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Erich Kästner. Neue Sachlichkeit und persönliche Erfahrungen

Eine Interpretation der Gedichte „Sachliche Romanze“ und „Repetition des Gefühls“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erich Kästner
2.1 Die Liebesbeziehung zu Ilse Julius
2.2 Kästner-Forschung

4 „Sachliche Romanze“
4.1 Analyse
4.2 Neusachliche Elemente im Gedicht

5 „Repetition des Gefühls“
5.1 Analyse
5.2 Neusachliche Elemente im Gedicht

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Was ist Kästners Lyrik? Ist Erich Kästner ein Repräsentant der Neuen Sachlichkeit? Eine literarische Strömung, die ihren Anfang um 1920 findet. Wobei der einzelne Mensch im Vordergrund steht und Beschreibungen von Gefühlen zunehmend außen vor gelassen werden. Eine möglichst genaue Wiedergabe der Realität, zumindest ein Realitätsbezug im fiktionalen Schreiben, soll erreicht werden. Durch eine Orientierung an tatsächlichen Geschehnissen, ebenso aber auch durch das Einbeziehen von nebensächlichen Themenbereichen, wie dem Alltagsgeschehen und einer dazu gehörenden sachlich, nüchternen Sprache, bis hin zur Entsentimentalisierung, gelingt dies. Diese Dimensionen bestimmen das Schreiben der Neuen Sachlichkeit.[1] Oder aber zieht Kästner biografische Bezüge, speziell zu seinen Gedichten? Was ein Widerspruch zur Lyrik der Neuen Sachlichkeit wäre. Ist seine Lyrik nun als neusachliches Schreiben zu verstehen oder doch die Verarbeitung seiner persönlichen Erfahrungen? Ist es aber auch möglich, dass Kästner beides in Einklang bringen kann?

2 Erich Kästner

2.1 Die Liebesbeziehung zu Ilse Julius

Am 23.02.1899 wird er mit dem Namen Emil Erich Kästner, in der Königsbrücker Straße 66, in Dresden geboren.[2] Zwanzig Jahre später, 1919, lernt Kästner Ilse Julius, eine selbstbewusste Chemiestudentin, in Dresden kennen. Die beiden waren acht Jahre lang ein Paar. Julius und Kästner waren Musterschüler. Sie waren sich sehr ähnlich und pflegten gemeinsame Interessen. Für die Kultur konnten sie sich begeistern und gingen gerne gemeinsam einen Kaffee trinken. Acht Jahre nach ihrem Kennenlernen trennten sich die beiden. Der genaue Trennungszeitpunkt ist nicht bekannt, auch der Grund hierfür nicht. Fest steht, dass Kästner Julius betrogen hat und Julius eine Abneigung gegen ihn empfand, was allerdings nicht auf sein Hintergehen zurückzuführen sei. Ende 1927 kam Ilse bei Erich auf einen Besuch in Berlin vorbei. Danach sahen sich die beiden noch einige Male. Bis in die Fünfzigerjahre bestanden vereinzelte Briefwechsel. Diese Beziehung prägte Kästners Leben entscheidend.[3] Beschreibt Kästner in „Sachliche Romanze“, die Trennungsphase zwischen ihm und Ilse Julius? Beschreibt er das Wiedersehen in Berlin in „Repetition des Gefühls“?

Beide Liebesgedichte schreibt Erich Kästner, kurz nach seiner Trennung von Ilse Julius, innerhalb von zwei Jahren. In beiden Gedichten geht es um die Liebe zwischen zwei Personen, einem Mann und einer Frau, die nicht mehr gelebt wird. Ebenso erfährt man nicht, warum diese Gefühle zueinander nicht mehr bestehen. Aber eine schlussendliche Trennung der Beiden ist in keinem der Gedichte beschrieben. Der Leser kann sich selbst ein Bild darüber machen, wie es mit den Personen im Gedicht weitergehen wird. Ob eine gemeinsame Zukunft möglich sein wird oder ob eine endgültige Trennung wahrscheinlicher ist.

