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Pferde und Reiten als heilpädagogisches Medium bei verhaltensauffälligen Kindern

Hausarbeit 2013 10 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen des Heilpädagogischen Reitens
2.1 Der Unterschied zwischen Reiten als Reitsport und Heilpädagogischem Reiten
2.1.1 Reiten als Reitsport
2.1.2 Heilpädagogisches Reiten
2.1.3 Voraussetzungen eines Therapiepferdes

3. Begriffserklärung
3.1 Heilpädagogik
3.2 Verhaltensauffälligkeit
3.3 Verhaltensstörung

4. Das Pferd als Medium

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit meinem neunten Lebensjahr gehören Pferde und das Reiten als ein wichtiger Bestandteil zu meinem Leben. Als pferdenärrisches Mädchen war ich sehr auf Pferde fokussiert, weshalb ich auch in meiner restlichen freien Zeit mich damit beschäftigte. Pferdebücher sowie -zeitschriften waren ein völliges Muss für mich, um mein Wissen stetig zu erweitern. Meine Begeisterung für diese faszinierenden Geschöpfe ist und bleibt fest in mir verwurzelt. Sie geben mir Kraft und Selbstsicherheit und sorgen nach einem anstrengenden Tag für die nötige Ruhe und Entspannung. Ein Leben ohne Pferde? Für mich undenkbar!

Im Februar 2013 hospitierte ich deshalb auf dem Sonnenhof in Messel, um dort die Heilpädagogische Arbeit mit Pferden näher kennen zu lernen. Die Arbeit war sehr beeindruckend für mich, da sich vor allem bei Therapiemüdigkeit, so sagte es meine Anleiterin, pferdeinteressierte Menschen sich den Tieren eher öffnen. Die Arbeit war sehr interessant, auch weil ich es als Möglichkeit sehe, Beruf und Hobby zu verbinden.

Die Geschichte der Pferde ist eng mit der Geschichte der Menschen verbunden. Die Domestizierung des Pferdes erfolgte vor mehr als fünftausend Jahren, die die Nutzung des Pferdes als Haustier überhaupt ermöglichte.

Schon in der griechischen Mythologie spielte das Pferd eine zentrale Rolle, da man beispielsweise glaubte, dass der geflügelte Pegasos die Sonne über den Himmel zieht.1

Anfangs diente das Pferd als Nahrungsmittel und dessen Fell zu Herstellung von Kleidern. Aufgrund des Fluchtinstinktes und der Schnelligkeit gestaltete sich die Jagd als sehr aufwendig, weshalb Normadenstämme die Tiere in eingezäunten Gebieten hielten. Bei der Haltung und Beobachtung der Tiere wurde die Friedfertigkeit und Gutmütigkeit erkannt. Aufgrund dessen erfüllten die Pferde andere Aufgaben, wie die als Lastenträger und später die Rolle als Reittier.2 Der vielfältige Nutzungswandel setzte sich dann in der Agrarlandschaft fort, in der die Pferde „… vor Wagen und Pflug zum Helfer des Bauern und damit zum Sinnbild von Kraft und Ausdauer“ wurden, da sie Rindern in Stunden- bzw. Tagesleistung weit überlegen waren.3

Kleinere Ponys, sogenannte Shetlandponys, kamen in den Bergwerken zum Einsatz, um die Kohlewagen zu ziehen.4

Auch als Kriegsgefährte diente das Pferd dem Menschen, wie zahlreiche Reiterdenkmäler beweisen.

Doch seit der Industrialisierung, die Erfindung der Eisenbahn sowie des Motors hat das Pferd die Rolle als Transport- sowie Nutztier weitestgehend verloren.

Heutzutage dient das Pferd eher als Hobby und Freiseitgestaltung oder es wird im Pferdesport als Renn-, Spring- oder Dressurpferd eingesetzt.

2. Theoretische Grundlagen des Heilpädagogischen Reitens

2.1 Der Unterschied zwischen Reiten als Reitsport und Heilpädagogischem Reiten

2.1.1 Reiten als Reitsport

Reiten als Reitsport untergliedert sich in verschiedene Teildisziplinen:

Dressurreiten, Rennreiten, Springreiten, Vielseitigkeitsreiten, Voltigieren, Westernreiten, Fahren, Freizeitreiten und Jagdreiten.

