Lade Inhalt...

Medienanalytische Vergleichsstudie zu Fernsehnachrichten über Terrorismus im öffentlich- rechtlichen und privaten Fernsehen

Am Beispiel der Anschläge von Mumbai 2008

Bachelorarbeit 2010 41 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Nachrichten in den Massenmedien
2.1 Funktionen und Leistungen des Fernsehens
2.2 Das duale Rundfunksystem in Deutschland
2.2.1 Die Marktstruktur
2.2.2 Die Fernsehnachrichten der öffentlich-rechtlichen und privaten Anbieter
2.2.3 Veränderung der Nachrichtenprofile

3. Vom Ereignis zur Nachricht
3.1 Die Entwicklung der Nachrichtenfaktoren
3.2 Weiterentwicklungen
3.2.1 Nachrichtenwert und Auswahl
3.2.2 Aktuellere Forschung
3.2.3 Der Nachrichtenfaktor „Visualität“

4. Terrorismus und Medien
4.1 Annährung an das Phänomen Terrorismus
4.1.1 Entwicklung
4.1.2 Definition und Abgrenzung
4.2 Die Berichterstattung über Terrorismus
4.2.1 Terrorismus als Nachrichtengegenstand
4.2.1.1 Merkmale der Berichterstattung
4.2.1.2 Entwicklung der Berichterstattung
4.2.2 Kritik an der Berichterstattung
4.3 Terroristen und Medien
4.3.1 Annahme einer symbiotischen Beziehung
4.3.2 Nutzung der Medien durch Terroristen

5. Empirischer Teil- Inhaltsanalytischer Vergleich
5.1 Hypothesen und Forschungsfragen
5.2 Untersuchungsmethode
5.3 Untersuchungsgegenstand
5.4 Ergebnisse der Untersuchung
5.5 Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“When it bleeds, it leads the headlines...” (Schiller 2007: 99).

Oder “Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“ gilt häufig als Maxime des Journalismus; zumindest im Hinblick auf eine hohe Auflage und hohe Einschaltquoten. Somit stehen auch terroristische Anschläge in einer Reihe mit Skandalen, Konkursen, Naturkatastrophen und anderen negativen Ereignissen, die die Neugier und Aufmerksamkeit der Rezipienten erregen und ihrem Bedürfnis nach Voyeurismus entgegenkommen (vgl. Schiller 2007). Negative Ereignisse und Krisen besitzen für Journalisten einfach einen hohen Nachrichtenwert, sind somit also eher berichtenswert (vgl. Maier/Stengel 2007).

Bereits bei den Olympischen Spielen 1972 in München erregten Terroristen mit der Ermordung israelischer Sportler die mediale Aufmerksamkeit und schafften es somit ,die Weltöffentlichkeit für ihr Anliegen zu sensibilisieren. Schon damals standen die Medien häufig in der Kritik den Terroristen mit ihrer Berichterstattung in die Hände zu spielen, in dem sie ihnen die dringend benötigte Aufmerksamkeit zu Teil werden lassen (vgl. Hoffman 2007).

Diese mediale Aufmerksamkeit für ein terroristisches Attentat wurde mit den Anschlägen vom 11. September 2001 noch bei weitem übertroffen. Seit diesem Ereignis gab es eine Vielzahl von Studien, die sich mit der medialen Darstellung terroristischer Anschläge, dem Verhältnis von Terroristen und Medien und mit der möglichen Inszenierung von Terrorismus in den Medien beschäftigen[1].

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es Aussagen darüber zu treffen, inwieweit sich die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehnachrichten in Bezug auf ein terroristisches Ereignis, die Anschläge von Mumbai 2008, unterscheidet. Dafür erfolgt eine Unterteilung in einen theoretischen und einen empirischen Teil.

