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Die Geschichte der Homosexualität bis heute und das Verhältnis der christlichen Kirche zu Homosexualität

Wie sich Homosexualität und Christentum im 20. und 21. Jahrhundert vereinbaren lassen

Seminararbeit 2012 19 Seiten

Psychologie - Religionspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Begriff „Homosexualität“

III. Die Geschichte der Homosexualität

IV. Verhältnis der Kirche zur Homosexualität
4.1. Unterschiedliche Standpunkte von Evangelischer und Katholischer Kirche
4.1.1. Katholische Kirche
4.1.2. Evangelische Kirche

V. Erfahrungsberichte homosexueller Christen

VI. Vereinbarkeit von Homosexualität und christlicher Religion im 20. und 21. Jahrhundert

VII. Persönliche Stellungnahme

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Was die Geschlechtlichkeit angeht, hält sich die Kirche an das Bibelwort: Gott schuf den Menschen als ‚Mann und Frau’ (Gen 1,27). Gemessen an diesem Maßstab hält sie die gleichgeschlechtliche Neigung für ‚objektiv’ falsch“ (Laun, 2001, S.261).

„Die kirchliche Repression gegen Homosexuelle, die sich offen zu ihrer Partnerwahl bekennen ..., ist ein schwerer Angriff gegen die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott. Hier wird Religion zur Aufrechterhaltung einer Herrschaftskultur mißbraucht und werden Menschen in Angst- und Schuldgefühle hineinmanipuliert“ (Sölle, 2001, S.34).

Diese zwei Zitate aus dem Jahr 2001 sprechen dasselbe Thema an - und könnten doch in ihren Aussagen nicht unterschiedlicher sein. Sie verdeutlichen in ihrer Gegensätzlichkeit den Kern einer Grundsatzdebatte des 21. Jahrhunderts, die um folgende Frage kreist: wie lassen sich Homosexualität und Christentum miteinander vereinbaren?

Gerade in diesen Wochen bzw. ersten Monaten des Jahres 2013 ist diese Frage aktueller denn je: die sogenannte „Homo-Ehe“ ist ein brisantes politisches Thema, welches ganze Nationen spaltet. Sollten homosexuelle Paare heiraten dürfen und somit die gleichen Rechte zugesichert bekommen, wie heterosexuelle Paare? Sollten sie Kinder adoptieren dürfen? In Deutschland wurde im März 2013 ein Gesetzesentwurf zur Gleichstellung homosexueller Paare eingereicht. Auch in den USA verhandelt zur Zeit der Supreme Court über die Verfassungskonformität der Homo-Ehe. Gegner der Gleichstellung aus beiden Ländern beziehen sich in ihrer Ablehnung meistens auf christliche Werte; in Deutschland ist es die Christlich Demokratische Union, die sich mehrheitlich gegen den oben genannten Gesetzesentwurf stellt, in den USA sind es ebenfalls zum Großteil konservative Christen, die mit der Bibel gegen eine Gleichstellung argumentieren.

Die vorliegende Arbeit soll keine konkreten Lösungsvorschläge anbieten, sondern einen Überblick über das geschilderte kontroverse Thema geben und Argumente liefern zur Erörterung der Frage, wie sich Homosexualität und die christliche Religion im 20. und 21. Jahrhundert vereinbaren lassen. Dabei bleibt der Fokus auf westliche Industriestaaten gerichtet, vor allem auf Deutschland.

Als erstes wird die Geschichte der Homosexualität in Europa dargestellt bis hin zum 21.

Jahrhundert, basierend auf Robert Aldrichs „Gleich und anders. Eine globale Geschichte der Homosexualität“ (2007). Dies geschieht im Hinblick darauf, dass Homosexualität stets ein gesellschaftliches Phänomen war und ist, mit dem sich nicht nur die Kirche beschäftigte. Es folgt dann eine Einengung des Fokus auf die Beziehung der Kirche zur Homosexualität, mit Bezug zur Bibel und der Unterscheidung der evangelischen und der katholischen Kirche in ihren modernen Standpunkten hinsichtlich Homosexualität.

Nach Erläuterung der Sichtweise der Kirche soll es um die Einzelperson gehen, um die Homosexuelle oder den Homosexuellen, der oder die religiös aktiv ist, und sich demzufolge im Spannungsfeld von Homosexualität und Christentum bewegt. Dazu werden aus der Fachliteratur entnommene Erfahrungsberichte aufgeführt, welche zeigen sollen, wie der Einzelne mit dem kontroversen Thema umgeht und lebt.

Diese Erfahrungsberichte führen schließlich zur Beantwortung der Frage, wie Homosexualität und Christentum im 20. und 21. Jahrhundert vereinbar sind.

Die Arbeit schließt mit einer persönlichen Stellungnahme.

