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Das bedingungslose Grundeinkommen. Ein Meilenstein in der menschlichen Entwicklung

Diplomarbeit 2014 104 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition und Geschichte der Arbeit und die flexible Arbeitsgesellschaft
2.1. Definition des Arbeitsbegriffes und Bedeutung der Arbeit
2.2. Historische Entwicklung
2.2.1. Jäger und Sammler
2.2.2. Antike…
2.2.3. Mittelalter
2.2.4. Frühe Neuzeit
2.2.5. Industrialisierung…
2.3. Die Arbeitsgesellschaft…
2.3.1. Globalisierung
2.3.2. Technologisierung
2.3.3. Politische Deregulierung des Arbeitsmarktes
2.4. Die flexible Arbeitsgesellschaft…
2.4.1. Externe Flexibilisierung – Prekäre und atypische Beschäftigungsverhältnisse…
2.4.2. Interne Flexibilisierung…
2.4.3. Arbeitslosigkeit

3. Das bedingungslose Grundeinkommen
3.1. Definition
3.2. Historische Entwicklung
3.3. Aktuelle Diskussion
3.3.1. Soziale Gerechtigkeit…
3.3.2. Erweiterter Arbeitsbegriff und individuelle Freiheit

4. Selbstverwirklichung, Glück und Grundeinkommen
4.1. Wertevorstellungen in der Gesellschaft
4.2. Die Motivationstheorie von Abraham Maslow
4.2.1. Selbstverwirklichende Menschen
4.2.2. Die Hierarchie der Bedürfnisse
4.2.3. Bedürfnisbefriedigung durch Grundeinkommen
4.3. Erkenntnisse der Glücksforschung und Grundeinkommen

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie

7. Abbildungsverzeichnis

Selbständigkeitserklärung

Beurteilung der Diplomarbeit

Danksagung

Der Mensch ist noch sehr wenig,
wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat, aber er muss warm wohnen, und satt zu essen haben, wenn sich die bessre Natur in ihm regen soll.

(Friedrich Schiller)

1. Einleitung

Als Meilenstein wird laut Duden ein wichtiger Einschnitt oder Wendepunkt in einer Entwicklung bezeichnet. In Bezug auf Arbeit verlief die gesellschaftliche Entwicklung in den letzten 250 Jahren dahingehend, dass die Erwerbsarbeit zu einem der bedeutendsten Faktoren des menschlichen Lebens geworden ist. Deshalb werden westliche Industriegesellschaften auch als Arbeitsgesellschaften bezeichnet. Verschiedene gesellschaftliche, technologische und politische Veränderungen transformierten die Struktur des Arbeitsmarktes grundlegend. In Deutschland stagnieren die Arbeitslosenzahlen oder schrumpfen leicht zugunsten prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Zwar ist laut Arbeitslosenstatistik die Zahl der Erwerbslosen rückgängig, die Anzahl unsicherer oder niedrig entlohnter Arbeitsplätze nimmt aber weiterhin zu. Zudem werden Menschen in verschiedenen Beschäftigungs- oder Eingliederungsmaßnahmen nicht von der Arbeitslosenstatistik erfasst. Ein nicht unwesentlicher Anteil der deutschen Bevölkerung lebt daher an oder unter der Armutsgrenze und kann somit nur begrenzt am gesellschaftlichen oder kulturellen Leben teilhaben. Die Begrenztheit an Ressourcen unterstützt das Entstehen von Unsicherheit und Existenzsorgen. Aber nicht nur Erwerbslose oder prekär Beschäftigte sind davon betroffen, sondern auch große Teile der Mittelschicht. Eine Kündigung aus Rationalisierungsgründen kann heute auch Berufsgruppen treffen, deren Beschäftigungsverhältnisse vor einigen Jahren noch als kündigungssicher galten. Ein finanzieller Einbruch auf das Niveau der staatlichen Unterstützung nach Arbeitslosengeld II (Hartz IV), kann für die Betroffenen Verschuldung, das Auseinanderbrechen sozialer Beziehungen oder eingeschränkte Zukunftsperspektiven bedeuten.

An dieser Stelle soll vor dem Hintergrund der gerade beschriebenen Situation das Hauptthema dieser Diplomarbeit ansetzen und eine alternative Perspektive aufzeigen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, welches unabhängig von Erwerbsarbeit an jeden Bürger gezahlt würde, böte das Potential die oben beschriebenen "Nebenwirkungen" des Arbeitsmarktes zu minimieren und kann, für den Fall, dass es dem gerecht wird, als Meilenstein der menschlichen Entwicklung bezeichnet werden. Jeder würde von der Geburt bis zum Tod ein bescheidenes, aber existenz- und teilhabesicherndes Einkommen erhalten, ohne dass diese Person Gegenleistungen dafür erbringen müsste.

Hier möchte ich auf das Eingangszitat von Friedrich Schiller zurückkommen (vgl. http://www.forum-grundeinkommen.de/zitat/friedrich-schiller/individuelle-mensch).

Was würde der Mensch tun, wenn seine Existenz gesichert wäre, wenn er also "warm wohnt" und sich "satt gegessen" hat? Was macht den Mensch zum Menschen? Diese Diplomarbeit soll also der Frage nachgehen, welche Bedürfnisse der Mensch hat. Wie kann ein bedingungsloses Grundeinkommen die existenziellen Bedürfnisse befriedigen und inwieweit kann ein bedingungsloses Grundeinkommen unterstützend wirken, um „die bessere Natur" im Menschen hervorzubringen?

Im ersten Kapitel wird der Begriff Arbeit definiert und die Bedeutung für den Menschen erörtert. Anschließend soll die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der Arbeit verdeutlichen, wie sich die Bedeutung und Bewertung von Arbeit in den verschiedenen Epochen veränderte und diese Entwicklungsschritte schließlich zu dem gesellschaftlichen Konstrukt, der als Arbeitsgesellschaft bezeichnet wird, führten. Im Weiteren werden Faktoren (Globalisierung, Technologisierung, politische Entscheidungen) beleuchtet, die die Arbeitsgesellschaft fundamental veränderten. Am Ende des ersten Kapitels werden die Themen prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitslosigkeit als Konsequenzen dieses Wandels behandelt.

Im zweiten Kapitel werden grundlegende Aspekte eines bedingungslosen Grundeinkommens beschrieben. In der Arbeit wird nicht auf spezifische Realisierungsmodelle eingegangen, da die ausschlaggebenden Aspekte in jedem Modell eines bedingungslosen Grundeinkommens enthalten sind. Auch wird die Arbeit nicht auf die Details einer möglichen Finanzierung eingehen, da die psychosozialen Wirkungen des bedingungslosen Grundeinkommens beleuchtet werden und nicht aus volkswirtschaftlicher Sicht argumentiert wird. Am Ende des zweiten Kapitels werden zwei aktuelle Diskussionsstränge aufgegriffen. Zum einen ist dies die Bedeutung eines bedingungslosen Grundeinkommens unter dem Gesichtspunkt von sozialer Gerechtigkeit. Der zweite zu diskutierende Aspekt ist die Relevanz eines Grundeinkommens für die individuelle Freiheit.

Das dritte Kapitel knüpft an die am Ende des zweiten Kapitels diskutierten Aspekte an und stellt einen Bezug zum Bild auf dem Titelblatt her. Die beiden Plakate stehen sinnbildlich für zwei völlig gegensätzliche Wertvorstellungen. Das linke Plakat stellt die ideellen Werte Freiheit und Gerechtigkeit, welche durch ein Grundeinkommen versprochen werden, in den Vordergrund. Das Plakat auf der rechten Seite wirbt für ein neues Automobil, also einen materiellen Wert. Der auf diesem Plakat verwendete Slogan „Mehr als eine Idee voraus“, könnte ironischerweise auch sehr gut auf das Thema Grundeinkommen zutreffen. Bei dieser Gegenüberstellung erhebt sich die Frage, welcher dieser Werte für die Zufriedenheit und das Wohlbefinden des Menschen entscheidender ist?

