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Der Beginn der Professionalisierung und Ständewerdung der höheren Lehrer

Historische Rekonstruktion essentieller Impulse im Kampf um soziale Anerkennung

Hausarbeit 2014 15 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der theoretische Rahmen
2.1 Der Begriff des okzidentalen Sonderweges
2.2 Die Metapher der ‚langen Wellen‘ für die Entwicklung des Bildungssystems

3. Die „ dritte Flutwelle “ und die Herausbildung des deutschen Schulsystems zur Wende vom 18. und 19 Jahrhundert
3.1 Der Beginn
3.2 Die Etablierung des höheren Schulwesens

4. Die Professionalisierung der Gymnasiallehrerschaft
4.1 Der Wandel der Ausbildung
4.2 Der Wandel des Berufsbildes der Lehrer an höheren Schulen

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Der Lehrerberuf erfordert, neben einem fundierten fachlichen Wissen, ebenso ein breites Spektrum an Kompetenzen und Fähigkeiten. Innerhalb ihrer Bildungs- und Erziehungsaufgabe übernehmen Lehrer gleichsam eine politische, soziale, kulturelle sowie ökonomische Funktion: Sie tragen nicht nur zu einer individuellen Entfaltung von Persönlichkeiten bei, sondern beeinflussen darüber hinaus die (Weiter-) Entwicklung der jeweiligen Gesellschaft.1 Diese enge Verwobenheit der Aufgaben unterstreicht die hohe Verantwortung und die Anforderungen in diesem Berufsfeld. Der profession kann folglich als einer der Schlüsselberufe im gesellschaftlichen Rahmenkomplex gesehen werden.

Die Etablierung und Entwicklung der Lehrerschaft ist dependent von dem Entwicklungsprozess des Bildungswesens. Bildungssysteme gelten als „ institutionelle Akteure der Menschenbildung “ 2 . Der Lehrer ist hierbei einer der Hauptakteure. Dies war jedoch nicht immer so. Zahlreiche essentielle historische Ereignisse, soziale Einstellungen und Ideen sowie mehrere Komponenten und Impulse haben diesen Prozess begleitet und Einfluss genommen.

Die Aufgabe dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, welche elementaren Merkmale und Prozesse sich in der Geschichte finden und rekonstruieren lassen, welche die Professionalisierung und Ständewerdung der Lehrerschaft eingeleitet haben. Eine historische Eingrenzung und Fokussierung bildet den theoretischen Rahmen: Es wird die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts zentralisiert, da die Anfänge hier anzusiedeln sind. Weiterhin wird die Aufmerksamkeit auf die Lehrerschaft der höheren Schulen in Preußen gerichtet, da dieser deutsche Bundesstaat oftmals eine führende Rolle und Vorbildfunktion eingenommen hatte.

Daraus ergibt sich folgende Gliederung: Kap. Zwei bildet vorab den theoretischen Rahmen. Zum einem wird Fends These des okzidentalen Sonderweges erläutert, da das Verständnis zur Entwicklung moderner Bildungssystem die historische Rekonstruktion voraussetzt. Der Sonderweg wird in mehrere Epochen differenziert. Diese werden anschließend vor dem Hintergrund der Metapher Fends zu den langen Wellen näher beschrieben. Kap. Drei zeigt die historische Perspektive zur Herausbildung der höheren Lehrerschaft im konzentrierten zeitlichen Rahmen, bevor im anschließendem Kap. Vier essentielle Impulse, Merkmale und Prozesse der Komponenten Ausbildung und Berufsbild herausgearbeitet werden.

Kap. Fünf stellt die gewonnenen Ergebnisse in einer kurzen Übersicht dar.

