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Schweigespirale 2.0? Eine empirische Studie zur öffentlichen Meinung und Redebereitschaft der Menschen im Netz

Masterarbeit 2013 223 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

I Forschungssystematik
1 Einleitung
1.1 Relevanz des Themas
1.2 Erkenntnisinteresse
1.3 Forschungsleitende Fragen
1.4 Dramaturgie
2öffentliche Meinung
2.1 Meinung und Öffentlichkeit
2.2 Die Definition Noelle-Neumanns
2.3 Öffentliche Meinungsäußerung
3 Die Theorie der Schweigespirale
3.1 Die Theorie
3.1.1 Empirischer Ursprung
3.1.2 Sozialwissenschaftliche Aspekte
3.2 Die Hypothesen
3.2.1 Isolationsfurcht
3.2.2 Meinungsklima
3.2.3 Artikulationsfunktion der Massenmedien
3.2.4 Redebereitschaft der Gesellschaftsmitglieder
3.3 Die Kommunikationstypen
3.4 Rezeption der Theorie
4 Das digitale Zeitalter
5 Redebereitschaft im Social Web
5.1 Politische Information
5.2 Social Web Angebote
5.3 Einfluss auf die Redebereitschaft
5.4 Politische Partizipation
6 Forschungsstand

II Methodik
7 Mehrmethodendesign
8 Forschungsmodule
8.1 Projektmodul I: Experteninterviews
8.1.1 Methodik
8.1.2 Forschungsablauf
8.1.3 Ergebnisdarstellung
8.1.4 Methodenkritik
8.2 Projektmodul II: Online-Befragung
8.2.1 Methodik
8.2.2 Forschungsablauf
8.2.3 Ergebnisdarstellung
8.2.4 Methodenkritik

III Fazit
9 Befunde
9.1 Zusammenfassung der Forschungsergebnisse
9.2 Diskussion
9.3 Kritik
10 Ausblick und Anregung für weitere Forschung

Literaturverzeichnis

Onlinequellen

Anhang I

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Dynamisches Modell der öffentlichen Meinung nach der Theorie der Schweigespirale (Schenk 2002: 530, Abbildung 50)

Abbildung 2 Typologie der Akteure in Prozessen öffentlicher Meinung (Quelle: Lamp 2009: 125, Abb. 7)

Abbildung 3 Web 2.0 Nutzung Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2007-2011

Abbildung 4 Zusammensetzung der Onlinenutzer nach der OnlineNutzerTypologie 2010 und 2012 Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudien 2010 und 2012

Abbildung 5 Mediennutzung zum Thema „Politik und Gesellschaft“ Quelle: ARD/ZDF- Onlinestudie 2011

Abbildung 6 Beispiel der Kommentarfunktionen einer Facebook-Seite (Bildschirmfoto der Facebook-Seite netzpolitik.org am 5.4.2013)

Abbildung 7 Übersicht über den wissenschaftlichen Forschungsprozess (eigene Darstellung in Anlehnung an Brosius / Koschel / Haas 2009: 43)

Abbildung 8 2x3 Matrix zur Stichprobenauswahl (eigene Darstellung)

Abbildung 9 Grafische Darstellung der Stichprobenauswahl (eigene Darstellung)

Abbildung 10 Sample der Experten (eigene Darstellung)

Abbildung 11 Zusammensetzung der Stichprobe (eigene Darstellung)

Abbildung 12 Aufrufe der Blogs "Die Freiheitsliebe" und "Geolitico"

„ Wir können aus den digitalen Netzen zwar nicht aussteigen, wir können sie aber auf vielfache Weise mitgestalten - denn nicht das Internet bestimmt seine Zukunft, sondern wir, indem wir es nutzen “ (Münker 2009: 13f.)

I Forschungssystematik

1 Einleitung

1.1 Relevanz des Themas

Das Internet gilt als das Kommunikationsmedium schlechthin und ist fest im Alltag der Men- schen integriert. Mit der Digitalisierung der Medien steht dem Nutzer ein vielfältigeres Angebot zur Verfügung als zuvor. Damit wird die Mediennutzung der Menschen immer individueller. Sie können sowohl zeit-, als auch ortsungebunden Informationen sammeln oder selber Inhalte produzieren. Das Web 2.0 trägt mit seinem Fokus auf Partizipation und Interaktion einen erheb- lichen Beitrag zu dieser Entwicklung bei. Mit dem Rollentausch zwischen Rezipient und Kon- sument haben sich die Kommunikationsformen im World Wide Web verändert. Sogar unsere Sprache wird dadurch verändert und erweitert: Es wird geposted, geliked, getwittert und gesha- red. Vor allem in den sogenannten "sozialen Netzwerken" wie Facebook, Twitter und YouTube werden Informationen, ob Meinungen, Nachrichten, Bilder oder Videos, produziert und veröf- fentlicht. Somit sind sie für die Öffentlichkeit, oder eine für das Netzwerk individuell eingestell- te Teilöffentlichkeit, zugänglich und werden ebenfalls kommentiert oder verbreitet. Der soziale Charakter der Social Media Sites macht diese Mobilisierung der Gesellschaft möglich: „Wir können (...) soziale Netzwerke nur nutzen, weil andere das auch tun - versuchen Sie einmal, mit sich selber zu twittern“ (Münker 2010: 39).

Laut Ergebnissen der BITKOM-Studie1 ist für die 18- bis 29-Jährigen das Internet das wichtigste Informationsmedium für politische Themen. Nicht nur die Beschaffung von wichti- gen -und weniger wichtigen- Neuigkeiten, sondern vor allem der Informationsaustausch läuft über das digitale Netz, ob zwischen Individuen oder in Gruppen. Die Bürger können ihre eige- nen Ansichten kundgeben oder lesen, wie andere Menschen zu einem bestimmten Thema ste- hen. Gerade politische Entscheidungen, kontroverse Themen oder gesellschaftsrelevante Dis- kussionen stehen im Internet auf der Kommunikationsagenda. Als demokratischer Staat setzt Deutschland auf die Legitimation politischer Entscheidungen durch den freien Willen der Bür- gerinnen und Bürger. Das Web 2.0 macht es den Menschen möglich, das politische Geschehen aktiv mitzugestalten. Mit den Fragen, wie die Onlineangebote politische Kommunikation in Deutschland verändern und wie die Bürger die neuen digitalen Möglichkeiten im Vergleich zu den traditionellen Kommunikationsformen nutzen, um sich zu informieren, sich auszutauschen und sich politisch zu beteiligen, beschäftigte sich eine Panelstudie2 von Emmer, Wolling und Vowe. Die Teilnehmer wurden nach ihrer Mediennutzung, der Rezeption politischer Kommuni- kation und der Form der politischen Partizipation befragt. Das Ergebnis ist, dass die politische Kommunikation „über die traditionellen Kommunikationskanäle deutlich stärker ausgeprägt [ist] als über die digitalen Onlinekanälen“ (Media Perspektiven 1/2013: 51). Die onlinebasierten Aktivitäten, wie Informationsbeschaffung und politische Diskussion nehmen jedoch stetig zu. Es stellt sich die Frage, nicht ob sondern wann die politische Kommunikation über die Onlinekanäle zunehmen wird, da diese immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Die in der Kommunikationswissenschaft bekannte und vielseitig diskutierte Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann untersucht die öffentliche Meinung seit Jahren. Schwerpunkt der Theorie ist, dass die Redebereitschaft der Gesellschaftsmitglieder im öffentli- chen Diskurs abhängig ist, sowohl von der individuellen Furcht vor sozialer Isolation, als auch von der ständigen Umweltbeobachtung durch die Massenmedien. Nur wenn die eigene Meinung im Einklang mit der beobachteten Mehrheitsmeinung steht, wird diese öffentlich geäußert, sonst wird geschwiegen. Es entsteht ein Spiralprozess, in dem die Mehrheitsmeinung an Anhänger gewinnt und die Minderheitsmeinung an Boden verliert. Es wurden damit grundlegende soziale Aspekte der Gesellschaft erforscht:

„Was Menschen denken und was sie vor allem glauben, was andere oder die meisten über wichtige Themen der öffentlichen Kommunikation denken, gehört zum Kern von Theorien der öffentlichen Meinung“ (Schenk 2007: 543).

Eine mögliche Redebereitschaft oder Schweigetendenz gilt als sichtbares Ergebnis in der Meinungsverteilung der Gesellschaftsmitglieder und wurde dementsprechend am häufigsten empirisch untersucht (vgl. Scherer et al. 2006: 117).

Die Theorie der Schweigespirale befasste sich auch mit den Medienwirkungen und so- mit dem Einfluss der klassischen Massenmedien, Print, TV und Radio, auf die Wahrnehmung der Meinungsverteilung. Das Internet oder das partizipative Web 2.0, wie es heutzutage nicht mehr wegzudenken ist, war damals noch nicht verfügbar. Somit hat sich unter anderem die Be- reitstellung der Informationen verändert, was zu einer anderen Form der Redebereitschaft füh- ren dürfte. Die politische Diskussion nimmt gemäß Studienergebnissen3 im Internet zu. Es stellt sich daher die Frage, inwieweit die Menschen bereit sind, sich im Internet öffentlich zu einem kontroversen Thema zu äußern. Durch die empirische Prüfung der Annahmebedingungen der Theorie können Aussagen gemacht werden, ob eine Schweigespirale im heutigen digitalen Zeit- alter noch vorzufinden ist.

1.2 Erkenntnisinteresse

Die Medien stehen im Zeichen des Wandels. Es kommt nicht nur bei den Angeboten, sondern auch bei der Nutzungsweise zu andauernden Veränderungen. Die Art und Weise, wie sich die Bürger politisch informieren, ist für die Redebereitschaft ausschlaggebend. Das Internet bietet mit seinen vielfältigen Angeboten einen großen Gestaltungsspielraum für die öffentliche Mei- nungsäußerung, mehr als die klassischen Medien. Aus diesen Gründen muss die Frage nach der Redebereitschaft der Gesellschaftsmitglieder im öffentlichen Diskurs eine zentrale Frage der empirischen Kommunikationswissenschaft sein. Die Redetendenz bezieht sich auf die öffentli- che Meinungsäußerung zu einem politischen und in der Gesellschaft kontrovers diskutierten Thema. An der Schnittstelle zwischen den klassischen Massenmedien und dem partizipativen Web 2.0 setzt die vorliegende Forschungsarbeit zum Thema „Schweigespirale 2.0? Eine empiri- sche Studie zur öffentlichen Meinung und Redebereitschaft der Menschen im Netz“ an. Das Erkenntnisinteresse bezieht sich auf die Redebereitschaft der Menschen zum einen in den neuen Medien und zum anderen im Vergleich zu den klassischen Massenmedien, um Aussagen über mögliche Veränderungen treffen zu können. Es soll der Einfluss der Digitalisierung und der Web 2.0 Angebote auf die öffentliche Meinungsäußerung der Menschen erfasst werden. Zudem sollen die Bedingungen der Theorie der Schweigespirale auf ihre Anwendbarkeit heutzutage ermittelt werden.

Aus diesem Forschungsinteresse ergeben sich zwei Teilprojekte, bei denen mit unter- schiedlichen Methoden systematisch und intersubjektiv nachvollziehbar vorgegangen wird. Durchgeführt werden qualitative Experteninterviews sowie eine quantitative Online-Befragung.

1.3 Forschungsleitende Fragen

Das Forschungsprojekt ist in zwei Themenblöcke geteilt, wobei der zweite Teil auf den ersten Block aufbaut.

Themenblock qualitative Experten-Befragung:

Veränderungen der Redebereitschaft der Menschen durch das Social Web.

Im ersten Block soll durch eine qualitative Experten-Befragung untersucht werden, wie sich die Redebereitschaft der Menschen allgemein in den letzten Jahren verändert hat und in welchem Maße die Digitalisierung daran Einfluss genommen hat. Wie kommunikativ sind die Menschen zu einem kontroversen Thema im Social Web? In welcher Art und Weise geben sie ihre Meinung kund? Welchen Einfluss haben die sozialen Netzwerke auf die Redebereitschaft? Werden die klassischen Medien überhaupt noch zur Informationssammlung genutzt?

Themenblock quantitative Online-Befragung:

Aktuelle Redebereitschaft der Menschen im Social Web.

Der zweite Fragenkatalog beschäftigt sich mit der aktuellen Redebereitschaft von Menschen zu einem ausgewählten diskursiven Thema. Bei den Befragten handelt es sich um Menschen, die sich im Social Web aufhalten, den sogenannten Usern. Die Studie soll dabei die aus den Experteninterviews abgeleiteten Hypothesen quantitativ überprüfen.

Diese Überlegungen führten zur Konkretisierung der folgenden Forschungsfrage: Forschungsfrage:

Verstärkt das Internet mit seinen Angeboten die Redebereitschaft der Menschen im öffentlichen Diskurs im Vergleich zu den klassischen Massenmedien?

