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Jean Piaget und der Konstruktivismus

Hausarbeit 2000 13 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt:

A) Einleitung

B) Hauptteil
1. Grundannahmen der genetischen Erkenntnistheorie Jean Piagets 4
1.1 Die Stufen der ontogenetischen Strukturgenese
1.1.1 Die sensomotorische Phase
1.1.2 Die präoperationale Phase
1.1.3 Die Phase der konkreten Operationen
1.1.4 Die Phase der formalen Operationen
2. Die Gesetze der Strukturgenese 5
2.1 Piagets Strukturbegriff
2.1.1 Erkenntnischarakter der Strukturen
2.1.2 Gedächtnischarakter der Strukturen
2.1.3 Dynamischer Charakter der Strukturen
2.1.4 Systemcharakter der Strukturen
2.2 Assimilation, Akkommodation und Äquilibration
3. Piaget und der radikale Konstruktivismus 8
3.1 Grundannahmen des Konstruktivismus
3.2 Piagets Theorie als genetischer und adaptiver Konstruktivismus
3.2.1 Der aktuelle Erkenntnisakt
3.2.2 Die Veränderung der Erkenntnisstrukturen
3.2.3 Die teleologische Strukturgenese

C) Schlußbemerkung

D) Literaturverzeichnis

A) Einleitung

Jean Piaget beschäftigt sich in seinen Werken auch mit erkenntnistheoretischen Fragen. Die im Rahmen des Seminars behandeltet Entwicklungstheorie des Denkens wird von ihm selbst als ‚genetische Epistemologie’, also als genetische Erkenntnistheorie, bezeichnet. Betrachtet man Piagets Entwicklungstheorie des Denkens als Erkenntnistheorie, dann kann man sie auch mit anderen Erkenntnistheorien vergleichen.

Zentrales Anliegen der genetischen Epistemologie ist es, die Strukturen, die Erkenntnisakte ermöglichen, zu beschreiben und deren Genese herauszuarbeiten. Menschliches Denken und Erkennen wird von Piaget also in seiner Genese und in seiner strukturellen Grundlage betrachtet. Im Rahmen seiner strukturgenetischen Erklärung spricht Piaget davon, daß neue Strukturen nicht von außen übernommen werden, sondern vom Subjekt selbst konstruiert werden. Der Erkenntnisgehalt der Strukturen ist also keine Abbildung der Wirklichkeit, sondern eine Konstruktion auf der Basis von Handlungen, Wahrnehmungen und Denkprozessen. Dies erinnert an das Postulat der Konstruktivisten, daß Erkenntnisse immer Konstruktionen seien.
Diese Arbeit geht nun der Fragestellung nach, ob die genetische Epistemologie Jean Piagets eine konstruktivistische Erkenntnistheorie ist. Die Beantwortung der Frage stützt sich auf die Argumentation, die Thomas B. Seiler in seinem Aufsatz „ Ist Jean Piagets strukturgenetische Erklärung des Denkens eine konstruktivistische Theorie?“[1] entfaltet. Dazu sollen zunächst die Strukturgenese des Denkens und ihre Gesetzmäßigkeiten nach Jean Piaget vorgestellt werden, um diese dann in einem zweiten Schritt der Darstellung mit den zentralen Thesen der konstruktivistischen Erkenntnistheorie zu konfrontieren.

B) Hauptteil

1. Grundannahmen der genetischen Erkenntnistheorie Jean Piagets

Im folgenden sollen anhand der Ausführungen von Thomas B. Seiler die Grundannahmen der genetischen Erkenntnistheorie herausgearbeitet werden. Der erste Abschnitt der Darstellung bezieht sich auf die ontogenetische Entwicklung des menschlichen Denkens und Erkennens nach Jean Piaget, der zweite Teil beschreibt die Gesetze der Strukturgenese. Dabei soll vor allem auf die Begriffe Assimilation, Akkommodation und Äquilibration eingegangen werden.

1.1 Die Stufen der ontogenetischen Strukturgenese

Piagets Erklärungsansätze der Entstehung und Entwicklung des menschlichen Erkennens und Denkens sind als Stufentheorie beschrieben worden, weil sie die kognitive Entwicklung von der Geburt bis zur Reife in aufeinanderfolgende Stufen einteilen.

Seiler betont, das für Jean Piaget die Ursprünge menschlichen Erkennens im Handeln liegen. Am Anfang der menschlichen Denkentwicklung steht die handelnde und wahrnehmende Auseinandersetzung mit der Umwelt. Handeln wird als zielorientierte Betätigung sensomotorischer Strukturen oder Schemata begriffen.

