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"Non chiederci la parola" von Eugenio Montale. Aufbau, Entstehung und Inhalt des Gedichts

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Metalyrik nach Albert Göschl

3 Eugenio Montale: Sprache, Motive, Autorenbild

4Ossi di seppia –Entstehung und Aufbau

5 „Non chiederci la parola“
5.1 Formale Analyse
5.2 Interpretationsansätze
5.3 Der Krokus

6 Schlussbetrachtungen

7 Literaturliste

1 Einleitung

Die Literatur des 20. Jahrhunderts wurde auf eine harte Probe gestellt. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg und dem aufkommenden Faschismus in Italien wurde das Gesellschaftsgefüge neu auf- und die Wirtschaft und Industrie umgestellt. Doch nicht nur die wirtschaftliche und finanzielle Lage Italiens musste neu strukturiert werden. Auch der kulturelle und literarische Bereich erfuhr aufgrund einer neuen Ideologie eine Umwälzung bestehender Verhältnisse. Es war den Dichtern, Literaten, Schriftstellern und Journalisten untersagt, Ansichten gegen das herrschende Regime zu äußern. Die Meinungsfreiheit wurde stark eingeschränkt. Wie auch zu Zeiten des Nationalsozialismus in Deutschland herrschte unter dem Faschismus in Italien eine strenge Zensur. Autoren waren gezwungen sich für eine Seite zu entscheiden. Sprechen sie sich für oder gegen die vorherrschende Ideologie aus? Und wenn sie sich dagegen aussprechen, wie konnten sie dies bewerkstelligen? Vermutlich nicht mittels klarer und harter Kritik.

Einer dieser Autoren war Eugenio Montale. Sein WerkOssi di seppiaund speziell sein Gedicht „Non chiederci la parola“ sollen in dieser Arbeit, zum Einen mit Blick auf diese Missstände aber zum Anderen auch unabhängig von ihnen, untersucht und interpretiert werden. Hierbei wird zunächst der Begriff der Metalyrik, vorgestellt bei Albert Göschl, aufgezeigt, um im Anschluss Montale, seine Sprache, seine Motive und sein Bild in der Literatur aufzuzeigen. Im Zentrum dieser Arbeit soll dann das Gedicht selbst stehen. Wir werden den Aufbau, seine Entstehung und seinen Inhalt näher in Augenschein nehmen. Im Anschluss daran werden wir entsprechende Interpretationen anderer Autoren betrachten, wobei Christine Ott mitTorso-Göttin Sprache. Eugenio Montales Poetik im Medium seiner Lyrik(2003) einen sehr ausführlichen und konkreten Einblick gewährt. Abschließend darf die Rolle des Krokus nicht vernachlässigt werden. Wofür steht er? Was soll er dem Leser verdeutlichen? Einen ersten Ansatz kann uns dazu Albert Göschl bieten, der sich mit der Metalyrik bzw. poetologischen Lyrik auseinandersetzte und sich diesbezüglich auch zur Flora und Fauna in Gedichten äußerte. Eventuell können wir hier bereits einen Anhaltspunkt finden, was der Krokus in Montales Gedicht aussagen soll.

2 Metalyrik nach Albert Göschl

Es soll in diesem Kapitel eingangs aufgezeigt werden, wie die BegriffeMetalyrikundpoetologische Lyrikzu verstehen sind. Hierzu werde ich mich, wie ich in der Einleitung bereits erwähnte, auf die Ausführungen von Albert Göschl (2009) stützen, um einen kurzen Überblick geben zu können.

Die BegriffeMetalyrikundpoetologische Lyrikkönnen synonym gebraucht werden. Göschl beschreibt, dass der Begriff derMetalyrikin Deutschland erst seit „Kürzerem“ gebraucht wird. Bereits seit den 1960er und 70er Jahren wird dieses Phänomen unter dem Begriff derpoetologischen Lyrikanalysiert und zusammengefasst (Vgl. Göschl 2009: 34). Schon Alfred Weber prägte 1971 den Begriff. Er versteht unterpoetologischer Lyrik„alle Gedichte, die sich entweder mit dem Dichter (seiner Aufgabe und Funktion), mit dem Dichten (dem schöpferischen Prozess und seinen Wegen) oder mit dem Werk der Dichtung (seiner Form und seinen sprachlichen Mitteln) befassen (Weber: 1971, 181).“ (Vgl. Göschl 2009: 34). Göschl lehnt diese Auffassung vonpoeta-poesis-poemanicht ab, sagt aber, dass diese Kategorisierung für die Analyse größerer Mengen an Gedichten unpraktikabel erscheint (vgl. Ebd.: 34).

