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Geschichte der arabischen Sprache

Studienarbeit 2014 30 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Arabistik

Leseprobe

INHALSVERZEICHNIS

1. Ursprung und Ausbreitung

2. Schrift und Kalligraphie

3. Problematik der Schrift

4. Sprachstruktur
4.1. Schriftlehre
4.2. Lautlehre
4.3. Formenlehre
4.4. Satzlehre
4.5. Lexikologie

5. Sprachentwicklung
5.1. Vor- und Frühislam
5.2. Rechtgeleitete Kalifen
5.3. Umayyaden
5.4. Abbasiden
5.5. Niedergang
5.6 Renaissance

6. Spracherneuerung

7. Sprachakademien

8. Sprachwissenschaft
8.1. Grammatikschreibung
8.2. Lexikographie
8.3. Sprachtheorien

9. Literatur
9.1. Dichtung
9.2. Prosa

10. Dialekte
10.1. Gliederung
10.2. Diglossie und Bilinguismus

1. Ursprung und Ausbreitung

»So steht das Arabische heute als eine Sprache von größter praktischer und wissenschaftlicher Be­deutung vor uns, eine Sprache, die sich trotz ihrer weiten Verbreitung und reich bewegten ge­schichtlichen Vergangenheit sehr rein und unbeeinflusst erhalten hat, die weniger fremde Bestand­teile aufweist als die europäischen Kultursprachen. Und doch erreicht es sie in der Wendigkeit sei­nes Ausdruckes durchaus.«

Bertold Spuler: Die Ausbreitung der arabischen Sprache, 1954.

Die arabische Sprache ist heute die meist verbreitete Sprache der semitischen Sprachfamilie und eine der sechs offiziellen Sprachen der Vereinten Nationen. Arabisch wird heute von ca. 422 Millionen Menschen als Mutter- oder Zweitsprache in 22 arabischen Ländern und zahlreichen anderen Ländern in Asien und Afrika gesprochen. Als fünft größte Sprache der Welt und Sprache des Islam ist das Arabische eine Weltsprache. (Statistik nach Encarta 2006: Languages Spoken by More Than 10 Million People).

Arabisch ist Amtssprache in folgenden Ländern:

Ägypten, Algerien, Bahrain, Dschibuti, Emirate, Eritrea, Israel, Irak,  Jemen, Jordanien, Katar, Komoren, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Mauretanien, Oman, Palästinensische Autonomiegebiete, Saudi-Arabien,  Somalia, Sudan, Syrien, Tschad, Tunesien, Westsahara.

Wenn man von "Arabisch" spricht, muss man unbedingt von folgender Tatsache ausgehen:

Im arabischen Sprachraum existieren neben der normierten Schriftsprache zahlreiche regionale Dialekte, die als Umgangssprachen fungieren und von den Gebildeten wie Ungebildeten im Alltag gleichermaßen gebraucht werden. Diese Dialekte werden in offizieller Form nicht geschrieben und sind untereinander mehr oder weniger stark verschieden.

Die Schriftsprache oder die moderne arabische Standardsprache basiert auf dem klassischen Arabisch und unterscheidet sich stark von den gesprochenen Varianten des Arabischen. Auf einen Nenner gebracht lässt sich diese sprachliche Situation folgendermaßen beschreiben:

Während die Hochsprache geschrieben aber nicht gesprochen wird, werden Dialekte gesprochen aber in der Regel und offiziell nicht geschrieben.

Die Geschichte der arabischen Sprache beginnt streng genommen erst mit dem Einsetzen schriftli­cher Überlieferung in arabischer Sprache. Das früheste schriftliche Dokument ist der Korantext, der zwischen den Jahren 610 und 632 entstanden ist. Die Erstellung einer offiziellen Fassung erfolgte jedoch erst in der Ära des dritten Kalifen Uthman ibn Affan (644-656). Die vorislamische Dichtung, die zwar bis ins 6. Jahrhundert zurückgeht, wurde nach mündlicher Überlieferung erst im 7. und 8. Jahr hundert niedergelegt. Beide Sprachdenkmäler, Koran und Poesie, bildeten für die arabischen Philologen des 8. und 9. Jahrhunderts die Grundlage, ein Lehrsystem mit einem hohen Maß an Normiertheit zu schaffen, das die arabische Sprache erst zu einer Kultur- und Bildungssprache machte.