1.4 Dramaturgie

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: Zunächst soll der Begriff der öffentlichen Meinung und die Theorie der Schweigespirale als thematische Grundlage des Forschungsinteresses vorgestellt werden. Es folgt die Beschreibung des digitalen Zeitalters mit den Chancen und Risiken der Web 2.0 Angebote für den Meinungsbildungsprozess. Abschließend zur Forschungssystematik wird ein Überblick über die wichtigsten Nachfolgestudien zur Schweigespirale-Theorie und der aktuelle Forschungsstand empirischer Studien zur Meinungsäußerung im Internet gegeben. Der daran anschließende Teil der Methodik zielt auf die Beschreibung der Teilprojekte ab. Die Punkte beschäftigen sich zunächst mit den entsprechenden Forschungsfragen und Hypothesen und der methodischen Herangehensweise. Im Anschluss daran folgt pro Projekt eine Erläute- rung der einzelnen Phasen - von der Planung über die Entwicklungs- und Testphase bis hin zur Durchführung und Auswertung. Die Hypothesen werden anhand der Ergebnisse der Studien auf ihre Gültigkeit überprüft und die Forschungsfrage beantwortet. Innerhalb einer Diskussion wer- den die Resultate kritisch besprochen. Den Abschluss bildet ein übergreifendes Fazit, in dem die zentralen Ergebnisse der zwei Projekte nochmals zusammengefasst und auf die Theorie der Schweigespirale bezogen werden. Zudem werden in Form eines Ausblicks Anregungen für weitere Forschungsarbeiten gegeben.

2 Öffentliche Meinung

2.1 Meinung und Öffentlichkeit

Was unter Öffentliche Meinung zu verstehen ist, beschäftigt viele Wissenschaftler seit langem. Die Ableitung aus Individualbegriffen (Meinung,öffentlichkeit) erleichtert möglicherweise die Begriffserklärung der öffentlichen Meinung. Eine Meinung ist „als Synonym zu verstehen für den Ausdruck von etwas, das man für richtig hält“ (Noelle-Neumann 1996: 88).öffentlich be- deutet für jedermann zugänglich und alle betreffend. Der Begriff hat eine herrschende und sich durchsetzende Fähigkeit. Was beinhaltet die öffentliche Meinung, wer äußert sie und in welcher Form? Inhalt der öffentlichen Meinung sind wichtige und für das Gemeinwesen relevante Fra- gen. Träger sind dabei Personen die „bereit und in der Lage seien, sich zu öffentlichen Fragen verantwortungsbewusst zu äußern und ein Amt der Kritik und Kontrolle der Regierung gegen- über im Namen der Regierten auszuüben“ (Noelle-Neumann 1996: 90). Diese Ansicht wird öffentlich und damit allgemein zugänglich vorgetragen und in Massenmedien verbreitet.

Ferdinand Tönnies unterscheidet bei der öffentlichen Meinung zwischen den Aggregat- zuständen fest, flüssig und luftartig, wobei der Grad der Festigkeit dem Grad der Einheitlichkeit gleichgesetzt ist. Die feste öffentliche Meinung gilt als „eine allgemeine unerschütterliche Überzeugung des Publikums“, wohin gegen die luftartige, auch Dunst genannt, die öffentliche Meinung durch auffallendes und stürmisches Erscheinen zeigt (vgl. Tönnies 1981: 137f.). Die Schweigespirale bezieht sich auf die öffentliche Meinung im flüssigen Aggregatzustand und betrifft somit nur einen Teil der Theorie der öffentlichen Meinung.

2.2 Die Definition Noelle-Neumanns

Noelle-Neumann definiert öffentliche Meinung zu Beginn ihrer Theorie neu und unterscheidet zwei Teile. Der erste Teil bezieht sich auf ihre Beobachtungen zur Isolationsfurcht, die schließ- lich zu der Schweigespirale-Theorie geführt haben. Eine mögliche Redebereitschaft hängt von der Angst vor Isolation der Gesellschaftsmitglieder ab. Die öffentliche Meinung als freiwillige Meinungsäußerung besteht aus „Meinungen im kontroversen Bereich, die man öffentlich äußern kann, ohne sich zu isolieren“ (Noelle-Neumann 1996: 91). Der kontroverse Bereich ist, in Anleh- nung an Tönnies, der flüssige Aggregatzustand, in dem Veränderungen stattfinden, Meinungen zusammenkommen und kontrovers diskutiert werden. Der zweite Teil für den festen Aggregat- zustand heißt wie folgt: „Im verfestigten Bereich der Traditionen, Sitten, vor allem aber der Normen sind jene Meinungen und Verhaltensweisen öffentlicher Meinung, die man öffentlich einnehmen mu ß, wenn man sich nicht isolieren will“ (ebd.: 91). Seine Meinung öffentlich kund- zutun ist nun einerseits eine Option, gilt aber andererseits als Voraussetzung für das Funktionie- ren der Gesellschaft. Öffentliche Meinung ist immer ein Prozess der Veränderung und Entwick- lung. So wird die Schweigespirale als „Reaktion auf öffentlich sichtbare Billigung und Missbil- ligung bei ‚wanderndem Wertehimmel’ beschrieben“ (ebd: 92). Falls sich die Meinungen nicht mehr ändern, schlägt Noelle-Neumann vor, statt von öffentlicher Meinung von Meinungsklima zu sprechen. Die öffentliche Meinung ist für Noelle-Neumann im soziologischen Verständnis eine „‚soziale Haut’, die das Gesamtsystem zusammenhält“ (Schenk 2007: 528). Das Sinnesor- gan, mit dem der Einzelne Umwelteinflüsse wahrnimmt, ist die sozialpsychologische Eigen- schaft der sozialen Haut (vgl. Scherer 1990: 33).

2.3 Öffentliche Meinungsäußerung

Diese Arbeit hat zum Ziel, die öffentliche Meinungsäußerung der Gesellschaftsmitglieder zu untersuchen. Wie bereits erwähnt, bezieht sich der Inhalt dieser Diskussion auf ein gesellschaft- lich relevantes Thema, welches in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Im Forschungsinteresse steht jedoch lediglich die Bereitschaft zur Meinungsäußerung zu diesem Thema, nicht die tat- sächliche Umsetzung politischer Aktionen. Somit muss zwischen öffentlicher Meinung zu ei- nem politischen Thema und „politischer Partizipation“ unterschieden werden. Unter politischer Partizipation versteht man „jene Verhaltensweisen von Bürgern/Bürgerinnen (...), die sie allein oder mit anderen freiwillig unternehmen, um Einfluss auf politische Entscheidungen auszu- üben“ (Hoecker 1995: 17). Das Verhalten äußert sich in einer aktiven Beteiligung an politischen Angelegenheiten, wie Wahlen oder als Mitglieder einer Organisation. Da die Erforschung der Einflussnahme auf politische Entscheidungen der Menschen im Rahmen dieser Arbeit zu um- fangreich wäre, setzt sie sich zum Ziel, die Redebereitschaft zu einem politischen Thema zu untersuchen. Eine politische Partizipation geht letzten Endes mit einer hohen Diskussionsbereit- schaft und einem Interesse für politische Entscheidungen einher. Ein möglicher Ausdruck der Meinung, wie das Tragen von Anstecknadeln, von Vereinstrikots oder das Verteilen von Wahl- werbung, von Noelle Neumann auch „öffentliche Bekenntnisbereitschaft“ (vgl. Scherer et al. 2006: 120) läuft online anders ab als offline. So gehört zwar das „posten“ von politischen Infor- mationen oder das „liken“ von bestimmten Seiten zu einer Art öffentlicher Bekenntnisbereit- schaft, jedoch ist die tatsächliche Kommunikation, wenn auch indirekt über die neuen Medien, der Untersuchungsgegenstand.

Diese Meinungsäußerung soll online auf den verschiedensten Angeboten des Internets ausgeübt werden. Es wird später noch genauer auf die einzelnen Kommunikationsmöglichkeiten wie Blogs, soziale Netzwerke oder Newsforen eingegangen. Der Art und Weise der Meinungsäußerung ist im Web 2.0 kaum Grenzen gesetzt: Ob als Kommentar unter einem journalistischen Beitrag, als Statusnachrichten in den sozialen Netzwerken, als Blogeintrag oder als Kurznachricht mit 140 Zeichen auf Twitter. Wichtig für das Forschungsvorhaben ist, dass der Inhalt diskursiver Natur ist und die Kommunikationsweise online geschieht.

3 Die Theorie der Schweigespirale

Die Theorie der Schweigespirale gilt als „einer der einflussreichsten, aber zugleich auch einer der umstrittensten Ansätze der modernen Medienwirkungsforschung“ (Scherer et al. 2006: 107). Die theoretische Fundierung dieser Arbeit wird im nächsten Abschnitt detailliert beschrieben.

3.1 Die Theorie

Elisabeth Noelle-Neumann ist Gründerin des ersten deutschen Meinungsforschungsinstituts, das Institut für Demoskopie in Allensbach, und gilt als Pionierin der Demoskopie in Deutschland. Die Theorie der Schweigespirale wurde von ihr Anfang der 70er Jahre bei einer Wahlforschung entwickelt und bis in die 80er Jahre verfeinert. Der Begriff „Schweigespirale“ oder „Schweige- Hypothese“ wurde erstmals 1973 veröffentlicht (vgl. Noelle-Neumann 1980: 145). Die Schweige- Hypothese untersucht sowohl die Entstehung bzw. die Entwicklung von öffentlicher Meinung als auch die Medienwirkung und ist somit neben der Sozialpsychologie vor allem in der Kom- munikationswissenschaft von wichtiger Bedeutung. Mehrere Forscher haben sich seitdem mit der Theorie auseinandergesetzt und sie mit deutsch- und englischsprachigen Publikationen er- gänzt (vgl. Donsbach / Stevenson 1986: 7).

Grundlage der Theorie der Schweigespirale ist die Isolationsfurcht des Individuums, welches die individuelle Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit hemmt. Aus Angst vor sozia- ler Abweisung beobachtet der Einzelne seine Umwelt, um sich ein Bild über die Meinungsver- teilung zu machen. Dies geschieht entweder über den Kontakt mit seinen Mitmenschen oder indirekt über die Massenmedien, die das herrschende Meinungsklima vermitteln. Das Ergebnis dieser Beobachtung wird eine Gruppenzuordnung sein, entweder zur Mehrheit oder zur Min- derheit der Meinungsverteilung in der Gesellschaft (vgl. Scherer et al. 2006: 108). Dementspre- chend würde sich das Individuum öffentlich äußern oder eben nicht und es entsteht der Spiral- prozess der Theorie:

„Wer feststellt, daß sich seine Meinung ausbreitet, fühlt sich dadurch gestärkt und äu- ßert seine Meinung sorglos, redet, ohne Isolation zu fürchten. Wer feststellt, daß seine Meinung an Boden verliert, wird verunsichert und verfällt ins Schweigen“ (Noelle- Neumann 1989: 419f.).

Die Bereitschaft, in der Öffentlichkeit zu seiner Meinung zu stehen, auch Exponierbereitschaft genannt, hängt somit wesentlich von dem Meinungslager der Gesellschaft ab (vgl. Noelle- Neumann 1980: 160). Der Prozess der Schweigespirale ist in den Gang gekommen, sobald sich immer mehr Menschen zur vermeidlichen Mehrheitsmeinung und immer weniger Menschen zur scheinbaren Minderheitsmeinung bekennen. Dadurch, dass das eine Lager stärker und das ande- re schwächer wirkt als es ist und dies das Kommunikationsverhalten der Bürger beeinflusst, spiegelt die öffentliche Kommunikation nicht das reale Meinungsklima wider. Welche Meinung am meisten vertreten ist, entscheidet der Mensch subjektiv bei seiner Umweltbeobachtung. Sei- ne Vorstellung der Meinungsverteilung muss nicht mit der wirklichen Meinungsverteilung übereinstimmen (vgl. Scherer et al. 2006: 108). Wichtig für die Exponierbereitschaft sind neben den herrschenden Mehrheitsverhältnissen vor allem die Zukunftsaussichten der vertretenden Meinung. So kann eine gegenwärtige Mehrheit, die sich nicht in der Zukunft sieht, sich vermin- dern; wohingegen eine momentane Minderheit kommunikativer wird, wenn sie für die Zukunft eine Mehrheit erwartet (vgl. Noelle Neumann 1979: 199).

„Der auf die Wahrnehmung von Stärke und Schwäche gegründete Prozess des Redens und Schweigens, in dem sich anhand vielfältiger Signale die Zunahme und Abnahme von Billigung und Missbilligung mitteilen, kann schließlich dazu führen, dass die ur- sprüngliche Minderheitsposition zur tatsächlichen Mehrheitsposition wird“ (Lamp 2009: 111)

Dieser Prozess der Theorie der Schweigespirale setzt sich zusammen aus den vier oben angesprochenen Hypothesen Isolationsfurcht, Meinungsklima, Artikulationsfunktion der Massenmedien und die Redebereitschaft der Gesellschaftsmitglieder, welche unter 3.2 genauer beschrieben werden. Abbildung 1 von Schenk veranschaulicht das dynamische Modell der öffentlichen Meinung der Theorie der Schweigespirale.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Dynamisches Modell deröffentlichen Meinung nach der Theorie der Schweigespirale (Schenk 2002: 530, Abbildung 50)

Die Theorie der Schweigespirale funktioniert nicht bei allen Prozessen der öffentlichen Mei- nung. Um einen Wandel der Mehrheitsverhältnisse in der Gesellschaft zu haben, muss das Thema, der Inhalt des öffentlichen Diskurses, bestimmte Bedingungen erfüllen. Das Thema muss moralisch besetzt sein und dieses emotionale Potential muss empirisch nachgewiesen sein (vgl. Roessing 2009: 248). Weitere Eigenschaften des Themas wären Kontroverse, Aktualität und Dynamik. Wichtig ist auch, dass die Massenmedien das Thema aufgreifen und ausreichend darüber berichten. Die Wahl des Themas für diese Studie wird unter Kapitel 8.2 beschrieben.