In diesem dritten Kapitel sollen die Bedürfnisse des Menschen beleuchtet werden. Was sind die Grundbedürfnisse des Menschen und welche Bedürfnisse entwickeln sich daraufhin, wenn die menschlichen Grundbedürfnisse befriedigt sind? Was kann ein Grundeinkommen bei dieser Bedürfnisbefriedigung leisten? Warum strebt der Mensch nach Selbstverwirklichung und was unterscheidet selbstverwirklichte Menschen von anderen? Sind es materielle oder ideelle Werte, die Glück hervorrufen? Diese Fragen sollen auf Grundlage der Motivationstheorie von Abraham Maslow und den Erkenntnissen der interdisziplinären Glücksforschung beleuchtet werden.

2. Definition und Geschichte der Arbeit und die flexible Arbeitsgesellschaft

Was ist Arbeit und warum ist sie so wichtig? Folgt man den aktuellen Forschungsergebnissen des Instituts „Arbeit und Qualifikation“ der Universität Duisburg-Essen (vgl. Bohulskyy u.a., 2011, S. 1) wonach die Arbeitszufriedenheit seit Mitte der 1980er Jahre kontinuierlich abnimmt, könnte man etwas salopp formulieren:

In einem Moment, in dem man etwas Angenehmeres tun könnte, wird etwas getan, dass einem in keiner Weise interessiert, gemeinsam mit Menschen, die man nicht mag, um dafür Geld zu bekommen, damit man seine ständig neuen materiellen Bedürfnisse befriedigen kann. Von Montagmorgen bis Freitagnachmittag lebt man dafür, von Freitagnachmittag bis Montagmorgen fürchtet man sich davor.

So einfach sollte dieses Thema dann doch nicht abgehandelt werden. Arbeit ist, kann und sollte im Idealfall viel mehr sein als eine von außen aufgezwungene Erwerbstätigkeit. Um den Arbeitsbegriff etwas ausführlicher zu charakterisieren, sollen zuerst einige Definitionen und die Bedeutung von Arbeit für den Menschen dargestellt werden. Die historische Entwicklung der Arbeit und die Begriffe der Arbeitsgesellschaft und der Erwerbsarbeit werden anschließend thematisiert. Die Betrachtung der aktuellen Sachlage und den damit verbundenen gesellschaftlichen Spannungen soll das Thema in den größeren Zusammenhang dieser Diplomarbeit überleiten.

2.1. Definition des Arbeitsbegriffes und Bedeutung der Arbeit

In der Enzyklopädie Brockhaus wird Arbeit in einer Kurzerklärung definiert als: „bewusstes, zielgerichtetes Handeln des Menschen zum Zweck der Existenzsicherung wie der Befriedigung von Einzelbedürfnissen; zugleich wesentliches Moment der Daseinserfüllung“ (Der Brockhaus in fünfzehn Bänden, Leipzig – Mannheim, 1997).

Die Definition von Arbeit im Gabler Wirtschaftslexikon als „[…] zielgerichtete, soziale, planmäßige und bewusste, körperliche und geistige Tätigkeit“ ( http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/54787/arbeit-v6.html ) ist dieser recht ähnlich.

Im gleichen Lexikon wird der Begriff Arbeit in einer umfassenderen Erklärung wie folgt beschrieben: Arbeit wurde ursprünglich als der Prozess begriffen, in dem sich der Mensch mit der Natur auseinandersetzt und diese zu seiner unmittelbaren Existenzsicherung nutzt (vgl. ebd.). Man kann sich beispielsweise die Nahrungsbeschaffung oder die Herstellung der ersten Werkzeuge der Jäger und Sammler oder später das Bestellen des Feldes durch den Bauern zur Existenzsicherung vorstellen. Diese Gesellschaften kann man als Selbstversorgergesellschaften bezeichnen.

Im Laufe der Geschichte veränderte sich das, was wir als "Arbeit" bezeichnen, durch gesellschaftliche Phänomene wie soziale Differenzierung, Arbeitsteilung, Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft (vgl. ebd.). Unsere gegenwärtige Gesellschaft ist eine arbeitsteilige Gesellschaft. Kaum jemand wird sich heute komplett selbst versorgen. Die hohe Produktivität unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems ist unter anderem erst durch eine Spezialisierung ermöglicht worden.

Aber nicht nur der Inhalt und die Organisation der Arbeit veränderten sich mit der Zeit. Auch das Ansehen und die Bedeutung von Arbeit für den Menschen wandelten sich. In der Antike und im Mittelalter wurde der Begriff Arbeit als Synonym für Mühsal, Plage, Last und Not verwendet. Körperlich mühevolle Arbeiten wurden von den unteren Schichten ausgeführt, wie z.B. im alten Griechenland von den Sklaven, während sich die oberen Schichten edleren Tätigkeiten (z.B. Politik, Wissenschaft) widmeten. Das Verständnis von Arbeit änderte sich grundlegend durch die christliche Religion. Besonders die protestantische Ethik trug zu einer positiveren Beurteilung bei. Arbeit war fortan für Viele mit Pflichterfüllung und gottesfürchtigem Tun verbunden. Ein frommes Leben auf Erden, das in vollem Umfang der Arbeit gewidmet war, ermöglichte laut protestantischer Lehre den Einzug ins Paradies. Diese positive Zuschreibung hat sich über die frühe Industrialisierung bis in die Gegenwart hinein durchgesetzt. Für Max Weber (1864–1920) war die protestantische Arbeitsethik die Grundvoraussetzung für die spätere kapitalistische Industrialisierung (vgl. ebd.).

In unserer Gesellschaft wird Arbeit landläufig mit einer Tätigkeit gleichgesetzt, für die man Geld, also ein Einkommen, erhält. Erzieht jemand Kinder und Jugendliche im Kindergarten oder in einer Institution der Jugendhilfe ist er Erzieher oder Sozialarbeiter. Kümmert sich dagegen ein anderer, der nicht erwerbstätig ist, um Kinder in der Nachbarschaft oder im Verein, erfährt dieser möglicherweise Anerkennung, wird aber dennoch als arbeitslos wahrgenommen und erlebt somit häufig eine geringere Wertschätzung durch die Gemeinschaft.

Vielleicht sollte man die ursprüngliche Bedeutung von Arbeit bemühen. Dieser zufolge arbeitet der Mensch immer, denn jede Auseinandersetzung mit seiner Umwelt oder auch mit sich selbst IST Arbeit. Der Mensch hat die Instrumente zum Arbeiten (Gehirn, Sinne, Körperteile) von Geburt an und entwickelt diese gerade durch Tätigkeit immer weiter. Und so hat sich auch die Menschheit immer weiter entwickelt, obwohl über die größten Zeiträume ihrer Geschichte keine Erwerbsarbeit existierte. Ein Zitat von Friedrich Engels soll diese Gedanken dazu untermauern: „Die Arbeit ist die Quelle allen Reichtums, sagen die politischen Ökonomen. Sie ist dies - neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie in Reichtum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen“

(Engels, 1962, S. 444).

Man kann das Konzept dessen, was man als Arbeit bezeichnet auch erweitern und Arbeit in produktive und reproduktive oder in entlohnte und nicht entlohnte Tätigkeiten (z.B. Ehrenamt, familiäre Arbeit, etc.) unterteilen.

Erwerbsarbeit hat neben dem Herstellen von Waren und dem Leisten von Diensten, als Beitrag zur Existenzsicherung, noch weitere Bedeutungen für den Menschen. „Arbeit begründet Würde und Selbständigkeit und schafft die Verbindung mit anderen. Sie ist das Band, das den Einzelnen an die Gesellschaft bindet; wenn es fehlt wird man krank“ (Greffahrt 1996, S. 50, zitiert nach Willke 1999, S.14). Der Tätige erlebt die Möglichkeit sich in seinem Beruf selbst zu verwirklichen. Der soziale Status oder die gesellschaftliche Anerkennung wird häufig über die Erwerbsarbeit bestimmt.

Ebenso entwickeln Arbeitende eine soziale Identität über ihren Beruf (vgl. ebd., S.15). So kann ein beruflich Tätiger Selbstwertgefühl, sowie das Gefühl für die Gemeinschaft wichtig zu sein und einen Platz in ihr zu haben, über einen Arbeitsplatz herstellen. Auch wesentliche soziale Kontakte werden im Arbeitsleben geknüpft. Soziale Beziehungen im Privaten werden vielfach darüber bestimmt, ob und was für ein Beruf ausgeübt wird. „Wenn alle Wertschätzung an der Arbeit und ihren Ergebnissen hängt, dann wird, wer keiner Erwerbsarbeit nachgeht und nichts verdient, auch gering geschätzt“ (ebd., S.16).