Die völlige Identifikation der Araber und Nichtaraber mit dem Islam und  ihre Bewunderung für die »Geheimnisse der arabischen Sprache«, die ihnen zum ersten Male in der Sprachform des Koran deutlich und bewusst wurden, ließen einen linguistischen Kult von großer ästhetischer, religiöser und kultureller Bedeutung entstehen. Die neue Religion war der einzige Beweggrund und die An­triebskraft für das intensive Studium und die Kodifizierung der arabischen Sprache in Überein­stimmung mit der Koransprache, die es rein und unverändert zu bewahren galt.

Das Hocharabische als Schriftsprache ist in 22 arabischen Staaten in Gebrauch: Von Mauretanien bis zum Irak und vom Jemen bis nach Syrien. Arabisch wird außerdem von Minderheiten in Iran (Khusistan, am Nordufer des Golfs), Afghanistan (Nordwesten), in der ehemaligen Sowjetunion (Usbekistan), Cypern, der Türkei (Südosten), Israel und Äthiopien gesprochen. Darüber hinaus ist es die kultische Sprache aller nichtarabischen islamischen Völker.

Sprachgenetisch ist Arabisch die jüngste Sprache der semitischen Sprachfamilie (Hebräisch, Ara­mäisch, Äthiopisch usw.). Die semitischen Sprachen sind untereinander eng verwandt und weisen u.a. folgende gemeinsame Merkmale auf:

- Konsonantenschrift ohne Bezeichnung der kurzen Vokale
- Kehllaute und emphatische Laute
- Dreiradikalige Wurzeln
- Zwei grammatische Generi: maskulin und feminin
- Drei Numeri: Singular, Dual und Plural
- Drei Kasus: Nominativ, Genitiv und Akkusativ
- Genitivverbindung des Nomens
- Verschiedene Aktionsarten beim Verb: Intensiv, Kausativ, Reflexiv usw
- Späte Herausbildung des Zeitbegriffs beim Verb (vollendet/unvollendet)
- Häufiges Vorkommen des Nominalsatzes (Satz ohne Kopula)
- Verwendung der Paronomasie (z.B.: ein Sagender sagte)
- Neigung zur Parataxe (Nebenordnung) im Satzbau

Die Entwicklungsphasen der arabischen Sprache bis zum 5. Jahrhundert sind weitgehend unbe­kannt. Das früheste bekannte Verbreitungsgebiet ist das zentrale Hochland Arabiens, von dem aus die Araber bereits in vorislamischer Zeit ins aramäische und persische Reich im Norden und Osten so­wie in Südarabien eindrangen.

Die ältesten Belege des Arabischen reichen bis ins 9. Jahrhundert v. Chr. zurück. Es sind Eigenna­men in assyrischen Keilschrifttexten. Die jüngste Inschrift aus dem Jahre 328 n. Chr. belegt die ara­bische Sprache in nabatäisch-aramäischer Schrift. Als voll ausgebildete Literatursprache tauchte das klassische Arabisch um die Mitte des 6. Jahrhunderts auf. Eine Fülle von Gedichten thematisch ver­schiedenen Inhalts und präzisen wie komplizierten metrischen Schemata bezeugt den Reichtum und die Ausdruckskraft jener zur vollen Entfaltung gelangten Sprache, der eine sehr lange Entwick­lungsphase vorausgegangen sein muss.

Mit dem Aufkommen des Islam und den Eroberungen der Araber im 7. und 8. Jahrhundert ging eine gewaltige Ausdehnung der arabischen Sprache einher.

Als Sprache des Koran verdrängte sie das Sabäische in Südarabien, das Aramäische in Syrien und Irak, das Persische im Irak, das Koptische in Ägypten, die Berber-Dialekte in Nordafrika und be­hauptete sich neben Spanisch und Portugiesisch immerhin bis zum Ende des 15. Jahrhunderts auf der Iberischen Halbinsel. Von Tunesien aus wurde die Inselgruppe Malta arabisiert, und von Oman aus drang das Arabische nach Sansibar und Ostafrika vor.

2. Schrift und Kalligraphie

»Man hat unter dem starken Eindruck der Aufnahme fremden Kulturgutes in die islamische Welt oft die Bedeutung unterschätzt, die bei ihrer Gestaltung den Arabern selbst zukam. Sie waren nicht nur Kämpfer und Träger der neuen Religion, sondern sie gaben ihr auch Sprache und Schrift.«

Ernst Kühnel: Islamische Schriftkunst, 1942.

