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Soziologische und ökonomische Perspektiven – zwei gegensätzliche Arbeitsmarkttheorien?

Essay 2013 9 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Universität Hamburg

Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Fachbereich Sozialökonomie

Lebenslauf und Arbeitsmarkt

Essay 1 zur Fragestellung:

Soziologische und ökonomische Perspektiven - zwei Gegensätze? Diskutieren Sie vergleichend soziologische und ökonomische Arbeitsmarkttheorien und ihren Beitrag zur Erklärung eines erfolgreichen Berufseinstiegs. Wo liegen Grenzen, Potentiale und Synergien der jeweiligen Perspektiven? W- ählen Sie gezielt jeweils eine Theorie mit soziologischen sowie ökonomischen Hintergrund aus, um anhand dieser die jeweilige Erklärungskraft der zwei Perspektiven zu illustrieren.

Carina Gante

Abgabetermin: 28.11.2013

1. Einleitung

Wie gelingt ein erfolgreicher Berufseinstieg? Mit dieser Fragestellung setzt sich dieses Essay ausei- nander. Zur Erläuterung wie ein erfolgreicher Berufseinstieg gelingt, wurden aus der breiten Masse an Arbeitsmarkttheorien die Humankapitaltheorie als ökonomische und das inkorporierte kulturelle Kapital Bourdieus als soziologische Basis gewählt. Da zu einem erfolgreichen Berufseinstieg eine gewisse Menge an Humankapital gehört und sich ein hohes kulturelles Kapital nach Bourdieu über den sozialisierten Habitus eines Individuums bildet, wurden diese zwei Theorien zur Untersuchung ausgewählt. Ziel soll es sein, zwei Thesen zum erfolgreichen Berufseinstieg aufzustellen und diese anhand der Humankapitaltheorie und des inkorporierten kulturellen Kapitals kritisch zu diskutieren. Die Thesen lauten „Frauen investieren im Vergleich zu Männern ebenso viel Zeit und Geld in ihr Humankapital“ und „Ein erfolgreicher Berufseinstieg hängt vom Notendurchschnitt des Abschluss- zeugnisses ab“.

Das vorliegende Essay setzt sich mit erfolgreichen Berufseinstiegen nach einem Studienabschluss auseinander. Weitere Formen der beruflichen Qualifizierung wie beispielsweise Ausbildungen in Unternehmen oder weitere berufsqualifizierende Ausbildungsformen außerhalb von Universitäten werden, um das Untersuchungsziel zu konkretisieren, ausgeschlossen. In den nächsten Abschnitten wird zunächst genauer auf die theoretischen Erklärungen und auf die wichtigsten Definitionen eingegangen, diesem folgt die Aufstellung und Einordnung der Thesen. Der letzte Teil dieser Arbeit ist eine Diskussion. Aus dieser resultiert der Schlussteil des Essays.

2. Zentrale Begriffe

Zunächst ist es sinnvoll, den erfolgreichen Berufseinstieg zu definieren. Nach Abele-Brehm & Stief gibt es keine eindeutige Begriffsfestlegung. Es müssen unterschiedliche Kriterien betrachtet werden. Hierzu zählen auf der objektiven Ebene das Gehalt und die Zeitdauer vom Studienabschluss bis zum Berufseinstieg. Auf der subjektiven Ebene sind die Selbstbewertungen des Individuums über die Arbeitszufriedenheit oder Erfolgsbewertungen zu nennen (vgl. Abele-Brehm & Stief 2004, S.7). Folgende Kriterien erleichtern einem Absolventen einen erfolgreichen Berufseinstieg: das Geschlecht, die Abschlussnote, ein Auslandsaufenthalt, das Abschlussjahr, eine Ausbildung vor dem Studium und bundesweite Mobilität (vgl. Reichel 2012, S.63).

Die Theorie des Humankapitals basiert grundlegend auf Arbeiten von Gary S. Becker. Als wichtigstes Werk kann sein Buch „Human Capital: A Theoretical and Empirical Analysis with Special Reference to Education“ aus dem Jahr 1993 angesehen werden. In der Humankapitaltheorie werden Arbeits- kräfte entgegen des neoklassischen Arbeitsmarktmodells als nicht homogen betrachtet. „Die vorher unrealistischerweise vorausgesetzte Homogenität des Faktors Arbeit [wird] in eine eindimensional gefaßte Inhomogenität (Menge des investierten Humankapitals) aufgelöst“ (Schmid & Freiburghaus 1975, S. 421). Die neoklassische Arbeitsmarkttheorie wird somit durch den Faktor Bildung erweitert. Die Arbeitnehmer sind ausgestattet mit verschiedensten Qualifikationen und Wissen, welche ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt bestimmen. Diese Qualifikation zu erwerben kostet den Arbeitnehmer Zeit, Geld und geistige Anstrengung. Er handelt rational und investiert solange in sein Kapital, bis der Nutzen die Kosten übersteigt. Infolge der Produktivitätssteigerung erhöht sich auch die Entloh- nung des Arbeitnehmers. Die Arbeitnehmer werden zu Kapitalbesitzern, da sie ihr Wissen zu einem ökonomischen Wert auf dem Arbeitsmarkt anbieten können (vgl. Sesselmeier & Blauermel 1998, S.66). Zu beachten ist, dass das Humankapital mit der Zeit veraltet und durch erneute Akkumulation wieder aufgewertet werden kann. Der Arbeitsmarkt, auf dem das Humankapital angeboten wird, ist neoklassisch geprägt. Das bedeutet, dass ein Marktgleichgewicht mit Gleichgewichtslöhnen vor- herrscht. Arbeitslos wird nur, wer nicht bereit ist, zum Gleichgewichtslohn zu arbeiten. Die Begrün- dung für unterschiedliches Humankapital liegt zum einen in dem differenten Ressourcenbesitz der Individuen beispielsweise der vorhandenen finanziellen Mittel. Zum anderen sehen die Individuen ungleiche Verwertungschancen des Humankapitals auf dem Arbeitsmarkt zum Beispiel eine Un- gleichheit in der zu erreichenden Lohnhöhe aufgrund von Geschlechterdifferenzen und investieren deshalb weniger in ihr Humankapital (vgl. Abraham & Hinz 2005, S. 32 ff.).