Der Arbeitsbegriff kann also sehr vielfältig verstanden werden. Über die verschiedenen Epochen haben sich das Verständnis und die Bedeutung von Arbeit sowie dessen Organisation immer wieder verändert. Wenn auch die Übergänge fließend sind, ist der Ursprung unserer heutigen Arbeitsgesellschaft vor ca. 250 Jahren zu suchen. Was macht die Arbeitsgesellschaft aus? Wie ist sie entstanden und was sind die Risiken und Probleme die mit ihr einhergingen? Im nächsten Teil soll ein kurzer geschichtlicher Abriss die Entwicklung der Arbeit bis hin zur Gegenwart beschreiben.

2.2. Historische Entwicklung

2.2.1. Jäger und Sammler

„Bevor Menschen begannen, den Boden zu bestellen, überlebten sie jahrtausendelang als Jäger und Sammler der Lebensmittel, die sie gerade brauchten“ (Hann, 2000, S.24). Unsere Vorfahren hatten keinen Begriff von Arbeit. Mit Tätigkeiten, durch die sie ihr Überleben sicherten verbrachten sie nicht viel Zeit (vgl., ebd., S.24). Forschungen zufolge sollen es zwei bis vier Stunden am Tag gewesen sein, die unsere Vorfahren benötigten, um dieses Überleben zu sichern (vgl. Willke, 1999, S.15).

Von unseren gesellschaftlichen Verhältnissen aus gesehen mögen diese Menschen extrem arm und arbeitslos gewesen sein. Die Menschen dieses Zeitalters verfügten aber über alles, um ihre Selbsterhaltung zu sichern. Außerdem hatten sie viel „Freizeit“, die sie kulturellen Bedürfnissen widmen konnten, wie z.B. am Feuer beisammen zu sitzen und sich zu unterhalten. Die anfallende Arbeit war geschlechterspezifisch gleichmäßig verteilt. Ihr Leben war geprägt durch ein großes Vertrauen in die Natur, die sie mit allem Notwendigen versorgte. Jede Handlung war eng mit dem Ziel einer sofortigen Befriedigung der Bedürfnisse verknüpft, weshalb unsere Urahnen kein Konzept von persönlichen Eigentum und Knappheit besaßen (vgl. Hann, 2000, S.26f).

2.2.2. Antike

Laut Wilfried Nippel (2000, S. 55ff) existierte in der Antike kein Gegenstück zum gegenwärtigen Arbeitsbegriff. Nebeneinander wurden verschiedene Bezeichnungen verwendet, die unterschiedlichen Bedeutungen entsprachen: ponos oder labor – Mühseligkeit, ergon oder opus – was soviel wie Ergebnis menschlicher Hervorbringung bedeutet, techne – erlernen menschlicher Fertigkeiten, wie Kulturtechniken.

Tätigkeiten, die Handwerker, Kaufleute und Bauern ausführten, wurden missachtet. Zum einen bestand die Ursache dafür darin, dass kein Kriegsdienst geleistet werden konnte, der im alten Griechenland einen hohen Stellenwert einnahm. Zum anderen fehlte es an Muße. Als Gegenteil von Arbeit wird Muße als Zeit bezeichnet um schöpferisch tätig zu werden. Diese Zeit war aber nur denen vorbehalten, die ihren Lebensunterhalt nicht durch eigene Arbeit bestreiten mussten. Diejenigen, die in die Oberschicht geboren wurden und daher genug Muße fanden, verbrachten ihre Zeit z.B. mit politischen Tätigkeiten, wie dem Mitwirken im Staatsverband (Polis), der Philosophie oder der Wissenschaft. Staatsangehörige, die nicht diesem Ideal entsprachen sollten vom Bürgerrecht ausgeschlossen werden. Um dies zu verhindern, wurden zunehmend Sklaven zur Verrichtung der unwürdigen Arbeiten gekauft. Der Großteil der Bevölkerung waren Kleinbauern und Handwerker, die über eine gewisse Anzahl von Sklaven verfügen konnten. Der größte Teil der Handwerker waren Nichteinheimische ohne Bürgerstatus. Ein Bürger, der einer Tätigkeit nachging, die von einer anderen Person bestimmt wurde, hatte einen niederen sozialen Status. Die Bezahlung für Tätigkeiten galt ebenfalls als unehrenwert, da Lohnarbeit mit dem Status eines freien Bürgers nicht vereinbar war. Ein Wandel des Ansehens von Arbeit vollzog sich zuerst in den frühchristlichen Gemeinden.

Der Satz Paulus „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“ (2. Thessalonicher 3,10–13) steht dabei sinnbildlich für diese Veränderung. Die Arbeit verkörperte demnach ein Gebot Gottes, das jeden arbeitsfähigen, der länger als drei Tage in der Gemeinde war, anhielt, etwas zum Gemeinwohl beizutragen. Andererseits war derjenige, der sich dessen entzog, von der Gemeinde auszuschließen. Die innere Freiheit steht im christlichen Glauben in keinem Zusammenhang zu seiner gesellschaftlichen Position. Deswegen vollzog sich ein Wandel der Einstellung zur abhängigen Arbeit und dem damit verbundenen sozialen Status (vgl. Nippel, 2000, S. 55ff).

2.2.3. Mittelalter

Laut Otto G. Oexle (2000, S.67ff) veränderte das Christentum das Ansehen der Arbeit grundlegend. Die Protagonisten der Bibel selbst übten Berufe aus, die in der Antike als unwürdig galten. Jesus von Nazareth war, wie auch seine Jünger, Handwerker. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Arbeit einen hohen Stellenwert, ja sogar den gleichen Wert wie die Verkündigung des Evangeliums, einnahm. Es muss aber auch erwähnt werden, dass zumindest körperliche Arbeit in einem ambivalenten Spannungsfeld zwischen göttlichem Auftrag und Strafe bzw. Buße (Sündenfall) bewertet wurde. So kann man beispielsweise in der Bibel lesen: „Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen [seiner Arbeit], das ist eine Gabe Gottes“ (Prediger 3,13).

Als Strafe für den Sündenfall steht an anderer Stelle: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden“ (1.Mose 3,19).

Arbeit wurde verstanden, als die Fortführung der göttlichen Schöpfung durch den Menschen, was vor allem durch die Praxis des Mönchtums verkörpert wurde. Die intelligente Arbeitsteilung in den Klöstern war die Grundlage für ihr stetiges Wachsen, aber auch eine Voraussetzung für eine bessere Armenfürsorge. Die vielen Regeln der Mönche, in denen oft das Selbstverständnis von Arbeit zum Ausdruck kommt, stellen einen kompletten Kontrast zu der Bewertung von Arbeit in der Antike dar.

Im 11. und 12. Jahrhundert vollzieht sich ein bedeutsamer Wandel hin zu einer arbeitsteiligen Gesellschaft, die sich ab dieser Zeit in drei Ständen organisierte. Unterschieden wurden entsprechend der Ständeordnung Kleriker, Ritter, und Arbeitende.

Weil Arbeit als gesellschaftlich notwendig erkannt wird, bilden die drei Stände eine Kooperation und sind nicht hierarchisch konzipiert.

Den Stand der Arbeitenden bildeten anfangs nur Bauern, später dann auch Kaufleute, Handwerker und, durch die Entstehung der Universitäten, auch Professoren. Die Bildung einer arbeitsteiligen Gesellschaft und das Entstehen eines neuen Selbstverständnisses, sowie Wertschätzung für die arbeitende Bevölkerung, setzte sich fort mit dem Entstehen der Gilden und Zünften. Dieses positive Verständnis von Arbeit wird durch unzählige Zitate von bedeutenden Theologen und Klerikern (z.B. Thomas von Aquin, Franziskus von Assisi, Elisabeth von Thüringen) oder bildlichen Darstellungen von Arbeitsvorgängen und Arbeitsgeräten in Kirchen und Kapellen belegt. Die Urformen des Arbeitskampfes und des Streikes bis zum Einfordern auf ein Recht zur Arbeit, welches vom göttlichen Auftrag zur Arbeit abgeleitet wurde, entstanden aus den Anstrengungen der Handwerksgesellen in dieser Zeit.