Alle heute gebräuchlichen Buchstabenschriften gehen letzten Endes auf die semitische Konsonan­tenschrift zurück. Die arabische Schrift ist nach der lateinischen die meist verbreitete in der Welt. Ihr Geltungsbereich reichte von Zentralasien bis Zentralafrika und vom Fernen Osten bis zum At­lantik. Geschrieben in arabischer Schrift wird heute Persisch, Urdu (Pakistan und Nordwest-Indien) sowie die Berbersprachen und bis vor einiger Zeit die Turk- und Kaukasussprachen, Malaiisch (In­donesien), Somali, Haussa und Kiswahili.

Der Ursprung der arabischen Schrift ist noch nicht restlos geklärt. Es existieren viele Theorien dar­über, von denen einige fundamentale Widersprüche enthalten. Die älteste Inschrift stammt angeb­lich aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Man vermutet, dass sie aus der nabatäischen Schrift hervorge­gangen ist. Die arabischen Nabatäer bedienten sich bis dahin des Aramäischen als Schriftsprache. Die 22 Buchstaben des aramäischen Alphabets reichten jedoch nicht aus, die 28 Laute der arabi­schen Sprache auszudrücken. Daher entwickelten die Araber noch weitere sechs Buchstaben.

Typisch für die arabische Schrift sind die Schreibrichtung, die von rechts nach links verläuft, die Verbindung der Buchstaben miteinander sowie die Gleichförmigkeit einiger Buchstaben, die nur durch die über beziehungsweise unterliegenden diakritischen Punkte unterschieden werden. Sie ist eine Konsonantenschrift, bei der die Kurzvokale mittels Zusatzzeichen ausgedrückt werden können. Die Einführung der diakritischen, Vokal- und anderer Sonderzeichen wird gemeinhin dem arabi­schen Lexikographen al-Khalil ibn Ahmad (gest. 791) zugeschrieben.

Mit der Verbreitung der arabischen Sprache infolge der Islamisierung entstanden im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Schriftstile. Es entfaltete sich eine eigenständige Kunstrichtung - die Kalli­graphie.

Die arabischen Kalligraphen verstanden »die Kunst des Schreibens als die Geometrie der Seele, ausgedrückt durch den Körper«. Diese Kunst in ihrer kodifizierten Form geht auf Ibn Muqlaا(886-940) zurück. Der Tatbestand, dass die arabische Schrift entlang einer horizontalen Linie geschrieben

wird, bildet die Grundlage für ein unbegrenztes Spektrum graphischer Formen, die sowohl auf Buchseiten als auch auf Wänden und anderen Flächen zutage treten. Im folgenden sollen die wich­tigsten Schriftarten kurz beschrieben werden:

a) Kufi: So benannt nach der Stadt Kufa im Irak. Eine geometrische Konstruktion, die sich auf eckige Elemente stützt. Diese Schriftform ist die älteste. Sie wurde hauptsächlich von Koranschrei­bern und Sekretären an Königshöfen benutzt. Die älteste erhaltene Inschrift vom Jahre 692 befindet sich im Felsendom in Jerusalem
b) Nask: Eine runde Form, die im 11. Jahrhundert die Kufi-Schrift ablöste. Sie diente vorwiegend zur Schreibung von wissenschaftlichen und literarischen Werken. Auch die Koranschreiber bedienten sich dieser Schrift
c) Thuluth: Eine komplexe Struktur, die einen feierlichen, liturgischen Wert besitzt. Sie wurde für die Überschriften der Suren im Koran und die architektonischen Arabesken verwendet
d) Ruqa: Eine kräftige, fette Schrift mit vertikalen Linien und abgerundeten Häkchen auf dem Buchstabenkopf. Sie ist von den Türken entwickelt worden
e) Diwani: Eine lebhafte, kursive Form, die im 15. Jahrhundert ebenfalls von den Türken entwickelt und gepflegt wurde. Diwani war in erster Linie die Schriftform der Staatsverwaltung und Kanzleien
f) Taliq.Eine nicht allzu anspruchsvolle Form, in der einige Buchstaben in die Länge gezogen werden
g) Nastaliq: Eine im 15. Jahrhundert von den Persern entwickelte Schrift, die in Persien und Pakis­tan u.a. bei der Gestaltung von Briefen, Buchtiteln und Plakaten eingesetzt wird. Nastaliq ist eine Kombination aus Naskh und Taliq.

