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Über die frühe Sturm und Drang Lyrik des Johann Wolfgang von Goethe am Beispiel "Mir schlug das Herz"

Seminararbeit 2013 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die epochale Zuordnung
2.1. Die Epoche der Aufklärung
2.2. Die Sturm und Drang Strömung
2.2.1. Der Geniegedanke des Sturm und Drang
2.2.2. Das neue Selbstverständnis des Dichters
2.2.3. Das zentrale Begriffspaar - Nachahmung und Sch ö pfung

3. Begriffsklärung Erlebnislyrik

4. Kurz zur Entstehungsgeschichte des Gedichts Mir schlug das Herz

5. Die Dichtung Mir schlug das Herz von Johann Wolfgang von Goethe
5.1. Die formale Gestaltung der Dichtung im Zeichen des Sturm und Drang
5.2. Interpretation der Dichtung im Kontext des Sturm und Drang

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die gesellschaftliche Thematisierung der zwischenmenschlichen Liebe darf nicht gänz- lich als neuzeitliches Phänomen verstanden werden. Vielmehr hat dieses Motiv auf Grund ihrer vielseitigen Darstellungsmöglichkeiten im Laufe der Geschichte Einfluss auf die unterschiedlichsten Künste genommen oder fand durch ihren inspirierenden Charakter immer wieder als Themenstoff eine schriftbezogene Verwendung. Insbeson- dere für die Dichtung nimmt das Motiv der Liebe eine zentrale Rolle ein, da es nicht nur zu denen am häufigsten auf lyrische Weise gestalteten Motiven zählt, sondern gleichzei- tig auch zu den ältesten Urstoffen menschlicher Kreativität gehört. Dabei erscheint die Liebesthematik innerhalb der Dichtung zumeist als Liebeserklärung, als individueller Ausdruck unstillbarer Sehnsucht sowie als Form der Trauer über den Verlust des Part- ners und hat ihrerseits im Laufe der Jahrhunderte eine grundlegende Veränderung voll- zogen. Besonders die literarischen Zeugnisse der Aufklärung zeugen in ihren Grundzü- gen von einem Spannungsverhältnis zwischen körperlich begehrendem Eros und unkör- perliche empfindsamer Liebe, zwischen sinnlicher Lust und sublimierter Entsagungsbe- reitschaft. Doch erst die Veränderungen, die die literarische Bewegung des Sturm und Drang auf dem Gebiet der Lyrik bewirkte, gehören zu den grundlegenden innerhalb der deutschen Literaturgeschichte, da „die heute […] verbreite Auffassung von Lyrik als Ausdruck subjektiver Empfindung […] durch die theoretischen Konzeptionen und durch die poetische Produktion dieser […] literarisch-ästhetischen Revolte entscheidend geprägt“1 ist. Dies gilt insbesondere für die sogenannte Erlebnislyrik, mit der in den frühen 1770er Jahren ein völlig neuartiger Typus innerhalb der deutschen Lyrik ihren Anfang nimmt und sich im Wesentlichen durch die textuelle Inszenierung subjektiven Wahrnehmens und Erlebens auszeichnet. Als eines der frühesten und gleichzeitig auch bekanntesten Dokumente der Erlebnislyrik des Sturm und Drang kann exemplarisch das Gedicht Mir schlug das Herz2 des Johann Wolfgang von Goethe genannt werden, das die Vielsichtigkeit von Gefühlsäußerungen jener Zeit im Bereich des literarischen Lie- beserlebens auf beeindruckender Weise veranschaulicht. Denn in diesem Gedicht, das zu der frühen Sturm und Drang Lyrik Goethes zählt, den sogenannten Sesenheimer- Liedern und die fast ausschließlich dessen Zuneigung zur elsässischen Pfarrerstochter Friederike Brion thematisieren, „erscheinen sprechendes Ich, Geliebte, Liebe und Natur in einer bisher nicht bekannten sprachlichen Intensität“3, welche den dichterischen Werdegang des jungen Goethe nachhaltig beeinflussen sollte. Aus diesem Grund soll das von Johann Wolfgang von Goethe verfasste Gedicht Mir schlug das Herz im Ver- lauf dieser Arbeit Gegenstand einer näheren Untersuchung sein. Dabei soll im Folgen- den geklärt werden, welche spezifischen Merkmale dieses Gedicht für eine Zuordnung zum Sturm und Drang erkennen lässt und wie dies in Hinblick auf die Motive dieser li- terarischen Strömung deutlich wird. Zuvor ist es jedoch notwendig sich mit den Merk- malen dieser Strömung des ausgehenden 18. Jahrhunderts näher zu beschäftigen, bevor man sich dem eigentlichen Untersuchungsschwerpunkt dieser Arbeit widmen kann. Demnach erfolgt zunächst eine epochale Zuordnung des Gedichts innerhalb der Aufklä- rung des 18. Jahrhunderts, bevor sowohl auf das neue Geniebewusstsein, als auch auf das damit verbundene neue Selbstverständnis des Dichters eingegangen werden kann. Zum Abschluss soll ein umfangreicher Interpretationsansatz dieses Gedichtes die bishe- rigen Erkenntnisse der Untersuchung ergänzen, um abschließend die Frage beantworten zu können, welche Bedeutung dem Gedicht Mir schlug das Herz von Johann Wolfgang von Goethe für die Sturm und Drang Strömung zugeschrieben werden kann.