3.1.1 Empirischer Ursprung

Der empirische Ursprung der Theorie lag in den Bundestagswahlkämpfen in den Jahren 1965 und 1972. Elisabeth Noelle-Neumann hatte sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklung von Mei- nungsklima und das Herausbilden der Wahlentscheidung zu untersuchen. Dazu wurden vor der Bundestagswahl im Jahre 1965 in Form einer Panelumfrage nach der Wahlabsicht, der Um- weltbeobachtung, der Exponierbereitschaft, dem politischen Interesse und der Mediennutzung der Bürger gefragt (vgl. Noelle-Neumann 1996: 227). Das Ergebnis war ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden großen Parteien CDU/CSU und SPD. Das Meinungsklima wurde jedoch von der CDU/CSU dominiert und auch von den meisten Wählern als Wahlsieger erwartet. Kurz vor der Wahl zog die CDU/CSU drei Prozent Wechselwähler mit. Bei den Umfragen nach der Wahl gaben weniger Personen an für die CDU/CSU gewählt zu haben, als die tatsächlichen Wahler- gebnisse zeigten (vgl. Noelle-Neumann 1980: 87). Bei der Bundestagswahl im Jahre 1972 wieder- holte sich der „last minute swing“, d.h. das Öffnen der Schere zwischen den Wahlabsichtsdaten der Parteien in der letzten Phase vor der Wahl und dem Wahlergebnis, nur dieses Mal zugunsten der SPD. Als einen möglichen Grund für das veränderte Meinungsklima sah Noelle-Neumann die Umweltbeobachtung durch Massenmedien und kam zu folgendem Ergebnis:

„Nur diejenigen, die die Umwelt mit den Augen des Fernsehens häufiger beobachtet hatten, hatten den Klimawechsel wahrgenommen, diejenigen, die ohne die Fernsehau- gen ihre Umwelt beobachtet hatten, hatten nichts vom Klimawechsel bemerkt“ (Noelle- Neumann 1996: 232)

Diese beobachtete Meinungsklimawahrnehmung der Bürger durch die Massenmedien und die angenommenen Medienwirkung rückten dabei in den Fokus der Untersuchungen. Im Wahljahr 1976 entwickelte sich keine Schweigespirale sondern ein neues Phänomen, das „doppelte Mei- nungsklima“ (vgl. Noelle-Neumann 1980: 105). Diese sogenannte Spaltung des Meinungsklimas entsteht dann, wenn „die Meinungen der Journalisten und diejenigen der Bevölkerung über zentrale Themen auseinander“ gehen (Noelle-Neumann 1980: 105). In den Untersuchungen, be- stehend aus Journalistenumfragen und Analysen von politischen Sendungen, ergab sich ein kausaler Zusammenhang zwischen intensivem Kontakt zu politischen Fernsehsendungen und dem Meinungsumschwung (Noelle-Neumann 1996: 232). Noelle-Neumanns Annahme, dass die Wahrnehmung der herrschenden Meinung des Einzelnen durch die in den Massenmedien vertre- tenen Argumente bestimmt wird, wurde somit bestätigt.

3.1.2 Sozialwissenschaftliche Aspekte

Die Theorie der Schweigespirale greift Aspekte aus den folgenden drei sozialwissenschaftlichen Feldern auf, welche „in der herkömmlichen Wissenschaft getrennt betrachtet werden“ (Donsbach / Stevenson 1986: 7): Sozialpsychologie, Soziologie und Kommunikationswissenschaft (vgl. Sche- rer 1990: 32).

Der Zusammenhang zwischen dem individuellen Verhalten und der Meinungsklima- wahrnehmung der Mehrheit ist zentral für die Schweige-Hypothese. Der sozialpsychologische Aspekt untersucht dieses soziale Verhalten der Individuen in der Öffentlichkeit und in Gruppen. Der Begriff der öffentlichen Meinung prägt das Handeln und Verhalten bzw. das Nicht-Handeln und Nicht-Verhalten; also die Norm, Konformität, Billigung und Missbilligung (vgl. ebd.: 34). Dementsprechend erfolgt die Anpassung an Mehrheitsfraktionen oder das Schweigen bei Furcht vor fehlender sozialen Anerkennung. Die psychologischen Hypothesen und deren Zusammen- hang, welcher verantwortlich für die Dynamik des Spirale-Prozesses sind, werden unter Kapitel 3.2 detailliert beschrieben. Wichtig an diesem Punkt ist zu erwähnen, dass das Element Öffent- lichkeit bzw. der Grad der Öffentlichkeit oder Privatheit von großer Bedeutung für die Konfor- mität ist. Kelman entwickelte im Jahr 1961 drei verschiedene Anpassungsprozesse: „compli- ance“, „identification“ und „internalization“ (vgl. ebd.: 44). „Compliance“ betont die Mehrheits- anpassung unabhängig von der eigenen Meinung, aufgrund eines bestimmten Versprechens dieser Anpassung. „Identification“ beschriebt die Konformität aufgrund der Attraktivität des Meinungsführers, mit dem sich der Meinungssuchende identifiziert. Nur beim Prozess „interna- lization“ erfolgt eine Anpassung aufgrund eines individuellen Wertesystems. Die Asch-Studien zeigen, dass der Mensch aus Angst vor einer negativen Rückkopplung, d.h. Sanktion, handelt.

Er reagiert selbst dann konform, wenn ihn keine Sanktionen erwarten, er aber befürchtet, durch Schamgefühle in eine Verlustposition zu geraten (vgl. Scherer 1990: 47).

Der soziologische Aspekt erlaubt Aussagen zur Meinungsverteilung in einer Gesell- schaft:

„Ein Mindestmaß an Konformität unter den Gesellschaftsmitgliedern, die Verpflichtung auf gemeinsame Normen und Werte führen zur Integration, die Gesellschaft überhaupt erst möglich macht“ (Schenk 2007: 528).

Das Beobachten der Umwelt und das Beobachtet-werden durch die anderen Gesellschaftsmit- glieder führen beim Individuum zur ständigen Selbstkontrolle. Durch die hin und her diffundie- renden Meinungen und Beeinflussungen resultiert eine gesellschaftliche Homogenität und „ein System sozialer Kontrolle, das auf den Vorstellungen beruht, die sich der Einzelne von den Reaktionen anderer auf sein Verhalten macht“ (Scherer 1990: 48). Das Bild dieser Gesellschaft, welches die Meinungsbildung und schließlich die Meinungsäußerung prägt, wird durch Kom- munikationsvorgänge beeinflusst.

Der kommunikationswissenschaftliche Aspekt greift die Struktur, Inhalte und Wirkungen der Kommunikationssysteme auf. Die Massenmedien sind bei der Wahrnehmung des Meinungsklimas involviert und beeinflussen je nach Mediennutzung die Umweltwahrnehmung (vgl. ebd.: 54). Damit ist die Medienwirkung von besonderem Interesse für die kommunikationswissenschaftliche Forschung. Die Wirkungsmöglichkeiten der Massenmedien werden unter der Hypothese der Artikulationsfunktion der Medien ausführlicher beschrieben.

3.2 Die Hypothesen

Grundlegend für den Spirale-Prozess sind die vier miteinander verknüpften Hypothesen Isolationsfurcht, Meinungsklima, Artikulationsfunktion der Massenmedien und die Redebereitschaft der Gesellschaftsmitglieder.

3.2.1 Isolationsfurcht

Die Grundannahme der Theorie ist der oben schon beschriebene Begriff der Isolationsfurcht:

„Der Mensch strebt nach Zuwendung und Anerkennung, und er fürchtet sich vor sozia- ler Isolation. Isolieren kann man sich unter anderem, wenn man in öffentlichen Situati- onen bestimmte Meinungen, die gesellschaftlich geächtet sind, äußert und andere wie- derum, die gesellschaftlich hoch erwünscht sind, nicht äußert“ (Scherer et al. 2006: 108).

Noelle-Neumann baut dabei auf die Konformitätsstudie von Salomon E. Asch (1951) auf, die zeigte, dass Menschen dazu neigen, aus Isolationsangst ihre Meinung zu verbergen oder sogar falsche Aussagen zu machen. Konformität bedeutet die „Anpassung von Meinungen, Einstel- lungen oder Verhalten eines Individuums an eine soziale Norm“ (Bierhoff 2006: 741). Mit der Anpassung geht auch eine Veränderung der ursprünglichen Meinung einher. Aus Angst vor Isolation strebt das Individuum deshalb unbewusst nach Übereinstimmung mit seiner Umwelt.

Die Isolationsfurcht ist der Ausgangspunkt für die Theorie der Schweigespirale und gilt als Ursache für die Schweigetendenz. Noelle-Neumann hat mehrere Experimente durchgeführt, um die Isolationsfurcht bei den Menschen empirisch nachzuweisen (vgl. Scherer 2006: 111). Bei den Experimenten mit Isolationsfurcht als abhängige Variable konnte nicht nachgewiesen wer- den, ob die Unterschiede in der Redebereitschaft durch die Angst vor Isolation bedingt waren oder durch den Mitläufereffekt, auch Bandwagon-Effekt genannt. Bei den Untersuchungen der Isolationsfurcht als unabhängige Variable widerlegten die zwei Aspekte Persönlichkeit und Involvement die Hypothese. Eine generelle Schweigetendenz kann auch ein Persönlichkeits- merkmal sein und somit die fälschliche Annahme beeinflussen, die Person schweige aus Angst vor Isolation. Das Involvement-Konzept spielt bei der Informationsverarbeitung eine wichtige Rolle. Das Involvement, oder auch „Beteiligung, Engagement, engagiertes Interesse, Intensität des Interesses, Intensität des Engagements, Stärke der Betroffenheit“ (Donnerstag 1996: 29), hin- sichtlich eines Themas kann entweder niedrig (low) oder hoch (high) sein. Dementsprechend werden die Informationen aufgenommen und verarbeitet. Bei hochinvolvierter Einstellung ist eine tiefere Informationsverarbeitung zu erwarten als bei einer geringen Auseinandersetzung mit dem Thema. Ein starkes Involvement hinsichtlich eines Themas kann die Isolationsfurcht abschwächen (vgl. Roessing 2009: 249).

3.2.2 Meinungsklima

Das Individuum beobachtet sein Umfeld, um die Meinungsverteilung abzuschätzen und um somit sehen zu können, welche Meinungen an Bedeutung zunehmen und abnehmen. Diesen menschlichen Vorgang der Umweltbeobachtung nennt Noelle-Neumann „quasi-statistisches Wahrnehmungsorgan“ (vgl. Noelle-Neumann 1989: 23). Dafür können zwei Quellen herangezogen werden: Der direkte Kontakt mit den Menschen und die damit einhergehende persönliche Erfah- rung oder der indirekte Weg über die Rezeption von Massenmedien. Die Medien zeigen den Menschen ein Bild des aktuellen Meinungsklimas, welches jedoch von der tatsächlichen Mei- nungsverteilung in der Bevölkerung abweichen kann (vgl. Scherer et al. 2006: 108). Das quasi- statistische Wahrnehmungsorgan und die Isolationsfurcht scheinen laut Noelle-Neumann unbe- wusst zu geschehen (vgl. Noelle-Neumann 1966: 6).

Die Frage nach der Wahrnehmung des Meinungsklimas soll für die Theorie der Schweigespirale vor allem zeigen, ob die Menschen die Mehrheitsmeinung in der Gesellschaft einschätzen können. Dementsprechend muss die Redebereitschaft der tatsächlichen Mehrheits- und Minderheitsmeinung mit der Redebereitschaft der vermeintlichen Mehrheits- und Minder- heitsmeinung verglichen werden. Die Umweltwahrnehmung hat jedoch in beiden Fällen eine Auswirkung auf die Redebereitschaft des Individuums. Einige Studien, sowohl Umfragestudien (Noelle Neumann 2001; Neuwirth 2000) als auch Experimentalstudien (Gunther et al. 2001), versuch- ten die Wahrnehmung des Meinungsklimas zu untersuchen, konnten jedoch nur eine Korrelati- on zwischen Mediennutzung und der Meinungsklimawahrnehmung belegen (vgl. Scherer et al. 2006: 116). Zur Überprüfung der Hypothese des quasi-statistischen Wahrnehmungsorgans ist es unerlässlich, die Mediennutzung der Befragten in Bezug auf Dauer, Intensität und Inhalt zu erheben.

