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Die Frage der Wahl und die Suche nach einem gelingenden Leben in John Braines Roman "Room at the Top"

Seminararbeit 2012 27 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wilhelm Schmid: Die Wahl als zentrales Element für eine erfolgreiche Lebensführung

3. Joe Lampton auf der Suche nach einem schönen Leben
3.1 Joes Entscheidung, in den Süden Englands zu ziehen und ein neues Leben zu beginnen
3.1.1 Das industriegeprägte Dufton als Heimat der Zombies und Ort des Grauens
3.1.2 Das bürgerliche und lebendige Warley als Märchenwelt, in der Träume wahr werden
3.1.3 Joes ambivalente Empfindungen für Dufton und Warley
3.2 Der „moment of vision“ - Joes spontan getroffene Wahl gesellschaftlich aufzusteigen
3.3 Joes Wahl zwischen der femme fatale und der Märchenprinzessin
3.3.1 Alice Aisgill: Eine Seelenverwandtschaft und die Chance auf einen alternativen Lebensweg
3.3.2 Susan Brown: Die Märchenprinzessin und Eintrittskarte in das Establishment
3.3.3 Joes unreflektierte, passive Wahl für Warley und somit für Susan

4. Joes ambivalente Selbstbewertung: Die Erfüllung seines Lebensziels und der Verlust seiner authentischen Affektstruktur - seine Transformation in einen Successful Zombie

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um 1950 meldet sich in Großbritannien eine Gruppe junger Autoren zu Wort, welche die Ideologie des Wohlfahrtsstaates kritisiert und die Wurzellosigkeit und Frustration sozialer Aufsteiger nachzeichnet. Es sind Literaten, die unter dem Namen Angry Young Men subsumiert werden können. Zu ihnen zählen unter anderem Schriftsteller wie John Osborne, Kingsley Amis, John Wain, Alan Sillitoe, Colin Wilson sowie John Braine (vgl. Drescher 4).1 Die Angry Young Men sind nicht als Bewegung zu verstehen, sondern es handelt sich vielmehr um ein Etikett, das ihnen von der englischen Kulturpresse aufgeklebt worden ist. Die Autoren selbst haben sich nie als einheitliche Gruppe gesehen, sondern wehrten sich entschieden gegen diese Homogenisierung. Dennoch gibt es einige Gemeinsamkeiten, die sie als Gruppe kennzeichnen: Alle Autoren werden zwischen 1920 und 1930 geboren. Alle veröffentlichen ein Erstlingswerk, das einen ungewöhnlichen Erfolg erzielt (vgl. Antor 23ff).

Gemeinsam ist den „Angries“ (Weaver 186) vor allem ihre sehr direkte und ungekünstelte Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität der 1950er Jahre. Wird der Nachkriegsgesellschaft in den 40er Jahren eine Chancengleichheit sowie die Aufhebung der Klassenstrukturen versprochen, so müssen die Menschen der unteren sozialen Schichten kaum zehn Jahre später bitter erkennen, dass dieses Versprechen nie eingelöst wurde. Die junge Generation, die mit dem 1944 in Kraft tretenden Education Act Zugang zu höheren Schulen und Universitäten im Sinne der vertical mobility (die Möglichkeit, aufzusteigen) erhält, findet nach Abschluss des Studiums keine Anstellung, die ihren Fähigkeiten entspricht (vgl. Schlüter 8ff). Durch das Streben in eine andere gesellschaftliche Schicht, entfremdet sich der ehrgeizige „scholarship boy“ zudem von seiner Herkunft, ohne den Zugang zu den bürgerlichen Schichten tatsächlich zu finden. „Er kann es nicht, weil der Snobismus der Bürgerlichen und die eigene Unsicherheit es ihm nicht gestatten; er will es nicht, weil ihn die noch verbliebene Solidarität mit der Arbeiterklasse vor einer bedingungslosen Kapitulation bewahrt“ (Weimann 139). Dies resultiert in der Entwurzelung und Vereinzelung des Individuums. Ihrer Unzufriedenheit verleihen die Angries Ausdruck, indem sie primär das Establishment für den Mangel an Gleichheit verantwortlich machen.