Er fügt dann eine weitere Dreiteilung von Walter Hinck an. Dieser führt eine Unterteilung in produktions-, werk-, und rezeptionsästhetische Schwerpunkte durch, in der die „Dreiheit von Autor, Werk, Adressat wie die Funktion des Lesers und die Wirkungs- und Überlebensmöglichkeit des literarischen Werkes reflektiert wird. (Hinck: 1978, 106).“ (Vgl. Göschl 2009: 34) Hinck beschreibt daspoetologische Gedichtals ein lyrisches Manifest des Dichters in dem sich die Dichtung selbst ausweist (vgl. Ebd.: 34). Diesen Sachverhalt werden wir an späterer Stelle auch bei Montale feststellen können. Die Entstehung derartiger Gedichte verbindet Hinck mit einem Offenbarungsbedürfnis des Autors, die in der Lyrik ein Medium finden, um über ihr eigenes Selbstverständnis sprechen zu können.

Trotz dieser recht „jungen“ Untersuchungen weist die Begriffsbestimmung bereits Kontroversen auf. Einige enge Definitionen beschreiben diese Form der Lyrik als auf sich selbst beziehend. Andere Definitionen verstehen darunter das Sprechen über die Lyrik. Göschl beschreibt anschließend weitere kontroverse Aussagen anderer Autoren, die hier nicht weiter vertieft werden sollen, um den Rahmen der Arbeit nicht unnötig ausschweifen zu lassen. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass jedes metalyrische Gedicht in erster Linie auch als ein Gedicht zu verstehen ist und sollte erst in zweiter Linie auf sich selbst bezogen werden, so die Aufforderung Göschls (Vgl. Ebd.: 35).

Natürlich grenzen sich die beiden Begriffe auch voneinander ab. Somit wirkt der Begriff derMetalyrikontologisch strenger, während sich diepoetologische Lyrikauf die Texte beschränkt, die sich über die Lyrik äußern, d. h von ihr explizit sprechen. Der Schwerpunkt liegt hierbei also auf der thematischen Auseinandersetzung mit der Lyrik. DieMetalyrikstellt hingegen die ontologische Differenz zur Lyrik in den Vordergrund. Göschl schlussfolgert, dass dieMetalyrikals Sammelbegriff für die Lyrik herangezogen werden kann, die ihren Schwerpunkt

auf der Thematisierung einer eng ausgelegten lyrischen Autoreferenz hat. Poetologische Lyrikkann als Sammelbegriff für all diejenige Lyrik herangezogen werden, die ihren Schwerpunkt auf der Thematisierung einer breiter gefassten Reflexion über Lyrik legt (vgl. Ebd.: 36f).

Auch wenn es Überschneidungen bei den Begrifflichkeiten zu geben scheint, fordert Göschl, dass dieMetalyrikdahingehend verstanden wird, dass in der Lyrik eine starke ontologische Autoreferentialität vorliegt. Diepoetologische Lyriksollte somit vielmehr mit der thematischen Hinwendung der Dichtung zur Lyrik verstanden werden, auch wenn es oftmals nicht offensichtlich ist, ob es sich dabei um ein metalyrisches oder poetologisches Gedicht handelt. Denn oft genügt schon eine Anmerkung, die den Charakter des Gedichts in eine andere Richtung lenken kann, so dass ein Gedicht einen metalyrischen Charakter dem zuvor ausgemachten poetologischen entgegenstellt oder sogar ersetzt (Vgl. Ebd.: 37). Aus diesem Grund sieht sich Göschl dazu veranlasst den Begriff dermetalyrischen Aussagevorzustellen.

Es wird zwischendirektenundindirekten metalyrischen Aussagenunterschieden. Indirekte metalyrische Aussagen vermitteln ihren Inhalt durch Integration metaphorischer Elemente. Direkte metalyrische Aussagen hingegen vermitteln ihre Inhalte „durch die offen gelegte explizite Anführung metalyrischer Signalwörter (wiepoeta,poesia,verso…).“ (Vgl. Ebd.: 54)

Die Analyse indirekt vermittelter Metalyrik erscheint aus drei Gründen notwendig und sinnvoll. Erstens kann nur durch eine profunde Kenntnis kulturell tradierter poetologischer Metaphorik ein Gedicht auch ohne explizite metalyrische Signale als ein poetologisches Gedicht erkannt werden. Zweitens bietet eine Analyse der poetologischen Metaphernbereiche eine Grundlage für eine qualitative Systematik poetologischer Selbstdarstellung. Drittens zeigt sich anhand der Analyse metalyrischer Metaphorik die selbst wahrgenommene und bewertete Relation der Lyrik zu ihrer inter- und transtextuellen Umwelt. (Vgl. Ebd.: 54)