In seinen Untersuchungen zur Wahrnehmung des Meinungsklimas fällt Scherer (1993) der Einfluss der Bezugsgruppen auf: „Homogene soziale Gruppen und Netzwerke könnten nämlich dem Einfluß der Medien und der anonymen Öffentlichkeit wirksam begegnen“ (Schenk 1995: 61). Die Beobachtungen ergaben, dass die Meinungen von Familie, Freunden und Bekannten im persönlichen Umfeld für den Einzelnen wichtiger sind als die der anonymen Öffentlichkeit. Das Individuum hat durch die Unterstützung der Bezugsgruppen keine Isolationsfurcht und entwickelt eine höhere Redebereitschaft. Nirgends ist ein so hoher Anteil an Bezugsgruppen im Meinungsaustausch anwesend wie in den Stammtischtreffen und in den sozialen Netzwerken im Internet. Deswegen gilt es, den Einfluss der Bezugsgruppen auf die Redetendenz der Menschen vor allem in den sozialen Netzwerken zu untersuchen.

3.2.3 Artikulationsfunktion der Massenmedien

Die wichtige Aufgabe der Massenmedien im Schweigespirale-Prozess wird bei der dritten Hypothese erklärt. Die Massenmedien besitzen neben der Informationsfunktion, der Sozialisationsfunktion, der Öffentlichkeitsfunktion, der Zirkulationsfunktion und vielen weiteren Funktionen für die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, auch eine Artikulationsfunktion (vgl. Burkart 2002: 390f.). Die Massenmedien transportieren die Stimmung der Bevölkerung und können somit die Umweltbeobachtungen der Individuen beeinflussen:

„Dadurch, daß die Massenmedien auf das Meinungsklima einwirken, daß sie die Vorstellungen des einzelnen von Mehrheit und Minderheit beeinflussen, wirken sie auch auf die Meinungsbildung ein, da das Meinungsklima wiederum einen Einfluß auf die Meinungsbildung hat“ (Scherer 1990: 22).

Die Massenmedien greifen Themen auf und bestimmen deren Erscheinungsweise. Damit sind sie für die Tagesordnung der Inhalte des öffentlichen Diskurses verantwortlich. Diese Funktion der Medien ist in der Kommunikationswissenschaft als „Agenda-Setting“ bekannt (vgl. McCombs / Shaw 1972). Problematisch ist nur, dass die Massenmedien für ihre Thematisierungs- funktion manche Themen von der Agenda streichen müssen und diese keine Chance mehr ha- ben, in die Öffentlichkeit zu gelangen. Das hat sich durch das Internet und der Partizipation des Web 2.0 sehr verändert, worauf später noch genauer eingegangen wird. Der typische „Gatekee- per“, wie er von David M. White 1950 als Schleusenwärter zur Nachrichtenauswahl vorgestellt wurde, existiert heutzutage nicht mehr wie früher. Im Internet gelangen die Informationen unge- filtert und weltweit vernetzt zu den Bürgern. Die vier Funktionen, Thematisierung, Verleihung von Öffentlichkeit, Quelle der Umweltwahrnehmung des einzelnen und Artikulationsfunktion, welche Noelle-Neumann den Medien zuweist (vgl. Roessing 2009: 252), sind nach wie vor für die klassischen Massenmedien aktuell. Die Frage ist nur, ob die neuen Medien diese Funktionen nicht besser übernehmen können.

3.2.4 Redebereitschaft der Gesellschaftsmitglieder

Innerhalb der Schweigespirale-Theorie kommt der Redebereitschaft eine besondere Bedeutung zu (vgl. Scherer et al. 2006: 117). Die drei oben beschriebenen Hypothesen sind von der Redebe- reitschaft des Individuums in einer Gesellschaft abhängig. Nur wer bereit ist, seine Meinung öffentlich zu äußern und zu versuchen, die Gegner seiner Meinung zu überzeugen, kann im Meinungsaustausch überleben.

Es ist wichtig zu testen, ob sich die öffentliche Redebereitschaft der vermeintlichen Mehrheitsmeinung von der Redebereitschaft der vermeintlichen Minderheitsmeinung unter- scheidet. Diese These versuchte Noelle-Neumann mit dem von ihr entwickelten „Eisenbahntest“ zu überprüfen. Bei der Umfrage wird die Situation simuliert, man befinde sich in einem Eisen- bahnabteil und die Probanden werden gefragt, ob sie bereit wären, sich während dieser Fahrt mit einer Person zu unterhalten, die eine widersprüchliche Meinung vertritt als der Befragte selbst (vgl. ebd.: 118). Die im Eisenbahnabteil geäußerte Meinung soll die Mehrheitsmeinung simulieren. Insgesamt wird nach der Redebereitschaft in vier verschiedenen Situationen abge- fragt, welche sich durch zwei unterschiedliche Themen und durch zwei gegensätzliche Meinun- gen unterscheiden. Somit bekommen die Probanden die Wahl, entweder ihre eigene Meinung zu äußern oder zu schweigen. Das Eisenbahnabteil gilt als Operationalisierung der Öffentlichkeit in dem demoskopischen Interview. Als Ergebnis kam heraus, dass die Menschen eher schwei- gen, wenn die öffentlich vertretene Meinung und die eigene Meinung nicht übereinstimmen. Das jedoch entspricht nicht der Annahmebedingung der Theorie, denn nach Noelle-Neumann liegt der Fokus der Redebereitschaft auf der vermeintlichen Minderheit und nicht auf der tat- sächlichen Minderheitsmeinung. Dies zeigt die Schwierigkeit der Untersuchung der Redebereit- schaft, denn zum einen muss eine hypothetische soziale Situation simuliert werden um Öffent- lichkeit herzustellen, und zum anderen hängt die Meinungsäußerung von weiteren Faktoren ab.

Die Redebereitschaft oder Schweigetendenz des Menschen ist zusätzlich abhängig von soziodemografischen Merkmalen wie Geschlecht, Alter und Bildung, sowie soziologischen Eigenschaften wie Beruf, Einkommen, Haushaltsgröße, Religion und Region (vgl. Schweiger 2007: 269). Noelle-Neumann fand heraus, dass Männer und Personen aus gehobenen Schichten besonders redebereit sind (vgl. Schenk 1995: 59). Die Bildung der Menschen soll nicht mit Wis- sen gleichgesetzt werden, denn die Politik erfordert eine genauere Auseinandersetzung mit den Inhalten. Bevor es zu einer Redebereitschaft über ein politisches Thema kommen kann, muss das Wissen darüber angeeignet werden und im Diskurs mit anderen in einem gewissen Maße vorausgesetzt werden. Die Grundlage einer Redebereitschaft im politischen Diskurs ist das poli- tische Wissen. Schweiger (2007: 275) unterscheidet drei Arten von Wissen: Das einfache Fak- tenwissen, das Wissen zum politischen System und das Strukturwissen. Zusätzlich sollte das Involvement hinsichtlich des Themas und der Einfluss der Bezugsgruppen, auch bei der Re- debereitschaft nicht außer Acht gelassen werden.

Ein weiterer Einflussfaktor auf die Redebereitschaft ist die Persönlichkeit der Men- schen. Persönlichkeitsstarke Menschen werden als eher unabhängig vom Meinungsdruck ande- rer eingeschätzt (vgl. Pürer 2003: 465). Auf diese Eigenschaft wird unter dem nächsten Punkt Kommunikationstypen genauer eingegangen. Durch Persönlichkeit, individueller Isolations- furcht und Ausprägung des Konformitätsdrucks entstehen unterschiedliche Redebereitschaften, die im nachfolgenden Abschnitt als Kommunikationstypen beschrieben werden.

3.3 Die Kommunikationstypen

Die Menschen, die keine Angst vor der Isolation haben, sind meist die Auslöser des Spirale- Prozesses: „Wer Isolation nicht fürchtet, kann öffentliche Meinung verändern“ (Noelle-Neumann 1980: 200). Nach Noelle-Neumann werden zwei Gruppen von dem Schweigespirale-Prozess nicht beeinflusst: die Avantgarde und der harte Kern. Die Avantgarde sind diejenigen Personen, die ihre Meinung schon dann öffentlich kundtun, wenn diese noch eine Minderheitsmeinung ist. So kann die Meinung Oberhand gewinnen, zur Mehrheitsmeinung werden und den Prozess der Schweigespirale weiterführen. Diejenigen, die ihre Meinung immer noch vertreten, wenn diese nicht mehr der öffentlichen Meinung entspricht, werden als der harte Kern definiert (vgl. Scherer et al. 2006: 109)

Die Rolle der Avantgardisten gleicht dem Meinungsführer-Konzept, welches im Jahre 1940 durch die „People’s Choice“-Studie von Lazarsfeld, Berelson und Gaudet erforscht wurde. Mit Selbsteinschätzungsfragen wurde die potentielle Beeinflussung von bestimmten Menschen erfasst. Die Personen, die einen großen Einfluss auf die Entscheidungen ihrer Mitmenschen ausüben werden Meinungsführer (Opinion Leaders) genannt (vgl. Schenk 2007: 351). Diese nut- zen die Massenmedien stärker und setzten sich mit bestimmten Themen genauer auseinander. Lazarsfeld et al. leiteten von ihren empirischen Befunden das Zwei-Stufen-Modell der Kommu- nikation (Two-Step-Flow of Communication) ab, welches „die Meinungsführer zwischen die Massenmedien und die ‚Masse’ platziert“ (ebd.: 359) und somit den Meinungsführer als wichtige Rolle für den Informations- und Orientierungsprozess der Menschen darstellt. Jedoch nicht nur in den Massenmedien, sondern vor allem im Internet suchen die Menschen nach Meinungsfüh- rern, welche sie bei ihrer Suche nach Informationen leiten. Meinungsführer im Internet sind entweder Individuen, die durch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale besonders in Foren im Mit- telpunkt stehen, die „Meinungsführer-Presse“, welche sich zusammensetzt aus einflussreichen Medien und Journalisten oder Institutionen und Organisationen (vgl. Bulkow et al. 2010: 110).

Gerhards (1996: 3) hat auf Grundlage der Ergebnisse des Eisenbahntests von Noelle- Neumann die Personen je nach Antwortverhalten in vier selbst ernannte Kommunikationstypen geteilt: Schweiger, Reder, Anpasser und Missionare. Die Schweiger unter den Befragten halten sich aus dem öffentlichen Diskurs raus und geben ihre Meinung nicht kund. Die Gruppe der Reder ist im Gegensatz dazu dauerhaft redebereit und äußert auch ihre Meinung, wenn ihre Meinung nicht mit der Mehrheitsmeinung übereinstimmt (vgl. Gerhards 1996: 3). Durch ihre hohe Teilnahme am öffentlichen Meinungsaustausch werden sie auch Opinion Leader, also Meinungsführer, genannt. Die nächsten zwei Personengruppen reagieren mit einer unterschied- lichen Kommunikationsbereitschaft je nach Situation manchmal gesprächsbereit, dann wieder schweigsam. Die Anpasser sind diejenigen, die ihre Redebereitschaft abhängig von der Über- einstimmung der Meinung des Gegenübers machen. Durch diese Kontrolle fühlen sie sich si- cher und äußern sich nur dann. Im Gegenzug dazu ist die Gruppe der Missionare besonders dann redebereit, wenn das Gegenüber nicht ihrer Meinung ist. Sie fühlen sich nicht vom gegen- wärtigen Meinungsklima abgeschreckt, sondern wollen die Anderen mit ihren Argumenten überzeugen. Die Missionare haben somit weder Angst vor Isolation noch fürchten sie ein ge- gensätzliches Meinungsklima und sind somit diejenigen, die unbesprochene Themen auf die Kommunikationsagenda der Gesellschaft setzen. Aus den Gruppen der Anpasser und der Missi- onare leitet Gerhards die Restgruppe Inkonsistente ab, die sich durch ihre Unentschlossenheit und dem Wandel in der Kommunikationsbereitschaft auszeichnet. Die Ergebnisse der Befra- gung ergaben, dass die meisten Befragten zur Gruppe der Reder gehören. Die Gruppe der An- passer, welche sich konform der Mehrheitsmeinung anpasst und somit für die Theorie der Schweigespirale am Wichtigsten ist, ist nur sehr klein vertreten. Keine der Gruppen der Kom- munikationstypen ist jedoch völlig unter- bzw. überrepräsentiert (vgl. ebd.: 13).

Lamp (2009: 123) ergänzt die zwei Grundtypen Reder und Schweiger um je vier Ak- teurgruppen (vgl. Abbildung 2). Er unterscheidet dabei zwischen der überholten, der aktuellen und der vermeintlichen zukünftigen öffentlichen Meinung. Damit stellt er pro Meinungsvertei- lungssituation einen Typen dar. Leider wurde diese Typologie nicht quantitativ untersucht und somit können keine Aussagen über die Verteilung dieser Akteurgruppen in der Gesellschaft gemacht werden.

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Abbildung 2 Typologie der Akteure in Prozessenöffentlicher Meinung (Quelle: Lamp 2009: 125, Abb. 7)

3.4 Rezeption der Theorie

Die Rezeption der Theorie der Schweigespirale verlief mit kontroversen Diskussionen in Deutschland und mit unkritischen Reaktionen in den USA sehr unterschiedlich. In Deutschland wurde die Theorie von Anfang an kritisch aufgenommen, wenn auch zunächst politisch als wis- senschaftlich begründet (vgl. Deisenberg 1986: 44). Wegen Vorwürfen der Beeinflussung des Wahlausgangs im Jahre 1976 fühlten sich viele Journalisten angegriffen. Da die Umfragen vor der Wahl stattgefunden hatten, wurde Noelle-Neumann vorgeworfen, Wahlhilfe geleistet zu haben. Es wurden einzelne Aspekte der Theorie und das Datenmaterial der Untersuchungen kritisiert, anstatt eigene Studien durchzuführen (vgl. Scherer 1990: 26). Der Versuch, die Theorie auch empirisch zu überprüfen, wurde in den USA von Anfang an unternommen.