Bis zur Erfindung des Papiers galt der aus der Sumpfpflanze gewonnene Papyrus als wichtigster Stoff zur schriftlichen Niederlegung. Zwar war er den Arabern bereits in vorislamischer Zeit be­kannt, fand jedoch erst nach der Eroberung Syriens und Ägyptens häufige Verwendung.

In besonderem Maße eignete sich der Papyrus für die Korrespondenz der Kalifen und überhaupt für Verwaltungszwecke, da eine Fälschung der Schriftstücke ohne Beschädigung des Papyrus ausge­schlossen war.

Die Verarbeitung des Papyrus zu Schreibmaterial wurde anfangs in Ägypten betrieben, später auch im Irak, wo die erste Manufaktur im Jahre 836 in Samarra gegründet wurde. Bereits um die Mitte des 10. Jahrhunderts wurde Papier hergestellt. In Damaskus und Basra (Irak) entstanden Papiermühlen, die das weite islamische Gebiet mit Papier versorgten.

Neben Papyrus wurden seit vorislamischer Zeit auch Leder, Pergament, Holz, Palmzweige, Steine, Textilien, Rippen und Schulterblätter von Kamelen sowie Tonscherben zum Schreiben benutzt. Als Schreibwerkzeug diente hauptsächlich eine Rohrfeder, auf deren Handhabung bei der Ausbildung

eines Schreibers besonderer Wert gelegt wurde.

Die Tinte war in zwei Arten gebräuchlich: Die einfache bestand aus Ruß und Honig, die andere aus Galläpfeln und verschiedenen Zusätzen wie Kampfer, Aloe und Gummi. Der Schreiber stellte seine Tinte selbst her, da er darauf bedacht war, dass sie keine Beimengungen von zersetzender Wirkung enthielt. So hinterließen islamische Kalligraphen besondere Rezepte zur Herstellung von Tinte.

3. Problematik der Schrift

»Wir sind das einzige Volk, das verstehen muss, um lesen zu können, während alle anderen Völker der Erde lesen um zu verstehen.«

Anis Furaiha: Ein leichteres Arabisch, 1955.

Ein wesentlicher Nachteil der arabischen Schrift besteht wohl im Fehlen der Buchstaben für die Kurzvokale, die unter anderem als Träger grammatischer Funktionen zur Herstellung logischer Zusammenhänge im Satz dienen. Ein Wort wie »mlk« beispielsweise kann im Kontext je nach Sinn verschieden interpretiert werden: malaka »besitzen«, mulk »Herrschaft«, milk »Eigentum«, malik »König« oder malak »Engel«. Oft genug erschwert diese Homographie die Deutung der Texte.

Ein anderer Unsicherheitsfaktor resultiert aus der Ähnlichkeit einiger, lediglich durch diakritische Punkte differenzierter Buchstaben beziehungsweise durch deren Anzahl und/oder Stellung, was nicht selten zu Verwechslungen führt (vgl.: n und b, t und th, d und dh, dsch und kh, s und sch usw.). Als zusätzliche Erschwernis erweist sich zudem die Tatsache, dass die Schreibung der arabischen Buchstaben im Gegensatz zu den lateinischen von ihrer Stellung im Wort (Anfang, Mitte, Ende, isoliert) abhängt.

Jene erwähnten Besonderheiten stellen sich erneut bei der mechanischen Wiedergabe der Schrift. So werden z.B. im Gegensatz zur deutschen Schreibmaschine mit nur 88 Typen für eine arabische 137 Typen benötigt, was allerdings im Zeitalter des Computers gar keine Rolle mehr spielt. Noch spürbarer wirkten sich diese Eigenheiten beim Druck aus, da durch die erhebliche Anzahl von Drucklettern (durchschnittlich 700) zwangsläufig die Druckkosten stiegen. Auch diese Problematik ist so gut wie nicht mehr vorhanden.

Angesichts der genannten Eigenarten der arabischen Schrift erhob sich die Frage, ob man sie nicht durch die lateinische Schrift ersetzen solle. Einige arabische Intellektuelle vertreten sogar den Standpunkt, dass die Rückständigkeit der arabischen Welt in Zivilisation und Wissenschaft von eben diesem Schriftsystem herrühre. Indes überwiegt unter den arabischen Gelehrten die gegenteilige Meinung. Sie sehen in der Latinisierung des arabischen Alphabets eine Einbuße des Geistes der arabischen Sprache, den Verlust der Seele arabischer Kultur, die Zerstörung der ursprünglichen Grammatikstrukturen und das Verschwinden der Kalligraphie, jener abstrakten Kunst des Islam.