Im 14. und 15. Jahrhundert führten Kriege (z.B. Hundertjähriger Krieg) und die in Europa wütende Pest zu einem Punkt, der als Krise des Spätmittelalters bezeichnet wird. Ein daraus folgender Arbeitskräftemangel führte dazu, dass von nun an Armut und Menschen, die nicht arbeiteten, negativer beurteilt wurden. Man ging von der Existenz eines Milieus aus, das als Milieu der Nacht bezeichnet wurde und zu dem unter anderem Bettler, Kriminelle und Prostituierte gezählt wurden. Man unterschied in arbeitende und nicht arbeitende Menschen. Nicht arbeitende Menschen wurden weiterhin unterteilt in diejenigen, die z.B. aufgrund von Krankheit nicht in der Lage waren tätig zu sein und in Personen, denen unterstellt wurde nicht arbeitswillig zu sein. Letztere unterlagen einer intensiven Stigmatisierung und Ausgrenzung. Infolgedessen trat eine härtere Kontrolle und Disziplinierung dieser Gruppen ein und eine gleichzeitige Entstehung von Institutionen (z.B. der Armenhäuser) die diese Maßnahmen durchsetzten. Diese einsetzende gesellschaftliche Praxis führte zu einer Pädagogisierung der Armut und zu strengen moralischen Verhaltensnormen. Arbeit wurde mit Tugenden wie Fleiß, Ordnung, Disziplin und Mäßigung in Verbindung gebracht. Durch die Arbeit selbst sollte der Mensch diese Tugenden erst erlernen. Armut hingegen wurde immer mehr zum Synonym für "Nicht – Arbeit" (vgl. Oexle, 2000, S.67ff).

2.2.4. Frühe Neuzeit

Laut Richard van Dülmen (2000, S. 81f) wirkte das eng an Pflicht und Moral geknüpfte Arbeitsideal des Christentums weit in die aufklärerischen Erziehungsprogramme nach. Die voran schreitende Säkularisierung der Gesellschaft wandelte die negative Wertung der Arbeit (Strafe, Buße) jedoch ins Positive. Mehr und mehr setzte sich die Überzeugung durch, dass Arbeit ein Quell wachsenden Wohlstandes und Steigerung des Gemeinwohls bedeuten kann. Dies beruhte auf einer Produktivitätssteigerung durch die Verbindung neuer Technik mit der Handarbeit. Im frühen 18. Jh. wurde Arbeit erstmals als Mittel gesehen, um die persönlichen Lebensumstände eigenhändig zu gestalten und zu verbessern, sich gar selbst zu verwirklichen. Auch war es jetzt nicht mehr nur Theologen und Klerikern vorbehalten, die Bedeutung von Arbeit zu erörtern. Philosophen, Schriftsteller und Pädagogen sahen Arbeit als Triebfeder des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Der Begriff des homo faber war geboren. Er kann durch eigene Arbeit sein Schicksal schmieden und so auch der Gesellschaft helfen über sich hinaus zu wachsen.

Die Entwicklung der Strukturen unter den Gesichtspunkten der Industrialisierung und Marktgesellschaft vollzog sich territorial sehr unterschiedlich. In einigen Bereichen des Lebens begann eine Markt- und Geldwirtschaft zu entstehen. Nun reihten sich diese Neuerungen als Tauschmittel neben anderen ein. Vermögen entstand vorwiegend durch Kauf oder Heirat, weniger durch Arbeitsleistung. Das Erwirtschaftete diente hauptsächlich zur Selbstversorgung. Krankheiten oder Missernten konnten den Menschen weiterhin existenziell bedrohen. Hauptsächlich definierten sich die Menschen über die Familie und den Stand und die damit zusammen hängenden Privilegien. Die Möglichkeit eines gesellschaftlichen Aufstieges durch Arbeit war stark von diesen ständischen Strukturen abhängig bzw. beschränkt. Änderungen gab es in Bereichen, welche unabhängig von Zünften entstanden. Dies waren beispielsweise der Bergbau und das Hüttenwesen, welche ständig zunahmen und die Gesellschaft nachhaltig beeinflussten.

Im Wesentlichen wurde die Arbeitsorganisation von folgenden Merkmalen geprägt: (1) Die Arbeit war nicht gleichmäßig verteilt. In den Gesellenordnungen waren 12 – 15 Arbeitsstunden pro Tag vorgeschrieben. Die Arbeitsintensität war dennoch von verschiedenen Faktoren abhängig (Jahreszeiten, Marktgegebenheiten, etc.) und es existierten zudem Personengruppen die unterbeschäftigt oder arbeitslos waren. (2) Das Gemeinschaftsleben wurde von einem lockeren Wechsel von Arbeit und Fest bestimmt. (3) Die Arbeitsleistung war nicht messbar.

Sie unterschied sich nach individuellen Fähigkeiten und der Größe des Betriebes. Erst als sich in Großbetrieben des Bauwesens oder der Tuch- und Metallindustrie die Massenproduktion zu entwickeln begann, wurden Leistungsstandards und Zeitmaß eingeführt. (4) Haus- und Familienarbeit war im Arbeitsprozess integriert und nicht vom Betrieb getrennt. Alle Familienangehörigen waren in irgendeiner Weise im Arbeitsalltag eingebunden. (5) Nur ein Teil der Menschen ging lebenslang einer Arbeit nach. Der Beruf des Vaters wurde zwar oft angestrebt, doch wurden im Laufe des Lebens verschiedene Tätigkeiten angenommen (vgl. van Dülmen, 2000, S. 81f).

2.2.5. Industrialisierung

Der technische Fortschritt war DER Katalysator, der den vorangegangenen gesellschaftlichen Veränderungen zum Durchbruch verhalf und eine enorme Steigerung des Wachstums und der Produktivität zur Folge hatte. Als Sinnbild für diese Entwicklung steht die von James Watt 1769 weiter entwickelte Dampfmaschine, bei der er den Wirkungsgrad verbesserte und so den Verbrauch drosselte. Weitere Erfindungen waren z.B. die Spinnmaschine (1764 von James Hargreaves) und der mechanische Webstuhl (1786 von Edmund Cartwright). Diese Erfindungen machten die Produktion vom jeweiligen Standort unabhängiger und verhalfen so den Unternehmen zu Produktionssteigerung und Kostensenkung. Seitens der Industrie entstand eine rasch größer werdende Nachfrage nach immer neuen Technologien. Auch auf organisatorischer Ebene gab es eine Veränderung. Die schon bestehenden Manufakturen wurden zu Fabriken, die durch den Einsatz von Maschinen und ihrer Größe ganz andere Dimensionen erreichten (vgl. Butschek, 2006, S. 115f).

Es entstand der Arbeitsplatz. Während Arbeit früher meistens im familiären Haushalt stattfand, wurde sie jetzt am Arbeitsplatz ausgeführt. So entstand eine klare Trennung zwischen Arbeit und Nicht (Erwerbs-) Arbeit bzw. Arbeit und Freizeit. Arbeitsleistung wurde so zudem zeitlich (z.B. Stechuhr) und qualitativ (z.B. Akkordarbeit) messbar. Neben dem Arbeitsplatz gründete sich auch das Prinzip des Normalarbeitsverhältnisses. Durch Industrialisierung und die daraus folgende Arbeitsteilung arbeiteten Menschen jetzt häufiger ihr ganzes Leben in einem Beruf. Daraus entwickelte sich eine Berufsauffassung, die die soziale Identität und den sozialen Status des Einzelnen erheblich beeinflusste.

Doch auch in dieser Epoche unterlag das Wirtschaftssystem raschen und anhaltenden Umstrukturierungen. Daher mussten die meisten Erwerbstätigen parallel mehreren Tätigkeiten nachgehen oder diese im Laufe des Lebens wechseln. Das Normalarbeitsverhältnis blieb deswegen weiterhin eine Idealvorstellung und entsprach für die Mehrheit der Erwerbstätigen nicht der Realität (vgl. Kocka, 2001, S.9).

Ein weiterer Produktivitätsschub wurde durch die Erschließung neuer Antriebskräfte für Maschinen ausgelöst. Die Antriebsenergie lieferte zunächst Kohle, welche über die Verbrennung in Dampf als Antriebsmedium gewandelt wurde. Später, nach der Erfindung und Markteinführung der Elektrizität, konnten Maschinen damit betrieben werden. Der Energielieferant Kohle wurde später durch Erdöl ersetzt. Es kam zum Ausbau von Straßen und die Weiterentwicklung von Schiffen wurde vorangetrieben. Mit der Entwicklung der Lokomotive gelang ein Durchbruch in punkto Transport. Der Massentransport produzierter Güter begünstigte den Ausbau der Märkte und eine weiter zunehmende Arbeitsteilung.