Zusammengefasst lässt sich die Kritik von Deutschland und den USA in Methodik und Inhalt unterscheiden (vgl. ebd.: 26). Als methodischer Kritikpunkt werden die Fragen als valide Indikatoren für die Variablen bezweifelt und die geringen Fallzahlen der Ergebnisse bemängelt. Es wurden langfristige Panelstudien mit ergänzenden Inhaltsanalysen gefordert (vgl. Donsbach / Stevenson 1986: 32). Im Bezug auf die Umweltbeobachtung wird die widersprüchliche Erklärung Noelle-Neumanns von einem Zusammenhang zwischen Wahrnehmungsverzerrung und fehler- hafter Umwelteinschätzung kritisiert. Es wird eine Präzision der Umweltwahrnehmung bzw. der Einflüsse der Umweltwahrnehmung gefordert. Der wichtige Unterschied zwischen der ver- meintlichen Fraktionszugehörigkeit und der tatsächlichen Zuordnung zu einer Gruppe, wird von vielen Forschern, wie Salmon und Kline, nicht richtig wahrgenommen (vgl. Scherer 1990: 29).

Als Nächstes wird die Konsonanz der Berichterstattung kritisiert, welche eine Medien- wirkung voraussetzt. Außerdem wird bemängelt, dass Noelle-Neumann in ihren Untersuchun- gen den Fokus auf das Fernsehen setzt und damit andere Medien vernachlässigt (vgl. ebd.: 30). Ein weiterer inhaltlicher Kritikpunkt sind einige Variablen, wie die Persönlichkeitsmerkmale und die Rolle der Bezugsgruppen, auf die in der Theorie nicht oder nur wenig eingegangen wird. Scherer wünscht sich, „(...) nicht nur auf die Personen einzugehen, die auf die öffentliche Meinung reagieren, sondern auch die Personengruppen zu betrachten, die durch ihre große Kommunikati- onsbereitschaft den Prozeß öffentlicher Meinung wesentlich mitgestalten“ (Scherer 1992: 121).

Abschließend lässt sich festhalten, dass Noelle-Neumanns Arbeiten für die Sozialpsychologie und Kommunikationswissenschaft von enormer Bedeutung waren und immer noch sind, weil sich zuvor niemand so intensiv mit der öffentlichen Meinung und deren Beeinflussung ausei- nander gesetzt hat. Sie haben gezeigt, dass individuelle Meinungen sozial beeinflusst werden können, bevor diese laut in der Öffentlichkeit kommuniziert werden. Außerdem machen die Ergebnisse der zahlreichen Studien über Jahre hinweg deutlich, wie leicht sich Menschen einer vermeintlichen Mehrheit, ob in der Realität oder durch Medien vermittelt, anschliessen. Ein wichtiger Befund war aber auch, dass es Personen gibt, die sich der Mehrheitsmeinung nicht anschließen.

4 Das digitale Zeitalter

Das digitale Zeitalter der Kommunikation ist geprägt durch das Internet und seine Vielfalt an multimedialen Angeboten. In Deutschland sind mittlerweile 73,7 Prozent der Bevölkerung onli- ne, das bedeutet, drei von vier Bürgern nutzen das Internet (ARD/ZDF-Onlinestudie 20114 ). In den letzten Jahren haben viele technische, ökonomische und kulturelle Veränderungen dazu geführt, dass sich die Nutzung des Internets stark verändert hat. Im Internet dreht sich alles um Kommu- nikation, Interaktion und Partizipation. Facebook, Twitter und Co. sind zu wichtigen und uner- lässlichen Infrastrukturen für die demokratische Gesellschaft geworden. Der öffentliche Diskurs zeigt sich darin, dass „Aufmerksamkeit für politische Themen generiert, Aktivismus organisiert wird und Informationen verteilt werden“ (Schäfer 2012: 162). Mit dem daraus resultierten Hyb- ridmedium gehen sowohl Chancen als auch Risiken in Hinsicht auf die öffentliche Meinung hervor. Die folgenden Abschnitte befassen sich zunächst mit den Veränderungen von Öffent- lichkeiten und den Kommunikationsprozessen auf der Makroebene, anschließend geht es in der Mikroebene um die Möglichkeiten individueller Meinungsäußerung durch das Social Web für den Nutzer.

Das Web 2.0 zeichnet sich durch eine hohe Gestaltungs- und Kommunikationsfreiheit für die Nutzer aus. „Damit unterscheidet sich das Web 2.0 vom Web 1.0 durch ein anderes ‚Selbstverständnis’ des Internets, durch die intensive Einbindung des Nutzers in die Gestaltung der Inhalte und durch die Dialoge“ (Haas et al. 2007: 215). Die Idee des Web 2.0 ist es, den Nut- zern die Freiheit zu geben, sich zu präsentieren und miteinander zu kommunizieren. Zentral im Web 2.0, dessen Begriff vom Computerbuchverleger Tim O’Reilly geprägt wurde, sind nicht nur die neuen Technologien, sondern vor allem die veränderte Nutzungsart (vgl. Arnold 2009).

Mit dem Web 2.0 geht eine neue, computervermittelte Kommunikationsweise einher. Diese kann, solange sie technisch vermittelt ist, synchron oder asynchron, privat oder (teil) öf- fentlich, einseitig oder wechselseitig sein. Interpersonal-öffentliche Kommunikation wäre bei- spielsweise asynchron, dispers und anonym (vgl. Haas et al. 2010: 249f.). Eine klare Grenzziehung zwischen Individualkommunikation und Massenkommunikation ist kaum mehr möglich. Kom- muniziert werden kann zeit- und ortsunabhängig. Kommunikation ist nicht mehr länger sozial selektiv, linear und einseitig, sondern partizipativ, netzartig und interaktiv. Diese Funktionen sind durch die weltweit verbreiteten medialen Angebote des Internets möglich. Die ARD/ZDF- Onlinestudie 2011 unterscheidet zwischen sechs Angebotsformen des Web 2.0: Weblogs, Onli- neenzyklopädien wie Wikipedia, Fotocommunitys wie flickr, Videoportale wie Youtube, der Mircroblogging-Dienst Twitter und soziale Netzwerke/Communities wie Facebook oder Google+ (vgl. Eimeren / Frees 2011: 361). Zusätzlich gibt es noch berufliche Netzwerke wie Xing, welche jedoch wegen der immer stärker werdenden Verschmelzung von beruflichen und priva- ten Kontakten an Bedeutung verlieren (vgl. ebd.: 340). Die folgende Grafik zeigt die Nutzungs- frequenz und die Entwicklung der Web 2.0-Angebote:

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Abbildung 3 Web 2.0 Nutzung Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2007-2011

Bei Wikipedia, Videoportalen und den privaten Netzwerken steigt die Nutzung der Befragten, wohingegen sie bei den anderen Angeboten deutlich abnimmt. Der Unterschied zwischen dem Abrufen von Informationen und dem eigenständigen Verfassen eines Artikels ist enorm. Die Hälfte der Befragten sagte aus, die Möglichkeit aktiv Beiträge zu verfassen, sei „gar nicht inte- ressant“ (vgl. Busemann / Gscheidle 2012: 361 Grafik 2). Über 90 Prozent der Befragten nutze Wi- kipedia und Videoportale als Informationssammlung, jedoch nur 1 Prozent stellte selber Materi- al zur Verfügung (vgl. ebd.: 363 Grafik 5). Es zeigt sich zwar eine größere Beliebtheit dieser Sei- ten, jedoch zeichnet sich diese durch eine passive Nutzung aus und zieht keine aktive Teilnahme mit sich.

Gerhards et al. (2008) haben eine Typologie der Nutzer von Web 2.0 Angeboten mit un- terschiedlichen Haupt-Nutzungsmotiven erstellt. Je nach Kommunikation, individuell oder öf- fentlich, Partizipation, betrachtend oder gestaltend und aktiv oder passiv, wurden acht Typen herausgefunden: Produzenten, Selbstdarsteller, spezifisch Interessierte, Netzwerker, profilierte Nutzer, Kommunikatoren, Infosucher und Unterhaltungssucher. Die vier Typen Netzwerker, Profilierte, Produzenten und spezifisch Interessierte binden sich alle mehr oder weniger aktiv in den öffentlichen Diskurs über die Netzwerke ein. Bei dem Netzwerker steht die Kommunikati- on mit anderen Menschen im Vordergrund, wohingegen der profilierte Nutzer mehr Inhalte veröffentlicht und dadurch ein bestimmtes Interesse verfolgt. Der Fokus des Produzenten liegt in der Veröffentlichung und Verbreitung seiner Inhalte. Der spezifisch Interessierte konzentriert sich bei der Web 2.0 Nutzung auf ein Interessensgebiet, worüber er sich informiert, kommuni- ziert und interagiert.

Die Zahl der passiv partizipierenden Nutzer überwiegt jedoch im Netz. Die ARD/ZDF- Onlinestudie5 zeigt die Veränderung der Nutzertypologie von 2010 bis 2012:

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Abbildung 4 Zusammensetzung der Onlinenutzer nach der OnlineNutzerTypologie 2010 und 2012 Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudien 2010 und 2012

5 Redebereitschaft im Social Web

Neben sozialer Interaktion werden die Web 2.0 Angebote für die Informationssammlung und Meinungsbildung genutzt. Nur wer politisch informiert ist, kann sich auch dazu äußern. Im Folgenden wird beschrieben, wie die Informationsbeschaffung von gesellschaftlich und politisch relevanten Themen im Netz abläuft, welche Seiten die Menschen zur Meinungsäußerung nutzen können und wie eine politische Partizipation im Web ablaufen kann.

5.1 Politische Information

Im Internet haben mittlerweile alle großen Medienhäuser und Nachrichtenseiten einen OnlineAuftritt und versorgen so die Bürger mit aktuellen Artikeln, Videos oder Podcasts. Die konventionellen Massenmedien wie Fernsehen, Tageszeitschriften und Radio werden jedoch weiterhin genutzt. Es stellt sich die Frage, ob Onliner oder Offliner besser informiert werden. Die ARD/ZDF Onlinestudie 20116 fragte nach dem Erhalt von aktuellen Ereignissen aus Politik und Gesellschaft vom Vortag und fand heraus, dass mit 75 Prozent die Onliner besser durch OnlineMedien informiert waren als 64 Prozent der Offliner mit den klassischen Massenmedien (vgl. Eimeren / Frees 2011: 343). Die klassischen Medien werden von den Onlinern jedoch weiterhin und in einem ähnlichen Maße wie die Offliner genutzt. Die Informationssuche wird bei den Onlinern durch das Internet erweitert (siehe Abbildung 5).

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Abbildung 5 Mediennutzung zum Thema „ Politik und Gesellschaft “ Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2011

TV, Print und Radio sind nach wie vor Leitmedien der meisten Menschen. Das heutige Nebeneinander der alten und neuen Medien bietet viele Chancen für die Partizipation der Menschen am politischen Diskurs, dem Journalismus und der Demokratie.

5.2 Social Web Angebote

Der freie Zugriff auf Informationen und Datenmaterial ist für die politische Willensbildung der Bürger wichtig. Die Menschen nutzen die Websites zum einen zur Informationsbeschaffung, zum anderen zur Diskussion. Zu Web 2.0 Angeboten, welche für das Forschungsvorhaben von Interesse sind, gehören drei Arten von Seiten: Soziale Netzwerke wie Facebook, Onlinenach- richtenplattformen wie Spiegel.de und Blogs wie Netzwertig.de. In meiner Unterteilung greife ich die drei Kriterien von Haas, Keyling und Brosius (2010: 251) auf, welche die web-basierten Kommunikationsangebote trennt: (Teil-) Öffentlichkeit der Kommunikation, beidseitiges Wis- sen über die Kommunikationspartner und mediale Aufmerksamkeit der Kommunikation. Die Kommunikation in sozialen Netzwerken ist nicht öffentlich oder teil öffentlich und verfügt über ein meist gutes Wissen über den Kommunikationspartner, wohingegen die Kommunikation bei Onlinenachrichtenplattformen öffentlich und ohne Kenntnis über die anderen Menschen ver- läuft. Onlinenachrichtenplattformen und Blogs unterscheiden sich bezüglich ihrer Aufmerk- samkeit, welche die Kommunikation außerhalb des Kommunikationsraumes erlangt.

Diese drei Angebote werden im Folgenden vorgestellt und als Untersuchungsgrundlage zu Social Web zusammengefasst:

Arbeitsdefinition Social Web:

Der Kommunikationsraum in dem Menschen im Internet (teil-)öffentlich ihre Meinung äußern. Dazu gehören soziale Netzwerke, Onlinenachrichtenseiten und Blogs.

Es folgt eine Beschreibung einiger Aspekte, die die individuelle Meinungsäußerung im Social Web beeinflussen können, wie der „Gefällt mir“-Button, die Anonymität und die Phänomene der Selbstdarstellung und des Shitstorms.