II. Begriff „Homosexualität“

Bevor im Folgenden die Geschichte der Homosexualität dargestellt wird, muss gesagt werden, dass die Bedeutung des Begriffes „Homosexualität“ im Verlauf der Geschichte nicht die gleiche ist, wie sie in unserer heutigen Zeit in der westlichen Welt verstanden wird. Homosexualität als eine Form der Sexualität und als Teil der Identität, der „sozialen Rolle“, ist als Sichtweise unserem gegenwärtigen Zeitalter eigen (McIntosh, 1968). In vergangenen Epochen war Homosexualität oder „Sodomie“ in der Bedeutung oftmals auf gleichgeschlechtliche Sexualpraktiken bezogen.

Wenn also im Folgenden der Begriff „Homosexualität“ verwendet wird, so ist damit nicht immer der Begriff in seiner heutigen Bedeutung gemeint, sondern vor allem gleichgeschlechtliche Beziehungen aller Art, seien sie sexueller und/oder romantischer Natur. „Homosexualität“ als Bezeichnung existiert darüber hinaus erst seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Homosexualität ist im allgemeinen eine sexuelle Orientierung, bei welcher das sexuelle Verlangen Personen des gleichen Geschlechts gilt.

III. Die Geschichte der Homosexualität

Seit Anbeginn der Menschheit existiert die Liebe zwischen Mann und Mann und zwischen Frau und Frau. Zahlreiche historische Dokumente können davon zeugen. Die Einstellungen gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe differieren jedoch stark von Epoche zu Epoche und Kultur zu Kultur. Dies zeigt sich schon in der Gegenüberstellung der vorchristlichen Epochen der Antike und der indogermanischen Völker.

Der Aufbau eines kriegerischen indogermanischen Patriarchats führte ca. 2000 v. Chr. im damaligen Europa zu einer Verabscheuung der „feigen“, da unkriegerischen Homosexualität, die mit dem Tod bestraft wurde (Bleibtreu-Ehrenberg, 1993).

Ganz anders verhielt sich die Einstellung der alten Griechen zu gleichgeschlechtlicher Liebe: Die überlieferten Quellen der griechischen Mythologie zeichnen ein Bild der Homosexualität als etwas, das zu dieser Zeit weitläufig praktiziert und akzeptiert wurde. Die den Menschen gleichenden griechischen Götter pflegten in den zahlreichen Mythen fast alle Liebesbeziehungen zu jungen Männern. Die vor allem durch die Lyrikerin Sappho beschriebene Liebe zwischen zwei Frauen war ebenfalls nicht unüblich.

Mit dem Erwachen des Christentums änderte sich die Auffassung von Sexualität und somit auch von Homosexualität. Im christlichen Mittelalter galt die Fortpflanzung als einzig akzeptabler „Grund“ für sexuelle Handlungen. Alle „perversen“ Sexualpraktiken wurden zusammengefasst unter dem Begriff „Sodomie“; darunter der sexuelle Kontakt zwischen Mensch und Tier oder der Analverkehr zwischen Männern - zwei Praktiken, die sich damals in ihrer Sündhaftigkeit nicht unterschieden. Der Begriff leitet sich ab aus der biblischen Geschichte über die Stadt Sodom, die Gott aufgrund ihrer sündigen Bewohner in Flammen aufgehen ließ. Sodomie wurde im frühen Mittelalter geahndet im Rahmen der verhältnismäßig milden Bußbestimmungen der Kirche, die Beten oder Spenden als Maßnahmen zur Vergebung der Sünden vorsahen (Bleibtreu-Ehrenberg, 1993). Von da an verschärften sich die Strafen stets: es folgten „Leibesstrafen“, d.h. Kastration oder Auspeitschung, bis schließlich den „Sodomitern“ ab 1532 unter dem Habsburger Karl V. gesetzlich festgeschrieben der Feuertod drohte, obwohl dies auch vor dem Gesetz oftmals gang und gäbe war. Es kam zu einer regelrechten Sodomiterverfolgung.

In dem Gesetz Karl V. war auch der Sex zwischen Frau und Frau als Sodomie mit eingeschlossen. Trotzdem wurde dieser längst nicht auf gleiche Art verfolgt, wie der Verkehr zwischen Männern.

Mit der Renaissance erwachte im 15. Und 16. Jhd. gleichzeitig mit der Sodomiterverfolgung der Geist der Antike wieder: vor allem in der Kunst wurde erneut der Knabenliebe und der Schönheit männlicher Körper gehuldigt. Dies war demzufolge eine ambivalente Zeit: Katholiken wie Lutheraner verachteten die homoerotische Kunst und priesen die Ehe zwischen Mann und Frau als einzig anerkannten Rahmen für Sexualität an; gleichzeitig war es unter vielen Adligen dieser Zeit üblich, sexuelle Kontakte zwischen Männern am Hof zu pflegen. Auch in den Städten Europas (Paris, London, Amsterdam) entwickelten sich ab 1700 homoerotische Subkulturen, obwohl weiterhin die Todesstrafe auf Homosexualität stand.

Dies änderte sich zumindest in Preußen im Jahr 1794 als die Todesstrafe der Kerkerhaft, Prügel und Verbannung wich.

