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Der Feindbegriff bei Carl Schmitt

Essay 2011 8 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Wer oder was ist der Feind bei Carl Schmitt?

In der Schrift von 1932 über den Begriff des Politischen möchte Carl Schmitt in erster Linie, unabhängig von der Definition des Staates, klären was das „Wesen des Politischen“ ausmacht. „Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus. Staat ist nach dem heutigen Sprachgebrauch der politische Status eines in territorialer Geschlossenheit organisierten Volkes. Damit ist nur eine erste Umschreibung, keine Begriffsbestimmung gegeben. Eine solche ist hier, wo es sich um das Wesen des Politischen handelt, aber nicht erforderlich. […] Im Allgemeinen wird „Politisch“ in irgendeiner Weise mit „Staatlich“ gleichgesetzt oder wenigstens auf den Staat bezogen. Der Staat erscheint dann als etwas Politisches, das Politische aber als etwas Staatliches – offenbar ein unbefriedigender Zirkel“[1] Schmitt hält die Gleichsetzung von Staat und Politischem für „unrichtig und irreführend“[2], und möchte deshalb eine konkrete Definition des Politischen geben. In gleicher Weise wie die Bereiche des Moralischen, Ästhetischen oder Ökonomischen, hat auch das Politische eine grundlegende, letzte Unterscheidung. Im Bereich des Moralischen unterscheidet man zwischen Gut und Böse, im Ästhetischen zwischen Schön und Hässlich, im Ökonomischen zwischen Nützlich und Schädlich und das ausschlaggebende Kriterium für das Politische ist die Freund-Feind Unterscheidung.[3]

Dieses Kriterium und die nähere Erläuterung der Freund-Feind Bestimmung soll Thema dieser Arbeit sein.

Schmitt, ein Katholik, hat die Erbsünde vor Augen, und ist daher von einem eher pessimistischen Menschenbild geleitet. Diese Ansicht beeinflusst besonders stark seine politische Theorie. Die Menschen sind prinzipiell nicht immer gut und stellen für einander eine potentielle Gefahr dar, deshalb kommt es überhaupt zu Feindschaften. Und genau in dieser Unterscheidung, zwischen Freund und Feind, sieht er, wie bereits erwähnt, das Wesen des Politischen. Es wird also ersichtlich, das auch bei Schmitt, wie schon bei vielen anderen Philosophen, die christliche Religion Hintergrund und Anlass für die Form der philosophischen Theorie wird. Besonders deshalb, weil sie das Menschenbild der Denker maßgeblich beeinflusst und das der Ausgangspunkt einer jeden Theorie bildet.

Besonderen Wert legt Schmitt auf die strikte Trennung des Politischen, also der Unterscheidung zwischen Freund und Feind, von allen anderen Sachgebieten. „Alles ist potentiell politisch, weil das Politische auf keine spezielle Thematik festgelegt ist. Beginnen sich die Menschen nach Freund und Feind zu gruppieren, so hat es seine Sonderstellung bewiesen.“[4]

Ein politischer Feind muss nicht zugleich auch moralische böse oder ästhetisch hässlich sein und nach Schmitt wäre es falsch derartige Schlüsse zu ziehen. Er ist letzten Endes jemand Fremdes, jemand der anders ist und im äußersten Fall eine Bedrohung darstellen könnte. Die Bestimmung des Feindes liegt bei den Beteiligten selbst und kann nicht durch Dritte erfolgen, betont Schmitt, „denn die Möglichkeit richtigen Erkennens und Verstehens und damit auch die Befugnis mitzusprechen und zu urteilen ist hier nämlich nur durch das existentielle Teilhaben und Teilnehmen gegeben.“[5] Er ist nicht der Konkurrent, wie im Bereich des Ökonomischen, oder sogar nur noch Diskussionsgegner, so wie in einer restlos moralisierten und ethisierten Welt[6], Schmitt lässt hier schon seine Antipartie gegen den Liberalismus anklingen, sondern, „Feind ist nur eine wenigstens eventuell, d. h. der realen Möglichkeit nach kämpfende Gesamtheit von Menschen, die einer ebensolchen Gesamtheit gegenübersteht. Feind ist nur der öffentliche Feind, weil alles, was auf eine solche Gesamtheit von Menschen, insbesondere auf ein ganzes Volk Bezug hat, dadurch öffentlich wird.“[7] Warum spricht Schmitt hier ausschließlich von einem öffentlichen Feind? Er möchte strikt zwischen privaten und öffentlichen Feind unterscheiden, gemäß der lateinischen und griechischen Terminologie: „Feind ist hostis, nicht inimicus“[8] und sieht ein Problem darin, dass die wenigsten Sprachen zwischen diesen beiden Begriffen differenzieren. Die Bibelstelle: „ Liebet eure Feinde“ soll dies verdeutlichen. Hier sei nur vom privaten Feind die Rede, denn es heißt: „diligite inimicos vestros“ und nicht: „diligite hostes vestros“. Schmitt stellt fest, dass selbst im tausendjährigen Kampf zwischen Christentum und Islam, nie ein Christ auf den Gedanken gekommen ist, aus Nächstenliebe zu den Türken oder Sarazenen, Europa statt für es zu kämpfen dem Islam auszuliefern.

[...]


[1] C. Schmitt, Der Begriff des Politischen – Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien, S. 19 f.

[2] ebd., S. 22

[3] ebd., vgl. S. 25

[4] Hrsg.: R. Mehring, Carl Schmitt – Der Begriff des Politischen – Ein kooperativer Kommentar, S. 54

[5] C. Schmitt, Der Begriff des Politischen – Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien, S. 26

[6] ebd., vgl. S. 27

[7] ebd., S. 27

[8] ebd., S. 27

Details

Seiten
8
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656618164
ISBN (Buch)
9783656618119
Dateigröße
350 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270439
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
feindbegriff carl schmitt

Autor

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Titel: Der Feindbegriff bei Carl Schmitt