Vor diesem Hintergrund spielt auch John Braines Roman Room at the Top2 . Der 35jährige Protagonist und Ich-Erzähler des Romans Joe Lampton blickt mit einem zeitlichen Abstand von neun Jahren retrospektiv auf sein Leben und versucht diesem einen Sinn zu verleihen. Sein Rückblick, in dem immer wieder gegenwärtige und vergangene Perspektiven zusammenfließen, ist eine versuchte Antwort auf die philosophische Grundfrage „Was für ein Mensch bin ich geworden und aus welchen Gründen und was für ein Mensch will ich sein?“ Joe, der in der Industriestadt Dufton im Norden Englands sozialisiert wurde, zieht in die erfolgsversprechende Kleinstadt Warley im Süden. Er erhofft sich eine volle Entfaltung seiner Persönlichkeit sowie die Realisierung eines schönen Lebens. Dies scheint ihm aber nur möglich, indem er sozial aufsteigt. Gleichzeitig lernt er in Warley zwei attraktive Frauen kennen: Susan Brown, die Tochter eines reichen Textilindustriellen in Warley und Alice Aisgill, eine unglücklich verheiratete Frau Mitte dreißig. Schließlich wird Joe vor die Wahl zwischen beiden Frauen gestellt, die auch eine Wahl zwischen den zwei Gesellschaftsschichten impliziert. Joe entscheidet sich für Susan und damit für ein Leben im Wohlstand.

Am Ende seiner Lebensgeschichte bleibt jedoch eine kritische und hochgradig ambivalente Selbstbewertung Joes: Auf der einen Seite hat er sein Ziel des sozialen Aufstiegs erreicht, er kann sich alle materiellen Wünsche erfüllen und ist mit einer attraktiven Frau verheiratet. Auf der anderen Seite glaubt er, jegliche authentische Affektstrukturen, die ihn einst auszeichneten, verloren zu haben. Joe scheint die letzten Jahre in einer Art Gefühlstarre zu leben, aus der er sich nicht befreien kann. Er ist nicht wirklich glücklich und weit entfernt von einem bejahenswerten Leben. Es stellt sich die Frage, ob Joe Lampton nicht letztlich auf der Suche nach einem schönen Leben gescheitert ist.

In seinem 1998 veröffentlichten Werk „Philosophie der Lebenskunst“3 geht Wilhelm Schmid der ethischen Frage „Wie kann ich ein gelingendes Leben führen?“ auf den Grund. Wichtig ist ihm hierbei, keinen Verhaltenskatalog vorzugeben, sondern „optativ“ (Schmid 10), Optionen und Möglichkeiten eröffnend, vorzugehen. Die Aufgabe der Philosophie der Lebenskunst ist es, „die theoretischen Elemente bereitzustellen, mit deren Hilfe ein Individuum sein Leben selbst gestalten kann“ (Schmid Klappentext). Im Zentrum dabei steht die Frage der Wahl. Die Wahl gilt als entscheidendes Instrument für das Individuum, um zu einem bejahenswerten Leben zu gelangen. „Mit der Wahl entscheidet es, worauf es ihm in seinem Leben ankommt“ (Ludewig 78). Der Aspekt der Wahl soll im Folgenden näher betrachtet werden.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die wichtigsten Wahlstationen des Protagonisten eingehend zu durchleuchten und dem Grund nachzugehen, warum Joe am Ende seines Entwicklungsprozesses auf persönlicher wie emotionaler Ebene gescheitert ist. Hierbei wird vor allem die Frage der Wahl ins Zentrum gerückt: Hat Joe die richtige Wahl getroffen? Hatte er überhaupt eine Wahl? Nach sorgfältiger Erarbeitung wichtiger Wahlaspekte bei Schmid (Kapitel 2), bei denen nur die Punkte miteinbezogen werden, die für die Analyse relevant sind, werden die Lebenswege gegenübergestellt, zwischen denen Joe wählen kann (Kapitel 3). Am Ende seines Entwicklungsprozesses zieht Joe eine kritische Selbstbilanz, die von einer scheinbar unauflöslichen Ambivalenz gekennzeichnet ist (Kapitel 4).

