicht ausgedrückt. Gedichte sollten zur Unterhaltung, zum Amüsement der adligen und der akademisch gebildeten Gesellschaft dienen.[1]

Dies änderte sind in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Es entstand die Individualdichtung. Die Literatur entwickelte sich als Mittel zum Ausdruck der eigenen Gefühle und der individuellen Persönlichkeit. Innerhalb der Epoche der Aufklärung entstand die Strömung des Sturm und Drang. Christoph Kaufmann[2] gab der knapp zwei Jahrzehnte (ca. 1770 – 1785) dauernden Periode den Namen.[3]

Die Literatur des Sturm und Drang definiert Matthias Luserke unter anderem wie nachstehend:[4]

Sturm und Drang

- ist jene Literatur zwischen 1770 und 1780, die an sich selbst den Anspruch erhob, anders, und das heißt Avantgarde zu sein.
- ist Literatur, welche die Entdeckung des Individuellen als authentisches
Erlebnis beschreibt, sich über Rollenzuweisungen in Drama und Lyrik hinwegsetzt und das je eigene Erlebnis und die je eigene Pein zum Gegenstand der Beschreibung macht.
- ist Literatur, die versucht, ihren gesellschaftlichen Standpunkt jenseits der
sozialen, und das heißt ständisch-hierarchischen Zuweisungen zu finden (und daran scheitert).
- ist Literatur, welche die Gattungsgrenzen ignoriert […], um die Echtheit des
schöpferischen Erlebens zu wahren.
- ist Literatur, welche die Selbstbestimmung des Menschen nicht nur fordert,

sondern literarisch beschreibt.

Die jungen Dichter des Sturm und Drang, zu denen man Johann Wolfgang Goethe (1749–1832), Heinrich Leopold Wagner (1747-1779),) Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) und einige andere zählt,[5]v erstanden sich als „Genies“. Lenz definiert diesen Begriff in den „Anmerkungen übers Theater“ wie folgt:

Wir nennen alle Köpfe Genies, die alles, was ihnen vorkommt, gleich so durchdringen, durch und durch sehen, daß ihre Erkenntnis denselben Wert, Umfang, Klarheit hat, als ob sie durch Anschaun oder alle sieben Sinne zusammen wäre erworben worden.[6]

Sie verwarfen literarische Konventionen und entwickelten eigene Regeln, in denen das Gefühl und die Phantasie den gleichen Stellenwert erhielten wie die persönliche Freiheit des Individuums.[7]

Johann Caspar Lavater (1741-1801) schreibt im 1. Band seiner „Physio­gnomischen Fragmente“ von 1775:

Und Genie, ganzes, wahres Genie, ohne Herz – ist […] Unding – Denn nicht hoher Verstand allein, nicht Imagination allein; nicht beide zusammen machen Genie – Liebe! Liebe! Liebe – ist die Seele des Genies.[8]

2.2 Das Gedicht

AN ** [9]
In der Nacht im kalten Winter
Wird’s so schwarz und graulich nicht,
Als in meinem armen Herzen
Fern von deinem Angesicht.

Aber wenn es wieder lächelt

In die Seele mir hinein,

Werd‘ ich jung und neu geboren,

Wie das Feld im Sonnenschein.

Du allein gibst Trost und Freude,

Wärst du nicht in dieser Welt,

Strack’s fiel alle Lust zusammen,

Wie ein Feuerwerk zerfällt.

Wenn die schöne Flamm‘ erlöschet,

Die das all gezaubert hat;

Bleiben Rauch und Brände stehen

Von der königlichen Stadt.

2.2.1 Formale Gestaltung

Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu je vier Versen, die jeweils im Wechsel jambische Vier- und jambische Dreiheber aufweisen. Die einzelnen Strophen bilden immer einen kompletten Satz. Die Kadenzen sind wechselnd (m/w/m/w). Das vorliegende Reimschema ( xaxa) wird als halber Kreuzreim bezeichnet, der bis auf die Verse zwei und vier in der dritten Strophe aus reinen Reimen besteht.

Die Strophenform nennt man Vagantenstrophe (in diesem Fall eine halbe Vagantenstrophe), ein Strophenmaß, das volkstümlich gebraucht wurde und im 18. und 19. Jahrhundert populär war[10].

In den ersten beiden Strophen spricht das lyrische Ich von sich selbst. In Strophe eins werden die aktuellen Gefühle mit Begriffen aus der Natur wie „Nacht“ und „Winter“ beschrieben, die mit den Adjektiven „schwarz“ und „graulich“ verbunden werden und somit eine Atmosphäre der Einsamkeit, Kälte und Trostlosigkeit entstehen lassen. Dass auch Sehnsucht und Wehmut empfunden werden, wird im dritten und vierten Vers durch die romantisch konnotierten Begriffe „armes Herz“ und „Angesicht“ sowie dem Attribut „fern“ dargestellt.

Die zweite Strophe stellt einen Blick in die Zukunft dar. Mit „aber wenn“ beschreibt das lyrische Ich seine Empfindungen, wenn die Geliebte[11] ihm

wieder zulächelt. Dann empfindet er neues Leben in sich erwachen ( „werd‘ ich jung und neu geboren“). Die zweite Strophe endet so, wie die erste begann: mit einem Bild aus der Natur. „Wie das Feld im Sonnenschein“ steht als Metapher für Wärme. Damit schließt sich der Kreis zum Beginn der ersten Strophe. Die Kälte ist der Wärme gewichen.

[...]


[1] S. Schneider, Jost: Einführung in die moderne Literaturwissenschaft, Bielefeld 2000, S. 58.

[2] Christoph Kaufmann (1753 – 1795), Vorbild der Bewegung des „Sturm und Drang; wurde bekannt

als „Genieapostel“ des späten 18. Jhd.

[3] Vergl. Luserke, Matthias: Sturm und Drang, Stuttgart 1997, S. 25 f.

[4] Luserke, Sturm u. Drang (1997, 10-13).

[5] Vergl. Boyle, Nicholas: Kleine deutsche Literaturgeschichte. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer,

München 2009, S. 86.

[6] Titel/Haug (Hrsg): Jakob Michael Reinhold Lenz, Werke und Schriften I, Stuttgart 1966, S. 336.

[7] Vergl. Kunze/Obländer: Grundwissen Deutsche Literatur, Stuttgart 1976, S. 21.

[8] Luserke: Sturm und Drang (1997, 68).

[9] Titel/Haug(Hrsg): Lenz (1966, 115), dort nach dem Erstdruck: Heidelberger Taschenbuch, hrsg. von
Alois Schreiber, Tübingen 1812, S. 209, Handschrift nicht nachweisbar. Es existiert noch ein weiteres
Gedicht mit dem fast identischen Titel AN--.

[10] Vergl. Moennighoff, Burkhard: Grundkurs Lyrik, Stuttgart 2012, S. 47 f.

[11] Das Gedicht ist geschlechtsneutral geschrieben. Der Erzähler könnte sowohl ein Mann als auch eine
Frau sein. Im Wissen darum, dass ein Mann dieses Gedicht geschrieben hat, setze ich das lyrische Ich

mit dem Autor gleich und beziehe den Inhalt auf eine weibliche Person.

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656609636
ISBN (Buch)
9783656608653
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269647
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Sprach- und Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
liebe vergänglichkeit lyrik sturm drang neuen sachlichkeit

Autor

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Titel: Die Liebe und ihre Vergänglichkeit in der Lyrik des Sturm und Drang und der Neuen Sachlichkeit