Im Zuge der Französischen Revolution und der Aufklärung kam es teilweise in Europa zu einer Entkriminalisierung der Homosexualität: in dem 1791 neu entworfenen Strafgesetzbuch Frankreichs, welches sich in seinen Rechtsinhalten auf viele Teile Europas ausweitete, findet sich keine Erwähnung der Sodomie mehr. Dies führte bei weitem nicht zu einer Akzeptanz der Homosexualität und auch nicht zu einer Straffreiheit in ganz Europa, wie an Preußen ersichtlich.

Die Subkulturen bestanden in den Städten parallel dazu weiterhin: es gab eigens Kneipen und Veranstaltungen für Homosexuelle.

Im 19. Jhd. wich die Bezeichnung „Sodomit“ der Bezeichnung „Homosexueller“. Ebenso nahmen sich Medizin und Psychologie der Homosexualität an, um mögliche Ursachen für die sexuelle Orientierung zu ergründen. Es existierten zahlreiche verschiedene Theorien. Der Sexualforscher Magnus Hirschfeld beschrieb ein Kontinuum zwischen ‚perfekt männlich’ und ‚perfekt weiblich’, auf welchem sich jeder Mensch einordne und somit eine individuelle Sexualität habe. Auch Freud sah die Homosexualität nicht als Krankheit an.

Es entstanden immer mehr Bewegungen zur Durchsetzung von Rechten für Homosexuelle und zur Aufhebung von Vorurteilen. Vor allem in den 1920er Jahren, trauten sich viele Homosexuelle zu ihrer Sexualität zu stehen. Allzu erfolgreich war der Kampf nicht: das Ziel der Entkriminalisierung in Deutschland konnte nicht erreicht werden und eine homophobe Grundeinstellung blieb der Gesellschaft weiterhin eigen.

Mit Machtergreifung der Nazis folgte eine Zerschlagung der homosexuellen Subkultur. Homosexualität galt es auszumerzen, wobei dies sich fast ausschließlich auf die Liebe und sexuellen Handlungen, sogar Annäherungen, zwischen Männern bezog. Frauen wurde in ihrer passiven Hausfrauenrolle keine Homosexualität „zugetraut“.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges sicherten die Vereinten Nationen allen Menschen gleiche

Rechte zu, doch dies führte weiterhin nicht zu einer Akzeptanz der Homosexualität. Vor allem in den 1950er Jahren, in welchen die Familie das absolute gesellschaftliche Ideal darstellte, herrschte eine starke Homophobie. Sexuelle Abweichung galt als Bedrohung. Selbst im deutschen Strafgesetzbuch blieben sexuelle Handlungen verboten. Auch in den Vereinigten Staaten galten Homosexuelle als Risiko für die Sicherheit und wurden strafrechtlich verfolgt.

Trotzdem entstanden immer mehr homosexuelle Netzwerke und Organisationen, die gegen Diskriminierung kämpften und deren Ziel es war, tiefgreifende Vorurteile in der Gesellschaft abzubauen. Ab den 70er Jahren formten sich Gay Liberation - Bewegungen in den USA und Europa, die ein akzeptiertes „coming out“ forderten. Homosexuelle sollten mit ihrer ganzen individuellen Identität anerkannt werden.

In den 1980er Jahren kam es zur sogenannten Aids-Krise. Dass eine tödliche Krankheit, die zu dieser Zeit mehrheitlich Homosexuelle traf, von Politik und Medien anfangs kaum beachtet wurde, empörte die Aktivisten und Homophilen. Erst im Verlauf der 80er Jahre und durch das Engagement und die Proteste der Homosexuellenbewegungen wuchs die Aufmerksamkeit. Hilfsorganisationen wurden gegründet und finanzielle und fachliche Mittel kamen zum Einsatz. Sie fanden in ihrer Brisanz immer mehr Zulauf und Unterstützung.

Der Paragraph 175, der im deutschen Strafgesetzbuch in immer wieder wechselnder Fassung homosexuelle Handlungen verboten hatte, wurde erst 1994 in seiner letzten Form restlos gestrichen.

Mit der endgültigen Entkriminalisierung und einer sich stark wandelnden Gesellschaft, hin zum Pluralismus und zu den unterschiedlichsten Lebensentwürfen, wuchs die gesellschaftliche Akzeptanz Stück für Stück.

Doch selbst heute, im Jahr 2013, kann noch nicht von einer rechtlichen Gleichstellung die Rede sein. Homophobie existiert in unterschiedlichster Form und Stärke weiterhin in Deutschland, auch wenn ein „coming out“ mittlerweile üblich ist und Homosexualität in der Wissenschaft seit Jahren nicht mehr als Krankheit gilt, sondern als „normal“ bestehende Form der Sexualität angesehen wird. Trotzdem dürfen Schwule und Lesben nicht heiraten und trotzdem dürfen sie keine Kinder adoptieren.

Im Folgenden soll erörtert werden, inwiefern die christliche Religion und die Kirche in unserer heutigen Zeit zu diesem Umstand beitragen.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656614364
ISBN (Buch)
9783656614357
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270217
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1
Schlagworte
geschichte homosexualität verhältnis kirche christentum jahrhundert

Autor

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Titel: Die Geschichte der Homosexualität bis heute und das Verhältnis der christlichen Kirche zu Homosexualität