2. Die epochale Zuordnung

Bevor nun im weiteren Verlauf die Bedeutung des Gedichts Mir schlug das Herz von Johann Wolfgang von Goethe im Kontext der Sturm und Drang Strömung4 untersucht wird, sollte zunächst näher auf die Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts eingegangen werden. Demnach ist es erforderlich sich vorab einen Überblick über die Epoche der Aufklärung zu verschaffen, bevor im Anschluss auf die Sturm und Drang Strömung eingegangen werden kann. Zwar trifft es durchaus zu, dass die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit als Literatur der Aufklärung bezeichnet wird, doch werden damit ungeachtet die vielfältigen Strömungen, die unterschiedlichsten ästheti- schen Programme und vor allem eine reichhaltige literarische Produktion unter einem Oberbegriff zusammengefasst, der der Vielfalt der Literatur des 18. Jahrhunderts nicht gerecht werden kann. Daher wird innerhalb der Epoche der Aufklärung zwischen ver- schiedenen literarischen Strömungen unterschieden, von denen die Sturm und Drang Strömung von zentraler Bedeutung ist, welche parallel zur gesamteuropäischen Bewe- gung der Empfindsamkeit verläuft, eine Reaktion, Ergänzung und Weiterführung der Aufklärung darstellt und schließlich in der literarischen Strömung der Klassik mündet.