2.2 Kästner-Forschung

Sven Hanuschek nennt speziell das Gedicht „Sachliche Romanze“ eine „Fiktionalisierung (…) der eigenen Geschichte“. Womit er auf die Beziehung zwischen Ilse Julius und Kästner anspielt. Fiktionalisierung aus dem Grund, dass Erich Kästner selbst seine eigenen Erfahrungen umformt und seine Geschichte beschönigt, indem der Mann im Gedicht deutlich besser weg kommt, als Kästner selbst in seiner damaligen Lage. Im Gedicht kommt den beteiligten Personen, Beiden, die Liebe abhanden. In dem Leben des Lyrikers ist es allerdings Julius, deren Gefühle für ihn, für eine Beziehung, nicht mehr ausreichend sind. Gegen Ende des Gedichts ist aber kein Unterschied mehr zwischen der Realität und der Fiktion zu erkennen.[4]

Görtz und Sarkowicz schreiben darüber, dass die „Sachliche Romanze“ die Trennung zwischen Kästner und Julius beschreibt. Hier wird als Grund die „schleichende(…) Entfremdung“ der beiden genannt. Sie datieren das Gespräch im Gedicht, auf ein tatsächliches Gespräch zwischen Kästner und Julius das am 14. November 1926 stattgefunden haben soll.  Kästner berichtet seiner Mutter nach diesem Gespräch, dass Julius beim Abschied weinend in den Zug gestiegen ist und ihm zu gewunken habe.[5] Diese Szene würde sich in „Repetition des Gefühls“ wieder finden, als die Frau am Ende in den Zug steigt und dem Mann zu winkt. Dies ist allerdings nur eine Vermutung, die wissenschaftlich nicht bestätigt wird.

Die Frauen stellen für Kästner alltägliche Bedarfsgegenstände dar, die er des Öfteren zu tauschen pflegt. Görtz und Sarkowicz beschreiben dies durch Carl Pietzckers Untersuchung der „Sachlichen Romanze“, in welcher er über das Mutter-Sohn-Verhältnis schreibt. Kästner ist so sehr an seine Mutter Ida Kästner gebunden, dass er diese sogar seinen Geliebten voranstellt. Die Liebe zu einer anderen Frau, würde der zur eigenen Mutter niemals entsprechen und standhalten, sie darf somit nur von kurzer Dauer sein: „kam ihre Liebe plötzlich abhanden.“[6]

Aufgrund dessen, das „Repetition des Gefühls“, nicht so sehr bekannt geworden ist, wie „Sachliche Romanze“ oder andere Gedichte von Erich Kästner ist darüber speziell nichts beschrieben, ob Bezüge zwischen Kästners Leben und dem Gedicht bestehen könnten. Hanuschek schreibt zwar über die Trennung zwischen Kästner und Julius und dass es danach einige Treffen gegeben hat. Dennoch bringt er es nicht speziell mit dem Gedicht „Repetition des Gefühls“ in Verbindung. Ein möglicher Zusammenhang den er beschreibt, könnte in der Tatsache liegen, dass Kästner zu der Zeit, in welcher er das Gedicht verfasst hat, sich selbst mit den Vorbereitungen einer Reise ins Gebirge beschäftigt.[7]

4 „Sachliche Romanze“

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen sie kannten sich gut),

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,

versuchten Küsse, als ob nichts sei,

und sahen sich an und wussten nicht weiter.

Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.

Er sagt, es wäre schon Viertel nach vier

und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.

Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort

und rührten in ihren Tassen.

Am Abend saßen sie immer noch dort.

Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort

und konnten es einfach nicht fassen.

