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Die Nachtmotivik in den Gedichten Eichendorffs und Goethes "Nachts" und "Um Mitternacht"

Ein Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 11 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Nachts“ von Joseph von Eichendorff

3. „Um Mitternacht“ von Johann Wolfgang von Goethe im Vergleich

4. Fazit

5. Aktualitätund Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Nachts (Josephvon Eichendorff, 1841)1

Ich wandre durch die stille Nacht, Da schleicht der Mond so heimlich sacht Oft aus der dunklen Wolkenhülle, Und hin und her im Tal Erwacht die Nachtigall, Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang: Von fern im Land der Ströme Gang, Leis Schauern in den dunklen Bäumen - Wirrst die Gedanken mir, Mein irres Singen hier Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

Um Mitternacht (Johann Wolfgang von Goethe, 1818)2 Um Mitternacht ging ich, nicht eben geme, Klein-kleiner Knabejenen Friedhofhin Zu Vaters Haus, des Pfarrers; Stern am Sterne, Sie leuchteten doch alle gar zu schön; Um Mitternacht.

Wenn ich dann ferner in des Lebens Weite Zur Liebsten mußte, mußte, weil sie zog, Gestirn und Nordschein über mir im Streite, Ich gehend, kommend Seligkeiten sog; Um Mitternacht.

Bis dann zuletzt des vollen Mondes Helle So klar und deutlich mir ins Finstre drang.

Auch der Gedanke willig, sinnig, schnelle Sich ums Vergangne wie ums Künftige schlang; Um Mitternacht.

1. Einleitung

In den beiden vorliegenden Gedichten „Nachts“ von Joseph von Eichendorff und „Um Mitternacht“ von Johann Wolfgang von Goethe geht es um die Verarbeitung des Nachtmotives zur Zeit des 19. Jahrhunderts. Dabei scheint die Thematik, die Goethe 1818, demnach in der Zeit der Klassik, aufgriff, auch 23 Jahre später bei Eichendorff, zur Zeit der Spätromantik, keineswegs an Aktualität verloren zu haben.

Gegenstand dieser Arbeit wird es demnach sein, beide Gedichte die Motivik betreffend und die kunsttheoretischen Auffassungenjener Zeiten mit einbeziehend zu vergleichen, wobei der analytische und interpretatorische Schwerpunkt der Untersuchungen auf„Nachts“ von Joseph von Eichendorff gelegt wird. Abschließend gilt es, die Aktualität zu prüfen und einen Ausblick zu geben.

2. „Nachts“ von Joseph von Eichendorff

In dem von Eichendorff1841 geschriebenen Werk „Nachts“, das aus zwei sechsversigen Strophen besteht, lässt bereits der Titel auf die Verarbeitung der Nachtmotivik[1] schließen. Die Nacht wird dabei als sehr positiv[2], als ein Freiraum der Gedanken und Gefühle und somit als Ort der Gesundung gesehen. Das eine gewisse Ruhe ausstrahlende Adjektiv „stille“ (Vers eins) und nicht zuletzt das Motiv des Weges durch das reduzierte Verb „wundre“ (Vers eins) sorgen für eine gleichsam musikalisch belebte, aber auch für eine wohlige Stimmung in der Nacht. Im Vers zwei wird der langsam aufkommende Mond als sehr angenehm dargestellt. Dies wird durch den in den Versen eins und zwei verwendeten Paarreim und die Personifikation des Mondes deutlich. Das durch die Nacht wandernde lyrische Ich scheint sehnsüchtig auf jenen Moment gewartet zu haben. Der Mond als Zeichen des Nachtanbruches wird stark von der „dunklen Wolkenhülle“ (Vers drei) abgegrenzt, erscheint hierbei hell und erlösend. Auffällig bei Eichendorffs lyrischem Ich ist dabei der vertikale Blick - hier werden, wenn auch nicht vordergründig, die romantische Religiosität und nicht zuletzt auch die Person Eichendorff als Pietist deutlich. So heißt es in einem seiner Werke: „Wahrlich, wen Gott liebhat, den stellt er einmal über allen Plunder auf die einsame Zinne der Nacht, daß er nichts als Glocken von der Erde und vom Jenseits zusammenschlagen hört [.. .]“[3] (aus: Dichter und ihre Gesellen, Eichendorff). Das „hin und her“ in dem vierten Vers könnte eine Erklärung für die Nachtsehnsucht und die Wehmut sein: Eichendorff selbst konnte seine Familie nicht von seiner Kunst ernähren und musste deshalb ein philiströses Leben in Kauf nehmen, das ihn unterforderte und zutiefst unglücklich machte. Oft wird dies auch als „Sehnsucht nach entgegengesetzter Wirklichkeit“[4] bezeichnet.

