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Kriterien einer guten inklusiven Schule im Grundschulbereich

Criteria for a good inclusion in primary education

Masterarbeit 2012 82 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung
2.1 Behinderung
2.2 Extinktion
2.3 Exklusion
2.4 Separation
2.5 Integration
2.6 Inklusion
2.7 Vergleich Integration und Inklusion
2.8 Inklusive Schule
2.9 Gute Schule
2.10 Gute inklusive Schule
2.11 Schulhelfer
2.12 Zielgleich
2.13 Zieldifferent

3 Warum überhaupt Inklusion
3.1 Vorteile der Inklusion
3.2 Nachteile oder Probleme der Inklusion

4 Beispiele „funktionierender“ inklusiver Schulen
4.1 Beispiele in Deutschland
4.1.1 Waldschule Flensburg
4.1.2 Saarbrücker Grundschule am Ordensgut
4.1.3 Freie Ganztagsgrundschule SteinMalEins
4.1.4 Regine-Hildebrandt-Schule Birkenwerder
4.1.5 Montessori-Schule Borken
4.1.6 Gemeinschaftsgrundschule Brückenstraße, Eitorf
4.1.7 Gemeinschaftsgrundschule Wolperath-Schönau
4.1.8 Michaeli-Schule Köln (Freie Waldorfschule)
4.1.9 Sophie-Scholl-Schule Gießen
4.1.10 Grundschule Berg Fidel Münster
4.1.11 Clara-Grunwald-Schule Hamburg
4.1.12 Heinrich-Zille-Grundschule Berlin
4.1.13 Montessori-Gesamtschule Potsdam
4.1.14 Integrative Waldorfschule Emmerdingen
4.1.15 Gemeinschaftsgrundschule Pannesheide Herzogenrath
4.2 Zusammenfassung typischer Eigenschaften von inklusiven Schulen ...
4.3 Besonderheiten inklusiver Schulen

5 Was fehlt Schulen, wo Inklusion nicht funktioniert?
5.1 Was ist die Begründung, dass es nicht funktioniert?
5.2 Was wird für die Inklusion an Schulen gewünscht?
5.3 Kriterien für eine gute inklusive Schule
5.3.1 Schulkultur
5.3.2 Leitung
5.3.3 Strukturen
5.4 Zusammengefasste Kriterien für eine gute inklusive Schule

6 Ausblick

7 Fazit

8 Literatur
8.1 Quellen
8.2 Sonstiges

9 Anhang
9.1 Inklusion kann an meiner Schule nicht funktionieren, weil
9.2 Wünsche zur Inklusion-Thread

1 Einleitung

Man muss nur eine Kleinigkeitändern: alles! “ sagte der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung Vernor Muñoz Villalobos zur Inklusion.1 Muss man wirklich alles ändern? Das Thema meiner Arbeit beinhaltet die Fragestellung, was Grundschulen fehlt, in denen Inklusion nicht funktioniert.

Unterscheiden sie sich mit ihren Merkmalen von Merkmalen der Schulen, an denen Inklusion scheinbar nicht funktioniert bzw. von vorneherein auf Grund der fehlenden Rahmenbedingungen abgelehnt wird? Stellt es sich aber nicht eigentlich anders dar?

Unbekanntes macht Angst. Bekanntes gibt Sicherheit.2

Liest man dieses Zitat, könnte man dann nicht vermuten, dass die Begründung der fehlenden Rahmenbedingungen nur eine Ausrede ist?

Frau Professor Dr. Jutta Schroeder sagte in ihrem Vortrag auf dem landesweiten Integrationstag in Thüringen im März 2012: „ Wer das gemeinsame Lernen will, findet Wege und wagt erste Schritte. Wer das gemeinsame Lernen nicht will, findet Gründe, dass es nicht geht.3

Könnte diese Aussage wahr sein? Sind dies alles nur vorgeschobene Gründe? Diese Fragestellung will ich in meiner Arbeit klären.

Meine Arbeit beschäftigt sich exemplarisch mit einem kleinen Ausschnitt der Inklusion, der Inklusion von Kindern mit Behinderung, da der von mir gewählte Teil momentan der am stärksten diskutierte Teil der Inklusion ist. Auf die anderen Beeinträchtigungen (vgl. dazu Kapitel 2.1), die bei der Inklusion auch relevant sind (vgl. dazu Kapitel 2.6), gehe ich nicht genauer ein, da dies den Umfang der Arbeit sprengen würde.