4.1 Analyse

Das Gedicht „Sachliche Romanze“ wurde 1928 von Erich Kästner verfasst und das erste Mal in der Vossischen Zeitung gedruckt.[8]

Es ist in vier Strophen gegliedert. Die ersten drei Strophen umfassen je vier Verse, die dem Reimschema des Kreuzreimes zu Grunde liegen. Die vierte und letzte Strophe besteht aus fünf Versen mit dem Reimschema abaab. Die Handlung erstreckt sich über einen Tag und erscheint kontinuierlich monoton. Sie gleicht einem alltäglichen Tagesablauf, der keine außergewöhnlichen Ereignisse mit sich bringt. Selbst die Tatsache, dass eine Liebe zwischen zwei Menschen abhandenkommt, scheint nicht von großer Wichtigkeit zu sein. Das Gedicht könnte als Geschichte gelesen werden, aber auch als ein Bericht der Zeitung, die über ein Paar schreibt.

Im Gedicht spricht ein lyrisches Ich, das sowohl männlich als auch weiblich sein könnte. Nach Überlegungen, dass Kästner selbst seine Erfahrungen in den Gedichten niederschreibt, könnte er als Verfasser identisch sein mit dem lyrischen Ich. Andererseits könnte das lyrische Ich ein unbekannter Beobachter sein, welcher das Gedicht unpersönlich-objektiv erzählt.

Bereits der Titel „Sachliche Romanze“ wirft dem Leser, durch das Oxymoron, Fragen auf. Es stellt die Neue Sachlichkeit der Romantik gegenüber. Die Liebe kann entweder romantisch oder sachlich sein. Aber eine Verbindung ist nicht möglich. Kästner versucht schon im Titel das Interesse des Lesers zu gewinnen. Schneider sieht diesen Titel passend zum gesamten Stil, in welchem das Gedicht verfasst ist. Er sagt, dass das Wort „sachlich“ schon vorwegnimmt, dass es sich nicht um eine übliche, schöne Romanze handelt. Durch die Sachlichkeit bezeugt Schneider, dass das Geschehen im Gedicht durch den „alltäglichen Vorgang“ geprägt sein wird.[9]

„Sachliche Romanze“ ist im Präteritum verfasst und handelt von einem Mann und einer Frau, deren Liebe zueinander nach acht Jahren abhanden gekommen ist. Der Grund dafür ist nicht bekannt. Die Beiden überspielen ihr Empfinden mit Alltagshandlungen wie Kaffee trinken. Sie können es nicht fassen, dass ihre Gefühle zueinander nicht mehr existieren. Eine endgültige Trennung am Ende des Gedichts steht offen.

[...]


[1] Vgl. Pankau: Einführung Germanistik. Einführung in die Literatur der Neuen Sachlichkeit Hrsg. v. Klaus-Michael Bogdal & Gunter E. Grimm. Darmstadt: WBG 2010, S.7-10.

[2] Vgl. Gretzschel/Babovic: Auf den Spuren von Erich Kästner. Hamburg: Elltert & Richter Verlag 2007, S. 6.

[3] Vgl. Hanuschek: Keiner blickt dir hinter das Gesicht. Das Leben des Erich Kästners. München, Wien: Carl Hanser Verlag 1999, S. 98-117.

[4] Vgl. Hanuschek, 1999, S. 115.

[5] Vgl. Görtz/Sarkowicz: Erich Kästner – Eine Biographie, 4. Auflage. München & Zürich: Piper Verlag 1999, S. 79-80.

[6] Vgl. Görtz/Sarkowicz, 1999, S. 84-87.

[7] Vgl. Hanuschek, 1999, S. 115-117.

[8] Vgl. Hanuschek, 1999, S. 114-115.

[9] Vgl. Schneider: Liebe zum deutschen Gedicht. Ein Begleiter für alle Freunde der Lyrik. 2. Auflage. Bühl/Baden: Herder Freiburg Verlag 1954. S. 354-355.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656629917
ISBN (Buch)
9783656629900
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271136
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,5
Schlagworte
Erich Kästner Neue Sachlichkeit Sachliche Romanze Interpretation Sachliche Romanze Repetition des Gefühls Interpretation Repetition des Gefühls

Autor

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Titel: Erich Kästner. Neue Sachlichkeit und persönliche Erfahrungen