Ein weiterer Fortschritt war die Entwicklung der Informationstechnologie, welche in den 70er Jahren des 19. Jh. mit dem Telegraphen und später mit dem Telefon Gestalt annahm. Schließlich hielt die industrielle Revolution Einzug in die universitäre Wissenschaft. Auch hier wurde nun der Erforschung und Weiterentwicklung der Technologie eine große Bedeutung zugesprochen, was unter anderem den Beruf des Ingenieurs hervorbrachte. Auch die Rolle der Frau auf dem Arbeitsmarkt änderte sich mit der Industrialisierung. Am Industriezweig der Textilindustrie, welcher sehr stark von der Technologisierung profitierte, wird dies deutlich. Zum einen wurden jetzt mehr Arbeitskräfte benötigt, zum anderen wurden Frauen in diesem Bereich wegen ihrer Geschicklichkeit und dem niedrigeren Lohn bevorzugt (vgl. Butschek, 2006, S. 117f).

Die angesprochenen Umwälzungen der Arbeit und das einhergehende kapitalistische Wirtschaftssystem hatten Einfluss auf verschiedene gesellschaftliche Bereiche, so dass fortan auch von der Arbeitsgesellschaft gesprochen wurde. Protestbewegungen wie die Arbeiterbewegung oder die Frauenbewegung hatten ihre Wurzeln im Arbeitsleben. Die Erwerbsarbeit wurde zum zentralen Element der Identitätsstiftung und zum Garant für soziale Anerkennung und politische Partizipation (vgl. Kocka, 2001, S.10). Trotz dieser Effekte wurde Arbeit weiterhin ambivalent gesehen. Für unsere Verhältnisse herrschten zu dieser Zeit unerträgliche Arbeitsverhältnisse. Der fehlenden Arbeits- und Kündigungsschutz, die lange Arbeitszeit (bis zu 18 Stunden) oder ein hoher Anteil an Kinderarbeit seien als Beispiele dieser Zustände aufgeführt.

Das Fließband, die Stechuhr oder die Akkordarbeit sind Phänomene dieser Zeit. Sie entfernten den Menschen ein großes Stück von seinen ursprünglichen Lebenszusammenhängen. Hegel oder Marx sprachen von der entfremdeten Arbeit. „[...] nicht entfremdete Arbeit, Humor, Schönheit, Spaß gibt es nur nach Feierabend; wenn das die Effektivität gefährdet, ist das „Anarchie“. Darin sind sich westliche wie östliche und fernöstliche Technokraten gewiss rasch einig“ (Haraszti, 1975, zit. nach Hann, 2000, S.42). Neben den negativen Veränderungen im Arbeitsalltag trat eine wachsende Verarmung großer Bevölkerungsgruppen auf. Der stetige Niedergang des Handwerks und der Landwirtschaft rief eine Welle der Landflucht hervor. Kleine Handwerksbetriebe verloren so ihre Existenzgrundlage. Die stetig wachsenden Städte verfügten zudem nicht über eine entsprechende Infrastruktur (z.B. zu wenig Wohnraum) um mit dem Strom dieser Menschen fertig zu werden. Die Konsequenzen waren steigende Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit. Die wachsende Verelendung und die unsicheren Arbeitsbedingungen führten schließlich zur sogenannten Sozialen Frage. Der Begriff bezeichnet die Auseinandersetzung mit diesen Missständen. Als Antwort auf die schlechten Arbeitsbedingungen formierten sich große Teile der Arbeiterbewegung. Es entstanden die ersten Gewerkschaften, Arbeiterparteien oder Genossenschaften. Auf politischer Ebene wurden zwischen 1878-1889 unter Bismarck die Sozialversicherungssysteme (1883 Kranken-, 1884 Unfall-, 1889 Rentenversicherung) eingeführt, die bis heute erhalten blieben (vgl. Seithe, 2010, S.28ff). „Erwerbsarbeit diente für die Errichtung des Sozialstaates seit den 1880er Jahren. Die Arbeiter- nicht die Armen- wurden zu Adressaten staatlicher Sozialversicherung. Über Beiträge der Arbeiter und Arbeitgeber, nicht aber über Steuern und Ersparnisse wurde das System in Deutschland finanziert. Erwerbsarbeit und soziale Sicherung wurden aufs engste miteinander verknüpft. Mit den Folgen kämpfen wir heute“ (vgl. Kocka, 2001, S.10).

2.3. Die Arbeitsgesellschaft

In den verschiedenen Unterpunkten zur geschichtlichen Entwicklung der Arbeit wurden die einzelnen Schritte beschrieben, die zur Struktur unserer gegenwärtigen Gesellschaft beitrugen. Wenn auch in jeder Epoche wichtige Entwicklungen vonstatten gingen, vollzog sich die eigentliche Neugestaltung zur Arbeitsgesellschaft vor ca. 250 Jahren.

Technologische Errungenschaften und ihre rasante Weiterentwicklung ließen landwirtschaftliche und handwerkliche Arbeit an Bedeutung verlieren und führten zur industriellen Revolution. Die Entstehung von Fabriken und neuen Arbeitsplätzen zog viele Menschen aus ländlichen Gebieten an, wodurch die Städte immer schneller wuchsen. Die neuen Maschinen und Fertigungsprozesse verhalfen der Wirtschaft zu einer ständig steigenden Produktivität. Produktion und Konsum expandierten im Gleichschritt und die Arbeit erlangte dadurch einen neuen Stellenwert. All diese Phänomene zusammen erschufen das, was unter der Arbeitsgesellschaft verstanden wird.

Michael Galuske charakterisiert die Arbeitsgesellschaft „als dominierendes Strukturprinzip sozialer Differenzierung, ebenso wie als Königsweg sozialer Integration und damit auch als Entwicklungsschablone für individuelle und kollektive Biographiemuster und Lebensentwürfe“ (Galuske, 2002, S.33). Erwerbsarbeit ist ein bedeutender Faktor, der über die soziale Rolle und die Identität bestimmt. Der gesellschaftliche Status ist von der Art der Arbeit abhängig, aber auch von der Voraussetzung, dass überhaupt ein Arbeitsverhältnis besteht. Das Ansehen der Arbeit einer Person ist von der Branche in der diese tätig ist und dessen Rangstufe innerhalb der Hierarchie seiner Organisation oder Firma abhängig. Auch eine arbeitslose Person hat einen sozialen Status, der in einer Arbeitsgesellschaft allerdings sehr gering ist. Sehr oft hört man undifferenzierte Äußerungen über Arbeitslose und selbst in öffentlich rechtlichen Medien wird nicht vor diffamierenden Äußerungen diesbezüglich zurückgeschreckt. Gerade Personen, die dauerhaft arbeitslos sind, entwickeln ein immer negativeres Selbstkonzept, weil der Status in einer Arbeitsgesellschaft fast ausschließlich über Erwerbsarbeit definiert wird. Hannah Arendt beschreibt diese Entwicklung so: „Die Neuzeit hat im siebzehnten Jahrhundert damit begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen, und sie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln“. Der Begriff Arbeitsgesellschaft findet deshalb Verwendung, weil Arbeit die „einzige Tätigkeit ist, auf die sie sich noch versteht“ (Arendt, 1987, S.14 zit. nach Galuske, 2002, S.34). In einer Arbeitsgesellschaft ist Erwerbsarbeit der primäre Weg um den Lebensunterhalt zu sichern. Erwerbsarbeit gibt den Takt des Lebens vor und beeinflusst die verschiedenen Bereiche des Lebens und der Gesellschaft wesentlich. Als treffende Definition möchte ich Daheim/Schönbauer zitieren: „Arbeitsgesellschaft- das bezeichnet einen Typ von Gegenwartsgesellschaften, in denen die Vergesellschaftung wesentlich über Erwerbsarbeit erfolgt: Die Menschen sind für ihren Lebensunterhalt darauf angewiesen, zumeist unselbständig Vollzeit erwerbstätig zu sein.