2.1. Die Epoche der Aufklärung

Die Aufklärung ist nicht nur eine ereignisreiche Epoche in der europäischen Geschichte, sondern vielmehr „eine gesamteuropäische Bewegung“5, die die geistige Grundhaltung jener Zeit manifestiert. Denn mit dem beginnenden 18. Jahrhundert zeichnete sich ein folgenreicher gesellschaftlicher Wandel ab, der allmählich zu gravierenden sozialen Veränderungen führte und dessen Auswirkungen auch in der Philosophie und dem Schrifttum zu spüren waren. So fand schon der deutsche Philosoph Immanuel Kant auf die berechtigte Frage „Was ist Aufklärung?“ die Antwort: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit […]“6 und damit eine durchaus zutreffende Bezeichnung für das wohl revolutionärste Jahrhundert7, in wel- chem neben dem amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) auch die spätere Französische Revolution (1789-1799) die gesellschaftlichen und politischen Zustände jener Zeit tiefgreifend erschüttert haben. Indem die Aufklärung die institutionalisierte Religion in Frage stellte und dadurch den Prozess der Säkularisation einleitete, entwi- ckelte sich diese Epoche sukzessiv „zu einem Prozess der Erkenntnis, der die Menschen von allen Traditionen, Normen und Konventionen befreite, die nicht die Prüfung durch die autonome menschliche Vernunft bestehen“8 und sich deshalb als Missverständnis, Vorurteil oder gar als Aberglaube herausstellen. Anstelle der bisherigen sakralen Uni- versalität wird mit der Epoche der Aufklärung die Autonomie der menschlichen Ver- nunft zum Maßstab allen Handelns erhoben,9 was im weitesten Sinne letztendlich auch zum Emanzipationsprozess des deutschen Bürgertums maßgeblich beitrug. Während nach dem Westfälischen Frieden vom 24. Oktober 1648 das Individuum im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation durch die absolutistische Ordnung einer immerwäh- renden Überwachung unterlag, bildete sich im Zuge der aufklärerischen Entsakralisier- ung des 18. Jahrhunderts und einer Übertragung religiöser Vorstellungen und Verhal- tensformen auf weltliche Verhältnisse ein aus eigener Leistung erstarktes Bürgertum heraus,10 welches nach Unabhängigkeit und Individualität strebte. Die dadurch mit dem 18. Jahrhundert einhergehende gesellschaftliche Veränderung, die zu einem neuen Be- wusstsein des Bürgertums und dessen neuen Selbstverständnis führte, offenbarte sich zunächst in der Literatur, wobei sich diese von den jahrhundertealten Ketten der kon- ventionellen Dichtung der Regelpoetik loslöste und revoltierend durch einen bis dahin unüblichen Sprachgestus und einem neuartigen Ausdruck in Erscheinung trat.

2.2. Die Sturm und Drang Strömung

Anders als die Epoche der Aufklärung ist der Sturm und Drang als eine vorwiegend lite- rarische Strömung nicht als ein gesamteuropäisches Phänomen des aufklärerischen 18. Jahrhunderts zu verstehen, welches ausschließlich im Zeichen des Bürgertums und sei- ner Auseinandersetzung mit dem Absolutismus stand,11 sondern vielmehr als weitläufi- ge Bewegung und Entwicklung innerhalb der deutschsprachigen Literatur der Aufklä- rung, deren Namensgebung auf das gleichnamige im Jahr 1777 veröffentlichte Drama von Friedrich Maximilian Klinger zurückzuführen ist.12 Obwohl eine zeitliche Einord- nung der Sturm und Drang Strömung nicht vollkommen unproblematisch ist, da sich wie so oft in der deutschen Literaturgeschichte keine eindeutigen Ausgangspunkte einer Epoche oder einer Strömung benennen lassen, sind die beiden Einzelbegriffe Sturm und Drang bereits seit Beginn der 1770er Jahre als Ausdruck der inneren wie äußeren Auf- bruchsstimmung einer Gruppe junger bürgerlicher Autoren13 wie Friedrich Maximilian Klinger, Gottfried August Bürger, Jakob Michael Reinhold Lenz, Johann Gottfried Her- der und Johann Wolfgang von Goethe nachweisbar. Doch trotz dieser Schwierigkeit wird der Wirkungsrahmen der Sturm und Drang Strömung auf die deutschsprachige Li- teratur des ausgehenden 18. Jahrhunderts mehrheitlich auf den Zeitraum zwischen die Jahre 1770 und 1785 datiert,14 da die Autoren und ihre Zeitgenossen kein Bewusstsein darüber hatten,15 eine eigenständige literarische Strömung innerhalb der Epoche der Aufklärung zu begründen. Dabei kann die literarische Strömung des Sturm und Drang ihrem Namen nach als geistiger Aufstand der jungen Literaturrevolutionäre16 gegen