Bei der Analyse poetologischer Metaphern können Bildfelder herangezogen werden. Göschl zählt hierzu den Mythos, die Religion, die Kunst, das Handwerk und die Flora und Fauna (Vgl. Göschl 2009: 54). Da sich die nachfolgende Arbeit mit dem Gedicht „Non chiederci la parola“ beschäftigen wird, soll an dieser Stelle die Darstellung der Flora und Fauna in den Vordergrund rücken und die Besprechung der anderen Bildfelder keine weitere Erwähnung finden.

Unter das Bildfeld der Flora und Fauna lassen sich im Blick auf das vorliegende Gedicht Blumen, Bäume, Vögel, Schmetterlinge und Zikaden sowie das Feuer betrachten. Da in dem Gedicht „Non chiederci la parola“ der Krokus eine besondere Rolle erfährt, wollen wir uns an dieser Stelle dem Bildfeld der Blumen zuwenden.

Die Blume ist in der italienischen bzw. europäischen Lyrik ein gesellschaftlich verankertes Symbol der Liebe, „allerdings hat der BildspenderBlumedurchaus die Fähigkeit, diese enge Beziehung zur Liebe aufzulockern, und durch andere Bildempfänger zu ersetzen.“ (Vgl. Ebd.: 78) Eine Untersuchung von Ida Hackenbroch zur poetologischen Blume beginnt bei Apollinaire und Baudelaire. Einen italienischen Nachweis zur vermutlich erstmaligen bzw. frühen Verwendung der poetologischen Blume sieht sie bei Tasso „Mentre fiori in Parnaso e versi io colgo“. Hier wird das Versschreiben mit dem Blumenpflücken in Verbindung gesetzt. Dennoch beschreibt Göschl, dass das Bild der Blume erst vermehrt im Novecento auftritt (Vgl. Ebd.: 80). Die Blume ist aus poetologischer Sicht oftmals dort anzutreffen,

wo sich die Lyrik positiv konnotieren will und das Gewicht der Bildlichkeit auf das Wachstum des Gedichts legt. […] Jedes Bild der Blume kann in der poetologischen Lyrik sowohl als authentischer Bildspender gelesen werden als auch als intertextueller Verweis auf all diejenigen Autoren, die gerne von Blumen sprechen und sprachen. Diese beiden Ebenen zu trennen ist in den meisten Bereichen sehr schwierig. (Vgl. Göschl 2009: 81)

3 Eugenio Montale: Sprache, Motive, Autorenbild

Come sottolinea Jacomuzzi (1968, p. 149), il discorso di Montale non riguarda solo un problema di stile, ma anche un’idea della funzione e possibilità della lingua, nella quale entra in gioco la crisi del concetto di realtà […]. (Vgl. Arvigo 2001: 84)

Eugenio Montale ist laut Giuseppe Petronio durch Vocianer, Futuristen, französische Symbolisten und der Kultur und Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt gewesen (Vgl. Petronio 1993: 235). Das Interesse der Leserschaft verlagerte sich im 20. Jahrhundert jedoch von der Lyrik auf die Erzählliteratur. Aus diesem Grund war es nicht verwunderlich, dass die Dichter eine gewisse Außenseiterrolle einnahmen. Sie verachteten unter Umständen den einfachen Leser und vergrößerten durch ihre experimentellen Schreibweisen und den stärker werdenden Hermetismus den Abstand zu ihrem Publikum. Auch Eugenio Montale wurde als Hermetiker verstanden und ihm wurde Intellektualismus und Unverständlichkeit vorgeworfen. In der Zeit des Faschismus war eine andere Schreibweise aufgrund der politischen Ideologie kaum vorstellbar, außer die Autoren befürworteten das herrschende Regime. So drückte die Lyrik in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen zwar Hoffnung oder Verzweiflung aus, aber oftmals war dies nur möglich, indem in verschlüsselter und politisch ungefährlicher Weise die Gedichte verfasst wurden. Somit wurden diese Werke oftmals nur einem bestimmten Adressaten zugänglich gemacht (Vgl. Ebd.: 228).

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Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656627807
ISBN (Buch)
9783656627791
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270899
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
Eugenio Eugenio Montale Non chiederci la parola non chiederci Montale E. Montale

Autor

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