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Das Leben Raphael Lemkins und die Geschichte des Genozid-Gedankens

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 14 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Einleitung

Nur sieben Menschen kamen zu seiner Beerdigung.[1] Die Trauergemeinde erwies die letzte Ehre einem Mann, der zeit seines Lebens einen Begriff prägte und damit versuchte, die Verbrechen an den Armeniern durch die Türken und der Deutschen an Millionen Juden, Tausenden Sinti & Roma und anderen in einem Wort zu kulminieren.

Die Rede ist von Raphael Lemkin, einem polnischen Juristen, der in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts den Begriff ‚Genozid’ schuf.

Selten hat er in seinem Leben die Aufmerksamkeit bekommen, die ihm gebührt hätte. Seine Ideen waren zu fortschrittlich und vorausschauend für jene Zeitumstände. Eher als phantasierender Spinner denn als Jurist wurde er damals von seinen Zeitgenossen angesehen.

Im folgenden Beitrag wird zunächst das Leben Raphael Lemkins vorgestellt. Verschiedene Stationen seines Lebens zeigen die Gründe auf, weshalb er sich intensiv mit der Bestrafung und Verhinderung von Genoziden befasste.

Beginnend wird versucht darzulegen, was der Auslöser für Lemkins Werdegang war. In seiner Kindheit und Jugend erfuhr er in seinem Heimatdorf durch Tradierung von Neuigkeiten mindestens zweimal von Massakern und Völkermorden. Fraglich ist, ob und wenn ja welcher Völkermord das Zünglein an der Waage war, dass er sich dem Schutz von Minoritäten und Schwächeren verschrieb.

Danach werden die ursprünglichen Ideen, Konzeptionen und Definitionen Lemkins bezüglich des Genozid-Begriffs dargelegt, um aufzeigen zu können, wie sehr und warum sich Lemkin darum bemühte.

Im Wesentlichen wird die Kritik heutiger Genozid-Forscher an der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes behandelt. Ebenso wird versucht, die zugrunde liegenden Leitfragen zu klären.

Schließlich werden Abwandlungen des Genozid-Begriffs aufgezeigt und und die Art und Weise, wie er heute definiert beziehungsweise von der internationalen Staatengemeinschaft gehandhabt wird.

Die Leitfragen sind, inwiefern Raphael Lemkin seinen ursprünglichen Entwurf, den er bereits vor Ende des Zweiten Weltkriegs prägte, bei der Schöpfung der UN-Konvention durchsetzen konnte. Welche Verluste und Restriktionen musste er hinnehmen, um wenigstens einen Teil seiner Ideen und Überlegungen in dieselbige zu integrieren oder um überhaupt ihre Verabschiedung zu erreichen?

Wer war Raphael Lemkin?

Am 24. Juni 1900 kam im heute zu Polen gehörenden Ort Bezwodene Raphael Lemkin als Sohn einer jüdischen Bauernfamilie zur Welt. Noch bevor Lemkin überhaupt lesen konnte, fasste er den Entschluss, die Schwachen und Unschuldigen vor den machtvollen Stärkeren zu schützen.[2] Dies würde ihn sein Leben lang begleiten.

Bereits in seiner Kindheit und Jugend beschäftigte sich Lemkin mit Völkermorden in der antiken und jüngeren Geschichte.[3] Zunächst las er Bücher über Gräueltaten von Kaiser Nero, doch 1906 erreichten ihn Erzählungen seiner Mutter über ein Pogrom in der etwa 50 Kilometer von seinem Elternhaus entfernten Stadt Bialystok.[4] Dabei müssen sich schreckliche Szenen abgespielt haben, von denen auch Lemkin mitbekam.

Die Pogrome an den Juden im ukrainischen Lemberg 1918 scheinen jedoch zunächst nur geringste Einflüsse auf ihn gehabt zu haben, denn sie werden nicht von ihm erwähnt.

