Lade Inhalt...

Lola Arias „Mi vida después“. Kollektives Trauma und Vergangenheitsbewältigung

von Magdalena Hufler (Autor)

Seminararbeit 2012 19 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theater in Argentinien

3. Biographie Lola Arias

4. Inhalt „Mi vida después“

5. Formelle Analyse
5.1 Titel
5.2 Gliederung des Stücks
5.3 Intermedialität im Stück
5.4 Figurenrede
5.5 Sprache

6. Politischer und gesellschaftlicher Hintergrund

7. Kollektive Traumatisierung

8. Vergangenheitsbewältigung

9. Theater als Mittel der Vergangenheitsbewältigung

10. Gattungsfrage: Erzähltheater oder Dokumentartheater?

11. Kollektive Autorenschaft

12. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

“¿Sabe usted dónde está su hijo en este momento?” Dies war ein provozierender Werbespruch 1976/77 in Argentinien, der auf die Entführung und das Verschwinden von Kindern während der Militärdiktatur anspielt.

Die folgende Hausarbeit setzt sich mit dem argentinischen Theaterstück „Mi vida después“ von Lola Arias in Bezug auf kollektive Traumatisierung und Vergangenheitsbewältigung auf dem Hintergrund der Militärdiktatur in Argentinien auseinander. Theater ist in diesem Fall politisches Theater und Mittel der Vergangenheitsbewältigung. Es soll folglich geklärt werden, welches subjektive Bild der Diktatur durch das Theaterstück vermittelt wird und welche authentischen, auf der Biographie der Regisseurin beruhenden, Erinnerungen geweckt werden. Dies führt dann zu den Kernfragen, welche Erinnerungsbilder durch dieses Stück geweckt werden und inwiefern das Theater Einfluss auf kollektives Gedächtnis hat.

Lola Arias und die sechs Darsteller des Stücks sind zur Zeit der Militärdiktatur geboren und erleben diese auf unterschiedliche Art und Weise. Doch es bilden sich auch kollektive Erinnerungsbilder dieser Generation, die durch dieses Theaterstück belebt werden. Das Stück repräsentiert das Leben in Angst und Schrecken während der grausamen Militärdiktatur. Es übt explizit Kritik an der damaligen Gesellschaft, die die Darsteller und tausende Menschen bis heute traumatisiert. Das Stück erzählt somit nicht nur die Geschichte der sechs Darsteller, sondern wird zum Sprachrohr vieler verdrängter Familiengeschichten, die Familienmitglieder verloren haben oder bis heute ihre wahre Identität und Herkunft nicht kennen.

Neben der besonderen Art der Vergangenheitsbewältigung auf der Bühne soll ebenfalls auf die Rolle des lateinamerikanischen Theaters eingegangen werden. Im Anschluss an den Aspekt der Verarbeitung soll die Form des Theaterstücks analysiert werden. Hierbei wird auf Titel, Gliederung, Intermedialität, Figurenrede und Sprache eingegangen.  Des Weiteren soll geklärt werden, ob es sich bei diesem Theaterstück um die Gattung des Erzähl- oder Dokumentartheaters handelt.

Zum Abschluss wird auf den Aspekt und die Funktion der kollektiven Autorenschaft eingegangen.

2. Theater in Argentinien

Das lateinamerikanische Theater war besonders zurzeit von Diktaturen, militärischer Putschs oder Folter ein Theater des Widerstands, welches auf indirekte Art und Weise Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten ausübte. Das politische Engagement der Theaterregisseure passierte meist auf dem indirekten Weg, verschleiert im Geschehen, und es wurde nicht explizit Kritik ausgesprochen, um der Zensur zu entgehen und Bestrafungen zu vermeiden. Zur Zeit der Diktatur in Argentinien schrieben die Regisseure implizit politische Theaterstücke, dessen Kritik vom Publikum entziffert wurde. Das Regime verfolgte meist nur Romanautoren, die jedoch größtenteils ins Exil gingen, um Bestrafungen zu vermeiden. Theaterautoren blieben hingegen in Argentinien.[1]

