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Der Einfluss der Stasi auf Jugendliche in der Schule

Der Alltag von jugendlichen IMs und die Auswirkungen auf ihre Mitschüler

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Hinführung und Fragestellung
1.2 Das Schulsystem der DDR und die dessen Bindung an die SED
1.3 Einfluss der Stasi innerhalb des Schulsystems

2. Hauptteil
2.1 Personenverzeichnis
2.2 Tätigkeiten der jugendlichen IMs
2.3 Folgen für den eigenen Alltag und den der Mitschüler

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Hinführung und Fragestellung

Das Ministerium für Staatssicherheit gilt heute als Symbol für das unterdrückte und überwachte Leben in der Diktatur des zweiten deutschen Staates. Die Stasi war der verlängerte Arm der Partei, sie sicherte die Macht der SED um jeden Preis. Seit ihrer Gründung im Jahr 1950 versuchte sie, einen Staat zusammen zu halten, in dem sie ein System der Angst, des gegenseitigen Misstrauens und des Verrats installierte. Schätzungsweise 173.000 inoffizielle Mitarbeiter gab es im Jahr 1989 kurz vor dem Zusammenbruch der DDR.[1] Sie waren angehalten Freunde und Mitmenschen zu überwachen und ihre Geheimnisse, ihre Ängste und Freuden der Stasi preis zu geben.

Heute ist das Bedürfnis der gesamtdeutschen Bevölkerung groß, die Verbrechen des MfS zu rekonstruieren und aufzudecken. Über sechs Millionen Anträge auf Akteneinsicht gingen bei der Bundesbehörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen bis heute ein.[2] Bespitzelte sichten ihre Akten, IMs stellen sich ihrer Vergangenheit. 2006 zieht es die Zuschauer ins Kino um „Das Leben der Anderen“ zu sehen. Ein Drama über einen IM und die Familie, die er bespitzelte.

Die Verbrechen des Ministeriums für Staatssicherheit umfassten unzählige Facetten der Unmenschlichkeit, betreffen eine nicht definierbare Vielzahl an Personengruppen und waren vielfältig in ihrer Intensität. Moralisch besonders verwerflich und zumindest medial bislang wenig thematisiert ist der Missbrauch von Minderjährigen durch das Ministerium für Staatssicherheit. Zirka 6% aller Inoffiziellen Mitarbeiter waren minderjährig; das entspricht etwa 6.000 bis 10.000 Jungen und Mädchen unter 18 Jahren.[3] Sie bespitzelten ihre Freunde und Klassenkameraden teils freiwillig, oft jedoch unter massivem Druck und unter dem Einsatz von Erpressung. Sie leisteten ihren Beitrag zum Kampf der Stasi, gegen die vermeintlichen Staatsfeinde. Die Folgen waren zerstörte Freundschaften, missbrauchtes Vertrauen und langjährige, beziehungsweise dauerhafte Beeinträchtigungen der psychischen und physischen Gesundheit der Betroffenen.

Häufig wurden die Jugendlichen in ihrer Schule angeworben. Ein Raum der für viele neben der FDJ oder anderen Freizeitgestaltungenden am meisten für die Entwicklung intensiver Freundschaften prädestiniert war. Der langjährige Klassenbestand bedeutete für die Jugendlichen viel gemeinsam verbrachte Zeit in der sich Kameradschaft oder Feindschaft, gegenseitige Zu- und Abneigung heraus kristallisieren konnte. Zu dieser sozialen Komponente kommt hinzu, dass hier ebenfalls die wichtigsten zukunftsweisenden Entscheidungen und Prozesse für die berufliche Zukunft aller stattfanden. Der Raum der Schule ist so zweiseitig sensibel und von höchster Wichtigkeit für die Heranwachsenden. Das verborgene Intervenieren der Stasi durch das Anwerben und Platzieren ihrer Spitzel im Kreis der Jugendlichen war nicht nur besonders grausam, da es sich bei den IMs um Minderjährige handelte, deren Psychen durch die Prozesse des Erwachsenwerdens brüchig und empfindlich waren, sondern auch, da die Schüler an ihren verwundbarsten Punkten getroffen wurden: dem Miteinander im sozialen Umfeld und ihren Plänen und Träumen für die berufliche Zukunft.