Die Erwerbsverhältnisse, die sie eingehen, sind durch eine Vielzahl von gesellschaftlichen Institutionen normiert und über diese mit weiteren gesellschaftlichen Verhältnissen verflochten; nicht zuletzt definieren Leistungswerte Respektabilität und legitimieren soziale Ungleichheiten. Erwerbsarbeit selbst hat materielle und sozialkulturelle Wirkungen, die in anderen Lebensbereichen ausstrahlen und auch nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben noch spürbar sind; sie prägt Weltbild und Selbstbild der Arbeitenden und ist Grundlage ihrer Identität“ (Daheim/Schönbauer, 1993, S.5 zit. nach Galuske, 2002, S.35).

Das Problem der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft ist, dass die normativen Vorstellungen ihrer Gegebenheiten weiter Bestand haben, während sich ihre tatsächlichen Strukturen veränderten. Das sogenannte Normalarbeitsverhältnis war in der „Ersten Moderne“ (Ulrich Beck) für die Mehrheit der Beschäftigten üblich. Durch technische Entwicklungen, das Verschwinden wirtschaftlicher Grenzen und politischen Entscheidungen, hat sich die Erwerbsarbeit verändert, was in den folgenden Abschnitten belegt werden soll. Währenddessen Politiker weiterhin über Wachstumszwänge und das Ziel einer Vollbeschäftigung sprechen, ist das Normalarbeitsverhältnis in viel geringerem Ausmaß wirklich existent. Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse dagegen gehören für viele Menschen zum Alltag. Die Möglichkeit, ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen oder durch Identifikation mit dem Beruf ein positives Selbstbild aufzubauen, ist daher für arbeitslose oder prekär beschäftigte Menschen nur noch bedingt möglich.

2.3.1.Globalisierung

Der Begriff der Globalisierung ist nicht einheitlich definiert. Anthony Giddens hebt die Bedeutung politischer, technologischer und sozialer Prozesse hervor, die eine Abnahme räumlicher und zeitlicher Abstände bewirken (vgl. Giddens, 1996 zit. nach Galuske 2002, S.40).

Franz Xaver Kaufmann erweitert das diskutierte Phänomen um zwei weitere Begrifflichkeiten und unterscheidet in seiner Darstellung zwischen Globalisierung, Internationalisierung und Transnationalisierung. Unter Globalisierung versteht er die weltumfassende Vernetzung von Informationstechnologien und Transportmitteln. Übermittlungszeiten und Entfernungen verlieren an Relevanz und Ereignisse können im gleichen Augenblick an verschiedenen Orten registriert werden (vgl. Kaufmann, 1997 zit. nach Galuske, 2002, S.41).

Die so genannten Global Player können durch kostengünstige und effiziente Transportmittel jederzeit Märkte und Fertigungsplätze auf der ganzen Welt erreichen. Informationstechnologien wie Mobiltelefon oder Internet bieten Unternehmen im Dienstleistungsbereich neue Märkte, da zeitliche Verzögerungen nicht mehr auftreten. Das Verständnis des Sachverhaltes wird noch eindrücklicher, wenn man sich die Aktivitäten auf den Finanz- und Kapitalmärkten vor Augen hält. Der Handel von Aktien und anderen Produkten des Finanzsektors erfolgt zum Teil in Millisekunden und so kommen in diesem Bereich im großen Umfang computergesteuerte Mikrochips zur Ausführung von Algorithmen zum Einsatz. In naher Zukunft soll ein neues Glasfaserkabel quer durch den Atlantik in Betrieb genommen werden, um den Datenfluss zwischen Europas und Amerikas Handelsplätzen zu beschleunigen (vgl. http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/boersen-im-geschwindigkeitsrausch-1.14503581). Unter Internationalisierung versteht Kaufmann das Verschieben von Unternehmenstätigkeiten über die nationalen Grenzen hinaus (vgl. Kaufmann, 1997 zit. nach Galuske, 2002, S.41). Absatzmärkte und Produktionsstätten werden dort hin verlagert, wo der meiste Profit zu erwarten ist. Einzelne Produktionsschritte werden teilweise in unterschiedlichen Ländern durchgeführt, weil so Kosten gesenkt werden können. Unter dem letzten Punkt, der Transnationalisierung, versteht Kaufmann die Zunahme staatlicher, verbandlicher und privater Akteure, die auf internationaler Ebene und nicht auf Grundlage nationalstaatlicher Rechtsordnungen agieren (vgl., ebd. S.41). Solche Akteure sind z.B. die EU, die UNO, die NATO, die Weltbank oder die WTO. Als weitere begriffliche Differenzierung nennen Heinze, Schmid und Strünck die Universalisierung, mit der sie eine globale Angleichung kultureller Gepflogenheiten meinen (vgl. Heinze u.a., 1999, zit. nach Galuske, S.41). Durch die Globalisierungsprozesse hat sich die Struktur des Arbeitsmarktes und damit auch die Erwerbsarbeit verändert. Konnten früher Nationalstaaten die Ökonomie durch politische Regulierungen im Zaume halten, hat sich heute das Machtverhältnis geradezu ins Gegenteil verschoben. International agierende Unternehmen sind nicht von den einzelnen Nationalstaaten abhängig, vielmehr können Unternehmen Bedingungen zu ihren Gunsten stellen (vgl. Thurow, 1997, S.187, in ebd., S.43). Ulrich Beck umschreibt die Zusammenhänge sehr einprägsam: „Die Wirtschaft ist nicht deswegen mächtig, weil sie einmarschiert, sondern weil sie ausmarschieren kann. Sie kann sich entziehen. Und diese absichtsvolle Nicht- Intervention ist die Basis der Wirtschaftsmacht gegenüber dem Staat, die sie voll ausspielen kann. Es gibt also nur eines, dass noch schlimmer ist, als von Multis ausgebeutet zu werden, und dies ist: nicht von Multis ausgebeutet zu werden“ (Beck/Willms, 2000, S.31 zit. nach Galuske, 2002, S.44).

Diese Machtverschiebung zugunsten der Wirtschaft hat einen unmittelbaren Einfluss auf den Arbeitsmarkt. Das „Ausmarschieren“ von Unternehmen in profitablere Regionen bewirkt Arbeitslosigkeit an den früheren Standorten. Eine Möglichkeit, um dies zu verhindern, ist die Bedingungen des Unternehmens zu akzeptieren. Dadurch entstehen prekäre Arbeitsplätze wie z.B. in der Zeitarbeitsbranche, in Form von Werkverträgen oder im Niedriglohnsektor. Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse werden später genauer beschrieben. Ein wichtiger Faktor, der die Struktur der Erwerbsarbeit beeinflusst, ist die Globalisierung, ein weiterer die Technologisierung.

2.3.2. Technologisierung

Wie im ersten Kapitel zu erkennen ist, wurden Produktionsprozesse und die Arbeitsorganisation sehr stark vom technischen Fortschritt beeinflusst. Maschinen und Fabriken entstanden. Der Bauer konnte in der Landwirtschaft statt eines Ochsen einen Traktor benutzen. Dies steigerte die Produktivität und den Wohlstand, welche eine wichtige Basis für weitere technische Entwicklungen schufen. Vor allem die Entwicklung von leistungsfähigen Computern und Mikroelektronik veränderte die Erwerbsarbeit grundlegend. „Zum Ersten eröffnete vor allem die Mikroelektronik völlig neue Wege in der Effektivierung der menschlichen Arbeitskraft und erschloss damit neue Rationalisierungspotentiale bislang unbekannten Ausmaßes. Zum Zweiten erlauben die neuen Fertigungs- und Produktionsmethoden neue, effektivere Methoden der Vernetzung von Arbeitskräften in Form neuer Management- und Organisationskonzepte. Zum Dritten ermöglichten vor allem die neuen Informationstechnologien aber auch die räumliche Verkürzung von Distanzen durch schnellere und kostengünstigere Transportsysteme eine Vernetzung der internationalen Märkte mit dem Effekt der sukzessiven „Entlassung“ der kapitalistischen Ökonomien aus ihren nationalstaatlichen Gehäusen“ (Galuske, 2002, S.142).