2. Wilhelm Schmid: Die Wahl als zentrales Element für eine erfolgreiche Lebensführung

Schmid zufolge erscheint die Moderne „als die Epoche der Wahl“ (Schmid 188). Sie beinhaltet die Befreiung von alten, überkommenen Strukturen und den Anspruch der Individuen, „über ihr Leben und die Verhältnisse, in denen sie leben, selbst zu bestimmen“ (Schmid 97). Freiheit4 von jeglichen Bindungen bedeutet zugleich eine Fülle an Wahlmöglichkeiten: Das Individuum sieht sich fortan mit einer Vielzahl von Möglichkeiten konfrontiert, aus denen es meist eine auszuwählen hat. Die Möglichkeit der Wahl wird in der Moderne zu einer Determination (vgl. Schmid 188), die jedoch in einem dreifachen Wahldilemma resultiert.

Das erste Dilemma besteht darin, „dass die Wahlfreiheit zu einer Wahlnotwendigkeit wird“ (Schmid 189). Der Einzelne muss eine Wahl treffen, auch wenn er sie als solche nicht wahrhaben möchte. Das zweite Dilemma zeigt sich in der fehlenden Kompetenz des Individuums, wählen zu können. Diese Unwissenheit führt dazu, dass „es sich nicht in der Lage sieht, überhaupt zu wählen, oder aber von einer Wahl in die andere fällt“ (Schmid 189). Das dritte Dilemma ergibt sich aus der Entscheidung für eine Möglichkeit, was aber gleichzeitig den Verzicht auf die Realisierung anderer Möglichkeiten bedeutet. Auch wenn sich der Einzelne dazu entscheidet, nicht zu wählen, so muss er dennoch die Konsequenzen tragen, denn auch eine „Nichtwahl ist eine Wahl“ (Schmid 190). Diese Dilemmata führen zu einer wachsenden Ungewissheit und Enttäuschung des Individuums über den Wahlakt per se.

Um dennoch ein bejahenswertes Leben führen zu können, ist es für den Einzelnen unabdingbar, sich mit den Charakteristika einer Wahl bewusst auseinanderzusetzen (vgl. Schmid 193).

Der Wahlprozess an sich setzt sich aus der Wahrnehmung, dem Gespür, der Reflexion und dem Urteilsvermögen zusammen. Wichtig für eine Wahl ist die Kenntnis der Randbedingungen, „die sie bestimmen, eröffnen und begrenzen“ (Schmid 193). Das Individuum richtet von Anfang an eine allgemeine „Aufmerksamkeit und Achtsamkeit“ (Schmid 193) auf Gegebenheiten. Dies beinhaltet, dass es die Gesamtheit der erfahrbaren Lebensumwelt wahrnimmt und eine Sensibilität entwickelt. Steht eine Wahl an, so wird die Achtsamkeit auf das jeweilige Umfeld der anstehenden Wahl fokussiert (vgl. Schmid 194).