Der vierte Vers zeigt demnach deutlichjene Zerrissenheit, fast schon Ohnmacht. Die in Vers vier, wenn auch nicht vordergründig, entstandene Unzufriedenheit durch die Reflexion seines Lebens wird durch die Nachtigall[5] in dem Vers fünf weniger dominierend. Die personifizierte Nachtigall wirkt musikalisch und scheint Freiheit und Leichtigkeit zu bringen. Dennoch stört sie die angenehme Ruhe nicht (Vers sechs). Dies wird ebenfalls durch den umarmenden Reim der Verse drei bis sechs deutlich. Eichendorff scheint von der Nacht so sehr fasziniert, dass seine Gefühle aus ihm herausbrechen und er die Nachtigall mit ihrem Gesang preist (vgl. Vers sieben). Die Interjektion „O“ und das Adjektiv „wunderbar“ (Vers sieben) lassen ihn alle Probleme, die das bürgerliche Leben mit sich bringt, vergessen. Sehr auffällig sind dabei wieder der in den Versen sieben und acht verwendete Paarreim und das lebendige, belebte und musikalische Beschreiben der Natur. „Die Nacht öffnet durch Klang und Bewegung nicht nur einen landschaftlichen Raum, sondern verleiht diesem mythische Dimensionen“[6] Dem Anspruch einer vollständigen Poetisierung der Welt, einer progressiven Universalpoesie, wird Eichendorff somit gerecht. Denn obgleich das Werk in der Zeit der Spätromantik verfasst wurde, gilt bis zu ebenjenem Vers: „Schläft ein Lied in allen Dingen...“[7] (Eichendorff).

Neben all dem Positiven der Nacht führt die Freiheit der Gedanken Eichendorffs Ich zu einer, wenn auch nur angedeutet, kritischen Reflexion seines Lebens. Im Vers neun kommen die „dunklen“ Seiten seines Lebens zum Vorschein. Durch den Pluralismus „Bäumen“ wird dennoch die Unendlichkeit deutlich - ein Lichtblick, obgleich der Schluss des Gedichtes ein negativer, wehmütiger sein wird.

Im Vers zehn wirkt Eichendorffs Ich verwirrt, fast ohnmächtig - dies wird nicht zuletzt durch die arbiträre Zeichensetzung in den Versen neun und zehn und durch das Gleiten vom Hellen ins Dunkle (Wechsel von Mondhelle und Finsternis, Wohlklang und tiefer Stille)[8] in der ersten Strophe, deutlich. Jener Wandel scheint sich auch, obwohl nicht unbedingt auffällig, in der Strophengliederung widerzuspiegeln: Die Wechsel zwischen Paar- (zum Beispiel Verse eins und zwei) und umarmenden Reimen (zum Beispiel Verse drei bis sechs) und die Auffälligkeit, dass das vierhebige, jambische Grundmaß in den Versen vier und fünf und zehn und elf mit nur drei Hebungen gebrochen wird, bezeugen dies.[9] Im Vers elf bezeichnet er sein Singen als irr und mit dem Vergleich der im Vers zwölf wird bei aller Musikalität und scheinbarer Freude eines deutlich: Dieser Traum des besseren Lebens wird wohl nur ein Traum bleiben. Der umarmende Reim von den Versen neun bis zwölf scheint diese Sicherheit zu unterstreichen. Der „Tag soll der Nacht weichen, die Wachheit dem Traum, das Leben dem Tod, der Tod dem neuen Leben.“[10] (Novalis?).

Eichendorffs Gedicht könnte zujener Zeit allerdings ebenso, wenn auch nur vorsichtig, politische Aspekte aufgreifen. Die Zeit der Spätromantik war die Zeit der Restauration - die Hoffnung auf „eine Nation“ wurde zerschlagen, man hatte Angst vor den Folgen des Wiener Kongresses und der Karlsbader Beschlüsse. So könnte man das „hin und her“ (Vers vier) und das, wenn auch nur leise, „Schauern“ (Vers neun) auch als eine Angst im politischen Sinne sehen. Die für Eichendorff einzige Möglichkeit scheint der Rückzug ins Private und somit eine Resignation bzw. Stagnation.

Die Ohnmacht, die Angst vor der Zukunft aufgrund der damaligen politischen Umstände und nicht zuletzt sein ihn nicht erfüllendes Leben erklären das Ende seines Gedichtes. Er sieht die Nacht zwar durchweg als etwas Positives, doch werden seine anfänglich früh- und hochromantischen Ansätze am Ende zur spätromantischen Resignation.