Von den Funktionen des Fernsehens für die Gesellschaft ausgehend wird im zweiten Kapitel zunächst auf die Fernsehnachrichten im dualen Rundfunksystem Deutschlands eingegangen. Hierbei liegt das Hauptaugenmerk auf den Unterschieden hinsichtlich der Informationsqualität und Glaubwürdigkeit zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Programmen. Im Anschluss daran wird die Entstehung von Nachrichten auf Grundlage der Nachrichtenwerttheorie beschrieben. Dazu wird zuerst die Entstehung der Theorie nachgezeichnet, bevor auf aktuellere Forschungsergebnisse eingegangen wird, die für die vorliegende Arbeit relevant sind. Im dritten Kapitel schließt sich die Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Terrorismus aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive an. Von diesem theoretischen Teil der Arbeit ausgehend erfolgt im fünften Kapitel eine inhaltsanalytische Untersuchung der Terroranschläge von Mumbai im November 2008. Dabei geht es vor allem um Unterschiede in der Dramatisierung und Visualisierung der Anschläge. Neben den Forschungsfragen und Hypothesen erfolgt in diesem Abschnitt außerdem die Darstellung der Ergebnisse und deren Interpretation.

2. Die Nachrichten in den Massenmedien

2.1 Funktionen und Leistungen des Fernsehens

„Unter Massenkommunikation verstehen wir jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich, durch technische Verbreitungsmittel indirekt und einseitig an ein disperses Publikum vermittelt werden“ (Maletzke 1963 zitiert nach Schenk 2007:19).

Dabei fungieren die Massenmedien als ein virtuelles System, das die Ausbildung von Wissens-, Erwartungs- und Meinungsstrukturen von Rezipienten vornimmt, die füreinander nicht sämtlich anwesend oder bekannt sind (Schenk 2007: 21).

Die Medien können hierbei sicherlich nicht als Quelle des Wissens angesehen werden, das Menschen über die Gesellschaft, ihre Kultur und ihre Mitmenschen haben, ihnen kommt aber dennoch die Rolle des Transportmittels beziehungsweise des Lagers von Informationen zu. Hierbei erlangt vor allem das Fernsehen eine große Bedeutung, das durch seine Omnipräsenz den Rezipienten nicht nur Informationen vermittelt, sondern vor allem als sozialer Zeitgeber agiert, der Tagesabläufe begleitet und strukturiert (vgl. Reichertz 2007). Es verändert nicht nur die Art der Wahrnehmung; es hat sich außerdem zu einer globalen Organisation mit eigenen Interessen, ökonomischen Ressourcen und politischen Mitteln entwickelt. Das Fernsehen prägt und verändert somit sowohl den privaten als auch den beruflichen Alltag der Menschen, dessen moralische Fundierung, seine politische Legitimität und seine ästhetischen Formen (Reichertz 2007:26). Aufgrund dieses Einflusses des Massenmediums Fernsehen, gilt es nach dessen Funktionen beziehungsweise Leistungen für die Gesellschaft zu fragen.

Dabei lassen sich zunächst zwei grundsätzliche Standpunkte in Bezug auf das Verhältnis von Massenmedien und Gesellschaft unterscheiden: die „ptolemäische“ und die „kopernikanische“ Perspektive. Nach „ptolemäischer“ Vorstellung stellen Massenmedien einen Fremdkörper innerhalb der Gesellschaft dar, deren grundsätzliche Aufgabe darin besteht, ein möglichst originalgetreues Abbild der Realität zu übermitteln. Dagegen werden vom „kopernikanischen“ Standpunkt aus die Massenmedien als integraler und aktiver Bestandteil der Gesellschaft verstanden, die Stimuli und Ereignisse in der sozialen Umwelt selektieren, verarbeiten und interpretieren (vgl. Schulz 1989). Dieses Verständnis der Beziehung von Medien und Gesellschaft entspricht in ihren Grundzügen auch dem der Systemtheoretiker[2]. In Anlehnung an diese Perspektive geht auch Denis McQuail von einer Gesellschaft aus, die sich in verschiedene Teilsysteme ausdifferenziert, die für die Gesamtgesellschaft unterschiedliche Leistungen erbringen (McQuail 1997). Er unterscheidet dabei zum einen zwischen integrierenden und differenzierenden Leistungen der Medien und zum anderen zwischen einer optimistischen und einer pessimistischen Bewertung dieser Leistungen. Optimistisch- differenzierende Leistungen wären laut dieser Typologie Freiheit, Vielfalt und Pluralismus. Pessimistisch-differenzierende Leistungen sind dagegen Normzerfall und der Verlust kultureller Identität. Zu den optimistisch- integrierenden Leistungen lassen sich Sozialisation, Integration und Solidarität zählen. Wohingegen auch pessimistisch- integrierende Leistungen wie Uniformität, Dominanz und Manipulation möglich sind (McQuail 1997:72; vgl. Jarren/Bonfadelli 2001).