Da in der Lebenspraxis meist kaum Zeit bleibt, sich intensiv einer Sensibilisierung des Umfelds zu widmen, bedarf das Individuum einer „Ausbildung des Gespürs“ (Schmid 198). Das Gespür stellt eine Fähigkeit des Einzelnen dar, in dem sich „sensitives und reflexives Vermögen“ zu einer „leiblichen Intelligenz“ verbinden, „denn der Leib [...] spürt vieles, was der Geist allein, das reine Denken, nicht ahnt“ (Schmid 198). Dadurch hat man immer eine unmittelbare, bewusste Beziehung zu seinen Empfindungen. Das Gespür bildet sich durch emotional aufgeladene Erfahrungen, die das Individuum im Laufe seines Lebens macht, und ihre Reflexion heraus. Diese Erfahrungen werden abgespeichert und können bei Bedarf abgerufen werden: „Das Gespür bietet die Gewähr dafür, dass all das, was für die Wahl Bedeutung hat, präsent ist in dem Moment, in dem sie zu treffen ist“ (Schmid 200). Es kann den Einzelnen somit auch in Wahlsituationen leiten, die ihm noch neu und unbekannt sind.

Im Anschluss daran erarbeitet sich das Individuum das Urteil. Es unternimmt eine intensive Reflexion, die sich zunächst in einer Beratung mit sich selbst äußert und bei dem es in den Dialog mit seinen inneren Stimmen eintritt. Danach folgt die Beratung mit Anderen, aus der sich für die Wahl neue und relevante Perspektiven ergeben können (vgl. Schmid 200ff). Nach der internen wie externen Reflexion, werden Argumente des Für und Wider angeführt. So gelangt das Individuum zur abschließenden kritischen Beurteilung, die das „finale Durchdenken, Überlegen, Erwägen“ (Schmid 203) darstellt und die letztlich dazu führt, dass eine Wahl getroffen und die Verantwortung dafür übernommen wird. Die Wahl vollzieht sich also auf der Grundlage von Wahrnehmung, Gespür, Reflexion und Urteilskraft, was sich auch mit dem Begriff der „Klugheit“ umschreiben lässt (vgl. Schmid 221).

Unabdingbar für den Akt der Wahl ist die eingehende Reflexion darüber, ob „ ü berhaupt eine Wahl in Frage steht“ (Schmid 205). Grundsätzlich wird zwischen der aktiven und passiven Form der Wahl unterschieden. Bei der aktiven Form sind vor allem die Wiederwahl hervorzuheben, die sich in der „Bekräftigung einer bereits getroffenen Wahl“ (Schmid 207) manifestiert, und die Notwendigkeitswahl, „bei der das Subjekt einer Alternative folgt, die zu realisieren als unabdingbar erscheint“ (Schmid 214). Demgegenüber steht die Form der expliziten passiven sowie der impliziten passiven Wahl: Die explizite passive Wahl offenbart sich im Zustand der Unbestimmtheit, um sich nicht festlegen zu müssen und „sich offen zu halten für das, was geschieht, und die Wahl den Umständen zu überlassen“ (Schmid 207). Die implizite passive Wahl ist ein „Sichtreibenlassen“ oder „Geschehenlassen“ (Schmid 207), das unreflektiert bleibt. Die implizite und explizite Wahl unterscheiden sich im Grad der Einflussnahme: Bei einer expliziten Wahl nimmt das Individuum noch partiell Einfluss, bei der impliziten Wahl dagegen bleibt dies völlig aus. Zu betonen ist, dass es sich bei beiden Arten der passiven Wahl um ein „ Gewähltwerden und Sichwählenlassen von Anderen handelt“ (Schmid 207).