In dieser Hausarbeit möchte ich den Einfluss der Stasi auf den schulischen Alltag der Jugendlichen in der DDR genauer betrachten und analysieren. Der Fokus soll hierbei auf den IM-Tätigkeiten liegen, welche die Jugendliche ausführten. Es geht sowohl um den Einfluss, den diese Beschäftigung auf den IM selbst hatte, als auch um Auswirkungen auf den Alltag der Mitschüler. Unter Alltag verstehe ich neben der Zeit des regulären Schulbesuchs auch das Leben im Freundeskreis. In der Fragestellung liegt der thematische Fokus auf der IM-Tätigkeit und dessen Auswirkungen in der Schule. Zu beachten ist hierbei jedoch, dass die Arbeit der Schüler für die Stasi nicht nach Schulschluss endete, sondern im Privaten weitergeführt wurde. Dementsprechend wird es, um dem Thema umfassend gerecht zu werden, inhaltliche Exkurse in diese Richtung geben. Zeitlich konzentriere ich mich auf die 1970er und 1980er Jahre. Grund dafür war die, Anfang der 1970er Jahre beginnen Öffnung zum Westen und die damit einhergehende Verstärkung der Sicherungsmaßnahmen seitens des MfS.[4] Mitte bis Ende der 1980er Jahre hatte die Stasi die größte Anzahl an Hauptamtlichen und Inoffiziellen Mitarbeitern.[5] Die erklärt auch, warum das Anwerben von jugendlichen IMs maßgeblich in diesem Zeitraum stattfindet.

Zur Bearbeitung der Fragestellung werden wissenschaftliche Texte und Selbstzeugnisse betroffener jugendlicher IMs und Lehrer, in Schrift- und Videoformat, verwendet. Der Hauptteil der Arbeit soll auf den eigenen Aussagen direkt Betroffener basieren. Sie legen Zeugnis über die Grausamkeit eines Systems ab, das jeden verständlichen Wunsch junger Menschen nach Freiheit, Individualität und Meinungsäußerung als existenzielle Gefahr wertete und präventiv zu vernichten suchte.

Die Selbstzeugnisse bieten die Möglichkeit sich einer Thematik, die für Außenstehende schwer begreiflich und unbekannt ist, zu nähern. Bei der Analyse und Bewertung dieser Zeugnisse gilt trotz ihrer Authentizität und hohen Glaubwürdigkeit zu beachten, dass diese Aussagen nur einen sehr kleinen Teil der Gesamtthematik „Jugendliche IMs“ beleuchten.

In erster Linie stellen sie ein, aus wissenschaftlicher Sicht, aufschlussreiches Einzelschicksal dar, welches teils versteckt, teils offen, höher liegende Strukturen des Systems und der Arbeit der Stasi offenlegen. Die Summe aller Erkenntnisse, die aus den Auswertungen dieser persönlichen Berichte gewonnen werden, soll letztendlich das Ergebnis dieser Arbeit sein. Es soll Teil der Aufarbeitung der Verbrechen der Stasi sein, welche fast vier Jahrzehnte lang, subtil und skrupellos gegen einen Großteil der Bevölkerung der DDR verübt wurden.

1.2 Das Schulsystem der DDR und dessen Bindung an die SED

Das Schulsystem der DDR unterstand wie alle anderen staatlichen Instanzen der SED. Im 1974 verfassten Jugendgesetz der DDR weißt die SED den Schulen den Auftrag zu „[...] junge Menschen zu erziehen und auszubilden, die [...] zu schöpferischem Denken und selbstständigen Handeln befähigt sind, deren marxistisch-leninistisch fundiertes Weltbild die persönlichen Überzeugungen und Verhaltensweisen durchdringt, [...].“[6] Deutlich zeigt sich hier, wie die SED versucht eine ideologische Prägung der Schüler in ihrem Sinne zu erzwingen. Die Kinder und Jugendlichen sollten die gesellschaftlichen politischen Normen so weit verinnerlichen, dass persönliches Denken und Verlagen mit dem der politischen Machthaber identisch sei.