Ab 1930 entstanden in Argentinien die Teatros Independientes, die freien oder unabhängigen Theater, um mit der erschreckenden Wirklichkeit umzugehen und diese zu akzeptieren. Die in den 60er Jahren wandelnden politischen und sozialen Bedingungen führten zum langsamen Verschwinden der unabhängigen Theater. Als 1976 die Militärdiktatur in  Argentinien begann reagierte Buenos Aires 1981 mit dem Teatro Abierto, einer Bewegung der Theaterkünstler Buenos Aires. Wie zuvor zielt es auf eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Es ist jedoch nur eine vorübergehende Erscheinung und verschwindet mit dem Ende der Militärdiktatur, trotz mehrerer Versuche es während der Demokratie zu erhalten. Mit dem 2000 uraufgeführten Stück „A propósito de la duda“ beginnt das Teatro Por La Identidad, das Theater für die Identität. Patricia Zangaro machte die Vergangenheit zum zentralen Thema des Stücks. Es ist ein provozierendes Stück über die Großmütter des Plaza de Mayo, die wöchentlich auf diesem symbolträchtigen Platz gegen das gewaltsame Verschwinden ihrer Söhne und Töchter protestierten. Das Teatro Por La Identidad ist der letzte Versuch des Theaters von Buenos Aires sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen. Als Erbe des Teatro Abierto und Teatro Independiente wird es seine Besonderheit behalten.[2]

Theater wurde insbesondere in Argentinien zum Ort der Kommunikation, der Begegnung und Freiheit, an dem eine intime Beziehung zwischen Schauspieler und Publikum herrschte. Oftmals konnte das Publikum sich mit den Darstellern identifizieren und setzte sich ebenfalls mit ihrer Vergangenheit auseinander, somit wurde Theater durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zur Vergangenheitsbewältigung auf der Bühne. Des Weiteren bot es Platz für Identitätssuche der vielen desparecidos, der sogenannten Verschwundenen, die argentinischen Diktaturopfer, die verschleppt und ermordet wurden. Der sogenannte argentinische Tod war eine beliebte Methode nicht regimegetreue Personen zu ermorden. Sie wurden verschleppt, mit Drogen betäubt und aus Militärflugzeugen, über dem Atlantik oder der La-Plata Mündung herausgeworfen.  Aber auch für die vielen Kinder, die aus ihren Familien gerissen und von Militärfamilien aufgezogen wurden bot Theater Raum seine wahre Identität zu finden. Die Erinnerung, die noch heute die Gesellschaft traumatisiert, ist eine kollektive Erinnerung, die von den jungen Theaterregisseuren als Kinder der generación desparecida thematisiert wird. Die kollektive Erinnerung wird dadurch in der Gesellschaft erhalten und nicht verdrängt.[3]

3. Biographie Lola Arias

Lola Arias wurde 1976 in Buenos Aires geboren. Bereits in ihrer Kindheit entwickelt  sie ihr großes Interesse an Theater und führte mit ihrer Schwester zu Hause kurze Theaterstücke auf.[4] Sie ist neben ihrer Tätigkeit als Theaterdirektorin auch Schriftstellerin, Schauspielerin und Musikerin. Sie studierte Literatur an der Universidad de Buenos Aires, Theaterwissenschaft mit R. Bartís und P. Audivert an der Escuela de Arte Dramático de Buenos Aires. Des Weiteren entwickelte sie mehrere Theaterprojekte, Literatur, Musik und Kunst. Ihre Werke durchfahren die Grenze zwischen Fiktion und Realität. Sie gründete die Compañía Postnuclear, ein interdisziplinäres Kollektiv argentinischer Künstler. In ihren Werken arbeitet sie nicht nur mit Schauspielern, sondern auch mit Personen anderer Berufsfeldern, Tänzern, Musikern, Kindern, Babys und Tieren. Dies macht nicht zuletzt die Einzigartigkeit ihrer Theaterstücke aus, denn das Arbeiten mit Tieren oder Babies macht die Inszenierung unkontrollierbar.[5]