So blieben alle bisher unternommenen Anstrengungen, die arabische Schrift zu reformieren, fruchtlos. Denn die Sprachgeschichte lehrt, dass eine Schrift erst dann eine Änderung beziehungsweise Erneuerung erfährt, wenn sie von einer anderen, von Tradition und Gewöhnung unbelastete Sprachgemeinschaft übernommen wird. Dieser Fall trat bei der Verwendung der arabischen Schrift für nicht-semitische Sprachen ein. So wurden beispielsweise im Persischen, Urdu und Paschto zusätzlich neue Buchstaben für die Laute geschaffen, die das Arabische nicht kennt.

Obgleich die arabische Schrift schon eine Art Stenographie darstellt, verfügt das Arabische über eine Kurzschrift (ikhtizal). Dieser Begriff taucht erstmals bei Sulaiman al-Bustani (1856-1925) auf. Die jüngste und rationellste Stenographie stammt von André Baq‘uni, Professor für Daktylographie an der Universität Damaskus. Außerdem schuf er eine Kurzschrift, die auf vereinfachte beziehungsweise verkürzten Buchstaben des arabischen Alphabets basiert.

4. Sprachstruktur

»Von den ältesten Zeiten, aus welchen diese Sprache überliefert ist, bis heute ist sie in ihrer äußeren

Form nahezu unverändert geblieben.«

W. Fischer: Grammatik des Klassischen Arabisch, 1972.

Die arabische Schriftsprache wurde im 9. Jahrhundert nach der vor- und frühislamischen Poesie sowie nach dem Koran normiert. Die klassische Periode ging bereits im 10. Jahrhundert zu Ende. Demnach bezeichnet man das Arabische als:

Vorklassisch-Arabisch: Vom Beginn der Überlieferung an bis zum Ende des 8. Jahrhunderts.

Klassisch-Arabisch: 9. Jahrhundert.

Nachklassisch-Arabisch: Vom 10. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Die Grenzen zwischen den Sprachperioden sind freilich fließend. Der Sprachwandel ist relativ gering. Er betrifft hauptsächlich Stil und Wortschatz.

4.1. Schriftlehre

Das Arabische verfügt über 28 Konsonantenphoneme, die von rechts nach links miteinander verbunden werden. Die Zeichen Alif, d, dh, r, z und w können nur mit dem vorhergehenden Buchstaben verbunden werden. Der nachfolgende Buchstabe muss dann neu angesetzt werden.

Das Arabische besitzt sechs Vokalphoneme: Drei Langvokale (aa, ii, uu) und drei Kurzvokale (a, i, u). Die Kurzvokale werden durch Hilfszeichen ausgedrückt. Sie werden über beziehungsweise unter den vorhergehenden Buchstaben gesetzt. Folgt auf einen Konsonanten kein Vokal, so wird dieser durch das Hilfszeichen »Vokallosigkeit« ausgedrückt. Ferner hat die arabische Schrift ein Hilfszeichen zur Verdoppelung eines Konsonanten, drei Hilfszeichen für die Nominalendungen -un, -in und -an (unbestimmt) und -u, -i und -a (bestimmt) sowie eine Femininendung.

Alle genannten Kurzvokale und Hilfszeichen werden im Allgemeinen nicht geschrieben. Sie stehen z.B. im Korantext, in Wörterbüchern und Poesiewerken. Übertragen auf das Deutsche sieht ein arabischer Satz so aus: »m rbschn schrbt mn knsnntn« im Arabischen schreibt man Konsonanten. Das klassische Arabisch kennt keine Interpunktion. Heute werden Satzzeichen zwar gesetzt, aber nicht ganz konsequent.

4.2. Lautlehre

Konsonanten: Labiale: b und m sind bilabial, f labiodental.

Apikale: t und d sind alveolare Okklusiva, th und dh interdentale Spiranten. t und th sind stimmlos, d und dh stimmhaft.

Sibilanten: s und sch sind stimmlos, z stimmhaft.

Liquide: r ist gerolltes Zungenspitzen-r, l lateral, n nasal.

Dorsale: k ist stimmloses palatales Okklusiv, q stimmloses postvelares Okklusiv. kh und gh sind velare Spiranten, kh ist stimmlos, gh stimmhaft.

Pharyngale: Ain ist stimmhafter, h. stimmloser Spirant.

Laryngale: Hamza ist explosiver Glottisöffnungslaut, h laryngaler Spirant.