2. Der theoretische Rahmen

2.1 Der Begriff des okzidentalen Sonderweges

Der Autor Helmut Fend spricht in seinem Werk „ Geschichte des Bildungswesens “ von einem „okzidentalen Sonderweg“. Als Prozess der Modernisierung thematisiert jener nicht nur die historische Rekonstruktion von Bildungssystemen, vielmehr wird die Singularität des europäischen Kulturraumes freigelegt.5 Folglich wird dem Phänomen nachgegangen, was genau die okzidentale, jüdisch-christliche Kultur auszeichnet, um eine bedeutende Institutionalisierung von Lernen und Lehren zu etablieren, wie es keiner anderen Kultur gelungen ist.6 Folgende Fragen werden seitens des Autors aufgeworfen: Warum wurde die flächendeckende Alphabetisierung des Volkes in einem Maße angestrebt, wie in keiner anderen Kultur? Warum sind nur im Okzident Bildungsinstitutionen entstanden, wie in keiner anderen Kultur? Warum hatte nur der Okzident Lehreinrichtungen mit universal gültigem Wissen und die Anerkennung von Abschlüssen vorzuweisen, wie keine andere Kultur?7 Es ist jedoch nicht Teil dieser Arbeit jene umfangreichen Fragen in Gänze zu beantworten, sondern lediglich Tendenzen und Entwicklungsetappen zu skizzieren (Kap. 2.2).

Von Max Weber inspiriert und an seiner Auffassung zur okzidentalen Kulturentwicklung anknüpfend, gab es zahlreiche, okzidentale Errungenschaften.8 Nur durch bestimmte Akteure mit bestimmten Ideen, Interessen und Vorstellungen, konnten jene in einem bestimmten historischen Umfeld zu bestimmten Schlüsselzeiten erreicht werden. Beispiele okzidentaler Erwerbe sind die folgenden: Die Bildungsansprüche wurden unter Einbezug der gesamten Bevölkerung universalisiert. Daher entwickelten sich rechtlich abgesicherte Bildungswege, welche in gültigen Abschlüssen mündeten. Vor dem Hintergrund der Hinwendung zu einem öffentlichen, staatlichen Sektors, konstruierte das Bildungswesen ein Fundament für eine demokratische und wissenschaftliche Kultur.9 Diese essentiellen Kulturerscheinungen im Okzident haben sich in mehreren Schlüsselprozessen entfaltet und weisen keine lineare Entwicklung institutionalisierten Lernens vor. Hingegen haben diverse historische, kulturelle und soziale Ereignisse „ Z ä suren und Br ü che “ hervorgerufen. Demnach beschreibt der Autor den Sonderweg stets mit dem Beiwort der „ gro ß en Erz ä hlungen “ 10 oder definiert jenen metaphorisch als „die langen Wellen des abendländischen

Bildungswesens".11 Um diesen bildhaften Vergleich zu verstehen, ist es notwendig die Geschichte des Bildungswesens zu rekonstruieren.

2.2 Die Metapher der ‚langen Wellen‘ für die Entwicklung des Bildungssystems

Der okzidentale Sonderweg zur Neugestaltung der Bildungssysteme wird anhand von Sattelzeiten skizziert. Ziel ist es, durch die historische Reflexion ein besseres Verständnis für gegenwärtige Bildungssysteme zu schaffen. Um die Gründe zu erörtern, warum Fend die Metapher der „ langen Wellen “ nutzt um den okzidentalen Sonderweg des Bildungswesens zu beschreiben, werden in aller Kürze die Genese und bedeutende Meilensteine vorgestellt. Es wird darauf verzichtet, alle bedeutenden historischen Ereignisse ausführlich nachzuzeichnen. „ In drei gro ß en Flutwellen [ … ] habe sich die geistige Kultur der alten Welt, ihre Religion und Philosophie, ihre Sprache und Literatur ü ber die V ö lkerwelt ergossen [ … ]. “ 12