Um die oben genannte Fragestellung klären zu können, gehe ich folgendermaßen vor: Am Anfang der Arbeit kläre ich in Kapitel 2 wichtige Begriffe, deren Definition in der Literatur variiert, um ihre Verwendung in dieser Arbeit klarzustellen. Danach zeige ich im dritten Kapitel die Vor- und Nachteile der Inklusion auf. Anschließend trage ich im vierten Kapitel zusammen, welche Merkmale Grundschulen oder generell Schulen mit funktionierender Inklusion auszeichnen. Dazu stelle ich einige Schulen und ihre Eigenschaften in einem Kurzporträt vor. Als nächstes fasse ich die Eigenschaften der Schulen zusammen, um sie mit anderen Schulen vergleichen zu können und daraus die Kriterien einer guten inklusiven Schule herausarbeiten zu können. Eventuelle Besonderheiten von inklusiven Schulen werden abschließend in diesem Kapitel aufgezeigt. Unterscheiden sich diese von den Merkmalen der Schulen, an denen Inklusion nicht funktioniert? Ich untersuche nun im fünften Kapitel, was Schulen fehlt, an denen Inklusion nicht funktioniert. Dazu stelle ich Begründungen von Lehrern in Kapitel 5.1 zusammen, warum Inklusion an ihrer Schule nicht funktionieren kann. Als nächstes fasse ich die Wünsche von Lehrern in Kapitel 5.2 zusammen und entwickle als letzten und hauptsächlichen Abschnitt der Arbeit aus den Eigenschaften und Besonderheiten der inklusiven Schulen dann in Kapitel 5.3 die Kriterien, die eine gute inklusive Schule ausmachen. Im Ausblick zeige ich die notwendigen Veränderungen am Schulsystem für die Entstehung von vielen guten inklusiven Schulen auf, die also nicht in der Hand von den Schulen liegen, sondern von höheren Ebenen verändert werden müssen. Abschließend ziehe ich in einem Fazit noch Rückschlüsse, was die Kriterien einer guten inklusiven Schule für die Inklusion bedeuten. Die originalen Wünsche und Begründungen der Lehrer sind wortwörtlich und originalgetreu ohne Korrekturen meinerseits im Anhang dieser Arbeit zu finden.

Noch eine zusätzliche Vorbemerkung zu dieser Arbeit: Einige Begriffe werden in dieser Arbeit nur in männlicher Form verwendet, beziehen sich aber sowohl auf die männliche als auch die weibliche Form und werden nur aus Gründen der Übersichtlichkeit ausschließlich in männlicher Form verwendet.

2 Begriffsklärung

Da einige Begriffe zum Thema Inklusion und Integration in der Literatur unterschiedlich verwendet werden, möchte ich zunächst einmal klarstellen, wie die Begriffe in dieser Arbeit verwendet werden. Dazu präsentiere ich einige Definitionen und fasse anschließend die Definition für mich zusammen, damit der Leser ein eindeutiges Bild davon hat, was ich als Autor darunter verstehe. So werden z. B. die Begriffe Integration und Inklusion hier nicht, wie in manch anderer Literatur üblich, synonym verwendet. Zusätzlich erläutere ich Begriffe, die eine große Bedeutung im Zusammenhang mit meiner Arbeit haben, damit auch diese Abschnitte für den Leser verständlich sind.

2.1 Behinderung

Menschen können unterschiedliche Behinderungen körperlicher oder geistiger Natur haben. Der Begriff Behinderung ist aber sehr oft negativ belegt: So wird „behindert“ oft als Schimpfwort genutzt, weshalb ich diese defizitäre Formulierung nicht verwenden, sondern von nun an stattdessen von Menschen mit Beeinträchtigungen reden möchte. Diese Menschen sind in meinen Augen genauso Menschen wie wir alle und haben auch die gleichen Rechte, die schon das Grundgesetz (Artikel 3) regelt. Deshalb wird in Zitaten dieser Begriff von mir bei jedem Vorkommen in Anführungszeichen gesetzt.

2.2 Extinktion

Bei der Extinktion haben Kinder oder Menschen mit Beeinträchtigungen gar keine Rechte.4

2.3 Exklusion

Bei der Exklusion haben Menschen mit Beeinträchtigung (Hier werden sie als bunte Punkte dargestellt, die roten Punkte sind Menschen ohne erkennbare Beeinträchtigungen. Der große Kreis kennzeichnet das Regelschulsystem.) das Recht auf Leben.5 Aus dem System der Bildung und Erziehung werden sie aber ausgeschlossen.6

Abbildung 1: Exklusion7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4 Separation