Vor allem den im Ersten Weltkrieg von den Türken begangenen Völkermord an den Armeniern hat Lemkin gründlich untersucht. Ausschlaggebend für seine ersten Gesetzesentwürfe war, dass er die Prozesse gegen türkische Kriegsverbrecher verfolgte, welche allerdings alle freigesprochen wurden. ‚Der Mord an einer Person könne nicht schlimmer sein als der an Millionen Menschen’, dachte sich Lemkin.[5] (ENGLISCH ÜBERSETZEN)

Der Gedanke, dass eine Nation nach einem Krieg alles Materielle wieder aufbauen kann, eine ausgelöschte Gruppe von Menschen jedoch nie wiederkehren wird, war in ihm fest verankert und diese Gruppen galt es seiner Ansicht nach zu schützen.[6]

Sein Jura-Studium absolvierte er an den Universitäten in Lwow und Heidelberg. Während des Studiums stellte er für sich fest, dass wenn ein Mensch getötet werde, es sich um ein Verbrechen handele; wenn jedoch Millionen von Menschen ausgelöscht werden würden, dann müsse es ein internationales Verbrechen sein, egal von wem es begangen wurde.[7]

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs diente Lemkin im polnischen Untergrund und emigrierte 1941 über Schweden und Lettland in die USA.[8] Dort traf er den an der University of North Carolina lehrenden Richter Thaddeus Bryson, der zu ihm sagte: „I have no doubt that you were saved from the European Holocaust for a special purpose. It’s bigger than you are, or than any of us – wait and you will see.“ [9]

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Verlust von 40 Familienmitgliedern während des Holocausts, wirkte er entscheidend bei der Erstellung einer UN-Konvention gegen Völkermordverbrechen mit. 1959 starb er „enttäuscht, dass seine geliebte Wahlheimat (...) die Konvention nicht ratifiziert hatte“ in New York.[10]

Der Genozid-Begriff Raphael Lemkins

Das Wort ‚Genozid’ leitet sich vom griechischen Wort ‚genos’ (Rasse, Spezies, Stamm) und der lateinischen Endung ‚cide’ (Töten) ab.[11] Raphael Lemkin hat den Ausdruck ‚Genozid’ vermutlich zwischen 1943 und 1944 geprägt, als er sich im amerikanischen Exil aufhielt. Lemkin verstand unter Genozid den Mord einer Nation oder einer ethnischen Gruppe.[12]

Inspirierend für die Begriffsschöpfung war eine 1941 gehaltene Rede des britischen Premierministers Winston Churchill, der die Verbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg als „crime without a name“ bezeichnete.[13]

Nach Claudia Kraft scheint es wahrscheinlich, dass Lemkin sich aufgrund ständiger Furcht vor Vertreibung und rechtlicher Unsicherheit seiner Eltern durch das russische Regime erstmals damit beschäftigte, wie Menschen rechtlich geschützt werden können.[14] Vor Verabschiedung der Konvention standen lediglich Soldaten (und Kriegsgefangene) unter besonderem, rechtlichen Schutz (s. Genfer Konvention). Die Bürger waren den Repressionen ihrer Herrscher meist schutzlos ausgeliefert.[15] Lemkin zeigte daher Verständnis für die Morde an Talaat Pascha und Symon Petljura, da den Armeniern kein Recht zur Seite stand und sie so den Massenmord an ihrem Volk rächen konnten.[16] Ohnehin betrachtete Lemkin wohl „ein Überleben aller oder der meisten Mitglieder der Gruppe, an der Völkermord verübt wird als die Regel, ihre physische Auslöschung dagegen als Ausnahme“.[17]

[...]


[1] http://www.nytimes.com/1988/10/18/opinion/on-my-mind-a-man-called-lemkin.html

[2] Vgl. Jacobs, Steven L. et al. (2010): S. 370.

(Hierbei handelt es sich um autobiographische Notizen Lemkins, die von Jacobs und Totten in Auszügen veröffentlicht wurden)

[3] Vgl. Jacobs, S. 251-252.

[4] Vgl. Jacobs, Steven L. et al. (2010): S. 370.

[5] Vgl. Jacobs, Steven L. et al. (2010): S. 371.

[6] Vgl. Jacobs, Steven L. et al. (2010): S. 366. und „The victims are the most innocent human beings of the world“. (Jacobs, Steven L. et al. (2010): S. 373.)

[7] Vgl. Jacobs, Steven L. et al. (2010): S. 367.

[8] Vgl. Jacobs, S. 253.

[9] Vgl. Jacobs, Steven L. et al. (2010): S. 381.

[10] Jacobs, S. 254.

[11] Vgl. Churchill, S. 93.

[12] Vgl. Lemkin, S. 79.

[13] Vgl. Schaller (2004), S. 11 und Barth (2006), S. 7.

[14] Vgl. Kraft (2005), S. 81.

[15] Vgl. Goldhagen, S. 255–256.

[16] Vgl. Kraft (2005), S. 86 und Jacobs, Steven L. et al. (2010): S. 372.

[17] Churchill, S. 94.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656622079
ISBN (Buch)
9783656621997
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270675
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
12
Schlagworte
leben raphael lemkins geschichte genozid-gedankens

Autor

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