Burkart fasste die Funktionen der Massenmedien zu sozialen, politischen und ökonomischen Leistungen zusammen, die für das entsprechende Subsystem der Gesellschaft zu erfüllen sind (Burkart 2002:382). Eine Funktion, die dabei allen drei Teilsystemen zuzuordnen ist, stellt die Informationsfunktion dar. Bei der Informationsfunktion wird im Hinblick auf die Qualität der Erfahrung zwischen Primär- und Sekundärerfahrung unterschieden. Dabei können Massenmedien nur Sekundärerfahrungen vermitteln, da Primärerfahrungen den direkten Kontakt und Umgang mit Dingen voraussetzen (vgl. Burkart 2002). Die Massenmedien sollten demnach so vollständig, sachlich und verständlich wie möglich informieren, damit der Einzelne in der Lage ist, seine Interessenlage zu erkennen und ökonomische, soziale und politische Zusammenhänge zu verstehen (vgl. Meyn 2001).

Für das soziale System sind nach Burkart vor allem die Sozialisation, die soziale Orientierung, Rekreation (Unterhaltung, Eskapismus) und Integration von Bedeutung. Die Sozialisation durch Massenmedien steht damit in direktem Bezug zu den Primär- und Sekundärerfahrungen durch Medien. Da beispielsweise Kinder in der heutigen Gesellschaft Normen und Rollen nicht immer direkt von der entsprechenden Primärgruppe lernen können, übernehmen die Medien häufig diese Funktion (vgl. Burkart 2002).

Diese unterschiedlichen Leistungs- beziehungsweise Funktionsansprüche an die Massenmedien werden auch bei der Betrachtung des dualen Rundfunksystems in Deutschland deutlich, auf das im Folgenden eingegangen wird.

2.2 Das duale Rundfunksystem in Deutschland

Der Fernsehmarkt in Deutschland entwickelte sich erst vergleichsweise spät und stellte lange Zeit für Medienkonzerne aus dem europäischen Ausland ein Mysterium dar. Auf Grundlage der Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg hinsichtlich eines zu großen politischen Einflusses auf die nationalen Medien, wurde ein umfangreiches System an Regulierungen und Zulassungsverfahren für Sender geschaffen, das einen stark abgeschotteten nationalen Markt entstehen lies (Johns 1998:18). Diese Regulierungen gründen sich auf den Rundfunkurteilen des Bundesverfassungsgerichts und dem Rundfunkstaatsvertrag (RfStV), der zwischen den sechzehn Bundesländern geschlossen wurde. Die Grundlage dieser gesetzlichen Rahmenbedingungen stellt Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes dar, dem Recht auf Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit (vgl. Meyn 2001).

Seit dem in Kraft treten des ersten Staatsvertrags von 1961, wurde dieser bis heute dreizehn[3] Mal überarbeitet und trägt somit den Veränderungen im Mediensystem und der Gesellschaft Rechnung. Mit dem dritten Rundfunkurteil des Bundesverfassungsgerichts wurde 1981 der Fernsehmarkt der BRD für private kommerzielle Anbieter geöffnet (vgl. Sjurts 2005). Obwohl sich beide Systeme in ihrem Auftrag und ihrer Finanzierung grundlegend unterscheiden, entstand mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Zulässigkeit eines dualen Rundfunkmarktes eine neue Konkurrenzsituation (Meyn 2001:214).