Bei der Separation haben Menschen mit Beeinträchtigungen das Recht auf Bildung.8 Diese Bildung erfolgt aber außerhalb des Regelschulsystems in so genannten Sonderschulen (Das Sonderschulsystem wird hier als kleiner Kreis dargestellt.) separat für die Kinder mit Beeinträchtigung.9 Sie werden also an der vollen Teilhabe an der Bildung gehindert und ausgesondert.10

Abbildung 2: Separation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.5 Integration

Der Begriff Integration kommt aus dem Lateinischen von integer, was ganz bzw. vollständig bedeutet. Integratio heißt dann übersetzt: Herstellen eines Ganzen. Bei der Integration gibt es somit ein starres System, in das das Individuum integriert wird, ohne dass sich das System verändert. Im Schulbereich bedeutet dies also, dass der Schüler den Anforderungen, die an ihn gestellt werden, gerecht werden muss.11 Bei der Integration haben Kinder und Menschen mit Beeinträchtigungen ein Recht auf Gemeinsamkeit und Teilhabe.12 Teilhabe bedeutet in diesem Zusammenhang ein gemeinsames Lernen und eine Zusammenarbeit im gemeinsamen Lernprozess.

Hierbei geht es dann um die Wahrnehmung, Akzeptanz und Wertschätzung eines jeden.13

Wocken weist darauf hin, dass die Integration „Behinderungen“ produziert, gerade im Bereich der „Lernbehinderung“, da oft nur pro Kopf von Kinder mit „Behinderung“ der Schule Förderstunden zustehen.14 Daher bietet sich die Sonderpädagogische Grundausstattung für die Regelschulen an, da dort pauschal Förderstunden pro Klasse zur Verfügung stehen. Zusätzlich verpflichten sich diese Schulen in der Regel aber dazu, niemanden mit einer Lern-, „Sprachbehinderung“ oder einer Verhaltensstörung an Sonder- oder Förderschulen (die Begrifflichkeiten dazu variieren auch je nach Bundesland und Land) zu überweisen.

In der Praxis ist Integration nach Barkowsky eher ein räumliches Bei- und Nebeneinander und hat sich als Begriff „abgenutzt“, zumal viele leere Versprechungen damit verbunden sind.15

In dieser Arbeit wird die Integration somit häufig als der momentane Zustand in vielen Schulen16 gesehen, wo das Kind sich an die Institution Schule anpassen muss und von außen in eine Gruppe integriert wird.

Abbildung 3: Integration17

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.6 Inklusion

Inklusion kommt aus dem Lateinischen, von includo und heißt einschließen, einsperren und davon abgeleitet, inclusion, was Einschließung, Einsperrung bedeutet, was auf den ersten Blick nicht positiv besetzt klingt. Nach dieser Übersetzung bedeutet aber Inklusion, dass die Gesellschaft aus allen Individuen zusammengesetzt ist und es kein Innen und Außen gibt18 und somit auch keine ZweiKlassen-Gesellschaft. In der Inklusion hat das Kind bzw. der Mensch mit Beeinträchtigungen das Recht auf Selbstbestimmung und Gleichheit.19 Somit ist die Inklusion im Bildungsbereich der Versuch, alle Barrieren in Bildung und Erziehung für alle Schüler auf ein Minimum zu reduzieren.20

Somit geht nach Leiprecht die Inklusion von dem Kind und dessen Bedürfnissen und Besonderheiten aus. Sie ist eine Antwort auf die Vielfalt Aller und lässt keine Aussonderung zu, weshalb sich hier im Gegensatz zu der Integration die Schule am Kind ausrichten muss.21 Daher ist die Inklusion nach Barkowsky eine individuumsund institutsorientierte Integration, die diese ersetzt und per Konzeption alle Kinder zu Mitgliedern der (Lern-) Gruppe werden lässt.22

Bei der Inklusion wird nach Anderlik jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft akzeptiert und als gleichwertig anerkannt. Jeder fühlt sich somit selbst als Person verantwortlich und bringt sich nach seinen Möglichkeiten in jeglicher Art ein. Die Inklusion beginnt also schon im Elternhaus und wird dann in Kindergarten, Schule und Hort fortgeführt.23

Nach dem Arbeitskreis Inklusion bedeutet Inklusion, dass alle Kinder in einer Gruppe sind, so dass die Heterogenität die Normalität ist und eine Aussonderung oder Ausgliederung ausgeschlossen ist.24

Hinz sagt, dass die Inklusion eine positive Zuwendung zur Heterogenität und zur Vielfalt ist und dabei alle Dimensionen der Heterogenität betrachtet werden müssen.