Die Grundlage für alle Bereiche des Reitens ist das Dressurreiten.

Dressurreiten bedeutet die Gymnastizierung des Pferdes bis zur höchsten Entfaltung der Bewegungen. Die Dressuraufgaben entsprechen natürlichen Bewegungen, die Hengste beispielsweise bei der Umwerbung einer Stute zeigen. Dabei soll das Pferd unter dem Sattel seine natürlichen Gangarten erhalten. Die Grundausbildung enthält sechs Punkte: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten, Versammlung. Ein gleichmäßiger Takt bedeutet die gleichmäßigen Gangarten des Pferdes, während Losgelassenheit die Entspannung des Pferdes meint. Anlehnung ist die stetige Verbindung der Reiterhand zum Pferdemaul, das heißt, das Pferd ist aufmerksam und sensibel für mögliche Hilfen des Reiters. Es soll mit der Hinterhand kraftvoll abfußen und nicht schleppend vorangehen. Dies bezeichnet man als Schwung. Die natürliche Schiefe des Pferdes soll durch vermehrtes Reiten von Biegungen ausgeglichen und vermindert werden. Das Pferd wird dadurch gerade gerichtet. Versammlung hingegen bedeutet, dass das Genick des Pferdes die höchste Stelle bildet und seine Nase sich kurz vor der Senkrechten befindet. Außerdem tritt es in versammelter Haltung mit den Hinterbeinen vermehrt unter.5 Das Ziel der Ausbildung von Pferd und Reiter besteht in einem harmonischen Miteinander, bei dem die Hilfen für den Außenstehenden kaum wahrnehmbar sind.

2.1.2 Heilpädagogisches Reiten

Das Heilpädagogische Reiten ist eine Teildisziplin der Heilpädagogischen Arbeit mit Pferden, auch Therapeutisches Reiten genannt, die neben der Hippotherapie sowie Sport für Menschen mit Behinderungen existiert.

Die Hippotherapie zählt zum Medizinischen Bereich, in dem eine krankengymnastische Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage mit Hilfe vom Pferd (griech. Hippos=Pferd, Therapeia“= Therapie, Behandlung) verordnet wird. Das Pferd als Übungspartner unterstützt die krankengymnastische Behandlung.

Zuallererst ist das Pferd ein Sportkamerad für alle Menschen, weshalb es die Möglichkeit für Menschen mit Behinderungen gibt, gemeinsam mit Nichtbehinderten Menschen den gleichen Sport auszuüben, um ebenso einen Leistungssport zu betreiben. Deshalb zählt das Reiten als Sport für Menschen mit Behinderungen zum Sportbereich.

Allerdings sind kompensatorische Hilfsmittel vorgesehen, um die fehlenden, verkümmerten oder verwachsenen Gliedmaßen zu ersetzen.6

Der Arbeitskreis Heilpädagogisches Voltigieren/ Reiten, der sich innerhalb des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten um die Weiterentwicklung bemüht, definiert Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren so: Unter der Bezeichnung heilpädagogisches Voltigieren/ Reiten werden pädagogische, psychologische, psychotherapeutische, rehabilitative und soziointegrative Angebote mit Hilfe des Pferdes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit verschiedenen Behinderungen oder Störungen zusammengefasst. Dabei steht nicht die reitsportliche Ausbildung, sondern die individuelle Förderung über das Medium Pferd im Vordergrund, d.h. vor allem eine günstige Beeinflussung der Motorik, der Wahrnehmung, des Lernens, des Befindens und des Verhaltens.7 Das Pferd als Medium hilft den Reitpädagog/Innen, eine vertrauensvolle Basis zu den Klient/Innen aufzubauen. Die Absicht des Heilpädagogischen Reitens ist zudem, dass die Klient/Innen sich ein Handlungskonzept für den Umgang, zunächst beispielhaft mit dem Pferd, erarbeitet, um dies später auf den Umgang mit Menschen übertragen zu können.8

Heilpädagogisches Reiten fordert und fördert nicht nur den motorische Bereich, sondern auch den emotional-sozialen Bereich sowie den kognitiven Bereich. In Verbindung mit dem Pferd lernt der Klient/die Klientin gegenseitige Akzeptanz, Authentizität und Wertschätzung dem Pferd, dem Reitpädagogen/der Reitpädagogin und sich selbst gegenüber.