Durch den Einsatz moderner Technik stieg in vielen Branchen die Produktivität. Güter und Dienstleistungen konnten und können in einer viel größeren Menge bereit gestellt werden. Gleichzeitig verliert die menschliche Arbeitskraft durch den Einsatz von Maschinen, Robotern oder Computern an Bedeutung. Einige Wissenschaftler, z.B. Jeremy Rifkin, sprachen sogar vom „Ende der Arbeit“. Rifkin zufolge könnte 75% der verrichteten Erwerbsarbeit in den Industrienationen von Robotern, Maschinen oder Computern bewerkstelligt werden.

Diese Rationalisierungspotentiale werden gegenwärtig aber lediglich in 5% aller Unternehmen umgesetzt (vgl. Rifkin, 1995, S.57). „Würden schon heute in den Betrieben alle derzeit verfügbaren Technologien zum Einsatz kommen, die die menschliche Arbeitskraft ersetzen, würden allein in Westdeutschland etwa 9 Millionen Arbeitsplätze vernichtet werden. Die Arbeitslosenquote stiege dann auf 38%. Wenn alle Rationalisierungspotentiale ausgeschöpft werden, könnten in naher Zukunft theoretisch sämtliche Güter und Dienstleistungen von 20% der Bevölkerung erbracht werden“ (Boxberger/Klimenta, 1998, S.86 zit. nach Galuske, 2002, S.155f).

Der Einsatz moderner Technik verändert dabei zum Beispiel Arbeitsplätze in der Landwirtschaft. Constanze Kurz und Frank Rieger berichten in ihrem Buch „Arbeitsfrei“ z.B. von den technologischen Errungenschaften in diesem Wirtschaftsbereich. Ein mittelgroßer Bauernhof von ca. 100 Hektar Bewirtschaftungsfläche beschäftigte in den 1930er Jahren noch 50 Menschen. Aktuell werden auf Bauernhöfen dieser Größenordnung nur noch eine Vollzeit- und eine halbe Stelle benötigt, um die anfallende Arbeit zu erledigen. Sie berichten von Traktoren und Mähdreschern, die computer- und satellitengestützt das zu bearbeitende Stück Acker analysieren. Das Düngen, Säen, Spritzen und Ernten wird so an die Bodencharakteristiken des Feldes angepasst. Verschiedene Teilstücke (wenige Quadratmeter) werden individuell bearbeitet, so dass der Ertrag optimiert werden kann. Die Landmaschinen verfügen zudem über Kombinationsmöglichkeiten, so dass mehrere Arbeitsgänge zusammengefasst werden können. Der Ablauf in den Hühnerställen verläuft vollautomatisiert. Computer berechnen die Zusammensetzung des Futters und transportieren diese über Förderbänder in den Stall. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Beigabe von Impfstoffen und Vitaminen in das Trinkwasser oder die Beleuchtung - alle Parameter werden über ein computergesteuertes System berechnet und durchgeführt (vgl. Kurz/Rieger, 2013, S. 22ff).

In größeren Agrarfabriken kommen in Kuhställen Spaltenreinigungsroboter zum Einsatz, die unentwegt die Böden von Fäkalien bereinigen. Die Kühe verfügen über einen Mikrochip, der die verschiedensten Daten bereithält: Ernährung, Gewicht, Zusammensetzung der Milch, körperliche Merkmale, usw. Die Kuh kann selbst entscheiden, wann sie gemolken werden möchte. Das Melken ermöglicht dann ein Melkroboter. Die Kuh tritt nur in die vorgesehene Melkvorrichtung und alles andere erfolgt automatisch. Der Melkroboter kann auf alle Daten des Chips zurückgreifen und kann zudem die Qualität der Milch messen und diese entsorgen, falls sie nicht den Standards entspricht. Das ganze System ist so vernetzt, dass bei Störungen eine Nachricht an das Mobiltelefon des Landwirtes gesendet wird und dieser umgehend reagieren kann (vgl. ebd. S.32ff).

Durch Technologie werden auch in der Industrie sowohl Arbeitsplätze verändert als auch überflüssig gemacht. In der deutschen Industrie wurden zwischen 1991 und 1995 1,2 Mio. Arbeitsplätze abgebaut. Ein Beispiel ist das Opel Werk in Rüsselsheim, welches 1996 die Produktion um 14% steigerte und die Belegschaft um 4,1% reduzierte (vgl. Boxberger/Klimenta, 1998, S.86 zit. nach Galuske, 2002, S.155).

In der Industrie kommen für die verschiedenen Fertigungsschritte (Laserschneidanlagen, Schweißroboter, Stanzen) Roboter zum Einsatz, vollautomatisiert und ohne Leistungsverlust. Menschen kommen nur noch für die Zuarbeiten, die Wartung und für Feinarbeiten zum Einsatz. Die Feinarbeiten können von Menschen flexibler und schneller durchgeführt werden. Die Zuarbeiten oder Logistik werden aber teilweise auch jetzt schon über automatische Transportsysteme bewältigt (vgl. Kurz/Rieger, 2013, S. 44ff). Die Lagerwirtschaft wird vielerorts automatisiert. Es werden Hochregallager gebaut, die nicht mehr wie früher von menschengesteuerten Gabelstaplern, sondern von modernen Regalbediengeräten be- und entladen werden. Diese Geräte fahren auf Schienen und werden von Software gesteuert. Die Waren sind auf Paletten gelagert, welche über einen Barcode Aufkleber verfügen. Das System kann durch diesen auf verschiedene Kriterien (z.B. Gewicht, Häufigkeit des Gebrauchs) zurückgreifen und kann somit den optimalen Lagerort bestimmen. Durch den Barcode, der bei jedem Lagerschritt gescannt wird, ist im System jederzeit ersichtlich wo sich die Ware befindet. Verschiedene andere Daten wie z.B. das Verfallsdatum lassen sich per Knopfdruck abrufen. Aber nicht nur im Lager an sich, sondern auch in der Kommissionierung kommen mittlerweile Roboter zum Einsatz. Diese erhalten über ein WLAN-Netzwerk ihre Aufträge. Durch den Barcode können sie den Aufenthaltsort und den Ort der Weiterverarbeitung genau bestimmen. Den Weg zu den Standorten finden die Roboter durch Signalspuren im Boden. Der Bedarf an Lagerangestellten reduziert sich durch den Einsatz solcher Technologien um ca. 70% (vgl. ebd., S. 142ff).

Ein weiterer Produktionsort der sich durch die Technologisierung grundlegend veränderte, ist die Mühle, oder für aktuelle Verhältnisse treffender formuliert, die Mahlfabrik. In einer Mühle, die 1000 Tonnen Getreide am Tag verarbeitete, waren Ende des 19.Jh. über 800 Menschen beschäftigt. In den 1970er Jahren waren immerhin noch 400 Erwerbstätige angestellt. Aktuell sind zwischen 70 und 120 Menschen in einer modernen Mehlfabrik tätig. Arbeitsschritte wie das Abfüllen oder das Verpacken, die anstrengend waren und typische Erkrankungen, wie z.B. Mehlstauballergie, Asthma oder Rücken- und Gelenkbeschwerden verursachten, wurden automatisiert.

Diese Tätigkeiten werden gegenwärtig von einer Handvoll Mitarbeitern ausgeführt, welche die Technik überwachen und warten. Der Großteil der Beschäftigten arbeitet in der Qualitätskontrolle, im Einkauf oder Vertrieb (vgl. ebd., S. 84ff).