Zu ihnen gehören die unterschiedlichen Fähigkeiten, Geschlechter, Kulturen usw. Es kann somit keine Zwei-Gruppen-Theorie geben. In einer inklusiven Gesellschaft muss nicht nur die Schule ohne Diskriminierung und Aussonderung sein, sondern jegliches Miteinander. Somit ist Inklusion eine visionäre Dimension, die wohl nie vollkommen erreicht werden wird.25

Schneider beschreibt den Unterschied zwischen Integration und Inklusion folgendermaßen: „ Integration ist der Weg- Inklusion ist das Ziel! “ 26 Zusammenfassend bedeutet Inklusion für Schulen nach Wachtel, dass die Heterogenität der Schüler geschätzt und diese sogar im Unterricht sinnvoll eingesetzt wird. Jedem stehen dazu je nach Unterstützungsbedarf die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung. Jedes Kind ist eine eigenständige Persönlichkeit, und seine eigenen Kompetenzen und Lebensperspektiven werden ernst genommen. Die Inklusion bietet allen Beteiligten viele Möglichkeiten des Miteinanders, der Kommunikation und Kooperation an.27

So wie Wachtel Inklusion definiert, wird dieser Begriff auch in dieser Arbeit verwendet.

Abbildung 4: Inklusion

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.7 Vergleich Integration und Inklusion

Um die Unterschiede zwischen Inklusion und Integration noch einmal zu verdeutlichen, möchte ich hier eine kurze Gegenüberstellung vornehmen. Bei der Integration werden nur Kinder mit bestimmtem Förderbedarf in die allgemeine Schule eingegliedert und dort speziell gefördert, bei der Inklusion findet dagegen ein gemeinsames und individuelles Lernen und Leben für alle Kinder gemeinsam in der allgemeinen Schule statt. Die ist somit ein umfassendes System für alle Schüler, während bei der Integration ein differenziertes System je nach Schädigung vorhanden ist. Während bei der Inklusion von einer heterogenen Gruppe ausgegangen wird und das Selbstverständnis der Schule damit verändert wird, geht die Integration von einer Zwei-Gruppen-Theorie (beeinträchtigte und nicht beeinträchtigte Kinder) und somit der Aufnahme von beeinträchtigten Kindern in die allgemeine Schule aus. Somit stellt die Inklusion einen systemischen Ansatz dar, der von Ressourcen für das System und nicht von Ressourcen für die „etikettierten“ Schüler, wie der individuenzentrierte Ansatz der Integration, ausgeht. So gibt es in der auf die institutionelle Ebene fixierten Integration auch individuelle Curricula und Förderpläne für beeinträchtigte Schüler, während es in der Inklusion, die die emotionale, soziale und unterrichtliche Ebene beachtet, ein individualisiertes Curriculum für alle Schüler gibt und eine gemeinsame Planung und Reflexion durch alle Beteiligten. Der deutlichste Unterschied zeigt sich aber in der Unterstützung von Sonderpädagogen, die in der Integration nur als Unterstützung und zur Förderung für die beeinträchtigten, „etikettierten“ Schüler gedacht sind und zur Überprüfung durch den Experten, während in der Inklusion die sonderpädagogische Unterstützung für den Klassenlehrer, Fachlehrer und alle Schüler in Form von Teamarbeit und kollegialem Problemlösen gedacht ist.28

2.8 Inklusive Schule

Nach Höllrigl geht die inklusive Pädagogik und damit auch die inklusive Schule weiter als die integrative Schule: Während in der integrativen Schule die „aussortierten“ Kinder wieder eingegliedert werden, ist die inklusive Schule die Antwort auf die Vielfalt der Kinder.29

In einer inklusiven Schule sind alle Kinder willkommen. Es entsteht somit nach Wocken eine unausgelesene und ungeteilte Lerngruppe, die eine allgemeine Bildung nach ihren individuellen Vermögen und Bedürfnissen in vielfältigen Lernprozessen erhalten soll. Diese Lernprozesse bestehen aus gemeinsamen und differenzierten Lernsituationen, die unter Nutzung von förderlichen Ressourcen und ohne Barrieren auftreten. Von kooperierenden Pädagogen und sozialen Netzwerken bekommen die Kinder dabei Unterstützung.30

Heyer sagt dazu, dass aus diesem Grunde Inklusion im Kopf jedes Lehrers beginnt und damit jeder Lehrer jeden Schultag etwas für die Entwicklung einer inklusiven Schule tun kann.31