Einseitigkeiten der Aufklärung, gegen ihren Rationalismus, ihren Fortschrittsoptimismus, ihre Regelgläubigkeit und ihr verflachtes Menschenbild, aber auch gegen die als unnatürlich empfundene Gesellschaftsordnung mit ihren Ständeschranken, erstarrten Konventionen und ihrer lebensfeindlichen Moral17 verstanden werden. Doch bleibt der Sturm und Drang nicht gänzlich auf dieser Opposi- tion einer sozialen Anklage begrenzt,18 deren führenden Köpfe eine radikale Erneuerung der gesellschaftlichen Kunst- und Lebensauffassungen anstrebten. Vielmehr gelang es dieser literarischen Strömung trotz der fehlenden Einflussnahme hinsichtlich entschei- dender Auswirkungen und Veränderungen auf den gesellschaftspolitischen Bereich, dem geistigen Leben jener Zeit entscheidende Impulse in jeweiliger Akzentuierung zu ermöglichen.19 Denn im Zuge der Sturm und Drang Strömung wollte sich die junge Au- torengeneration von der in der Epoche der Aufklärung zum Maßstab des Handels erho- bene Autonomie der menschlichen Vernunft befreien, um sich den schöpferischen Kräf- ten leidenschaftlicher Gefühle bekennen zu können und dabei zu versuchen die rational begründeten Regelzwänge innerhalb der Gesellschaft und der Kunst zu sprengen. Doch wurde dabei entgegen der Annahme die Grundidee der Aufklärung durch die jungen Autoren keineswegs abgelehnt oder zurückgewiesen. Vielmehr wurde durch die neue Grundeinstellung der Autoren des Sturm und Drang die Aufklärung erweitert und radi- kalisiert, wobei das freie Individuum nicht länger als ein reines Vernunftwesen verstan- den wurde, sondern als fühlendes Wesen, das zu schöpferischer Selbstverwirklichung befähigt sei. So wandten sich mit der Sturm und Drang Strömung die Kräfte des inneren Gefühls weniger nach innen als nach außen, wobei die mehr introvertierte Empfindsam- keit zu einer eher extrovertierten Leidenschaft emporwuchs. Folglich ist der Sturm und Drang im Wesentlichen als Erweiterung und Radikalisierung der Epoche der Aufklä- rung zu verstehen und darf nicht als radikal antiaufklärerisch missverstanden werden. Indem die jungen bürgerlichen Autoren einen Ausbruch aus den bisher geltenden Re- gelzwängen zu erreichen versuchten, konnten sie „neue Bereiche des Menschlichen für die künstlerische Darstellung“20 entdecken. So trat an die Stelle des bisher überwiegend verwendeten regelkonformen poeta doctus21 das Genie, das nicht länger über den Men- schen stand, sondern vielmehr diesen dazu befähigte, den Genius in seinem eigenen In- neren zu befreien und durch eine gottgleiche Kreativität und künstlerische Originalität zum Ausdruck zu bringen.22 Zugleich distanzierten sich jene Autoren unter dem Leitbe- griff des Geniegedankens von der klassizistischen Regelpoetik und widmeten sich gänz- lich der eigenen autonomen Schöpfungskraft des geniehaften Individuums zu. Die Kunst galt nicht länger als erlernbar, sondern „der Künstler schöpft aus dem ihm eige- nen Genie“23, was die daraus resultierende Genieästhetik die Anwendung und Zuspit- zung des aufklärerischen Individualismus im Bereich der Kunst werden ließ.