2.2.1 Die Marktstruktur

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk umfasst die „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands“, kurz ARD und das „Zweite Deutsche Fernsehen“ (ZDF). Den öffentlich-rechtlichen Anstalten kommt aufgrund ihrer Finanzierung durch die Rundfunkgebühren und deren technischer Verbreitung der Auftrag auf Grundversorgung zu (vgl. Fechner 2003). Dieser beinhaltet laut Rundfunkstaatsvertrag, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten „in ihren Angeboten einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen“ geben und somit „die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft (zu) erfüllen. (…)Ihre Angebote haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten.“ (§11 RfStV). Seit der achten Änderung des Rundfunkstaatsvertrags müssen die öffentlich-rechtlichen Anstalten alle zwei Jahre Bericht darüber erstatten, inwieweit sie diesem Auftrag gerecht werden (vgl. Meyn 2001).

Die privaten Anbieter entsprechen in ihrer Organisation und Struktur anderen marktwirtschaftlichen Unternehmen und finanzieren sich allein aus Werbung, was eine starke Orientierung an Marktanteilen zur Folge hat. Da die Grundversorgung durch die öffentlich-rechtlichen Programme gewährleistet ist, unterliegen die Privaten lediglich der Garantie der Meinungsvielfalt (vgl. Meyn 2001).

Aus den Unterschieden im Selbstverständnis und den rechtlichen Anforderungen an die beiden Rundfunkveranstalter ergeben sich dem entsprechend auch Folgen für die Programmleistung und deren Nutzung durch die Rezipienten. Hierbei soll es im Hinblick auf das Thema der Arbeit vor allem um das Nachrichtenangebot der beiden Rundfunksysteme gehen.

2.2.2 Die Fernsehnachrichten der öffentlich-rechtlichen und privaten Anbieter

Die Fernsehnachrichten zählen bei den Rezipienten zu den beliebtesten Genres des Programmangebots. Bei einer Repräsentativbefragung[4] von 2008 gaben 90 Prozent der Teilnehmer an, dass sie „sehr gern“ oder „gern“ Fernsehnachrichten rezipieren. Täglich informieren sich rund 33 Millionen Menschen über Fernsehnachrichten (Zubayr/Geese 2009: 158). Die meisten davon wählen die Hauptnachrichtensendungen „Tagesschau“ und „heute“ der öffentlich-rechtlichen Anbieter. Im Durchschnitt sahen 2008 täglich 8,74 Millionen Zuschauer die „Tagesschau“ und 3,96 Millionen Menschen „heute“. Im Vergleich dazu informierten sich bei den privaten Anbietern 3,74 Millionen Personen mit Hilfe von „RTL aktuell“ und nur 1,54 Millionen Zuschauer in den „Sat.1 News“ (vgl. Zubayr/Geese 2009).

Die Unterschiede in den Nachrichtenprofilen der Sender lassen sich anhand von zehn Themenkategorien (Politik, Wirtschaft, Gesellschaft/Justiz, Wissenschaft/Kultur/Natur, Unfall/Katastrophen, Kriminalität, Human Interest, Sport, Wetter und Sonstiges) herausstellen (Krüger 2009:73). Je nach Auswahl und Gewichtung dieser Themen zeigt sich, inwieweit eine langfristige und stabile Themenstruktur bei den einzelnen Nachrichtenformaten besteht, welche Themen besonders hervorgehoben und welche dagegen vernachlässigt werden. Die deutlichsten Unterschiede zeigen sich für die Themenbereiche „Politik“ und „Human Interest“. So entfielen im Jahr 2008 48 Prozent der Berichterstattung der „Tagesschau“ auf den Bereich „Politik“. Im Vergleich dazu machte dieser Themenkomplex bei „RTL aktuell“ lediglich 18 Prozent der Nachrichtensendung aus. Für die Themenkategorie „Human Interest“ verhielt es sich entsprechend anders herum: bei „RTL aktuell“ entfielen 14 Prozent der Berichterstattung auf diesen Bereich, bei der „Tagesschau“ lediglich ein Prozent (vgl. Krüger 2009).