Denn nur wenn jeder Lehrer jeden Tag alle Kinder mit allen Stärken, Schwächen, Interessen, Hoffnungen, Beeinträchtigungen, Religionen, Weltanschauungen usw. willkommen heißt, haben wir nach Demmer ein inklusives Schulsystem. Dort haben alle Schüler die gleichen Chancen, es ist frei von Diskriminierung, es gibt keine selektiven Maßnahmen und die Schule ist am Menschen angepasst.32 Eine inklusive Schule ist nach Graf und Weigl eine Schule für alle Kinder. Dabei haben die Kinder unterschiedliche Voraussetzungen und Lebensbedingungen, die sie zum gemeinsamen Lernen mit in die Schule bringen. Die Vielfalt, die damit in der Gruppe entsteht, ist dabei eine Chance und Bereicherung für die Gruppe.33 Nach Schneider ist in einer inklusiven Schule die Heterogenität der Gruppe selbstverständlich und wird als Chance begriffen. Es muss in ihr ein Leben und Lernen aller Kinder ermöglicht werden und die Barrieren müssen möglichst abgebaut werden. Alle vorhandenen Ressourcen, wie z. B. zusätzliche Lehrkräfte, Förderstunden usw. werden für alle genutzt. Ein gemeinsames und individuelles Lernen und ein Unterricht am gemeinsamen Gegenstand soll allen ermöglicht werden. In einer inklusiven Schule ist die Teamarbeit selbstverständlich und auch zwingend notwendig. Es wird durch sie die Entwicklung der Werte, ein Aufbau der Gemeinschaft und eine Steigerung der Leistung aller betont. Eine inklusive Schule erkennt das Recht der wohnortnahen Beschulung an und bemüht sich um eine nachhaltige Beziehung zwischen Schule und Gemeinde, deshalb ist eine inklusive Schule auch nur ein Teil der Inklusion der Gesellschaft.34

Ich schließe mich in dieser Arbeit Schneiders Definition der inklusiven Schule an.

2.9 Gute Schule

An dieser Stelle wird es schon mit der Abgrenzung der Definition einer guten Schule schwierig. Was bedeutet in diesem Zusammenhang überhaupt Schule? Was macht eine gute Schule aus? Reicht dazu guter Unterricht?

Zusätzlich zum guten Unterricht muss eine gute Schule für mich als eine Einheit funktionieren, ein Team sein. Die Schule muss sich als eine Gemeinschaft verstehen, es muss ein angemessener Umgang zwischen Schülern und Lehrern bestehen. Eine gute Schule interessiert sich meiner Meinung nach für das Kind als Person, nicht nur für seine Leistungen.

Nach Klemm und Preuss-Lausitz besteht ein guter Unterricht aus klar strukturierten Unterrichtsprozessen und einem hohen Anteil an echter Lernzeit. Es sollten ein freundlich-anerkennender Lehrerstil und ein lernförderliches Klassenklima herrschen. Methodenvielfalt sollte genutzt werden und auf die individuelle Passung geachtet werden.35

Eine individuelle Passung entsteht durch differenziertes Unterrichtsmaterial, differenzierte Aufgabenstellungen und differenzierte Arbeitsorte. Die Lernumgebung muss nach Hanke am Schüler orientiert sein,36 es kann nach Inhalten bzw. nach individuellen Interessen differenziert werden. Der Umfang der Lernstoffe kann genauso wie das kognitive Niveau differenziert werden oder auch die zur Verfügung stehenden Lernhilfen können zu einer inneren Differenzierung führen.37 Um dies umsetzen zu können, werden mehrheitlich offene Unterrichtsformen benötigt.38 Um evtl. eine natürliche Differenzierung nutzen zu können, sollten die Aufgaben so offen sein, dass sie für alle Fähigkeitsniveaus etwas bieten.39

Um dies alles nutzen zu können, ist ein Lernen mit allen Sinnen und ein Lernen durch Handeln notwendig, genauso wie Wechsel zwischen den Sozialformen, ein kommunikatives Lernen und ein Lernen durch eine verstärkte Selbstbestimmung, d. h. einer Verantwortungsübergabe an die Schüler ist erwünscht. Teamarbeit soll nicht nur in separaten Räumen stattfinden, Zielvereinbarungen und Dokumentationen sowie Portfolios helfen bei der Bewertung der Leistungen der einzelnen Schüler.40 Dieser Definition nach Klemm, Hanke und Preuss-Lausitz schließe ich mich an. Wenn diese Merkmale aber alle erfüllt sind, dann sind wir eigentlich schon bei einer guten inklusiven Schule bzw. bei gutem gemeinsamen oder inklusiven Unterricht.