3. „Um Mitternacht“ von Johann Wolfgang von Goethe im Vergleich

In dem zweiten mir vorliegenden Gedicht „Um Mitternacht“ von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahre 1818 geht es ebenfalls um die Verarbeitung des Nachtmotives. In dem ersten Vers scheint das lyrische Ich durch die Korrektur „nicht eben gerne“ keinen Bezug zur Nacht zu haben bzw. keinen vorrangigen Gefallen an der Nacht zu finden. Im Vergleich zu Eichendorffs Gedicht begibt sich der Handlungsträger also nicht freiwillig nachts in die Natur, um beide „Räume“ als Orte der Gesundung zu nutzen. Die Betonung liegt dabei im zweiten Vers allerdings auf dem Alter. Durch den Positiv „klein“ und den Komparativ „kleiner“ kann der Leser nachvollziehen, dass vorrangig ebenjene Pflicht eines Kindes zum Kirchhof zu gehen (vgl. Vers eins bis drei), unangenehm zu sein scheint. Im dritten Vers wird durch die Korrektur „des Pfarrers“ die Frömmigkeit Goethes durch den Beruf seines Vaters deutlich.

Dennoch drückt der Vers vier eine Bejahung, eine Bewunderung der Natur aus - der für die Zeit der Klassik typische Pantheismus, der Glaube an die durch eine höhere Ordnung bestimmte Natur, der sich der Mensch fügen muss, kommt zum Vorschein. Die erste von insgesamt drei Strophen schließt mit dem fünften Vers, der eingerückten Ellipse „Um Mitternacht.“. Hierbei sind der Vers eins und der letzte Vers als eine Anapher zu sehen - sie könnte für Vernunft, Harmonie, Toleranz und Frömmigkeit stehen, die durch die strenge, geschlossene Gedichtform ebenfalls ausgedrückt werden.

In der zweiten Strophe beginnt ein neuer Lebensabschnitt des lyrischen Ich. In den Versen sechs und sieben wird das Motiv des Weges und auch das der Liebe aufgegriffen. Wieder wird deutlich, dass er nicht der Nacht, sondern der Liebe wegen die Mitternacht erlebt. Die Korrektur „mußte“ (Vers sieben) macht dies deutlich.

Der durch den vertikalen Blick zu beobachtende Nachtanbruch (vgl. Vers acht) wird durch den Chiasmus, „Ich gehend, kommend Seligkeiten sog“ in dem Vers neun als äußerst beruhigend und positiv empfunden - die Bedeutung der Nacht für das lyrische Ich scheint demnach größer und intensiver geworden zu sein. Die Strophe endet ebenfalls mit der Ellipse „Um Mitternacht.“ im fünften Vers.

In der dritten und letzten Strophe ist nun „des vollen Mondes Helle“, das heißt, die Nacht in ihrer vollsten Blüte zu sehen. Man könnte dies auch als gleichbedeutend mit Goethes Leben betrachten - er ist nun „alt und weise“. Bei der Reflexion seines Lebens gelangt Goethe nun, auch verdeutlicht durch das Hendiadyoin „klar und deutlich“ (Vers zwölf), durch die Nacht zu einer Erkenntnis:

[...]


[1] „Die Nacht ist eines der Hauptmotive romantischer Dichtung“, siehe: Heizmann, Bertold: Arbeitsbuch Deutsch. Literaturepochen: Romantik, München 1986, S. 73.

[2] Vgl. Storz, Gerhard: Wie aus Träumen. In: Reich-Ranicki, Marcel (Hg.): 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Friedrich Schiller bis Joseph von Eichendorff, Bd. 3, Frankfurt a. M. undLeipzig 1994, S. 307.

[3] Frühwald, Wolfgang: Die Erneuerung des Mythos. Zu Eichendorffs Gedicht Mondnacht. In: Segebrecht, Wulf (Hg.): Gedichte und Interpretationen. Klassik und Romantik, Bd. 3, Stuttgart 1987, S. 404.

[4] Schwarz, Paul Peter: Aurora. Zur romantischen Zeitstruktur bei Eichendorff, Bd. 12, Berlin u.a. 1970, S. 85.

[5] „Motiv des Nachtgesangs als Locklied und Zauberlied der Heimat.“, siehe: Schwarz: Aurora, S.91.

[6] Schwarz: Aurora, S. 85.

[7] Köpp, Claus Friedrich: Schläft ein Lied in allen Dingen. Romantische Gedichte, Berlin 1970, S.13.

[8] Vgl. Storz: KlassikundRomantik, S. 147.

[9] Vgl. Storz: KlassikundRomantik, S. 147-148.

[10] Storz: KlassikundRomantik, S. 131.

Details

Seiten
11
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656637165
ISBN (Buch)
9783656637158
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271454
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Schlagworte
nachtmotivik gedichten eichendorffs goethes nachts mitternacht vergleich

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