Aufgrund dessen ist Heilpädagogisches Reiten ein ganzheitlicher Therapieansatz, aber auch weil neben dem Reiten die Stallarbeit und Fellpflege ebenso im Blickpunkt steht.

Im Gegensatz zum Reiten als Reitsport ist das Heilpädagogische Reiten kein Leistungssport und eifert keinem sportlichen Aspekt nach, denn viel mehr steht die individuelle Förderung im Vordergrund.

Beim Heilpädagogischen Reiten wird außerdem situationsbezogen und prozesshaft vorgegangen. Das Kind handelt seiner Entwicklung gemäß und ihm wird auch die benötigte Entwicklungszeit eingeräumt. Es gibt demnach keinen Leistungsdruck, wie er in den Schulen vorherrscht.9

2.1.3. Voraussetzungen eines Therapiepferdes

Ein Therapiepferd ist im Gegensatz zum Pferd im Reitsport kein leistungsgezüchtetes Pferd oder unbedingt ein Rassepferd. Rennpferde beispielsweise sind extrem teure Rassepferde mit Herkunftspapieren über mehrere Generationen hinweg, welche aber aufgrund ihres Vollblutanteils sehr nervös sowie unberechenbar sind und sich rein körperlich nicht als Therapiepferd eignen würden. Daher ist ein Quadratpferd mit breitem und stabilen Rücken, bei dem Widerristhöhe und Rumpflänge etwa gleich sind, ideal. Es sollte nicht über 1,60m Stockmaß haben, damit der Kontakt zwischen den Klient/Innen und Reitpädagog/Innen nicht allzu distanziert wird. Das Pferd muss von sich aus weiche Gänge besitzen, um die ungeübten Klient/Innen nicht durch zu harte Bewegungen aus dem Sattel zu werfen.

Allerdings steht nicht unbedingt das Exterieur im Vordergrund, sondern eher der Charakter eines Therapiepferde, denn es muss auf alle Fälle zuverlässig, nervenstark, menschenfreundlich und vielseitig sein.

3. Begriffserklärungen

3.1 Heilpädagogik

Da der Begriff der Heilpädagogik für das Thema Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren von großer Bedeutung ist, wird der Begriff im Folgenden genauer erläutert. Heilpädagogik wird häufig als Synonym zu den Begriffen Orthopädagogik, Spezialpädagogik, Sonderpädagogik, Behindertenpädagogik und Rehabilitationspädagogik verwendet.10

Zurzeit definiert der DBSH (Deutscher Bund für Soziale Arbeit e.V.) Heilpädagogik so: „Heilpädagogik wird definiert, als Theorie und Praxis der Erziehung und Förderung all jener, deren Personalisation und Sozialisation unter erschwerten Bedingungen erfolgt. Häufig wird auch von Beeinträchtigungen im körperlichen, psychischen, sozialen und geistigen Bereich gesprochen, die leichter, schwerer oder vorübergehender Art sind, und die die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen erschweren können.“11

3.2 Verhaltensauffälligkeiten

Um verhaltensauffällige Kinder zu „definieren“, werden momentan zwei Oberbegriffe geprägt. Verhaltensauffälligkeit und Verhaltensstörung. Hierbei ist der Begriff der Verhaltensauffälligkeit als Oberbegriff für eine wissenschaftliche und auch alltägliche Anwendung unpassend. Die Gründe dafür werden im Folgenden erläutert. Die Begriffsbestimmung der Verhaltensstörung ist irreführend und ungenau. Da man bei dem Wortgebrauch „Auffälligkeit“ meist automatisch von einem negativen Merkmal ausgeht, besonders wenn es um die Begriffsbestimmung von „Verhaltensauffälligkeit“ geht.

Eine Unterscheidung von positiver und negativer Verhaltensauffälligkeit ist notwendig, die in dieser Auslegung jedoch nicht gegeben ist.