Des Weiteren unterscheidet man zwischen der Einzelwahl und der Fundamentalwahl. Bei der Einzelwahl handelt es sich um alltägliche Wahlakte („Nehme ich heute das Fahrrad oder das Auto?“), bei denen die Konsequenzen unmittelbar sichtbar werden. Gelegentlich übernimmt die Einzelwahl auch die Position einer Fundamentalwahl, die den Rahmen absteckt, innerhalb dessen künftig gewählt werden kann (vgl. Schmid 208). Somit „eröffnet, limitiert [sie] jedoch auch die Fülle der möglichen Einzelwahlakte“ (Schmid 208). Daher muss man den Punkt dieser existentiellen Wahl erkennen, da er weitreichende Folgen auf das weitere Leben des Individuums haben kann. Dies ist jedoch nicht immer in die praktische Realität umsetzbar. Das Individuum hat die Möglichkeit, die Fundamentalwahl ein Stück weit zu revidieren, vor allem dann, wenn sie implizit durch Andere vorgenommen wurde (vgl. Schmid 209). Entscheidend ist, dass der Einzelne sich damit reflexiv auseinander setzt. Zuweilen kann es für das Individuum von Nutzen sein, „zunächst einem naiven Interesse, einer plötzlichen Verwunderung, einem kurzfristigen Affekt [...] zu folgen“ (Schmid 215), um eine Orientierung zu gewinnen. Diese spontan getroffene Wahl sollte jedoch später noch einmal in einem Moment des Innehaltens gründlich reflektiert und gegebenenfalls modifiziert werden.

Die Lebensführung jedes Individuums orientiert sich an Kriterien, Zielen und Werten, die wiederum festgelegt werden müssen. Als leitendes Kriterium wird das „Schöne“ (Schmid 216) gesehen: „Diejenige Wahl wäre die richtige, die in den Augen des Subjekts das Bejahenswerte und in diesem Sinne Schöne verwirklicht“ (Schmid 215, 216). Das Kriterium „schönes Leben“, also ein Leben, das dem Individuum bejahens- und lebenswert erscheint, kann somit auch schon ein Telos sein. Oft übernimmt das Individuum schon Werte, Kriterien und Ziele, indem es „gelten lässt, was ohnehin gilt“ (Schmid 216), mithin der Zeitgeistkontrolle unterliegt. Jedoch ist es sinnvoll, diese zu hinterfragen und gegebenenfalls seinem Leben anzupassen. Somit wird auch schon die Wahl der Kriterien, Werte und Ziele zu einer Fundamentalwahl, die gut überlegt sein will. Entscheidend ist, das gewählte Telos später noch einmal zu hinterfragen und zu überprüfen, ob es noch an Gültigkeit besitzt (vgl. Schmid 216). Wenn dies nicht der Fall ist, so muss es aufs Neue gesetzt werden. Denn „gesetzte Ziele wirken auf das gelebte Leben zurück, und zwar ebenso befreiend (öffnend) wie auch formend (begrenzend)“ (Schmid 218). Mit der Festlegung eines Ziels wird das Individuum somit auch in seiner scheinbar freigewählten Teleologie ein Stück weit eingeschränkt. Auch Werte wie Solidarität, Treue und Aufrichtigkeit, übernimmt das vorausschauende Individuum erst nach einer eingehenden reflexiven Prüfung für sich, um sie dann auch in der praktischen Realität zu leben (vgl. Schmid 219). Indem sich der Einzelne bewusst reflektierend mit all diesen Aspekten der Wahl auseinandersetzt, ebnet er den Weg zu einem erfüllten Dasein (vgl. Schmid 1935 ).

3. Joe Lampton auf der Suche nach einem schönen Leben

Nachstehend werden die entscheidenden, existentiellen Wahlsituationen Joe Lamptons erörtert. Die kritische Bilanzierung am Ende seines Entwicklungsprozesses wirft die Frage nach einem bejahenswerten Leben auf. Im Zuge der Diskussion verschiedener Wahlprozesse Joes wird deutlich, dass er von höchst ambivalenten Empfindungen geprägt ist.

3.1 Joes Entscheidung, in den Süden Englands zu ziehen und ein neues Leben zu beginnen

Der Roman beginnt damit, dass der Protagonist Joe Lampton von der Stadtverwaltung Dufton zur Verwaltung in das südenglische Warley wechselt. Signifikant ist, dass der Wechsel vom Norden des Landes in den Süden gleichzeitig auch den Wechsel zwischen zwei sozialen Schichten impliziert. Dufton wird mit dem industrialisierten Norden assoziiert, der England zwar Reichtum beschert hat, jedoch nicht als eine landschaftlich schöne Gegend mit Flair gilt. Der Süden dagegen, repräsentiert durch Warley, wird als Ort des kollektiven Begehrens gesehen, der eine hohe Lebensqualität verspricht. Joe sieht sich mit einer strukturellen Differenz konfrontiert.