2.10 Gute inklusive Schule

Wie im vorherigen Abschnitt bereits angemerkt, steht hier die Definition eigentlich schon durch die gute Schule fest. Ergänzen möchte ich noch, dass noch einmal verstärkt in guten inklusiven Schulen auf den Abbau von Barrieren geachtet werden muss, gerade auch in baulicher Sicht. Das ist in einer guten Schule zumindest in diesem Bereich nicht notwendig, die Barrieren in anderen Bereichen, wie z. B. bei den Ressourcen usw. sollten dort schon abgebaut werden.

Eine Schulstation oder ein Schulsozialarbeiter helfen nach Preuss-Lausitz auch noch41, aber diese würden meiner Meinung nach in einer guten Schule sicherlich sehr hilfreich sein.

2.11 Schulhelfer

Auch hier werden viele Bezeichnungen synonym verwendet: Ein Schulhelfer wird auch als Integrationshelfer, Inklusionshelfer oder Schulbegleiter bezeichnet. Ein Schulhelfer ist ein persönlicher Assistent eines einzelnen Schülers, wenn dieser nicht alleine in der Lage ist, den Schulalltag zu bewältigen. Er ist für die praktische Hilfe zur Bewältigung des Schultages zuständig und wird nur in wirklich notwendigen Fällen beantragt und dann entweder von den Eltern oder dem Schulträger eingestellt und finanziert. Eine Zusammenarbeit mit dem mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) ist wünschenswert. Der Schulhelfer ist für den Schüler verantwortlich, darf aber keinerlei lehrende Funktionen ausführen. Dafür soll er dem Schüler Hilfestellung bei der Begegnung mit Mitschülern geben und ihn im sozialen und emotionalen Bereich unterstützen, um Selbst- und Fremdgefährdung möglichst auszuschließen oder in Notfällen einzugreifen. Er muss zur Stelle sein, wenn er gebraucht wird, aber dem Schüler auch so viel Freiheit lassen, dass er Selbstständigkeit lernt. Somit muss ein Schulhelfer nicht zwingend direkt neben dem Schüler sitzen. Die entsprechende Befähigung für die Tätigkeit des Schulhelfers wird zumeist durch Anleitungen und Fortbildungen erreicht. Der Schulhelfer ist unter anderem auch für medizinisch-pflegerische Belange des Schülers zuständig, da seine Aufgaben aber stark variieren, empfiehlt sich eine schriftliche Fixierung der Aufgaben zu Beginn. Empfohlen werden gleichgeschlechtliche Schulhelfer und keine nahen Verwandten. Viele Schulhelfer werden in der Praxis zusätzlich auch als Hilfslehrer genutzt, oder ihnen wird für mehrere Kinder die Verantwortung übertragen.42

2.12 Zielgleich

Für mich ist etwas zielgleich, wenn alle Kinder das gleiche Ziel erreichen, also den gleichen Stoff lernen sollen. Dies ist auf gleichen oder unterschiedlichen Wegen möglich. Eine zielgleiche Differenzierung kann außerdem noch über vereinfachte Inhalte, mehr Zeit, ergänzende Medien und andere Sozialformen wie z. B. Partnerund Gruppenarbeit erreicht werden.43

2.13 Zieldifferent

Zieldifferent bedeutet für mich in dieser Arbeit, dass die Kinder unterschiedliche Inhalte oder Prozesse lernen sollen. Sie können dies auf gleichen Wegen machen, so dass nur das Ziel ein unterschiedliches ist, aber mit gleichen Lernformen, am gleichen Lerngegenstand (Thema) oder komplett abgelöst.

Dabei werden alle Kinder nach ihren spezifischen Voraussetzungen optimal gefördert und es wird versucht, die unterschiedlich entfalteten Kompetenzen aufeinander zu beziehen, so dass eine Interaktion stattfindet.44

Sowohl zielgleich als auch zieldifferent kann z. B. mit Hilfe des Wochenplanes, der Freiarbeit, der Stationenarbeit und ähnlichen offenen Unterrichtsformen gearbeitet werden.45

3 Warum überhaupt Inklusion

Am 13. Dezember 2006 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Diese Konvention trat am 26. März 2009 auch in Deutschland in Kraft und verpflichtet den Staat, allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe am täglichen Leben zu ermöglichen. Auch wenn der Artikel 24 und vor allem seine Übersetzung sehr stark diskutiert wird, so ist die Bundesregierung sich im Klaren darüber, dass sie die Inklusion in allen Bereichen umsetzen muss, also auch in der Schule.46 Die Bundesregierung fragt nicht mehr, ob Inklusion durchgeführt werden muss, sondern wie auch Hinz, nur noch nach dem Wie.47

Inklusion bringt alle dem Grundrecht auf Bildung näher, viele Länder gehen mit guten Beispielen voran (z. B. Südtirol, Skandinavische Länder).48 Deutschland muss seine Rückständigkeit in diesem Punkt aufholen.