Demnach gibt es durchaus Kinder, welche in ihrem Verhalten „auffällig“ sind aber dennoch keine Schwierigkeiten mit sich selbst und/oder der Umwelt haben. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise besonders talentierte oder hochbegabte Kinder zu nennen. Weiterhin gibt es Problemstellungen mit resignativen, ängstlichen, gehemmten oder regressiven Erscheinungsformen, die eine Förderung benötigen, aber in ihrem Verhalten nicht auffällig sind. Letztendlich ist jeder Mensch ab und an in seinem Verhalten auffällig, wenn er übermüdet, überarbeitet, angetrunken, gestresst o.ä. ist. Daher ist der Begriff „Verhaltensauffälligkeit“ nicht aussagekräftig und prägnant genug, die Probleme und Schwierigkeiten der Kinder und Jugendlichen zu kennzeichnen.12

3.2 Verhaltensstörungen

In den letzten Jahren wurden die unterschiedlichsten Bezeichnungen für Kinder und Jugendliche verwendet, die Schwierigkeiten mit sich (selbst) oder im Umgang mit der Umwelt haben bzw., die ihrer Umwelt Probleme bereiten. Es entstanden Begriffe wie z. B. entwicklungsgehemmt, entwicklungsgestört, fehlentwickelt, integrationsbehindert, neurotisch, psychopathisch, schwererziehbar, schwersterziehbar, verwahrlost, etc. Seit ca. 1960 hat sich die Bezeichnung Verhaltensstörung mehr und mehr durchgesetzt, da sie die Problematik relativ verständlich ausdrückt und außerdem interdisziplinär verwendet wird bzw. werden kann. 1950 wurde der Begriff auf dem ersten Weltkongress für Psychiatrie in Paris geprägt, als Oberbegriff für alle ÄAbwegigkeiten und Handlungen und Haltungen von den einfachsten ‚Ungezogenheiten’, dem Ungehorsam, dem Jähzorn, den Tics, den Ess- und Schlafstörungen bis zu den schwersten Formen der Verwahrlosung und Kriminalität“.13

Im Laufe der Zeit ist eine Eingrenzung dieser Auslegung nötig geworden. Es muss die Tatsache verdeutlicht werden, dass es sich hierbei nicht um ein gewolltes und willkürliches Verhalten handelt, um seinen Willen durchzusetzen. Denn die Betroffenen werden fast ununterbrochen, von unterschiedlichen Bedingungen in verschiedenen Situationen überreizt bzw. überströmt. Das bedeutet, wenn ein Kind zeitweise ungezogen oder unartig ist, kann man nicht von einer Verhaltensstörung sprechen.

In diesem Zusammenhang möchte ich kurz auf den Begriff „Störung“ eingehen. Von einer Störung, in Bezug auf das Verhalten, kann ausgegangen werden, wenn die Gefahr einer Beeinträchtigung des individuellen und sozialen Lebens auf lange Sicht besteht und es voraussichtlich zur Nichterreichung von Mündigkeit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung kommen kann bzw. kommen könnte. Es besteht bei einer Störung allerdings auch die Möglichkeit die Störfaktoren zu eliminieren und damit die Beeinträchtigung aufzuheben. Um eine geeignete Definition für Verhaltensstörung zu finden, muss weiterhin darauf verwiesen werden, dass sich der Mensch sein gesamtes Leben lang verhält, dass man also nicht von einem gestörten Verhalten reden kann, sondern von einer Abweichung von einer qualitativen oder quantitativen Norm.

[...]


1 Vgl Basche, A., 1984, S.14

2 Vgl Giebel, 2003, S. 104.

3 Nobis,G., 2000, S.9

4 Vgl. McBane, Douglas-Cooper, 1999, S. 11

5 Vgl Albrecht,2000, S.352-362

6 Vgl Von Dietze, 2000, S.344ff

7 Vgl Schulz, 2005, S.18, a

8 vgl. Kröger, 2005, S.52, b

9 vgl. Pietrzak, 2001, S.34

10 Vgl Klein, Meinertz & Kausen, 1999, S.21

11 Vgl DBSH, 2013

12 Vgl Myschker, 2002, S.45ff

13 Wiesenhüter 1964, 138 zit. In Myschker 2002, 42

Details

Seiten
10
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656627210
ISBN (Buch)
9783656627173
Dateigröße
937 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271045
Institution / Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
1,3
Schlagworte
pferde reiten medium kindern

Autor

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