Soziale Netzwerke

Die sozialen Netzwerke haben von allen Angeboten die größten Wachstumszahlen und werden von den Nutzern verstanden als „Alternativen zu den konventionellen Angeboten der traditio- nellen Massenmedien“ (Münker 2010: 32). Diese Seiten funktionieren nur aufgrund der aktiven Teilhabe der User:

„‚Social Communitys’ oder auch ‚Social Netzworks’ sind Angebote im Internet, bei de- nen die Nutzer sich selbst in Text und (Bewegt-) Bild darstellen, sich mit anderen Nut- zen vernetzen und (private) Daten miteinander austauschen können“ (Gleich 2011: 115).

Diese Netzwerke verbinden eine Vielzahl von Funktionen, wie Organisation der Freizeit, Information, Selbstdarstellung, soziale Orientierung und vor allem Kommunikation. Bei der JIM7 - Studie8 2011 zum Medienumgang Jugendlicher kam heraus, dass knapp ein Drittel der Internetzeit bei den 12- bis 29-Jährigen für Kommunikation aufgewendet wird, am meisten bei Mädchen und jungen Frauen (vgl. Klingler / Vlasic / Widmayer 2011: 434).

Diese „Social Network Sites“ bieten den Communitymitgliedern außerdem die Möglichkeit, die Facebook-Seiten von Nachrichtensendern, Unternehmen oder Persönlichkeiten zu folgen und dadurch aktuelle Nachrichten auf ihrer Startseite zu erhalten. Die Abonnenten können nun unter den Artikeln, Bildern oder Verlinkungen kommentieren oder mit dem „Gefällt mir“- Button Zustimmung vergeben. Das folgende Beispiel der Facebook-Seite von netzpoli tik.org, einem Blog für Netzpolitik, digitale Bürgerrechte und OpenSource-Kultur, zeigt wie ein Artikel von den Abonnenten aufgenommen werden kann:

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Abbildung 6 Beispiel der Kommentarfunktionen einer Facebook-Seite (Bildschirmfoto der Facebook Seite netzpolitik.org am 5.4.2013)

Onlinenachrichtenseiten

Den Meinungsbildungsprozess würde nach Kielholz (2008: 224) ein Ort begünstigen, bei dem „für die Öffentlichkeit zugänglich viele Personen an einer Diskussion teilnehmen“. Somit sind bei Diskussionsforen die unterschiedlichen Meinungen der Menschen zu einem Thema gefragt. Die klassischen Medien, wie die Printzeitschriften Spiegel oder Focus, nutzen das Internet als alternative Verbreitungsform und haben eine digitale Nachrichtenseite. Diese Seiten haben ver- schiedene Feedback- und Vernetzungsfunktionen, wie das Empfehlen auf Facebook und Google+, das Teilen auf Twitter oder auf anderen Social Networks und die Möglichkeit über den Artikel zu diskutieren, entweder unter dem journalistischen Artikel oder unter der Rubrik „Forum“.

Mit der Frage nach der Bedeutung von Kommentarbereichen auf Online-Medien als Diskussionsforum beschäftigte sich die ECCO9 Studie zu Leserkommentaren 2011. Bei der Hälfte der befragten Medien sind Kommentarfunktionen fest integriert und kann ohne Registrie- rung erfolgen. Diese nutzen nach Einschätzung von 170 Journalisten in verantwortlichen Positi- onen in Redaktionen nur 5 Prozent der Leser. Die Kommentatoren sind eher die Leser von Ta- geszeitungen (55 % „häufig“, 10 % „sehr häufig“) und Onlinemedien (33,3 % „häufig“, 22,2 % „sehr häufig“) als die Fachmedienleser. Der Ton der Diskussionen wird von den befragten Jour- nalisten als „überwiegend“ sachlich (52,1 %), angemessen (48,5 %) und kompetent (40 %) be- schrieben. Unangebrachte Kommentare werden „meistens“ (58,3 %) nach Einschätzung der Redaktion gelöscht. Leserkommentare bieten zwar den Menschen ein Forum, die sonst nicht zu Wort kommen würden, spiegeln aber nicht die Mehrheitsmeinung der Leser wider. So haben die Kommentatoren wenig mit der gesamten Leserschaft zu tun, beeinflussen aber dennoch die Redaktionen. Diese stimmen „teilweise“ zu, dass die Kommentare die Berichterstattung sinn- voll erweitern (55,1 %), regelmäßig besprochen werden (40,7 %) und die künftige Berichterstat- tung beeinflussen (48 %). Der Trend geht zu einer stärkeren Nutzung der Kommentarfunktion und ist deswegen als Möglichkeit zur Meinungsäußerung für das Forschungsvorhaben wichtig.

Blogs

Die Inhalte der professionell-journalistischen Anbieter werden oft von den Blogs aufgegriffen und auf ihrer Seite kommentiert (vgl. Neuberger 2010: 36). Viele Blogseiten und Blogger haben sich auf einen Themenbereich spezialisiert und schreiben dazu Artikel, meist in Form eines Kommentars oder einer Kolumne. Die Einträge werden dabei in einer langen, abwärts chrono- logisch sortierten Liste dargestellt. Die Weblogs als Informationsquelle haben jedoch ein Glaubwürdigkeitsproblem, da nur 29 Prozent der Menschen die Inhalte auf Weblogs glaubwür- dig halten (vgl. Fisch / Gscheidle 2008: 360). Oft ist es schwer, zwischen einem Amateurblog und einem Profi-Blog zu unterscheiden. Beispiele von professionellen Blogs, die sich auf die The- men Politik oder Web 2.0 spezialisiert haben und aus mehreren Autoren bestehen, wären der Blog Netzwertig.com mit dem Fokus auf Internetwirtschaft oder der Blog Netzpolitik.org bei dem es um Politik in der digitalen Gesellschaft geht. Jedoch kann ein Blog von einer Person genauso professionell und journalistisch hochwertig gestaltet sein, wie der des einflussreichsten deutschen Bloggers Sascha Lobo, welcher unter saschalobo.com über das Internet und Marken- kommunikation bloggt.

Die Nutzung von Blogs dient hauptsächlich der Meinungsklimawahrnehmung. Laut Umfrage10 des Markt- und Trendforschungsinstituts EARSandEYES eignet sich die Blognut- zung besonders dazu, die Meinung anderer zu erfahren (59,1 Prozent der Befragten). Blogs werden außerdem für eine genauere Auseinandersetzung mit einem Thema genutzt und um Zusatzinformationen dazu zu erlangen. Ein Drittel der Befragten stimmte den Aussagen zu, Blogs seien für die Meinungsbildung wichtig, da dort unabhängige Meinungen vertreten werden und in Blogs werde über Themen geschrieben, die sonst nie in den Medien auftauchen würden. Die Mehrzahl der Befragten (37,4 Prozent) ist der Meinung, dass Blogs in Zukunft an Bedeu- tung gewinnen werden. Deswegen soll die Kommunikationsbereitschaft auf Blogs trotz ihrer geringen Aktivität nicht vernachlässigt werden.

5.3 Einfluss auf die Redebereitschaft

Anonymität

Die Anonymität spielt bei der Meinungsäußerung im Internet eine wichtige Rolle. Diese ist jedoch heutzutage auf manchen Plattformen nicht mehr so leicht oder gar nicht mehr herzustellen wie vor einigen Jahren. Bei vielen sozialen Netzwerken ist eine Registrierung nur unter den echten Namen machbar. Dies macht die Kontaktaufnahme von Freunden oder die Suche alter Bekanntschaften ausschließlich mit der Realidentität möglich. Der Versuch, sich im Internet mit einem Pseudonym mit Menschen zu vernetzen, erscheint sehr aufwendig.

Auf Nachrichtenseiten oder Foren kann ohne Anmeldung oder unter einem Pseudonym kommentiert werden. Hier stellt sich die Frage ob Anonymität die Meinungsäußerung auf Kommentarfunktionen beeinflusst. Kommentieren die Menschen unter Realidentitäten oder unter verschleierten Namen mehr? Der Dienstleister für Online-Diskussionen Disquis hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und die Ergebnisse in einer Studie festgehalten. Disquis ist ein Diskussions-System, das es den Nutzern leicht macht, über verschiedene Anmeldewege, beispielsweise über den Facebook-Account, mit Pseudonym oder anonym, Diskussionen im Internet zu verfolgen und zu kommentieren. Die Studie ergab, dass der Gebrauch vom echten Namen die Nutzer beim Kommentieren hemmt. Die aktivsten Kommentatoren haben ein Pseu- donym und kommentieren 4,7 Mal mehr als diejenigen, die sich über ihren Facebook-Account angemeldet haben (vgl. Kleinz 2012). Es ist somit für die Redebereitschaft wichtig, ob der Mensch seinen realen Namen angegeben hat oder ein Pseudonym verwendet.

„Gefällt mir“-Button

Im Bezug auf die öffentliche Meinung lässt sich durch die Kommentar-, und „Gefällt-mir“- Funktion das Meinungsklima der Menschen erfassen. Die Zustimmung eines Artikels äußert sich in der Anzahl der Personen, denen dieser Artikel gefällt und in der Anzahl derjenigen, die den Post teilen. Durch die Verbreitung des Links der Seite, erhält diese noch mehr Aufmerk- samkeit und eine höhere Leserschaft. Diese kann wiederum kommentieren oder auf „Gefällt- mir“ oder „teilen“ klicken.

Wie bereits unter den sozialen Netzwerken angesprochen, kann man bei Facebook und Co. „Fan“ von Nachrichtenseiten, Firmen, Organisationen und Personen werden. Durch den „Gefällt- mir“-Button abonniert man somit alle Informationen dieser Seite. Eine amerikanische Studie11 versuchte, nur über die abonnierten Seiten Informationen über deren Mitglieder heraus- zufinden. Die Datenanalyse ergab unter anderem Aussagen zum Beziehungsstatus, dem Ge- schlecht, der Hautfarbe und der politischen Einstellungen mit einer Trefferquote von 95 Prozent (vgl. Dambeck 2013). Es wird deutlich, wie viel die Menschen im Internet und besonders in den sozialen Netzwerken von sich preisgeben.

Mit der Ausnahme vom Videoportal Youtube gibt es auf den sozialen Netzwerken keine „Gefällt-mir-nicht“-Funktion (engl. „dislike“). Ein solcher Button wird von vielen Nutzern gefordert, jedoch von Facebook und Google+ nicht umgesetzt. Der Grund dafür liegt im Wunsch, die sozialen Netzwerke als Mittel des Belohnungssystems zu behalten: „Der User muss keine Angst haben, Kritik zu ertragen. Alles wird gemocht oder im schlimmsten Fall ignoriert. Kritik ist nur höherschwellig in Form von Kommentaren unterzubringen“ (Münch 2011). Es wird den Nutzern der Webdienste somit leichter gemacht zuzustimmen, als dagegen zu stimmen, denn dafür müsste die Kommentarfunktion genutzt werden. Es wäre interessant herauszufinden, inwiefern dies die Redebereitschaft der Menschen beeinflusst.

Digitale Identität

Die Freigabe von Persönlichkeitsmerkmalen verläuft nicht nur über den „Gefällt mir“-Button, sondern auch über veröffentliche Profilfotos, Musiktitel oder Aufenthaltsorte12. Die sozialen Netzwerke sind das beste Beispiel für die Selbstdarstellung der Menschen als „autorisierte Frei- gabe von Informationen, die mit der eigenen Person verknüpft sind“ (Grieser 2010). Die Intensi- tät mit der die medial vermittelte Selbstdarstellung erfolgt, hängt von der persönlichen Disposi- tion der Menschen ab. So wie viele Menschen die Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit zu ihrer Person durch das Social Web meiden, können sich andere dadurch profilieren. Dies kann zu einer völligen Transparenz oder Veränderung der Identität führen. Es soll unter anderem her- ausgefunden werden, ob die Menschen die Äußerung ihrer Vorlieben in Form von Likes oder Meinungen durch Kommentare abhängig machen von dem Bild, welches sie von sich im Netz herstellen. Somit würden sie Meinungsäußerung vermeiden, falls dies ihrem Image schaden könnte. Oder sie zeigen sich Redebereiter um sich zu profilieren oder sich ihrer Peergroup an- zupassen.

Shitstorm

Im Social Web kann jeder Mensch einen veröffentlichten Beitrag kommentieren und damit eine Diskussion anfechten. Jedoch sind nicht alle Menschen derselben Meinung. So kann sich aus einem einfachen Kommentar schnell ein Streitgespräch mit Beleidigungen und unsachlichen Aussagen entwickeln. Sobald gegenseitige Äußerungen im Netz aufeinanderprallen, stoßen oft noch mehr Menschen zu dieser Diskussion dazu, um ihre Meinung zu vertreten. Dieses Phäno- men, welches durch die Partizipationsmöglichkeit des Social Web entstand, nennt sich Shit- storm. Ein Shitstorm ist ein Sturm geballter öffentlicher Entrüstung, Kritik und Pöbeleien über das Internet zu einem Thema. Der Begriff wurde von Sascha Lobo im April 2010 auf der re:publica13 geprägt:

„Als shitstorm soll hier ein Prozess bezeichnet werden, wenn in kurzem Zeitraum eine subjektiv große Anzahl von kritischen Äußerungen getätigt wird, von denen sich zu- mindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und stattdessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend geführt wird“.