Somit ist die Inklusion die einzige angemessene Reaktion auf die Realität nach Barkowsky, obwohl die Individualisierung das Schlagwort unserer Zeit ist.49 Es darf nicht sein, dass betroffene Eltern von Kindern, die nicht der „Norm“ entsprechen, in Schulen abgewiesen werden oder Bittsteller sind und es darf auch nicht sein, dass überzeugte Schulleiter, Lehrer und Integrationshelfer zeitweilig Einzelkämpfer sind.50

3.1 Vorteile der Inklusion

In inklusiven Klassen herrscht oft ein besseres Klassenklima als in Regelklassen, das Aggressionsniveau sinkt und die Kommunikation zwischen den Schülern steigt. Die kognitive Leistung der Regelschüler ist nach Untersuchungen in inklusiven Klassen in Vergleich zu Regelklassen mindestens gleich, der soziale Lernzuwachs dagegen höher.51 Der Lernzuwachs kann in Inklusionsklassen bei Regelschülern z. B. durch die Hilfslehrertätigkeit der Schüler höher sein, weil dadurch der Stoff von ihnen klarer strukturiert wird und wesentliche Merkmale herausgearbeitet werden.52 Bei Schülern, die sonst eine Sonderschule besuchen würden, ist der Lernzuwachs durch die vielen Vorbilder in der Regel höher,53 die Klassen sind also lernförderlicher als homogene Gruppen.54 Es besteht in der Regel eine größere Zufriedenheit und Motivation in inklusiven Klassen, und die Ängste der Eltern werden abgebaut.55

Bei der Inklusion lernen die Schüler auch viel früher die Unterschiede zwischen Menschen kennen.56

In inklusiven Klassen sind meist weniger Schüler, da die Kinder mit Förderbedarf in vielen Bundesländern doppelt gezählt werden (ist aber nicht in allen Bundesländern einheitlich). Auch erhalten die Inklusionsklassen teilweise eine zweite Lehrkraft, die für die komplette Klasse mit verantwortlich ist (oder sein soll).57 Die Selbstsicherheit, Selbstverantwortung und die Selbsteinschätzung steigt in inklusiven Klassen und damit gibt es langfristig eine berufliche, soziale und gesellschaftliche Wirkung auf die Lebensgestaltung.58 Rücksicht ist in inklusiven Klassen an der Tagesordnung. Die Kinder lernen hier zu warten, aufeinander zu achten und sich gegenseitig zu helfen. Außerdem bringen sie mehr Geduld miteinander auf als in Regelklassen.59 Zusätzlich verhindert eine inklusive Schule die Kränkung durch die selektiven Maßnahmen wie Zurückstellung, Wiederausschulung, Sitzenbleiben und Sonderschulüberweisung. Auch wenn sie allerdings nicht das Sichtbarwerden geringerer Leistungen verhindern kann, so ist dies durch die Heterogenität und die grundlegende Anerkennung, die jedem zuteilwird, leichter zu ertragen.60 Die Heterogenität kann auch als Chance gesehen werden, weil jeder etwas einbringt und jeder etwas anderes kann. Jeder hat seine Fähigkeiten. Menschen mit einer Beeinträchtigung können oft andere Dinge, als Menschen ohne.61

Im Gegensatz zu der Integration, wo man Schüler mit „nicht integrationsfähig“ ausschließen konnte, weil sie zielgleich nicht ins Regelschulsystem passten, obwohl eigentlich nur das Schulsystem für diesen Schüler nicht integrationsfähig war, funktioniert das bei der Inklusion nicht, da sich hier die Schule an den Bedürfnissen der Kinder orientiert.62 Somit werden die Lehrer gezwungen, ihren Unterricht offener zu gestalten, denn eine gleichzeitige Belehrung ist nicht mehr möglich in der Heterogenität der Inklusionsklassen.63