Nach Weber war es das Christentum, welches als prägende Macht des Okzidents fungierte.13 Das geistige Erbe der Griechen wurde übernommen und eine Amtskirche als geltende Institution errichtet. Dies führte zu einer konfliktären Spannung zwischen Glauben und Wissen und resultierte in moderner Wissenschaft und in der Fortentwicklung eines anthropologischen Weltverständnisses. Die spätmittelalterlichen Universitäten im lateinisch geprägten Bildungsraum sind ein entscheidendes Merkmal des okzidentalen Sonderweges.14 Jene Christianisierung Europas galt als erste große Flutwelle. Der Glaube, die Sprache der römischen Kirche und der damit einhergehende Anschub der Wissenschaft sind hier als ‚Rückstände‘ festzuhalten.15

Im 15. und 16. Jhr. wurde das gesamte Abendland von der zweiten Flutwelle heimgesucht. In der Renaissance, dem Zeitalter des Humanismus, entstand ein weltlicher Trägerstand für gelehrte Bildung. Jener rezipierte die lateinische und griechische Kultur und brachte ein säkulares Bildungsprogramm hervor.16 Insbesondere in den Bereichen Kunst und Ästhetik wurden die Entwicklungsschübe von den säkularen Wissenskonzeptionen transparent, sodass sich die Sprache, die Literatur und die Kunst als essentielle Medien zur Menschenbildung etablierten.17

Im Zuge der Reformation im 16. und 17. Jhr. entstand das Interesse an einem flächendeckenden Ausbau des Volksschulwesens und an der Alphabetisierung des gesamten Volkes. Der erstmalige Anspruch auf universalgültigen Zugang zur Bildung hatte nachhaltige Wirkungen auf die Entstehung systematischen Lehrens und Lernens. Die Deutsche Sprache galt nun als Medium des Lernens.63

Das nachfolgende Zeitalter der Aufklärung (18. Jhr.) wird als „ Fortsetzung und H ö hepunkt “ charakterisiert. 64 „ Sapere aude - Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen “ , formuliert von Immanuel Kant65, spiegelt die leitende Weisheit und das ausformulierte Menschenbild jener Epoche wider.66 Ein wichtiger Faktor war die Bildung, da nur diese es dem Menschen ermöglicht, seinen Verstand zu nutzen und sich zu einer selbstdenkenden und eigenständig handelnden Persönlichkeit zu entfalten.67 Vor dem Hintergrund des geschichtlichen Neuhumanismus als die dritte große Flutwelle erfährt dieses Programm in den folgenden Jahrzehnten seine Aufarbeitung. Die „ klassischen Sprachen als Medien der vorbildlichen Menschenbildung, die „ klassische Philologie und den klassischen Unterricht auf den Gymnasien “ werden hinterlassen.68

Zahlreiche technologische, wissenschaftliche und geistige Entwicklungen im 19. Jhr. führten schließlich zu einem Mustermodell moderner Bildungssysteme. Im 20. Jhr. wurden die bislang separierten Kreise der Volks- und der Gelehrtenbildung zusammengefügt und entsprechen nun einem einheitlichen Bildungssystem mit regulierten Eingangsbedingungen, Ausgangsleistungen und Berechtigungen.69 Elementare Kennzeichen der Entwicklung des Bildungswesens sind die Komponenten der Universalisierung, der Systembildung, der Expansion und der Professionalisierung.70

Die institutionellen Strukturen der Bildungssysteme im Okzident fungieren weltweit als Mustermodell. Der hier in verkürzter Form dargestellte historische Rückblick auf die bedeutenden Entwicklungen der Bildungsgeschichte vergegenwärtigt den andauernden und langwierigen Prozess. Daher definiert Fend jene lange Geschichte als lange Wellen, welche sich wie „ Flutwellen ü ber das Abendland verbreiteten “ . 71 Sämtliche Ereignisse jeder Epoche sind irreversibel und erzeugen nachhaltige Folgen.