Sie ist mit ihrem biographischen Theater bekannt geworden und gehört zu den wichtigsten Exponentinnen der aufstrebenden argentinischen Theaterszene.[6] Lola Arias arbeitet seit 2006 mit Stefan Kaegi, ein Theaterwissenschaftler, der gemeinsam mit Helgard Haug und Daniel Wetzel als die Begründer des Reality Trends auf der Theaterbühne unter dem Label Rimini Protokoll gelten[7], im Stück „SOKO São Paulo“ (2007) und „Airport Kids“ (2008). Neben ihrer Tätigkeit am Theater komponiert sie zusammen mit Ulises Conti Musikstücke, die seit 2008 unter „El amor es un francotirador“ zu finden sind. Während des Projekts „Ciudades Paralelas – Parallele Städte“ mit Stefan Kaegi führten sie „The Enemy Within“ (2010) und „Zimmermädchen“ in Berlin (am HAU), Buenos Aires und Zürich auf. Ihr Erfolg zeigt sich auch durch die vielen Übersetzungen ihrer Stücke in das Englische, Deutsche und Französische[8] und ihrer Präsenz beim deutschen Verlag der Autoren.

Ihre Stücke wurden auf mehreren internationalen Festivals aufgeführt, z.B. auf dem Festival d’Avignon in Frankreich, dem In Transit Festival in Berlin oder dem Spielart Festival in München. Neben Theaterstücken hat sie auch Kurzgeschichten und poetische Werke veröffentlicht. Zu ihren wichtigsten Werken zählen ihr poetisches Werk „Las impúdicas en el paraíso”, ihre Theaterstücke „La escuálida familia”, „Mi nombre cuando yo ya no exista”, „Poses para dormir” und die Trilogie „Striptease”, „Sueño com revólver” und „El amor es un francotirador“.[9]

4. Inhalt „Mi vida después“

Sechs Schauspieler rollen in „Mi vida después“  in verschiedenen Kapiteln die Geschichten ihrer eigenen Kindheit und die Schicksale ihrer Eltern während der Militärdiktatur von 1976 - 1983 in Argentinien auf. Lola Arias bringt den inneren Konflikt und die Zerrissenheit der Darsteller direkt auf die Bühne. Sie sind alle auf die eine oder andere Weise von der Diktatur betroffen. Wer waren meine Eltern als ich geboren wurde? Wie war die Situation in meinem Land bevor ich laufen konnte? Wie viele Versionen meiner Lebensgeschichte gibt es? [10]

[...]


[1] Kohut, Pellettieri (2002), S. 20 f.

[2] Cossa, Roberto: Weißt du, wer du bist? Theater und Widerstand in Buenos Aires, in: http://www.ila-web.de/theaterszene/255arg_weisst.htm [Stand: 13.03.2012]

[3]Pester, Nora<: Don‘t cry for me Argentina – Theater gegen Verschwinden, In: http://www.quetzal-leipzig.de/lateinamerika/argentinien/dont-cry-for-me-argentinatheater-gegen-das-verschwinden-19093.html [Stand: 13.03.2012]

[4] http://www.kunstinargentinien.com/index.php/2010/08/12/permanente-touristin-globale-kunstlerin/ [Stand: 29.02.2012]

[5] Vgl. http://www.lolaarias.com.ar/ [Stand : 13.02.2012]

[6] Vgl. http://www.stadttheaterbern.ch/388-lola-arias.html [Stand: 13.02.2012]

[7] Vgl. http://www.staatstheater.karlsruhe.de/ensemble/id/1902/ [Stand : 26.02.2012]

[8] Vgl. http://www.heimspiel2011.de/de/who_is_who.html?PHPSESSID=902f6o2kb36g0m004j03bm2ou5 [Stand : 26.02.2012]

[9] Vgl. http://botenstoffe.wordpress.com/2010/02/23/lola-arias/ [Stand : 28.02.2012]

[10] Vgl. http://www.fr-online.de/theater/argentinischer-theaterabend-eine-persoenliche-erinnerung,1473346,2872440.html [Stand : 06.03.2012]

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656632450
ISBN (Buch)
9783656632429
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271198
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
Schlagworte
lola arias kollektives trauma vergangenheitsbewältigung

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Magdalena Hufler (Autor)

Zurück

Titel: Lola Arias „Mi vida después“. Kollektives Trauma und Vergangenheitsbewältigung