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Demokratie und Erziehung. Das pädagogische Werk von John Dewey

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Deweys Erziehungsverständnis
2.1 Erziehung als Lebensnotwendigkeit
2.2 Erziehung als Funktion der Gesellschaft
2.3 Erziehung als Führung
2.4 Erziehung als Wachstum
2.5 Erziehung als Vorbereitung
2.6 Erziehung als Entfaltung
2.7 Erziehung als Aufbau
2.8 Demokratie in der Erziehung, eine Zusammenfassung

3. Philosophische Grundlage

4. Dewey und die zeitgenössische Psychologie
4.1 Konditionierung
4.2 Internalisierung

6. Literaturverzeichnis

„[Es] formte sich seine große Einsicht,

dass Schule und Lernen

Leben selbst s e i n mussten“[1]

Der Mann, um den es in diesem Zitat geht, ist John Dewey und seine 'große Einsicht' – wie sich der Übersetzer der von mir verwendeten Ausgabe ausdrückt – legt er in seinem pädagogischen Hauptwerk Demokratie und Erziehung dar. In dieser Arbeit möchte ich eben diese Ansichten zur Pädagogik erarbeiten und darlegen. Dies wird vor allem unter Punkt 2 geschehen.

John Dewey gilt als einer der „classical pragmatists“[2] und diese philosophische Grundhaltung wird auch in seiner Haltung zu Fragen und Lösung von Problemen der Pädagogik deutlich. Den philosophischen Zügen wende ich mich am Beispiel der Bedeutungstheorie unter Punkt 3 zu.

Die Ähnlichkeiten mit der zeitgenössischen Psychologie reiße ich beispielhaft unter Punkt 4 an.

1. Einleitung

In seinem Werk Demokratie und Erziehung steigt Dewey direkt in seine Argumentation ein. Er legt dar, dass sich lebende – im Gegensatz zu unbelebten – Wesen selbst erhalten müssen, indem sie sich erneuern. Sie nutzen hierfür die Kräfte, die von außen auf sie einwirken. So wird eine Geisteshaltung gezeichnet, die Lebewesen als aktive Teilnehmer am sie umgebenden Geschehen betrachtet. Sie sind nicht passiv wie ein Stein, der sich einem Schlag nicht erwehren kann, sondern „verwerte[n] Licht, Luft, Feuchtigkeit und die Bestandteile des Bodens“[3], um sich selbst zu erhalten.

Diesen „Vorgang der Selbsterneuerung durch Einwirken auf die Umgebung“[4] kann man als 'Leben' bezeichnen. Die Vorgänge der Selbsterhaltung sind beim Menschen nicht allein physiologischer, sondern ebenso intellektueller und kognitiver Natur, denn die „beständige Erneuerung des physischen Daseins ist – bei menschlichen Wesen – von einer beständigen Wiedererzeugung von Glaubenssätzen, Idealen, Hoffnungen, von Glück, Elend und Brauch

begleitet.“[5] Um das Fortbestehen seiner Art zu gewährleisten, muss der Mensch sowohl körperlich als auch mental an die bisherigen Errungenschaften seiner Artgenossen anschließen und diese weiterführen können. Da die Neugeborenen des Menschengeschlechts jedoch „unreif, hilflos, ohne Sprache, Glauben, Ideen und sozialen Normen geboren“[6] werden, muss diese Differenz zwischen den Erfahrenen und den Unerfahrenen durch Erziehung ausgeglichen werden. Nur die Minimierung dieser Differenz kann das „eigentümliche Leben der Gruppe“[7] erhalten. Diese Argumentation zeigt, dass unerfahrene Mitglieder einer Gruppe von den erfahrenen erzogen, belehrt werden müssen, um ein ebenbürtiges Mitglied werden zu können, das den Fortbestand der Gruppe sichert. Die Art der Erziehung verändert sich mit der Art des zu vermittelnden Wissens. So kann Handlungswissen dadurch übermittelt werden, „daß die Kinder die Gewohnheiten der Erwachsenen, ihre Gefühls- und Ideenausstattung übernehmen, indem sie sich an den Handlungen der Eltern beteiligen.“[8] So können Kinder diese direkt mitmachen oder sie z.B. vermittelt durch ein Schauspiel nachahmen und sich so einfühlen.

Manches Wissen kann über die Beobachtung und das Mitmachen weitergegeben werden, doch mit wachsender Abstraktheit kann es nicht mehr ohne Weiteres auf diesem Wege übertragen werden. Mit wachsender kultureller Tiefe und Vielfalt, steigt die Menge des abstrakten, nicht direkt ableitbaren Wissens an. Solches Wissen muss vermittelt werden, denn es kann „nicht auf physischem Wege von einem zum anderen weitergegeben werden wie Ziegelsteine“[9]. „Vieles von dem, was die Erwachsenen tun, liegt in Raum und Bedeutung der Jugend so fern“[10], dass die spielerische Nachahmung keine Früchte mehr trägt. Es wird eine gezielte Weitergabe durch Vorbereitung und besondere Materialien nötig. „Ohne solche systematische Erziehung ist es unmöglich, alle Hilfsquellen und Leistungen einer verwickelten Gesellschaft weiterzugeben.“[11]

Diese Art der Erziehung soll jedoch nicht die „spielende Nachahmung“[12] ersetzen, sondern an Stellen, wo eine solche keine Erfolge erzielt, als Alternative wirken. So ist es laut Dewey „eine der wichtigsten Aufgaben, um die sich die Philosophie der Erziehung zu bemühen hat,

die planmäßige Erhaltung eines richtigen Kräfteverhältnisses zwischen der unsystematischen und der systematischen, der unabsichtlich erfolgenden und der absichtlichen Erziehung“[13] sicherzustellen.