Im Hinblick auf die Einschätzung der Nachrichtenqualität ergibt sich seit mehreren Jahren eine stabile Rangfolge. Danach bewerteten auch 2008 85 Prozent die „Tagesschau“ und 82 Prozent „heute“ mit „sehr gut“. Dagegen erhielten „RTL aktuell“ und „Sat.1 News“ nur von 75 beziehungsweise 60 Prozent der Befragten diese Bewertung. Der größte Unterschied zwischen den verschiedenen Nachrichtensendungen ergibt sich aus Zuschauersicht bezüglich der Objektivität. So sind 73 Prozent der Befragten der Ansicht, dass es bei der „Tagesschau“ eine deutliche Trennung zwischen Nachricht und Meinung gibt, bei den Sendungen der Privatanbieter kommen nur 49 Prozent der Studienteilnehmer zu dieser Überzeugung. Eine ähnliche Bewertungstendenz zeigt sich bei der Einschätzung der Wahrheitstreue der Nachrichteninhalte: hier kamen 81 Prozent der Befragten zu dem Schluss, dass die „Tagesschau“ wahrheitsgemäß berichtet, wohingegen nur 46 Prozent diese Bewertung in Bezug auf die „Sat.1 News“ teilten (vgl. Zubayr/Geese 2009).

2.2.3 Veränderung der Nachrichtenprofile

Die bestehenden Unterschiede in den Nachrichtenprofilen der öffentlich-rechtlichen und privaten Programmanbieter werden auch im Zuge der Konvergenzthese diskutiert. So gingen bereits kurz nach der Einführung des dualen Rundfunksystems Schatz und Kollegen nach einer inhaltsanalytischen Untersuchung von 39 Fernsehprogrammen von einer wechselseitigen Anpassung der Programmleistungen der öffentlich-rechtlichen und privaten Vollprogramme aus (Maurer 2005: 44).

Hierbei lassen sich drei Arten der Konvergenz unterscheiden: zum einen kann es zu einer Anpassung der öffentlich-rechtlichen Programme an die Privaten kommen. Dies hätte zur Folge, dass es verstärkt unterhaltungsorientierte Formate gäbe, was wiederum zu Lasten der informationsorientierten Sendungen gehen würde. Zum anderen können sich auch die privaten Anbieter in Richtung der öffentlich-rechtlichen verändern, indem sie verstärkt Wert auf sachliche Informationen innerhalb der Nachrichten legen würden. Als dritte Variante der Konvergenz gilt die Möglichkeit, dass sich beide Systeme aufeinander zu bewegen, die öffentlich-rechtlichen Programme also unterhaltungsorientierter und die Privaten informationsorientierter werden. Dabei können sich prinzipiell auch beide Systeme mit gleicher Intensität in Richtung Unterhaltung oder Information entwickeln (vgl. Netopil 1999).

Bedeutung erlangt die mögliche Konvergenz der beiden Rundfunksysteme im Hinblick auf den Grundversorgungsauftrag, der durch die öffentlich-rechtlichen Programme gewährleistet sein soll und auf Grundlage dessen sie ihre Legitimation auf eine Gebührenfinanzierung erhalten( vgl. hierzu auch Kapitel 2.2.1). Wenn die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Programme, insbesondere die Nachrichtensendungen, aufgrund des zunehmenden Konkurrenzdrucks auf dem dualen Fernsehmarkt den privaten Anbietern zu sehr anpassen, verlieren sie ihre Legitimation auf die Finanzierung durch Rundfunkgebühren. Halten sie dagegen an ihrer Programmstruktur fest, die dem Grundversorgungsauftrag entspricht, verlieren sie möglicherweise weitere Zuschauer, da diese ihre Präferenzen zunehmend in Richtung Unterhaltung verändern (vgl. Maurer 2005: 44).

Ob und inwieweit es zu einer Konvergenz der Nachrichtenberichterstattung der öffentlich-rechtlichen und privaten Anbieter kommt, wird am Beispiel der Anschläge von Mumbai in Kapitel 5 dieser Arbeit näher untersucht.