Resümierend beschreibt der okzidentale Sonderweg die besondere und andauernde Entwicklung der Bildungssysteme des Abendlandes. Dabei können drei essentielle

Merkmale festgehalten werden. Auf der Basis des Anthropozentrismus entsteht die Menschenbildung zu einem humanistisch-gebildeten, selbstdenkenden und eigenständigen Individuum. Zweitens erfolgen eine Institutionalisierung und Verstetigung jeglicher Bildungs- und Erziehungsprozesse in Bildungssystemen. Somit wird die permanente Zentralisierung des Menschen und die Arbeit an diesem verinnerlicht und die Spontanität spezifischer Lernprozesse und -methodiken eingestellt.72

Drittens wird das Bildungswesen als Dienstleistungsorganisation definiert, worin die Sicherung der Teilhabe der ganzen Gesellschaft, das Element des rechtsförmigen Wohlfahrtstaates, sowie die Förderung der individuellen Entwicklung und der gesellschaftlichen Integration gewährleistet wird.73

Der gesamte Prozess unterliegt stets dem Wandel der Zeit und entwickelt eine enorme Eigendynamik. Die vorgestellte kurze Rekonstruktion der Historik des institutionellen Akteurs >Bildungswesen< führt folglich zu einer Auszeichnung der Besonderheiten deutscher Bildungssysteme.

Da die aufklärerischen Gedanken enormen Einfluss auf das Erziehungs- und Bildungswesen im 18. Jhr. genommen hatten, wird es als das „ P ä dagogische Jahrhundert “ 74 charakterisiert und im anknüpfenden Kapitel zentralisiert.

3. Die „ dritte Flutwelle “ und die Herausbildung des deutschen

Schulsystems zur Wende vom 18. zu 19 Jahrhundert Wie bereits an dem okzidentalen Sonderweg dargestellt, war es ein beschwerlicher Verlauf hin zu den modernen Bildungssystemen. Im Folgenden wird nun die Entstehung des Schulsystems in Preußen skizziert. Die Schul- und Bildungsgeschichte von diesem deutschen Bundesstaat hat eine dominante Rolle eingenommen und wird von anderen Staaten oft als Vorbild herangezogen. Während des 18. Jhr. wurde die allgemeine Schulpflicht wiederholt proklamiert (1717 das ‚General Edict‘, 1763 das ‚Generalschulreglemet‘ und 1794 das Allgemeine Landrecht75 ). Der Verlauf des 19. Jhr. verzeichnet jene prozessuale Durchsetzung. Daher wird nur jener Zeitraum betrachtet.

[...]


1 Vgl. Enzelberger, 2001:9.

2 Vgl. Fend, 2006: 16.

5 Vgl. Fend, 2006: 15.

6 Vgl. Ebd.: 29.

7 Vgl. Ebd.: 17.

8 Hier wird ein Bezug zur Einleitung zur “Protestantischen Ethik” im ersten Band der religionssoziologischen Aufsätze von Max Weber (1920:1) genommen.

9 Vgl. Ebd.: 29.

10 Vgl. Ebd.: 31.

11 Vgl. Fend, 2006: 230.

12 Vgl. Ebd: 26.

13 Vgl. Ebd.: 35.

14 Vgl. Ebd.: 241.

15 Vgl. Ebd.: 26.

16 Vgl. Fend, 2006: 95.

17 Vgl. Ebd.: 242.

63 Vgl. Ebd.: 111.

64 Fend, 2006: 242.

65 Immanuel Kant (1724-1804): bedeutendster Philosoph der Aufklärung und deutsche Denker-

66 Vgl. Schweizer, 1926: 26.

67 Vgl. Fend, 2006: 33.

68 Ebd.: 27.

69 Vgl. Ebd.: 33.

70 Vgl. Fend, 2006: 224f.

71 Vgl. Ebd.: 26.

72 Vgl. Ebd.: 203.

73 Vgl. Ebd.: 233.

74 Vgl. Enzelberger, 2001: 31.

75 Alle Schulen und Universitäten wurden zu Veranstaltungen des Staates.

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656622475
ISBN (Buch)
9783656692775
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270761
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Bildungs- und Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Lehrer Lehrerberuf profession Professionalisierung Lehrerschaft okzidentaler Sonderweg Bildungswesen Institutionalisierung Gymnasiallehrer

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Titel: Der Beginn der Professionalisierung und Ständewerdung der höheren Lehrer