Wie genau sich Dewey eine gelungene Erziehung definiert, versuche ich im folgenden anhand einiger Begriffe und deren Beziehung zueinander nachzuzeichnen. Dewey formuliert seine Ausführungen häufig in vergleichender Form, um sein Erziehungsbild schärfer zu zeichnen. Diese Methode möchte ich übernehmen.

2. Deweys Erziehungsverständnis

2.1 Erziehung als Lebensnotwendigkeit

In seinem ersten Kapitel zeichnet Dewey das Bild der Erziehung als Notwendigkeit für die Fortdauer einer menschlichen Gruppe. Diesen Gedanken habe ich bereits in meiner Einleitung als grundlegende Annahme eingearbeitet und möchte ihn hier nur kurz, aber der Vollständigkeit halber, aufzeigen.

Es wird die Selbsterhaltung auf physiologischer Ebene, also die Zufuhr von Nahrung und anderen Notwendigkeiten, weitergedacht und auf die Ebene der mentalen Selbsterhaltung übertragen, die sich durch ein Aufrechterhalten der entstandenen Gruppenphänomene – kurz 'Kultur' – auszeichnet. So vermitteln die erfahrenen Mitglieder einer Gruppe den unerfahrenen nicht nur Fähigkeiten, die allein dem Überleben dienen, sondern ebenso die 'unsichtbaren' Fähigkeiten[14], die dem sozialen Miteinander dienen und es in dieser Form erst möglich machen. „Erziehung im weitesten Sinne ist das Werkzeug dieser sozialen Fortdauer des Lebens.“[15]

Ich möchte diesen Punkt evolutionstheoretisch deuten: Die erfolgreiche Weitergabe von unsichtbaren Fähigkeiten, sozialen Verhaltensregeln oder – neudeutsch formuliert – soft skills scheint ein Selektionsvorteil zu sein, der den Erhalt der eigenen Gruppe besser gewährleistet, als es eine Lebensform könnte, in der die Neugeboren sich selber überlassen werden bzw. nur das unmittelbar Lebensnotwendige bekommen.

2.2 Erziehung als Funktion der Gesellschaft

In diesem Kapitel erläutert Dewey die Wichtigkeit der 'Umgebung' für die Erziehung. Denn „durch die Tätigkeit der Umgebung, die bei den Jungen gewisse Reaktionen hervorrufen“[16] können mentale Zustände wie „Glaubensüberzeugungen und Sehnsüchte“[17] übertragen werden.

Umgebung ist in diesem Zusammenhang nicht allein als alles Umgebende zu verstehen, sondern als die Umwelt, mit der ein Individuum in Kontakt tritt und die so Einfluss nimmt auf den weiteren Lebensverlauf. Dieser Einfluss ist neutral, er kann förderlich oder hinderlich sein.

Eine Sonderform ist die 'soziale Umgebung', die den gesellschaftlichen Rahmen für das Individuum steckt und somit vorgibt, was es tun kann und was es nicht tun kann. Alle Tätigkeiten sind in einem größeren Rahmen zu verstehen, dem Rahmen der sozialen Umgebung. Es ist nicht „möglich die Handlungen eines einzelnen lediglich mit Ausdrücken zu beschreiben, die sich nur aus s e i n e Handlungen beziehen“[18], denn jedes Individuum ist ein Teil im Gefüge der Gesellschaft.

So kann also die Umgebung Einfluss auf das Verhalten nehmen. Dewey unterscheidet diesen jedoch in zwei Ausprägungen, die als Punkte auf einem Kontinuum zu denken sind, also nicht klar abgrenzbar sind: Dressur und Erziehung.[19]

Dressur wird beschrieben als Einflussnahme auf das Verhalten durch äußere Anreize oder Abschreckung. Durch häufige Wiederholung dieser Einflussnahme entwickeln sich Gewohnheiten, die die ursprünglichen äußeren Reize abdingbar machen

[...]


[1] John Dewey: Demokratie und Erziehung. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1993, S. 7.

Ich werde dieses Werk fortan mit D&E abkürzen, und aus diesem entnommene Zitate habe ich an die aktuelle

Rechtschreibung angepasst.

[2] http://www.science.uva.nl/~seop/entries/pragmatism/

[3] D& E, S. 15.

[4] ebd.

[5] D&E, S. 16.

[6] D&E, S. 17.

[7] Ebd.

[8] D&E, S. 23.

[9] D&E, S. 19.

[10] D&E, S. 23.

[11] D&E, S. 23f.

[12] D&E, S. 23.

[13] D&E, S. 25.

[14] Ich nenne diese Fähigkeiten 'unsichtbar', da sie nicht unmittelbar zutage treten, sondern erst im lebendigen Miteinander der Gruppe notwendig und sichtbar sind.

[15] D&E, S. 16f.

[16] D&E, S. 27.

[17] Ebd.

[18] D&E, S. 29.

[19] Siehe für die Betrachtung dieser Phänomene im Lichte der zeitgenössischen Psychologie Punkt 4.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656631033
ISBN (Buch)
9783656631026
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271105
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,3
Schlagworte
demokratie erziehung werk john dewey

Autor

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