3. Vom Ereignis zur Nachricht

Nachdem die Unterschiede zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Programmen anhand der Nachrichten dargestellt wurden, wird nun der Frage nachgegangen, wie diese eigentlich entstehen. Es gilt also zu untersuchen, welche Eigenschaften ein Ereignis aufweisen muss, damit es von Journalisten wahrgenommen und als nachrichtenrelevant eingeschätzt wird. Dabei geht es stets um eine Komplexitätsreduktion der Umwelt, da nur ein Bruchteil dessen, was täglich auf der Welt geschieht Einzug in die Nachrichten halten kann (vgl. Ruhrmann/ Göbbel 2007).

„What is news? News is what you as news director interpret it as. News is what we at CNN interpret it as” (Ted Turner zit. nach Meckel/ Kamps 1998:17)

Dieser Selektionsprozess lässt sich mit Hilfe unterschiedlicher theoretischer Konzepte begründen. Dazu zählen unter anderem die Gatekeeper- Forschung, die News- Bias- Theorie und der Framing- Ansatz (vgl. Kunczik/Zipfel 2001). Sowohl die Gatekeeper- als auch die News- Bias- Forschung beschäftigen sich mit der Frage inwieweit „journalistische Berufsregeln, besondere Merkmale der Berufsgruppe und das Berufs- und Rollenverständnis das Nachrichtenbild beeinflussen“ (Maier 2003:29).

Im Vergleich dazu versucht die Nachrichtenwerttheorie journalistische Selektionsentscheidungen anhand inhaltlicher Merkmale zu begründen (vgl. Maier 2003).

3.1 Die Entwicklung der Nachrichtenfaktoren

Die Grundidee der Nachrichtenwert- Theorie entstand bereits 1922 durch Walter Lippmann, der davon ausging, dass die Nachrichten aufgrund der Komplexität der Umwelt kein direktes Abbild der Realität vermitteln könnten. Er führte in diesem Zusammenhang erstmals den Begriff des „news value“ (Nachrichtenwert) ein, worunter er die Publikationswürdigkeit von Ereignissen als Ergebnis der Kombination von Ereignismerkmalen versteht (vgl. Ruhrmann/ Göbbel 2007). Diese Merkmale sollen nach Lippmann das Interesse und die Emotionen der Rezipienten wecken, indem sie Identifikationsmöglichkeiten bieten (Staab 1990:41). Neben der amerikanischen Forschungstradition, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, entwickelte sich ab 1965 auch eine Europäische. Den Untersuchungen von Galtung und Ruge kommt dabei eine zentrale Rolle in der Entwicklung der heutigen Nachrichtenwert- Theorie zu (vgl. Staab 1990; Maier 2003).

[...]


[1] Hierbei seien exemplarisch die Untersuchung der Terrorismusberichterstattung über die Anschläge in Kenia 2002 (Haußecker 2007), eine Analyse der Beziehung der ETA zu den spanischen Medien (Glück 2003) eine Studie zur Bedeutung der Visualisierung in Nachrichtenbeiträgen zu Krieg und Terrorismus (Maier/ Stengel 2007) und eine Untersuchung zu Inszenierungstendenzen in den deutschen Fernsehnachrichten (Wolf 2009) zu nennen.

[2] Ausführlicher hierzu etwa Luhmann (2005).

[3] Momentan gilt der 12. Rundfunkstaatsvertrag vom 01.06.2009. Am 30. Oktober 2009 wurde der 13. Rundfunkänderungsvertrag beschlossen, der voraussichtlich im April 2010 in Kraft tritt (http://www.zaw.de/index.php?menuid=0&reporeid=628; Stand: 03.12.09).

[4] Für die Untersuchung wurden sowohl Daten der kontinuierlichen telemetrischen Fernsehforschung der AGF/ GfK als auch Ergebnisse einer persönlichen Befragung von 3000 Personen (ARD- Trend) verwendet (Zubayr/ Geese 2009: 158).

Details

Seiten
41
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656683179
ISBN (Buch)
9783656683117
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269892
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Nachrichtenanalyse Medienanalyse Terrorismus

Autor

Zurück

Titel: Medienanalytische Vergleichsstudie zu Fernsehnachrichten über Terrorismus im öffentlich- rechtlichen und privaten Fernsehen