Velare: s., d., t. und z. sind emphatische Entsprechungen zu den Lauten s, d, t und z, s. und t. sind stimmlos, d. und z. stimmhaft.

Vokale: Kurzvokale: a,i und u sind sonantisch, w und y konsonantisch.

Langvokale und Diphthonge: aa, ii, uu, au und ai.

Betonung: die vorletzte Silbe wird betont, wenn sie geschlossen ist. Einsilbige Partikeln sowie die letzte Silbe werden nie betont.

Silben: Die Silbe kann nicht mit Sonanten beginnen. Demnach gibt es zwei Silbentypen:

1. Offene Silbe: Konsonant - Sonant
2. Geschlossene Silbe: Konsonant - Sonant - Konsonant.

Pausalform: Vor Sprechpausen wird der Auslaut nicht artikuliert. Sonanten verstummen gänzlich, Langvokale werden gekürzt. Die nominalen Endungen -un, -in und -an werden nicht gesprochen.

4.3. Formenlehre

Jedes arabische Wort geht auf eine Wurzel zurück, die in der Regel aus drei, seltener aus vier Konsonanten besteht. Diese Wurzelkonsonanten, auch Radikale genannt, beinhalten einen bestimmten Begriff, z.B. hat die Wurzel k-t-b die Grundbedeutung »schreiben«, dh-h-b die Grundbedeutung gehen« und q-r-' die Grundbedeutung »lesen«. Durch eine festgelegte Reihenfolge von Konsonant und Vokal werden verschiedene Wortarten (Verb, Nomen) gebildet. Die Wurzel k-t-b beispielsweise bildet kaatib »schreibend«, kitaab  »Buch«, kutub  »Bücher« usw. Prä- und Suffixe sowie andere Bildungsmorpheme geben weitere Informationen wie Tempus, Kasus usw. Beispiel: katab-a  »er hat geschrieben«, ya-ktub-u »er schreibt«, ma-ktabat-in »einer Bibliothek«. Daraus ergibt sich, dass die Radikale die Grundbedeutung tragen, während die Zusätze (Vokal, Suffix usw.) grammatische Funktionen bezeichnen und somit zur Konkretisierung des Wortes beitragen. Zur Darstellung der verschiedenen Wortformen benutzen die arabischen Grammatiker das Wurzelmuster f-'-l, bei dem die Radikale beliebig ersetzbar sind. So gehen die genannten Beispiele katab-a nach dem Schema fa'al-, ya-ktub-u nach ya-f'ul-u und ma-ktabat-in nach ma-f'alat-in. Diese Schemata, in denen die Verteilung der Vokale festgelegt ist, machen den Kern der arabischen Sprache aus.

Bei den Wurzeln unterscheidet man starke und schwache. Eine schwache Wurzel enthält die instabilen Laute w beziehungsweise y, bisweilen auch den Laut '.

Das Arabische kennt beim dreiradikaligen Verb 15 Stämme, von denen heute nur zehn in Gebrauch sind. Sie werden in europäischen Wörterbüchern und Grammatiken mit den römischen Ziffern I bis X gekennzeichnet. Der Grundstamm geht nach dem Schema fa'vla - yaf'vlu, wobei v für einen Vokal steht, der lexikalisch festgelegt ist, also a ,i oder u.

Die abgeleiteten Stämme (II bis X) weisen bestimmte Merkmale wie Konsonantenverdoppelung, Vokallängung, Präfigierung usw. auf. Diese Charakteristika geben auch Hinweise für bestimmte Bedeutungsfelder, die im Folgenden in Klammern erscheinen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das vierradikalige Verb hat vier Stämme, die jedoch selten gebraucht werden. In Wörterbüchern und Grammatiken wird das Verb in der 3. Person Singular männlich zitiert, also kataba – yaktubu. Der Zeitbegriff wird durch zwei Aspekte ausgedrückt: vollendet (Perfekt), formal durch Suffix gekennzeichnet und unvollendet (Imperfekt) durch Präfix: katab-tu  »ich habe geschrieben«, 'a-ktubu  »ich schreibe«. Die Zukunft wird durch sawfa oder sa- in Verbindung mit dem Imperfekt gebildet. Aktiv und Passiv unterscheiden sich durch verschiedene Stamm- und Präfixvokale: yaktubu »er schreibt«, yuktabu »es wird geschrieben«.

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Details

Seiten
30
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656637189
ISBN (Buch)
9783656637172
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271473
Note
Schlagworte
geschichte sprache

Autor

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Titel: Geschichte der arabischen Sprache