Das Ziel des Shitstorms sind Personen, Unternehmen oder Institutionen meist in sozialen Netz- werken oder der Blogosphäre, die kritisiert werden. Die Kritik wird meist unsachlich und emo- tional geäußert. Ähnlich wie die Schweigespirale entwickeln Shitstorms eine Eigendynamik sobald sie Zustimmung von weiteren Personen erhalten. Meist verläuft diese Empörungswelle über verschiedene Kommunikationswege und erhält schnell eine große Aufmerksamkeit.

Beispiele für betroffene Unternehmen im deutschsprachigen Raum waren Nestl é, die Deutsche Bahn und die Direktbank ING DiBa. Oft sind die Unternehmen nicht ausreichend auf einen Shitstorm vorbereitet, wie eine Umfrage der BITKOM14 ergab. Die Mehrzahl der befrag- ten Unternehmen in der IT-Branche (45 Prozent) hat keinen Krisenplan für die Kommunikation auf Facebook. Ein solcher Krisenplan umfasst beispielsweise das Löschverbot eines Beitrages oder von Antwortrichtlinien und erleichtert somit den Mitarbeitern den Umgang mit dem Shit- storm. Die Studie zeigte eine zusätzlich mangelnde Dialogorientierung der Unternehmen in sozialen Netzwerken.

Es stellt sich die Frage, ob und inwiefern ein Shitstorm die Redebereitschaft der Men- schen im Internet beeinflusst. Wie abhängig ist die eigene Meinungsäußerung mit der Entwick- lung des Shitstorms? Hemmt ein Shitstorm das Erstellen weiterer Posts von den Seiteninhabern oder Unternehmen?

5.4 Politische Partizipation

Im Web 2.0 findet ein Rollenwechsel zwischen dem Produzent und dem Konsument statt. Der Nutzer tritt nicht mehr nur als konsumierender Rezipient auf, sondern bekommt selber die Mög- lichkeit, Inhalte zu erstellen und zu kommunizieren. Durch die Verschmelzung der Aufgaben- verteilung entsteht ein neuer Rollenbegriff, der „Prosument“15. Die Partizipationsmöglichkeiten im Web 2.0 gestalten sich sehr unterschiedlich. „Mitmach-Netz“ bedeutet für die einen Beiträge oder Artikel zu kommentieren, zu bewerten oder zu verbreiten, für andere bietet es die Mög- lichkeit eigene Webseiten zu erstellen, die ausschließlich nutzergeneriert sind. Beim Publizieren eigener Inhalte, auch „Personal Publishing“ genannt, unterscheidet der Autor zwischen dem tagebuchartigen Weblog und dem multimedialen Podcast, die entweder öffentlich zugänglich oder privat eingestellt werden (vgl. Schmidt 2009: 23). Einen eigenen Artikel im Internet zu ver- fassen benötigt heutzutage dank bestimmter Webangebote keine ausgeprägten technikbasierten Fähigkeiten mehr. Als Resultat dessen wird nicht nur eine größere Anzahl an Inhalten verfasst,

sondern diese wird auch noch auf den verschiedenen Plattformen verbreitet. Der Nutzer be- kommt bei seiner eigenen Informationsbeschaffung mehr Auswahl. Sobald der Bürger selber „User-Generated Content“ erstellt, kann er aktiv in den Informationsprozess eingreifen und darüber entscheiden, welche Inhalte er einer (Teil) Öffentlichkeit präsentieren möchte. Die In- halte sind dann „auf ewig“ dokumentiert und können noch Jahre später abgerufen werden (vgl. Kielholz 2008: 223).

Jedoch hat nicht jeder Nutzer Lust auf eine aktive Mitgestaltung der Inhalte. Wie bereits erwähnt, zeigen die Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie16 2012, dass nur 8 Prozent aller Onliner überhaupt offen für Beteiligung und User-Generated Content sind und 57 Prozent der Befragten sich dem von Vorhinein verweigern. Es ist also nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, der anderen Nutzern ihre Inhalte zur Verfügung stellt (vgl. Busemann / Gscheidle 2012: 380). So- mit hat auch der Großteil der Bürger kein Interesse an politischer Beteiligung: „je anspruchsvol- ler die Partizipation sei, desto weniger würden sich sozial schwächere Menschen beteiligen“ (Schmelzer 2012).

Als Folge dieser unterschiedlichen Nutzungskultur entsteht eine digitale Spaltung: Digi- tal Natives und Digital Immigrants. Die einen, die „digitalen Eingeborenen“, sind mit den digi- talen Technologien entweder aufgewachsen oder den neuen Veränderungen gegenüber aufge- schlossen und nutzen das Internet gerne und häufig (vgl. Frieling 2010: 9). Die andere Gruppe, die „digitalen Einwanderer“, hat entweder keinen Internetzugang oder hat entweder das Internet erst im Erwachsenenalter kennengelernt und weiß es nicht recht zu nutzen. Zusätzlich meiden politisch desinteressierte Bürger die Netzpolitik. So führt dies immer mehr dazu, dass politische Beteiligung eine Elitenveranstaltung ist. Ergebnisse einer Untersuchung des Nutzungsverhaltens von politischen Beteiligungsangeboten im Internet zeigen, dass die Nutzer dieser Angebote formal höher gebildet, politisch interessierter und überwiegend männlich sind als die Grundbe- völkerung (vgl. Marschall 2011: 45).

Die Funktionen des Gatekeeper und des Agenda Setting, wie bereits unter der Hypothe- se der Artikulationsfunktion der Massenmedien angesprochen, können im Internet zwar gleich wie in den klassischen Massenmedien ausgeübt werden, bekommen aber durch das Internet Konkurrenz. Im Internet bieten alle Nachrichtensender eine Website an und setzen durch seriöse Beiträge den Themenschwerpunkt der Kommunikationsagenda. Bisher hatten die Journalisten das alleinige Privileg bei der Produktion von Medieninhalten. Der durch die Rollenverteilung entstandene Bürgerjournalismus erstellt ebenfalls mediale Inhalte im Internet. Sobald ein The- ma im Web 2.0 viel diskutiert wird, wird es oft von den traditionellen Medien aufgegriffen. Somit wirkt das Internet der Agenda Setting Funktion der Medien selektiv verstärkend entge- gen: Beliebte Themen werden entsprechend gut platziert und erhalten dadurch mehr Aufmerk- samkeit (vgl. Kielholz 2008: 223). Der Leser muss nun zwischen journalistischer Berichterstat- tung und Amateurblog unterscheiden können und die Glaubhaftigkeit der Inhalte abwägen. Es ist für den Onliner eine Herausforderung, sich in der Menge an Informationen zurechtzufinden. Sicherlich nutzen deswegen die Bürger immer noch häufig die klassischen Medien, wie die ARD/ZDF-Langzeitstudie17 2010 ergab, da sie sich deren Seriosität sicher sein können. Diese ziehen jedoch das Internet als alternative Verbreitungsplattform heran (Eimeren / Ridder 2011: 14).

Die sozialen Netzwerke ermöglichen nicht nur eine angenehme Form der privaten Kommunikation und der Kontaktaufnahme mit Menschen. Auch in der öffentlichen Kommuni- kation gewinnen soziale Netzwerke als Kommunikationskanäle an Bedeutung. Die Angebote haben ein enormes Potential als Öffentlichkeit, welche für eine Demokratie unabdingbar ist. Anders als bei den klassischen Medien, kann sich der Bürger durch das Internet und seine Parti- zipationsmöglichkeit unmittelbar an gesellschaftlich relevanten Prozessen beteiligen. So könnte Kritik gegenüber der Politik ausgeübt werden oder Proteste organisiert werden. Besonders die sozialen Netzwerke bieten das Potential zur politischen Partizipation. An dieser Stelle soll nochmal darauf hingewiesen werden, dass sich das Forschungsinteresse der Arbeit auf die öf- fentliche Meinungsäußerung zu politischen und gesellschaftlich relevanten Themen bezieht und nicht auf die politische Partizipation. Im nächsten Abschnitt soll jedoch der Verständlichkeit halber auf einige Ereignisse der letzten Monate eingegangen werden, die die Chancen und Risi- ken des Internets zeigen.

Der Arabische Frühling ist das wohl beste Beispiel dafür, wie das soziale Netz die Menschen mobilisieren kann. Tausende Menschen organisierten über das Internet Proteste und Aufstände gegen die dort herrschenden politischen und sozialen Strukturen der Länder. Die Protestbewegung wurde durch die Selbstverbrennung eines verzweifelten Tunesier im Dezem- ber 2010 eingeleitet und vollzog sich in Tunesien, Ägypten, Libyen und im Jemen (Gehrke 2013: 4). Eine hohe Reichweite der Informationen zu Massenprotesten wurde durch die Vernetzung klassischer und neuer Medien ermöglicht. Der Fernsehsender Al-Jazeera spielte für die Informa- tionsvermittlung ebenfalls eine große Rolle, da der Sender im Vergleich zu anderen Nachrich- tensendern, die Proteste zeigte und durch Podcasts eine ständige Live-Berichterstattung anbot (vgl. El Difraoui 2011). Der Arabische Frühling ist geprägt durch die Menschen, die die gleiche Meinung teilen und sich im virtuellen Raum zu einer Gruppe zusammentun - trotz der großen Gefahr für Leib und Seele. Die Ausübung der über die sozialen Netzwerke, wie Facebook, Y- outube oder Twitter, organisierten Proteste fand vorwiegend auf der Straße statt, jedoch auch online durch die internationale Hacker-Bewegung Anonymous. Die Medien sind bei der „Face- book-Revolution“, wie der Arabische Frühling auch genannt wird, das entscheidende Instru- ment im Prozess der Selbstermächtigung. Die hohe Anzahl der Demonstrationen und die noch immer andauernden Umbrüche zeigen, dass es möglich ist, mit kollektiv verstärkten und öffent- lich verbreiteten Ansichten eine reale Veränderung zu erreichen. Die Lahmlegung des Internets oder die Sperrung der Sendefrequenz von Al-Jazeera führte zu noch mehr Protesten und einer Informationsverbreitung ins Ausland.

Von den Auswirkungen des „Mitmachnetz“-Web 2.0 wird nun auf die Besonderheiten der selbsternannten „Mitmachpartei“ der Piraten eingegangen. Die Piratenpartei stützt ihr De- mokratieverständnis auf „Liquid Democracy“, womit es den Bürgern möglich sein soll, am politischen Entscheidungsprozess teilzunehmen und politische Ansätze „flüssiger, transparenter und flexibler“ zu gestalten (vgl. Homepage Liquid Democracy e.V.). In Bezug auf die Medien und Politik arbeitet die Partei an einem unzensierten Internet und einer transparenten Politik. Diese und andere Versprechen fanden bei vielen Menschen Zustimmung und so schaffte es die Partei in die zwei Landessparlamente Berlin und Saarland (vgl. Broder 2012). Neben politischen The- men steht vor allem das Miteinander auf der Agenda, jeder darf etwas sagen, jeder darf mitma- chen. Im Sinne einer freien Meinungsäußerung bildet sich ein Kollektiv gleicher Meinungen, gestärkt durch die Eigendynamik dieser Gruppe von Menschen. Durch den Wandel des Internets erhoffen sich die netzaktiven Wähler der Piratenpartei mehr Partizipationsmöglichkeit. Diese fordern jedoch auch gesellschaftlich relevante Themen auf der Agenda. Denn der zu starke Fo- kus auf internetbezogene Themen, der Mangel an inhaltlicher Arbeit und die öffentlich ausge- tragenen Querelen der Partei führten aktuell zum Verlust von Wählerzahlen. Bei der Sonntags- frage am 15.September 2013, 12 Tage vor der Bundestagswahl, erhielten die Piraten nur noch 3% aller Stimmen (vgl. wahlrecht.de).

6 Forschungsstand

Die schnelle Entwicklung des Internets bietet den Forschern mit immer wieder neu aufkom- menden Funktionen und Auswirkungen viel Untersuchungsmaterial. Die kommunikationswis- senschaftliche Forschung konzentriert sich dabei auf die Mediennutzung und den veränderten Kommunikationsweisen. Dabei wird das Phänomen Web 2.0 und die Öffentliche Meinung von verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Forschungsansätzen betrachtet. Die fol- genden Studien und laufenden Projekte zeigen das große Interesse an der Forschung der Mei- nungsäußerung im Internet.

Haas, Keyling und Brosius (2010)18 stellten sich die Frage, ob Diskussionsforen das Potenzial haben, die Gespräche der Bürger über politische Themen abzubilden. Mithilfe einer Inhaltsanalyse von Postings auf Diskussionsforen und dem anschließenden Vergleich der Pos- tings mit einer Befragung über den Inhalt der Postings sollte untersucht werden, ob Diskussi- onsforen ein Indikator für die Menge und dem Inhalt interpersonaler Offline-Kommunikation sind. Das Ergebnis der umfassenden Studie beantwortete die Forschungsfrage nur auf Aggregat- Ebene, wo die Kommunikation auf Diskussionsforen die Offline-Kommunikation über die ausgewählten Themen widerspiegelt. Die Kommunikation auf Individualebene müsste mit einer Befragung oder Beobachtung genauer erfasst werden (vgl. Haas et al. 2010: 246ff.).