3.1.1 Das industriegeprägte Dufton als Heimat der Zombies und Ort des Grauens

Joe assoziiert Dufton mit einer unendlichen Reihe von Negativbildern, in denen immer das Motiv des Todes mitschwingt. Während des zweiten Weltkriegs muss Joe das Sterben vieler seiner Kameraden miterleben und sieht sich permanent mit dem Tod konfrontiert (vgl. R 21). Diese Allgegenwart des Todes erreicht ihren Höhepunkt, als Joe nach Kriegsgefangenschaft in seine Heimatstadt Dufton zurückkehrt, um dort zu erfahren, dass seine Eltern durch einen Bombenangriff - wohlgemerkt die einzige Bombe, die über Dufton abgeworfen wurde, ums Leben kamen (vgl. R 91). Der tragische Tod der Eltern scheint Joe so traumatisiert zu haben, dass er eine tiefe Abneigung gegen Dufton entwickelt („I hate my hometown”, R 110).

Statt sich mit den Ereignissen bewusst auseinanderzusetzen, wählt Joe den Weg der Verdrängung. Sobald er jedoch an die Stelle kommt, wo früher das Haus der Eltern stand, kommen in ihm sofort die Erinnerungen an den „Death Morning“ (R 91) hoch. Um sich nicht ernsthaft damit auseinandersetzen zu müssen, setzt er meist schnell seinen Weg fort: „I turned away from the house and walked quickly away [...] As long as I kept on walking they’d remain mixed and chaotic, like imperfectly recollected books and films [...] wherever I looked there was a memory, an italicizing of death” (R 96). Joe glaubt, dass er mit seiner Flucht die Erinnerungen hinter sich lassen kann, was ihm teilweise auch gelingt. Er weiß, dass die Verdrängung nur so lange funktioniert, wie er nicht in der Nähe des Hauses oder gar in Dufton ist - ein Grund für ihn, Dufton zu verlassen.

Darüber hinaus glaubt Joe, Dufton könne nur Zombies produzieren: Der Begriff Zombie stammt aus dem Voodookult und bezeichnet Tote, die durch den Zauber dazu gebracht werden, sich so zu verhalten, als ob sie leben (vgl. Schlüter 75). Zombies sind also lebende Tote, denen jegliche Kontakt- und Gefühlsfähigkeit abgeht. Sie können keine emotionale Beziehung zu anderen Menschen aufbauen. Zombies sind fremdgesteuerte Wesen, die keine Anzeichen von Individualität, Veränderungsfähigkeit und Spontanität aufzeigen (vgl. Schlüter 75ff). Joe und sein Freund Charles verwenden den Namen für die Bewohner Duftons, gegen die sie eine tiefe Abneigung hegen. Um nicht auch ein Zombie zu werden, möchten beide so schnell wie möglich die Stadt verlassen. “There’s nothing in Dufton, Joe.

[...]


1 Gelegentlich werden auch Doris Lessing und Iris Murdoch hinzugezählt (vgl. Drescher 4).

2 John Braine, Room at the Top (London: Eyre & Spottiswoode, 1957). Alle Zitate dieser Quelle werden im Folgenden mit „R“ abgekürzt.

3 Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1998).

4 Schmid spricht von der „fünffachen Freiheit“. Für mehr Informationen siehe Schmid 99.

5 Wilhelm Schmid, Schönes Leben? (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2005).

Details

Seiten
27
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656615460
ISBN (Buch)
9783656615439
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270365
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Schlagworte
eine analyse entwicklungsprozesses protagonisten room

Autor

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