2.2.1. Der Geniegedanke des Sturm und Drang

Die generelle Geniediskussion innerhalb der deutschsprachigen Literatur kann auf eine äußerst lange Tradition zurückblicken und setzt nicht erst mit dem Sturm und Drang ein, sondern entwickelte sich allmählich seit den 1750er Jahren zu einem zentralen Ref- lexionsgegenstand nicht nur für die deutsche, sondern auch für die resteuropäische Lite- ratur. Doch im Unterschied zum Barock24 spielte in der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und damit in jener des Sturm und Drang „der Gedanke eines belebenden Prinzips bzw. eines natürlichen Schaffensdrangs als Basis echten Künstler- tums eine zentrale Rolle“25, was überwiegend dazu beiträgt, dass die Sturm und Drang Strömung heute auch als Geniezeit26 eine gängigere Bezeichnung findet. Damit war ge- meinhin das Problem verbunden, inwieweit der Dichter, von welchem man die Nach- ahmung der Natur und den natürlichen Schaffensdrang voraussetzte, noch in der Lage sei aus eigener Leistung Kunst hervorzubringen.27 In dieser Hinsicht hatte vor dem Hin- tergrund philosophiegeschichtlicher und kunstphilosophischer Strömungen in England und Frankreich Johann Gottfried Herder den jungen Johann Wolfgang von Goethe bei ihrem Aufeinandertreffen in Straßburg mit Ideen und Leitsätzen der Genieästhetik be- kannt gemacht, wodurch zu Beginn des Sturm und Drang ein gemeinsam propagierter Geniegedanke schließlich zur Herausbildung und Verbreitung einer neuen Dichtervor- stellung führte. Der Auslöser hierfür war eine in Frankreich im 17. Jahrhundert geführte Debatte, die sogenannte Querelle des anciens et des modernes, in der es um die wesent- liche Frage ging, ob und wie die modernen Dichter die vorbildhaften Alten überbieten können und ob sich das Genie eher durch ingenium, also Talente und Begabungen, oder durch das studium einer reinen Gelehrsamkeit und der Anwendung erlernter Regeln auszeichne.28 Aber erst eine in England überwiegend durch Addison, Shaftesbury und Young in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geführte Diskussion ermöglichten es Johann Gottfried Herden auf deren Grundlagen sein Dichterkonzept des Genies zu ent- wickeln. Die grundsätzliche Überlegung bezüglich eines dichterischen Genies in der eu- ropäischen Tradition wurde jedoch bereits im 16. Jahrhundert thematisiert. So war schon für Julius Caesar Scaliger29 der Dichter nicht nur ein poeta doctus, sondern viel- mehr ein alter deus, ein zweiter Gott, der als Schöpfer seines eigenen Kunstwerkes in Erscheinung tritt.30 Diese Grundvorstellung eines dichterischen Genies veränderte sich erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, indem mit dem Sturm und Drang eine neue Debatte entbrannte. Denn hingegen früherer Konzeptionen wurde mit dem Sturm und Drang das kreative Schaffen des Dichters weder auf göttliche Inspiration noch auf die menschliche Vernunft, sondern auf die im Genie wirkenden elementaren Kräfte der Natur, dessen Individualität und der Befähigung zur Gefühlsäußerung zurückgeführt. Hinsichtlich dieser Grundüberzeugung ist der Dichter „aus der Natur heraus […] mit schöpferischer Kraft begabt“31, die sich aus dem Zusammenwirken aller organischen Fähigkeiten seines Körpers ergeben und ihn letztendlich zur schöpferischen Selbstver- wirklichung befähigt. Demzufolge geht das Wirken des dichterischen Genies auf eine naturhafte Veranlagung zurück, die angeboren ist und nicht erlernt werden kann, was sein Schaffen unabhängig von äußeren Regeln und tradiertem Wissen werden lässt und ausschließlich aus dem eigenen Inneren erfolgt. Doch erst das von Herder und Goethe propagierte Ideal eines durch den Dichter repräsentierten autonomen und kreativen Menschen, radikalisierte das neu gewonnene Konzept eines aus seiner inneren Natur heraus, ohne Rücksicht auf gegebene Regeln schaffenden Genies.32 Anstelle einer rein rationalen Denkweise wurde schließlich der Geniegedanke gesetzt, der, durch das Ori- ginalgenie verkörpert, das Leitbild des schöpferischen Menschen darstellen sollte und erst durch Goethes Wirken eine umfassende schriftbezogene Verwendung fand. So schreibt bereits Erich Trunz in seiner kommentierten Gedichtausgabe Goethes Werke betreffend:

Für Goethe, den schöpferischen Künstler, verschmolz die Genielehre mit der IchErfahrung. Er, als erster, stellt dar, wie einem Genie zumute ist. Während jene [Theoretiker33] das Wesen des Genies beschreibend fa[ss]ten, fa[ss]te er es dichtend.34