Neben den üblichen Schulfächern wurden die DDR-Schüler deshalb seit 1969 in Staatsbürgerkunde und seit 1978 in Wehruntericht geschult[7] Das Fach Staatsbürgerkunde sollte den Schülern die theoretischen Grundlagen des Sozialismus vermitteln. Schwerpunkte waren die Ideologie des Marxismus-Leninismus, das Verhältnis zwischen Sozialismus und Kapitalismus und die Erziehung zur Wahrnehmung des Ichs als Teil des Kollektivs.[8] Der Wehrkundeunterricht wurde in der 9. und 10. Klasse unterrichtet und galt als Vorläufer für den späteren Grundwehrdienst bei der NVA (zu dem jedoch nur die männlichen Jugendlichen verpflichtet waren). Er umfasste einem Theorieteil über Militär und Politik sowie eine Praxiseinheit, die für Jungs aus dem Wehrlager (beinhaltete Grundzüge einer Rekrutenausbildung, zum Beispiel der Umgang mit Schusswaffen)[9] und für Mädchen aus einem Lehrgang für Zivilverteidigung (beinhaltete Evakuierungsmaßnahmen und Erste Hilfe) bestanden.[10] Dem Anspruch, Schüler durch Wehrunterricht und Staatsbürgerkunde zum idealtypischen sozialistischen Menschen zu erziehen, wurden die Unterrichtsfächer nicht gerecht. Sobald ein Thema den Bereich Politik tangierte, passten sich die meisten Schüler stark dem Standpunkt des Lehrers an und äußerten ihre eigene Meinung nicht.[11]

Der Aufbau des Schulsystems der DDR war weniger komplex strukturiert, als das der BRD. Von der ersten bis zur zehnten Klasse besuchten alle Schüler die Polytechnische Oberschule, danach begannen die Schüler entweder eine Berufsausbildung oder besuchten die weiterführende Erweiterte Oberschule, die nach weiteren zwei Jahren mit Abitur abgeschlossen wurde. Auch Kindergärten und -krippen wurden zum System der Volksbildung dazu gezählt.[12]

[...]


[1] Vgl Pahnke, Rudi-Karl; Behnke, Klaus, Hauksson, Halldór (1995): „>>Das Belehren vom hohen Katheder ist unangebracht<< Die (Ver-)Führung von Kindern und Jugendlichen durch das MfS In: Behnke, Klaus; Fuchs, Jürgen: Zersetzung der Seele. Hamburg. Rotbuch. S. 182

[2] Vgl. http://www.BStU.bund.de/DE/BundesbeauftragterUndBehoerde/BStUZahlen/_node.html aufgerufen am 14.08.2013 um 12.34 Uhr

[3] Vgl. Pahnke, Rudi-Karl; Behnke, Klaus, Hauksson, Halldór (1995): S. 182

[4] Vgl. Gieseke, Jens (2001): „Die DDR-Staatssicherheit. Schild und Schwert der Partei“ Bonn. Bundeszentrale für politische Bildung. S. 41

[5] Vgl. Ebd. S. 86.

[6] Helwig, Gisela (1984): „Jugend und Familie in der DDR. Leitbild und Alltag im Widerspruch“. Köln. Edition Deutschland Archiv. S. 73.

[7] Vgl. Ebd. S. 74.

[8] Vgl. Grammes, Tilman (2006): „Portraitskizze eines Schlüsselfachs“ In: Grammes, Tilman; Schluß, Henning; Vogler, Hans-Joachim: Staatsbürgerkunde in der DDR. Ein Dokumentenband. Wiesbaden. VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 18 f.

[9] Vgl. Koch, Michael (2000): „factum. Hintergründe und Erörterungen. Die Einführung des Wehrunterrichtes in der DDR“. Erfurt. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. S. 35.

[10] Vgl. Ebd. S. 39.

[11] Vgl. Flender, Heiko (1996): „Die Anwendung von Erkenntnissen aus der Kinder- und Jugendpsychologie durch das MfS.“ In: Mothes, Jörn; Gundula Fienbork; Pahnke, Rudi; Ellmereich, Renate; Stognienko, Michael: Beschädigte Seelen. DDR-Jugend und Staatssicherheit. Rostock. Edition Temmen S. 133.

[12] Vgl. Wolf, Jürgen (1998): „Besondere Vorkommnisse“. In: Behnke, Klaus; Wolf, Jürgen: Stasi auf dem Schulhof. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch das Ministerium für Staatssicherheit. Berlin. Ullstein. S.154.

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656635642
ISBN (Buch)
9783656635635
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272004
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Kulturwissenschaften / Geschichtswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
DDR Stasi Ministerium für Staatssicherheit IMs Inoffizielle Mitarbeiter Bespitzelung Zersetzung Schüler Schule Zeitzeugen

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