1.1.1 Die sensomotorische Phase

Den Ausgangspunkt der ontogenetischen Entwicklung bilden reflexartige Reaktionsmuster, die sich beim Vorliegen bestimmter Reizsituationen aktivieren und mit denen sich das Neugeborene seine Umwelt aneignet und sein Überleben gewährleistet. Aus diesen reflexartigen Tätigkeiten entstehen durch Erweiterung und gegenseitige Integrationen sensomotorische Handlungsstrukturen. Diese bestehen aus zahlreichen sensorischen und motorischen Teilsys-
temen. Die Denkabläufe sind in der sensomotorischen Periode sprachlich noch nicht gebunden. Kinder hantieren mit Gegenständen, setzen sie allmählich als Hilfsmittel ein, um ihre Ziele zu erreichen. Dieses Verhalten bezeichnet Ch. Bühler als Werkzeugdenken, was das Erfassen von einfachen Beziehungen meint. Bestimmte Wahrnehmungseindrücke werden mit bestimmten Greifhandlungen koordiniert.

1.1.2 Die präoperationale Phase

Die sensomotorische Phase ist beendet, wenn das Kind anfängt, Vorstellungen und Symbole in seinem Denken zu benutzen. Vor allem mit der Sprache aber auch im Spiel lernt das Kind zunehmend, mit symbolischen Beziehungen umzugehen. Nach und nach entstehen innere Vorstellungsstrukturen, welche nicht mehr an das aktuelle Wahrnehmen und Handeln in einer konkreten Situation gebunden sind. Sie sind bildhafte Vorformen begrifflichen Erkennens.

1.1.3 Die Phase der konkreten Operationen

In dieser Phase gelingt es dem Kind zunehmend, Begriffe logisch zu verbinden. Die Begriffe sind nicht mehr ausschließlich dem Handeln und seiner Steuerung untergeordnet, sie werden zu selbständigen Repräsentationsstrukturen, die miteinander interagieren. Operieren meint inneres Handeln, meint den Umgang mit Begriffen.

1.1.4 Die Phase der formalen Operationen

War das Kind in der vorigen Phase mit seinem konkret-operatorischen Denken noch beschränkt auf gegebene Informationen, so ist das entscheidende Merkmal des formal-operatorischen Stadiums, daß das Denken des Kindes nun über vorgegebene Informationen hinausreicht. Der Jugendliche kann Hypothesen über mögliche Problemlösungen aufstellen und dabei viele veränderliche Faktoren gleichzeitig im Gedächtnis behalten.

Seiler faßt die Entwicklung menschlichen Erkennens nach Piaget mit der Formel „Vom äußeren zum inneren Handeln“[2] zusammen. Er betont aber auch, daß mit dem Auftreten des begrifflichen Erkennens die Entwicklung der sensomotorischen Strukturen nicht aufhört, sondern in begriffliches Operieren eingebettet wird.

In einer abschließenden Bemerkung zur Strukturgenese stellt Seiler der Ontogenese die Kulturgenese oder Phylogenese gegenüber. Er kommt zu dem Schluß, daß Kulturgenese und individuelle Entwicklung miteinander verzahnt sind. Einerseits ist die individuelle Entwicklung abhängig von kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen, andererseits, sind die Individuen die Träger der Kultur.

Erkenntnistheoretisch läßt sich formulieren, daß die individuelle Konstruktion der Wirklichkeit in der interaktiven Kommunikation mit Sozialpartnern und im Rahmen kulturhistorischer Konstruktionen stattfindet.

2. Die Gesetze der Strukturgenese

Im ersten Abschnitt wurde dargestellt, daß sich menschliches Erkennen und Denken nach Piaget stufenweise entwickelt. Die Qualität des Erkennens und Denkens auf den jeweiligen Stufen wurde in Abhängigkeit zu der Qualität der Strukturen des Erkennens und Denkens aufgezeigt. Im folgenden soll verdeutlicht werden, wie Strukturen Wirklichkeit erfassen können und wie sich Strukturen wandeln bzw. entwickeln. Da Piagets strukturgenetische Begründung der Entwicklung mit seinem Strukturbegriff steht und fällt, soll zunächst Piagets Strukturbegriff erläutert werden.

[...]


[1] Seiler, Thomas B.: Ist Jean Piagets strukturgenetische Erklärung des Denkens eine konstruktivistische Theorie? In: Piaget und der radikale Konstruktivismus. Hg.v. Gebhard Rusch und Siegfried J. Schmidt. Frankfurt a.M: Suhrkamp, 1994, S.43-102.

[2] Seiler, S.53.

Details

Seiten
13
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638292467
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27119
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Erziehungswissenschaftliches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Jean Piaget Konstruktivismus Entwicklung Kindes Thema Piaget Stufenmodell

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Titel: Jean Piaget und der Konstruktivismus