2.2.2. Das neue Selbstverständnis des Dichters

Der allmählich einsetzende Emanzipationsprozess des deutschen Bürgertums während dem Zeitalter der Aufklärung führte nicht nur zu entscheidenden gesellschaftlichen Ver- änderungen, sondern bewirkte maßgeblich ab Mitte des 18. Jahrhunderts „einen tiefgrei- fenden Wandel im Selbstverständnis des Künstlers“35, der sich insbesondere im neuen Bewusstsein des Dichters offenbarte. Dieses neue Verständnis in Folge der Aufklärung stand dabei in einem starken Kontrast zu dessen vorausgegangener Lebenssituation. Denn während der Dichter zuvor fast ausschließlich als Lohnschreiber von einzelnen Adelskreisen abhängig und in seinem kreativen Schaffen fremdbestimmt war, veränder- te sich dieser desolate Zustand im 18. Jahrhundert grundlegend, da sich der Dichter aus diesem Abhängigkeitsverhältnis befreien und seine schöpferische Autonomie zurücker- langen konnte. Die dabei entstehende Neuauffassung des Individualitätsbegriffs, der die schöpferische Kraft des Individuums zum entscheidenden Kriterium der wahrhaftigen Kunst werden ließ und in dessen neuer Ästhetik einzig und alleine die Genialität des kreativen Dichters in den Mittepunkt stellte, war im Wesentlichen durch die Sturm und Drang Strömung bestimmt. Vertreter dieser neuen Bewegung des Sturm und Drang wa- ren meist aus dem Kleinbürgertum stammende Studenten,36 die bewusst gegen die nor- mative Formstrenge der Regelpoetik strebten und mit dem Aufgreifen neuer Ideale die Befreiung des eigenen gefühlsbetonten Ichs bezwecken wollten. Indem sich der Protest der zumeist jungen Stürmer und Dränger primär gegen die als unnatürliche empfundene

[...]


1 Vgl. Jörg Schuster: Probleme der Erlebnislyrik. Goethes „Mir schlug das Herz …“ (1771) und J. M. R. Lenz' „Trost“ (1776). In: Der Deutschunterricht 61 (2009), S. 68.

2 Vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Mir schlug das Herz. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Bd.1: Gedichte und Epen I. Hrsg. u. textkrit. durchges. v. Erich Trunz. 16., überarb. Aufl. München: C. H. Beck 1996, S. 27-28.

3 Vgl. Karl Otto Conrady: Goethe. Leben und Werk. Bd. 1: Hälfte des Lebens. Königsstein/Ts.: Athenäum 1982, S. 131.

4 Unter Experten ist es strittig, ob der Sturm und Drang eine eigenständige Literaturepoche oder eine lite- rarische Strömung innerhalb einer Epoche darstellt. Obwohl den Sturm und Drang betreffend keine ein- deutige Aussage möglich ist, wird dieser im weiteren Verlauf als eine literarische Strömung behandelt.

5 Vgl. Ulrich Karthaus: Sturm und Drang. Epoche - Werke - Wirkung. Hrsg. v. Wilfried Barner u. Gunter

E. Grimm. 2., aktualis. Aufl. München: C. H. Beck 2007, S. 19.

6 Vgl. dazu: Immanuel Kant zur Beantwortung der Frage „Was ist Aufklärung?“ In: Berlinische Monatsschrift 4. Dezember-Heft 1784, S. 481-494. Königsberg in Preußen, den 30. September 1784.

7 Vgl. Gerhard Kaiser: Aufklärung - Empfindsamkeit - Sturm und Drang. 5., unveränd. Aufl. Tübingen / Basel: Francke 1996, S. 39 (= UTB 484).

8 Vgl. Karthaus: Sturm und Drang (2007), S. 19.

9 Vgl. ebd., S. 20.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. Kaiser: Aufklärung - Empfindsamkeit - Sturm und Drang (1996), S. 39.

12 Vgl. ebd., S. 224.

13 Vgl. Christoph Jürgensen u. Ingo Irsigler: Sturm und Drang. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010, S. 11 (= UTB 3398).

14 Einerseits beschränkt sich der Sturm und Drang literaturgeschichtlich auf die Begegnung zwischen Goethe und Herder in Straßburg im September 1770 und Herders Fragmente ü ber die neuere deutsche Li- teratur (1766/67) und andererseits auf die Zeit kurz vor der Französischen Revolution im Jahr 1789.