Die inklusive Schule bietet gegenüber der Sonderschule für die Schüler den Vorteil der zumeist wohnortnahen Beschulung, so dass das schulische Umfeld dem privaten Umfeld entspricht und auch Verabredungen nachmittags getroffen werden können, was sonst zusätzlich durch evtl. Tagesstätten-Betreuung genauso entfällt wie sonstige „normale“ Freizeitaktivitäten oder die nachmittägliche Zeit mit der Familie.64 Allerdings muss berücksichtig werden, dass diese Vorteile nur auftreten, wenn die inklusive Schule keine verpflichtende Ganztagsschule ist. Zusätzlich entsteht die „Schutzglocke“, die durch Sonderschulen die Selbstständigkeit verhindert, nicht bei inklusiven Schulen.65 Somit bringt die Inklusion eigentlich allen Beteiligten einen Gewinn, den Förderkindern durch den immensen Lernzuwachs auf kognitiver und emotionaler Ebene, den Regelschulkindern durch den höheren Lernzuwachs durch die Patenschaften, den Eltern der Regelschulkinder durch die besondere Förderung und Forderung ihrer Kinder, den Eltern der Förderkinder durch die wohnortnahe Beschulung und den Lehrkräften durch die Erfahrung.66

[...]


1 Muñoz zit. n. Metzger 2011, S. 93

2 Eckert u. a. 2010, S. 135

3 Schoeler 2012

4 vgl. Wocken 2010, S. 220

5 vgl. Wocken 2010, S. 220

6 vgl. Hinz 2004, S. 47-49

7 vgl. Hinz 2004, S. 47

8 vgl. Wocken 2010, S. 220

9 vgl. Sander 2004, S. 13

10 vgl. Boban u. a. 2003a, S. 11

11 vgl. Radtke 2012, S. 9-11

12 vgl. Wocken 2010, S. 220

13 vgl. Boban u. a. 2003a, S. 10

14 vgl. Wocken 2011, S. 15

15 vgl. Barkowsky 2011, S. 18

16 vgl. z. B. Sander 2004, S. 14

17 vgl. Hinz 2004, S. 47-49

18 vgl. Radtke 2012, S. 9-11

19 vgl. Wocken 2010, S. 220

20 vgl. Boban u. a. 2003a, S. 11

21 vgl. Leiprecht 2012, S. 49

22 vgl. Barkowsky 2011, S. 18

23 vgl. Anderlik 2010, S. 127f.

24 vgl. Arbeitskreis Inklusion

25 vgl. Hinz 2011, S. 63f.

26 Schneider 2010, S. 2

27 vgl. Wachtel 2011, S. 161

28 vgl. Engesser 2010 u. a., S. 86f.

29 vgl. Höllrigl 2011, S. 43

30 vgl. Wocken 2010, S. 134

31 vgl. Heyer 2011, S. 126

32 vgl. Demmer 2011, S. 130

33 vgl. Graf u. a. 2012: S. 33

34 vgl. Schneider 2010, S. 82

35 vgl. Klemm u. a. 2012, S. 20

36 vgl. Hanke 2005, S. 123

37 vgl. Hanke 2005, S. 134

38 vgl. Hanke 2005, S. 135

39 vgl. Hanke 2005, S. 123

40 vgl. Klemm u. a. 2012, S. 20

41 vgl. Preuss-Lausitz 2011c, S. 148

42 vgl. Hasselmeyer 2011, S. 115-120

43 vgl. Arend-Steinebach 2011, S. 143

44 vgl. Schwerdt 2005, S. 101

45 vgl. Schwerdt 2005, S. 101

46 vgl. Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen 2010, S. 35-38

47 vgl. Hinz 2011, S. 63

48 vgl. Ratzki 2005a, S. 40-47

49 vgl. Barkowsky 2011, S. 53

50 vgl. Metzer u. a. 2011, S. 92

51 vgl. Preuss-Lausitz 2011c, S. 145

52 vgl. Saldern 2011, S. 59f.

53 vgl. Preuss-Lausitz 2011c, S. 145

54 vgl. Klemm u. a. 2012, S. 22

55 vgl. Preuss-Lausitz 2011c, S. 145

56 vgl. Schoeler 2009a, S. 27

57 vgl. Ratzki 2005b

58 vgl Schoeler 2009b, S. 113

59 vgl. Scherer 2009, S. 91

60 vgl. Faulstich-Wieland 2011, S. 38

61 vgl. Barkowsky 2011, S. 54

62 vgl Schoeler 2009b, S. 113

63 vgl. Ratzki 2005b

64 vgl. Thoma u. a. 2009, S. 106

65 vgl. Thoma u. a. 2009, S. 106

66 vgl. Lanz-Zeilinger 2009, S. 219

Details

Seiten
82
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656621270
ISBN (Buch)
9783656621256
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271101
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Grundschulpädagogik
Note
2,6
Schlagworte
kriterien schule grundschulbereich criteria

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Titel: Kriterien einer guten inklusiven Schule im Grundschulbereich