Das kulturelle Kapital beinhaltet die einem Individuum zur Verfügung stehenden kulturellen Res- sourcen und Güter. Bourdieu befasst sich mit den ungleichen Bildungschancen, die auf divergieren- den Ausstattungen der Haushalte im Kapitalbesitz beruhen. Er unterscheidet in inkorporiert kulturel- les, objektiviert kulturelles und institutionalisiertes kulturelles Kapital (vgl. Bourdieu 1992, S. 49f.). In dieser Analyse wird das inkorporierte kulturelle Kapital - auch Habitus genannt - in Bezugnahme zum erfolgreichen Berufseinstieg betrachtet. Der Habitus eines Individuums entwickelt sich gesell- schaftsspezifisch und basiert auf bisher gemachten lebensweltlichen Erfahrungen, die sich auf die Handlungsweisen eines Individuums auswirken. Innerhalb einer sozialen Klasse (Geschlecht, Her- kunft oder ethnische Zugehörigkeit) weisen die Individuen ähnliche Habitusausprägungen auf, wel- che für eine homogene Handlungsweise der Individuen sorgen. Kleidung, Geschmack und Lebensstil zeichnen sich als Ergebnisse des Habitus eines Menschen ab. Durch den Habitus werden die ver- schiedenen Kapitalformen auf die nächsten Generationen reproduziert. Die Ausprägungen der ver- schiedenen Kapitalarten sind Indikatoren für die Klassenzugehörigkeit eines Individuums. Das kul- turelle Kapital kann durch das Wort Bildung beschrieben werden. Das Individuum muss persönliche Lebenszeit und Arbeit in das kulturelle Kapital investieren. Auch durch die familiäre Sozialisation erworbenes Wissen wird zum kulturellen Kapital gezählt, dies kann einen Vor- oder einen Nachteil in der Schule und beim Start der Akkumulation von Humankapital bedeuten. Das inkorporierte kul- turelle Kapital gehört zu einer Person und ist deshalb nicht mehr von ihr zu trennen (vgl. Bourdieu 1992, 55f.). Durch erlerntes inkorporiertes kulturelles Kapital und eine bestimmte Habitus-Ausprä- gung einer Person lassen sich die Investitionen in ihr Humankapital erklären.

3. These

Zur kritischen Auseinandersetzung mit der Humankapitaltheorie und Bourdieus inkorporiertem kulturellen Kapital wurden die folgenden zwei Thesen, welche sich mit der Thematik des Berufseinstiegs auseinandersetzen ausgewählt. Zunächst wird die These benannt, dann folgt ihre Einbettung in die Thematik und im Anschluss wird sie mit den Theorien verknüpft.

1. „Ein erfolgreicher Berufseinstieg hängt vom Notendurchschnitt des Abschlusszeugnisses ab“. Diese These umfasst durch die Frage nach dem Notendurchschnitt die Thematik des Human- kapitals, da in unserer meritokratisch geprägten Gesellschaft ein guter Notendurchschnitt als höheres Humankapital angesehen wird, als ein schlechterer Notendurchschnitt. Das Wissen um ein höheres Humankapital bei einem besseren Notendurchschnitt und die Kräfte die mo- bilisiert werden müssen, um einen guten Abschluss zu erzielen, können als inkorporiertes kul- turelles Kapital gesehen werden. Eine schlechtere Abschlussnote bedeutet somit geringeres inkorporiertes kulturelles Kapital.

Dass ein erfolgreicher Berufseinstieg nach dem Universitätsabschluss vom Notendurchschnitt des Abgangszeugnisses abhängt, gilt im allgemeinen Verständnis unserer Gesellschaft als sicher. Auf- grund von Auswahlmechanismen bei Bewerbungsverfahren, die eine stark meritokratische Ausprä- gung besitzen, um eine rationale Vergleichbarkeit zwischen den Bewerbern zu erhalten, wird dieses gesellschaftliche Urteil vorerst bestätigt. Humankapitaltheoretisch kann beobachtet werden, dass es einen Zusammenhang zwischen dem guten Notendurchschnitt, dem daraus resultierenden höheren Humankapital und eine schnellere Amortisierung der erbrachten Kosten des Arbeitnehmers gibt.

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Details

Seiten
9
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656616047
ISBN (Buch)
9783656615972
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270287
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Sozialökonomie
Note
1,3
Schlagworte
soziologische perspektiven arbeitsmarkttheorien

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Titel: Soziologische und ökonomische Perspektiven – zwei gegensätzliche Arbeitsmarkttheorien?