15 Vgl. ebd., S. 12.

16 Vgl. ebd., S. 11.

17 Vgl. Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg. v. Günther u. Irmgard Schweikle. 2., überarb. Aufl. Stuttgart: Metzler 1990, S. 448.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. Matthias Luserke: Sturm und Drang. Autoren - Texte - Themen. Stuttgart: Reclam 1997, S. 36.

21 Generell setzt der poeta doctus nicht auf eine eigenschöpferische Tätigkeit und Kreativität, sondern vielmehr darauf, dass der Autor in die literarische Arbeit sein umfangreiches Wissen mit einfließen lässt.

22 Vgl. Metzler Goethe Lexikon. Personen - Sachen - Begriffe. Hrsg. v. Benedikt Jeßing, Bernd Lutz u. Inge Wild. 2., verb. Aufl. Stuttgart / Weimar: Metzler 2004, S. 415.

23 Vgl. Inge Stephan: Aufklärung. In: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Wolfgang Beutin u.a. 7., erw. Aufl. Stuttgart / Weimar: Metzler 2008, S. 158.

24 Eine entscheidende Intention der barocken Kunst war es, „elementare oder individuale Natur […] durch das willentliche Entgegenhalten und Annehmen von situativ angemessenen, objektivistischen Ordnungsentwürfen zu bändigen.“ Siehe hierzu u.a.: Conrad Wiedemann: Bestrittene Individualität. Beobachtungen zur Funktion der Barockallegorie. In: Walter Haug (Hrsg.): Formen und Funktionen der Allegorie. Symposion Wolfenbüttel 1978. Stuttgart: Metzler 1979, S. 580.

25 Vgl. Maike Arz: Literatur und Lebenskraft. Vitalistische Naturforschung und bürgerliche Literatur um 1800. Stuttgart: M&P Verl. für Wissenschaft und Forschung 1996, S. 90f.

26 Hinsichtlich der Verehrung des Originalgenies, als Urbild des höheren Menschen, wird die Sturm und Drang Strömung auch als Geniezeit bezeichnet. Vgl. hierzu: Karthaus: Sturm und Drang (2007), S. 15.

27 Vgl. Luserke: Sturm und Drang (1997), S. 66.

28 Vgl. Jürgensen u. Irsigler: Sturm und Drang (2010), S. 24. u. Luserke: Sturm und Drang (1997), S. 67.

29 Der Genieansatz des Julius Caesar Scaliger (1484-1558) kann als eine erste Hinwendung zu der Genieästhetik innerhalb der europäischen Tradition verstanden werden, bevor diese überhaupt in der Literatur oder der Philosophie aufgegriffen und näher thematisiert wurde.

30 Vgl. ebd., S. 67.

31 Vgl. ebd., S. 91.

32 Immanuel Kant bestimmt in seinem dritten Hauptwerk Kritik der Urteilskraft aus dem Jahr 1790 unter §46 Sch ö ne Kunst ist Kunst des Genies in Kürze: „Genie ist das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel gibt“ vgl. hierzu die Ausführungen und Darstellungen von Bernhard Sorg: Das lyrische Ich. Untersuchungen zu deutschen Gedichten von Gryphius bis Benn. Tübingen: Niemeyer 1984, S. 82.

33 Während Goethe den Geniegedanken in seinen Werken bewusst aufgriff und diesen durch die stetige Verwendung zum Teil auch weiterentwickelte, muss hinsichtlich Shaftesbury, Herder, uvm. von bloßen Theoretikern des Geniegedankens gesprochen werden.

34 Vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Die grossen Hymnen. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in

14 Bänden. Bd. 1: Gedichte und Epen. Hrsg. u. textkrit. durchges. v. Erich Trunz. 16. überarb. Aufl. München: C. H. Beck 1996, S. 465.

35 Vgl. Sorg: Das lyrische Ich (1984), S. 53.

36 Vgl. Robert Killinger: Gestalten und verstehen. Literaturkunde. 2. überarb. Aufl. Wien: Hölder-Pichler- Tempsky 1996, S.93.

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656621331
ISBN (Buch)
9783656621294
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270656
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
über sturm drang lyrik johann wolfgang goethe beispiel herz

Autor

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