Eine weitere Studie, die sich mit der Übertragbarkeit von Onlinekommunikation auf die Offlinekommunikation und umgekehrt beschäftigt, wurde von Liu und Fahmy (2011) in den USA durchgeführt. Sie untersuchten die Bereitschaft der Menschen, ihre persönliche Meinung sowohl online, als auch offline zu äußern. Dabei übertrugen sie die Theorie der Schweigespirale auf die beiden Kontexte Offline-Welt und virtuelle Welt. Die Befragung19 ergab, dass sich die Redebereitschaft online und offline wechselseitig beeinflusst: Steigt die Bereitschaft des Men- schen sich online zu äußern, so wird er auch offline redebereiter; äußert er sich offline zu dem Thema, so ist es sehr wahrscheinlich, dass er auch online reden wird. Außerdem wurde heraus- gefunden, dass die Übereinstimmung der eigenen Meinung mit der Mehrheitsmeinung die Re- debereitschaft offline verstärken kann, jedoch eine Meinungsäußerung online nicht anregt. Den Grund dafür sehen die Forscher in der Angst vor Isolation, welche bei den Befragten online größer zu sein scheint als offline.

Das laufende Projekt „Analyse von Diskursen in Social Media (DaSoM)“20 untersucht öffentliche Diskurse in den Social Media Angeboten und hat sich zum Ziel gesetzt automatisier- te Verfahren zu entwickeln, die der Kommunikationswissenschaft die Bearbeitung von Online- Diskursen erleichtern. Durch die Kombination mehrerer Datentracking-Methoden, wie Keyword-Tracking, Sentiment und Argumentanalyse, Textklassifikation und Inhaltsanalyse, sollen öffentliche Diskussionen auf der Mikro-, Meso- und Makroebene analysiert werden.

Aktuell gibt es ein Großprojekt, welches sich mit den Veränderungen des Internets und den Folgen für die politische Kommunikation auseinandersetzt. Die DFG Forschergruppe 1381 arbeitet bei dem sechsjährigen Forschungsprojekt „Politische Kommunikation in der Online- Welt“21 an einer modularisierten Theorie des Wandels politischer Kommunikation. Seit 2011 bearbeiten sieben Teilprojekte den Untersuchungsgegenstand aus unterschiedlichen Perspekti- ven. Das Teilprojekt „Der Einzelne und die Öffentlichkeit. Die Wahrnehmung öffentlicher Meinung in Online-Öffentlichkeiten und ihre Folgen für die Artikulationsbereitschaft“ wird von Professor Dr. Christiane Eilders geleitet und untersucht den Einfluss der Nutzung von Blogs und Social Netzwork Sites auf die Wahrnehmung öffentlicher Meinung und die Verhaltenskon- sequenzen für den Diskurs. Die Theorie der Schweigespirale bildet neben dem Forumsmodell von Öffentlichkeit die theoretische Grundlage für das Projekt. Die Methodik setzt sich zusam- men aus einer Inhaltsanalyse aus Online-Tagebüchern von politisch interessierten Bürgern und einer daran anknüpfenden Online-Befragung22. Es wurden 444 Menschen mit massenmedialer Nutzungstendenz sowie mit Präferenz für nicht-journalistische Online-Inhalte nach ihrer Wahr- nehmung öffentlicher Meinung, ihrer eigenen Sichtweise und ihrer Redebereitschaft zum The- ma Klimawandel befragt. Das Ergebnis zeigt sich als hypothesenkonträrer Effekt: Je stärker die Dissonanz zwischen eigener Meinung und wahrgenommener öffentlicher Meinung ist, desto eher sind die Nutzer bereit, öffentlich zum Klimawandel Stellung zu nehmen. Das For- schungsteam erklärt dies damit, dass es sich bei den Befragten um den harten Kern handelt, der sich immer äußert oder dass das Thema Klimawandel in Deutschland nicht kontrovers ist. Beide Faktoren würden keine Isolationsfurcht auslösen und somit keinen Effekt auf die Artikulations- bereitschaft bewirken. Eine weiteres Ergebnis ist, dass sich die Befragten, die sich zum Klima- wandel vorwiegend aus nicht-journalistischen Quellen informieren, sich eher anonym und auf Facebook artikulieren, als die Befragten, die die Massenmedien nutzen. Eine zweite Studie ist für die Bundestagswahl im Herbst 2013 angesetzt.

Der Spiegel Online Redakteur Konrad Lischka (2011) setzt in seinem Spiegel Online- Artikel die Meinungsäußerung der Menschen mit dem Spirale-Prozess der Schweigespirale gleich und fordert: „Ein Kommunikationswissenschaftler sollte unbedingt mal erforschen, ob sich so ein Effekt bei bestimmten Themen auf Facebook und Twitter beobachten lässt“. Um diesen Wunsch umzusetzen wird im folgenden Abschnitt auf die Methodik meines Forschungs- projektes eingegangen welches die Redebereitschaft der Menschen im öffentlichen Diskurs analysieren soll.

II Methodik

7 Mehrmethodendesign

Das Internet mit seinen Charakteristika Interaktivität, Multimedialität und Hypertextualität und vor allem das Social Web stellen die Kommunikationsforschung vor neue Herausforderungen in Bezug auf deren Erfassung. Online-Forschung kann nicht mehr nur mit monomethodischen Designs erfasst werden, sondern benötigt Mehrmethodendesigns, welche „als eine Fülle metho- discher Ansätze und Instrumentarien, die in ihrem Zusammenwirken das Verständnis komple- xer Kommunikationsprozesse in komplexen Kommunikationsumgebungen erleichtern“ (Rössler / Legrand 2012: 367).

Um sich dem Untersuchungsgegenstand aus zwei Perspektiven zu nähern und somit ei- nen größeren Erkenntnisgewinn zu erzielen, wurde für diese Arbeit ein Mehrmethodendesign gewählt. Dieses gilt in der empirischen Forschung als „Best Practice“, da „die Schwächen der einen Methode mit den Stärken der anderen Methode kompensiert werden können“ (Loosen / Scholl 2012: 9). Mehrmethodendesigns sind entweder mehrere Methoden oder Kombinationen von Varianten, welche jeweils eine eigenständige Bedeutung für die Untersuchung haben müs- sen und zeitlich so aufeinander abgestimmt werden müssen, um jeweils ein Teil der Studie zu sein. Bei dieser Studie wurde eine Kombination der zwei Befragungsvarianten Leitfadeninter- view und standardisierter Fragebogen gewählt. Die Art der Kombination soll kooperativ und sequenziell ablaufen. Dabei werden die Methoden nacheinander gesetzt und die eine Methode entwickelt die andere, das bedeutet, die qualitativ erhobenen Daten werden quantitativ ausge- wertet. Diese Verbindung von Erhebungs- und Auswertungsmethode ist in der Kommunikati- onswissenschaft beliebt, erfordert jedoch wie alle Mehrmethodendesigns einen hohen Arbeits- aufwand. Durch die qualitative Expertenbefragung werden Meinungen und Einstellungen zur Meinungsäußerung im Internet in unterschiedlicher Detailliertheit herausgefiltert. Diese Aussa- gen werden danach mit einer quantitativen Onlinebefragung zahlenmäßig ausgedrückt. Ziel der Methodenkombination ist es, ein „adäquates (oder auch nur umfassenderes) Bild des Untersu- chungsgegenstandes“ zu bekommen (Kelle 2007: 55).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7 Übersichtüber den wissenschaftlichen Forschungsprozess (eigene Darstellung in Anlehnung an Brosius / Koschel / Haas 2009: 43)

Der wissenschaftliche Arbeitsprozess dient der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit der einzelnen Schritte. In der empirischen Sozialforschung bilden drei Problembereiche den Forschungsablauf: der Entstehungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhang. Diese Reflexionsebenen bauen zeitlich aufeinander auf und strukturieren damit die Untersuchung. Die obenstehende Darstellung zeigt die Vorgehensweise im Ablauf.

[...]


1 Quelle 2009: Telefonische Umfrage (CATI) von repräsentativ ausgewählten Personen ab 18 Jahren aus Haushalten mit Telefonfestnetzanschluss in Deutschland im Juni 2009 durch das Marktforschungsinstitut Forsa [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Auftraggeber ist die BITKOM

2 Quelle 2012: Befragung von Menschen mit acht Messzeitpunkten zwischen 2002 und 2010 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Veröffentlicht in Communications: The European Journal of Communication Research 37, 3/2012, S. 233-252 & über den ARD-Forschungsdienst in Media Perspektiven 1/2013

3 Vgl. Panelstudie von Emmer, Wolling und Vowe (2012)

4 Basis 2011: Telefonische Umfrage (CATI) von Personen ab 14 Jahren aus Haushalten mit Telefonfestnetzanschluss in Deutschland in der Zeit vom 10. März bis 21. April 2011 durch das Institut Enigma GfK Medien- und Marktforschung in Wiesbaden (n=1800). Auftraggeber ist wie bei allen folgenden ARD/ZDF-Onlinestudien die ARD/ZDF-Medienkommission.

5 2010: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], 2010: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], Deutschsprachige Onlinenutzer ab 14 Jahren in Deutschland 22

6 Basis 2011: Umfrage von deutschsprachige Personen ab 14 Jahren in Deutschland, die am Thema sehr interessiert/etwas interessiert sind (Online: n=847; Offliner: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]); Teilgruppe Personen, die am Vortag Informationen zum Thema erhalten haben (Onliner: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]; Offliner: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]).

7 Jugend, Information, (Multi-) Media

8 Basis 2011: Telefonische Umfrage (CATI) von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren aus Haushalten mit Telefonfestnetzanschluss in Deutschland in der Zeit vom 16. Mai bis 26. Juni 2011 durch das Institut Enigma GfK Medien- und Marktforschung in Wiesbaden (n=1205). Auftraggeber ist der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest

9 Basis 2011: Umfrage von hauptberuflichen Journalisten des ECCO-Agenturnetzes im November 2011 (n=1600).

10 Basis 2008: Online-Befragung von Internetnutzern von 18-49 Jahren von August 2008 bis September 2008 (n=1500). Quelle: Statista 2013

11 Basis 2013: Datenanalyse von zur Verfügung gestellten Facebook- „Gefällt mir“-Seiten von Freiwilligen aus den USA durch Michael Kosinski et al. Von der University of Cambridge (n=58466)

12 Mithilfe des Online-Ortungsdienstes Google Latitude kann man seinen Standort per Handyortung auf Google Maps anzeigen lassen.

13 Jährliche dreitägige Konferenz in Berlin über das Web 2.0 und die digitale Gesellschaft. Weitere Infos unter: www.re-publica.de

14 Quelle 2012: Umfrage von Kommunikationsverantwortlichen aus 172 Unternehmen aus der ITKBranche durch die BITKOM (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.). Quelle: Presseinformation

15 Der Begriff Produser setzt sich zusammen aus den Begriffen Producer (Produzent oder Kommunikator) und User (Rezipient oder Nutzer).

16 Basis 2012: Telefonische Umfrage (CATI) von Personen ab 14 Jahren aus Haushalten mit Telefonfestnetzanschluss in Deutschland in der Zeit vom 25. Februar bis 5. April 2012 durch das Institut Enigma GfK Medien- und Marktforschung in Wiesbaden (n=1800).

17 Basis 2010: Telefonische Befragung (CATI) von Personen ab 14 Jahren aus Haushalten mit Telefonfestnetzanschluss in Deutschland in der Zeit vom 12. Februar bis 28. Februar 2010 durch das Institut Enigma GfK Medien- und Marktforschung in Wiesbaden [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten].

18 Basis 2008: Inhaltsanalyse von Postings (n=5700) von ausgewählten Themen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] auf den Diskussi- onsforen Spiegel Online, Tagesschau.de, Focus Online, RheinZeitung Online, Politik.de, Global Talk und Telefoninterviews von Personen ab 16 Jahren aus Haushalten mit Telefonfestnetzanschluss in Deutsch- land [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] in der Zeit vom 3. November bis 17. November 2008 unter Mitarbeit von studentischen Hilfskräften.

19 Basis 2010: Paper-Pencil Befragung von Studenten (n=503) im Dezember 2008.

20 Das Projekt wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Lauf- zeit: 1.Mai 2012 bis 30. April 2015. Weitere Infos unter: www.social-media-analytics.org

21 Weitere Infos unter: www.fgpk.de

22 Nach Kontaktaufnahme mit Professor Dr. Eilders konnten die Ergebnisse der Online-Befragung übermittelt werden.

Details

Seiten
223
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656762355
ISBN (Buch)
9783656762348
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271956
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Schweigespirale Kommunikationswissenschaft Theorie der Schweigespirale Elisabeth Noelle-Neumann Öffentliche Meinung Redebereitschaft Digitalisierung NSA-Skandal Edward Snowden Qualitatives Experteninterview Quantitative Onlineumfrage Social Web Social Media

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Titel: Schweigespirale 2.0? Eine empirische Studie zur öffentlichen Meinung und Redebereitschaft der Menschen im Netz