Die Entwicklungen von Maschinen und Robotern veränderten die Landwirtschaft und die Industrie grundlegend. Auch die Dienstleistungsbranche blieb vom Einsatz von Computern, Software, Algorithmen und allgemein von technischer Modernisierung nicht unberührt. Im Bereich der Dienstleistungen wurden vor allem im Finanzsektor Arbeitsstellen rationalisiert. In den USA verloren nach der Einführung von Geldautomaten zwischen 1983 und 1993 37% der Kassierer ihre Arbeit. In Deutschland reduzierte die Dresdner Bank 1997 ihre Angestellten um 10%. Die Deutsche Bank erhöhte 1996 den Gewinn um 2,2 Mrd. Gleichzeitig wurden 2250 Angestellte entlassen ( Boxberger/Klimenta, 1998, S.86 zit. nach Galuske, 2002, S.155). Dabei handelt es sich nicht nur um Ein- und Auszahlungen von Bargeld über Automaten. Auch bei der Vergabe von Krediten entscheiden nur noch sehr selten die Bankmitarbeiter. Gewöhnlich errechnen Algorithmen die Kreditwürdigkeit auf Grundlage der bekannten persönlichen Daten. Auch in Großkonzernen kommt für Aufgaben wie Einkauf, Inventur, Budgetplanung oder Personalverwaltung häufig Software zum Einsatz. Der Markt für diese Software wird von wenigen Konkurrenten wie z.B. SAP oder Oracle beherrscht. Viele Firmen benutzen demzufolge die gleiche Software. Geschäftliche Aktionen, beispielsweise zwischen Autofirmen und deren Zulieferern, können wegen dieser Vernetzungsmöglichkeit heute schon automatisch ablaufen. In Anwaltskanzleien wird die Tätigkeit von Rechtsanwaltsgehilfen oder Sekretären immer öfter von Software durchgeführt. Diktiersoftware, digitale Akten und ähnliches reduzieren den menschlichen Arbeitsaufwand. Auch die Sichtung von unüberschaubaren Datenmengen wird von Software übernommen, die nach Schlüsselworten oder Unregelmäßigkeiten sucht. Journalistische Arbeiten im Sport werden teilweise von Berichtgenerierungssoftware erstellt. Gleiches gilt für Quartalsberichte von börsennotierten Unternehmen (vgl. Kurz/Rieger, 2013, S. 244ff). Ein anderes Beispiel wurde im Abschnitt Globalisierung erwähnt. An der Börse wird die menschliche Arbeitskraft zusehends durch Computer und Mikrochips abgelöst.

Obwohl der Einsatz moderner Technologien auch Arbeitsplätze schafft, ist deren Anzahl aber im Vergleich zu denen, die durch Technologisierung abgebaut werden, eher überschaubar (vgl. Rifkin, 1995, S.77).

Edward Luttwak kann die Hoffnung derer, die an eine großflächige Schaffung von Arbeitsplätzen in neuen Branchen glauben, nicht teilen: „Tatsächlich waren [1995] bei allen genannten Neuen Titanen [der New Economy] zusammen, bei Apple, Novell, Cisco, Oracle, Bay Net, Sun Microsystems, Sybase, Adobe Systems, Amgen, Cirrus, Informix, Intuit, Cordis, AOL, Autodesk, MBC Soft, Picturetel, und Peoplesoft sowie Intel und Microsoft insgesamt 128420 Mitarbeiter angestellt, also nicht einmal 20% der Beschäftigtenzahl, die General Motors(721000) allein vorweisen kann“ (Luttwak, 1999, S.143 in Galuske, 2002, S.168).

Neuheiten auf dem Gebiet technologischer Innovationen sind Geräte wie 3-D-Drucker oder Digital Fabricator. Mit Hilfe von Konstruktionsdateien und dem jeweiligen Ausgangsmaterial können dreidimensionale Objekte hergestellt werden. Diese Herstellungsverfahren existieren bereits in der Industrie, finden aber auch als einfache Versionen Zugang zum Hausgebrauch. Dieser Technologie wird eine ähnlich rasche Entwicklung vorausgesagt, wie sie Computer durchmachten. Computer kamen vor einigen Jahrzehnten ebenfalls nur in der Industrie zum Einsatz, sind aber mittlerweile in den meisten Haushalten nicht mehr wegzudenken. In der Zukunft wäre es also theoretisch möglich, Haushaltsgeräte, Möbel und dergleichen selbst "auszudrucken" (vgl. Rätz/Krampertz, 2011, S.18). Die Tatsache, dass der Verbraucher irgendwelche Gegenstände je nach Bedarf selbst herzustellen in der Lage ist, hätte die Wirkung, dass die industrielle Produktion solcher Güter nicht mehr im momentanen Ausmaß nötig wäre. Die Konsequenz wäre, dass Arbeitsplätze in diesen Branchen abgebaut werden könnten.

Oft werden die genannten Entwicklungen negativ gesehen, da Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Computer, Maschinen und Roboter verrichten aber auch gefährliche, anstrengende und monotone Arbeit für den Menschen. Sie erleichtern den Arbeitsalltag und können den Menschen von entfremdender Arbeit befreien. Außerdem steigt durch den Einsatz von Technologie die Produktivität, was dazu führt, dass eine riesige Menge an Waren in immer kürzer Zeit produziert wird und sich, zumindest in der westlichen Welt, als Gegenpol zum Problem des Mangels, die Problematik einer Überproduktion manifestiert.

In der Antike wurde körperliche Arbeit durch Sklaven verrichtet, während sich die „Bürger“ mit geistigen Tätigkeiten beschäftigten. In der heutigen Zeit wäre dies ebenfalls denkbar, nur dass die Sklaven der Gegenwart die Maschinen sind. „Die Technik bietet erstmals in der Menschheitsgeschichte die Möglichkeit, nicht nur Not und Elend abzuschütteln, also die Arbeit von einer drückenden Last in eine Tätigkeit umzuwandeln, die selbst ein Bedürfnis befriedigt“ (Engels 1990, S.11 zit. nach Willke 1999, S. 168).

Auch Andre Gorz hebt das befreiende Potenzial hervor, das die Technologisierung ermöglicht:

„Die Arbeit, die verschwindet, ist die abstrakte Arbeit, die Arbeit an sich, messbar, quantifizierbar und von der sie „ausführenden“ Persönlichkeit trennbar, sie lässt sich auf dem „Arbeitsmarkt“ kaufen und verkaufen wie jede andere Ware auch. Es ist die Arbeit, die Ende des 18. Jahrhunderts vom Manufakturkapitalismus erfunden und mit großer Mühe und Gewalt den Arbeitenden aufgezwungen wurde“ (Gorz, 2000, S.79).

2.3.3. Politische Deregulierung des Arbeitsmarktes

Die Veränderungen am Arbeitsmarkt sind nicht nur äußeren Faktoren wie der Globalisierung und der Technologisierung geschuldet. Sie gehen Hand in Hand mit politischen Entscheidungen. So wurden im Laufe der Zeit Gesetze erlassen, die für die Deregulierung des Arbeitsmarktes von großer Bedeutung waren. Als eine der grundlegendsten Veränderungen gilt die, Anfang des 21. Jh. durchgesetzte, Agenda 2010, aus der unter anderem die Hart IV Gesetze hervorgingen. Der folgende Abschnitt soll die wichtigsten Gesetze zur Deregulierung des Arbeitsmarktes dokumentieren.

Die 1982 an die Macht gekommene CDU/CSU/FDP Koalition beschloss 1985 das Beschäftigungsförderungsgesetz, das eine Flexibilisierung der arbeitsrechtlichen Schutzvorschriften beinhaltete. Inhalt dieses Gesetzes war u.a. die Zulassung der Befristung von Arbeitsverträgen bis zu 18 Monaten. Weiterhin wurden neue Regelungen für die Teilzeitarbeit (Anpassung der Arbeitszeit an den Arbeitsanfall und die Verteilung des Arbeitsplatzes an mehrere Arbeitnehmer) erlassen. Zudem wurde die Verlängerung der Überlassungsdauer eines Leiharbeiters an das gleiche entleihende Unternehmen festgeschrieben. Von 1990 bis 1995 und 1995 bis 2000 wurde das Gesetz immer wieder modifiziert und ausgebaut. Im Jahre 1987 wurde eine „unabhängige Expertenkommission zum Abbau marktwidriger Regulierungen" ("Deregulierungskommission") eingesetzt. Weitere Gesetze im Bezug zur Deregulierung waren die Ausweitung des Ladenschlussgesetzes (1989, 1996 und 2003), die Ausweitung der Arbeitszeit (Sonn- und Feiertage) 1994, sowie die Abschaffung des Alleinvermittlungsrechts seitens der Arbeitsagentur und in diesem Zusammenhang die Erlaubnis gewerblicher Arbeitsvermittlungen 1994. Die Überlassungsdauer von Arbeitnehmern in der Zeitarbeitsbranche wurde ebenfalls 1994 von 6 auf 9 Monate verlängert.

Details

Seiten
104
Jahr
2014
ISBN (Buch)
9783656607991
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270051
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,0
Schlagworte
Arbeit Grundeinkommen Maslow Selbstverwirklichung Glück prekäre Beschäftigungsverhältnisse Arbeitslosigkeit BGE bedingungsloses Grundeinkommen Glücksforschung

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Titel: Das bedingungslose Grundeinkommen. Ein Meilenstein in der menschlichen Entwicklung