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Antisemitismus unter MigrantInnen in Deutschland. Zwischen sekundärem und islamischen Antisemitismus

Phänomen oder Tatsache?

Seminararbeit 2012 18 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Was ist Antisemitismus
Moderner Antisemitismus
Sekundärer Antisemitismus
Islamischer Antisemitismus

Antisemitismus und islamische Jugendliche mit Migrationshintergrund

Muslime und Antisemitismus

Fazit

Literatur

Einleitung

Im Zuge der Lehrveranstaltung „Erinnerungen nach dem Holocaust. Ein interkultureller Vergleich von Opfer und Täterdiskursen“ habe ich mich zum ersten Mal näher mit dem Thema Holocaust, Judenvernichtung und Judenverfolgung beschäftigt. Anfangs war es ein sehr komplexes Thema, das mir viele schlaflose Nächte bereitete. Die Texte und die Videoaufnahmen, die wir in der Lehrveranstaltung selbst durchnahmen, nahmen mich sehr mit und ließen mir tage- und nächtelang keine Ruhe. Ich konnte mir einfach nicht erklären, wie Menschen solche Grausamkeiten anderen Menschen antun konnten.

Mein Interesse und mein Mitgefühl waren geweckt und ich konnte nicht mehr aufhören zu recherchieren, zu lesen und kritisch zu hinterfragen. Da nun das Thema des Holocaust auch eng verbunden bzw. Hand in Hand mit dem Antisemitismus geht und ich mich mit einem neuen und modernen Phänomen beschäftigen wollte, suchte ich mir für meine Seminararbeit das Thema des Antisemitismus unter muslimischen MigrantInnen aus. Für mich als muslimische Migrantin ist dieses Thema nicht nur interessant, sondern betrifft in indirekter Art und Weise auch mich selbst.

In meiner Arbeit werde ich anfangs einen theoretischen Input bringen, ich werde mich darauf beziehen was Antisemitismus ist, den Begriff aufgreifen und näher darbringen. Danach werde ich einige Formen des Antisemitismus aufgreifen, dabei gehe ich näher auf den modernen Antisemitismus, den sekundären Antisemitismus und den islamischen Antisemitismus ein. Ich habe diese drei Formen des Antisemitismus bewusst gewählt, da diese drei Formen am meisten das wiederspiegeln, was den muslimischen MigrantInnen nachgesagt wird.

Im Anschluss dessen, werde ich mich damit beschäftigen, dass den muslimischen Jugendlichen ein besonders starker Antisemitismus vorgeworfen wird, gerechtfertigt und ungerechtfertigt. Ich werde auch einen aktuellen Artikel aus einem Online-Magazin heranziehen, der sehr gut (widerspiegelt, ohne e/ wiederspiegelt, dass muslimischen Jugendlichen Antisemitismus vorgeworfen wird ohne genaue Beweise dafür zu haben.

Zu guter Letzt werde ich das große Thema Muslime und Antisemitismus noch einmal aufgreifen und die vielen verschiedenen Formen von Antisemitismus, die den Muslimen nachgesagt werden, gebündelt und anhand von Beispielen untermauern. Außerdem werde ich viele Stereotype aufgreifen und diese in der Arbeit aufarbeiten.

Was ist Antisemitismus

Antisemitismus ist ein weit gefächerter Oberbegriff, der alle Formen von Feindseligkeit gegen Juden, unabhängig von religiösen, rassistische, sozialen oder sonstigen Motiven, beinhaltet. Es gibt jedoch viele verschiedene Formen von Antisemitismus, ich werde mich im Folgenden mit dem modernen Antisemitismus und dem sekundären Antisemitismus beschäftigen. Nach diesen Definitionen möchte ich näher auf den islamischen Antisemitismus eingehen.

Moderner Antisemitismus

Timo Stein behauptet in seinem Werk aus dem Jahre 2011, dass viele Wissenschaftler von einem modernen Antisemitismus, der sich in Mitteleuropa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebildet hatte, sprechen würden. Sie würden behaupten, dass dieser moderne Antisemitismus auf einer pseudowissenschaftlichen Lehre basiert, deren Kern eine rassistische und sozialdarwinistische Konzeption sei. In den Jahren 1853 – 1855 wurden bereits literarische Werke herausgebracht, die Rassentypologien aufwiesen, wie beispielsweise niedere und edlere Rassen. Eines dieser Werke stammte von Houston Stewart Chamberlain mit dem Titel „Lebenswege meines Denkens“, unter dessen Lesern auch Adolf Hitler vorkam. Der Antisemitismus in Verbindung mit dem völkischen Nationalismus der Nationalsozialisten, bildete schlussendlich den Kern der nationalsozialistischen Ideologie. Stein spricht in seinem Buch (2011) davon, dass „die Juden wurden zum gefährlichsten Gegner im weltgeschichtlichen Endkampf durch die Nationalsozialisten“ erklärt wurden. Er spricht davon, dass in kurzer Zeit die Juden für alles Schlechte herangezogen wurden, wie beispielsweise wurden ihnen die Verantwortung für den amerikanischen Kapitalismus gegeben, ebenso für den sowjetischen Kommunismus, etc. Durch Hitlers Machtübernahme wurde der Antisemitismus der Nationalsozialisten immer radikaler. Diese Radikalisierung begann 1933 und wurde 1935 durch die Nürnberger-Rassegesetze noch weiter ausgedehnt. Dies ging dann weiter über offene Diskriminierung bis hin zur offenen Verfolgung von Juden, bis dann zur Deportation der Juden in Ghettos und Konzentrationslager zur vollständigen Beseitigung von Juden, so Stein in Zwischen Antisemitismus und Israelkritik. Antizionismus in der deutschen Linken (vgl. Stein 2011: 23f.).

Sekundärer Antisemitismus

Der Antisemitismus nach dem Holocaust wurde anders gelebt und angesehen, als bisher, so Stein weiter in seinem Werk aus 2011. Von nun an wurde offener Antisemitismus abgelehnt und geächtet. Man kann sogar sagen, dass der Antisemitismus nach dem Holocaust seine Funktion als Ideologie verloren hatte, jedoch als ein verstecktes Vorurteil, unterdrückt weiterlebte. Antisemitismus wird nach 1945 in Österreich und Deutschland, als sekundärer Antisemitismus gelebt, also nicht Antisemitismus trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz. Sekundärer Antisemitismus beginnt mit der Verdrängung der Vergangenheit und ist auch zugleich eine Folge von dieser Verdrängung. Beispiele dafür sind beispielsweise Aussagen, dass die Juden Vorteile nun aus ihrer Vergangenheit ziehen würden oder dass man endlich mit den Vorwürfen aufhören solle, da das Verbrechen an den Juden schon so lange her sei. Sekundärer Antisemitismus versucht nicht nur die Schuld von sich selbst zu verweisen, man geht einen Schritt weiter und gibt die Schuld den Juden selbst. Ein israelischer Psychoanalytiker hat in diesem Zusammenhang gesagt, dass die Deutschen den Juden Auschwitz niemals verzeihen werden können. Einige Studien aus den letzten Jahren zeigten, dass noch immer mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung der Meinung sind, dass Juden noch immer Vorteile aus dem Holocaust ziehen würden, dass die Juden viel zu viel und viel zu oft über den Holocaust sprechen würden und die Studien ergaben, dass sich fast zwei Drittel der deutschen Bevölkerung darüber ärgern würden, dass ihnen heute noch das Verbrechen an den Juden vorgehalten werde (vgl. Stein 2011: 25f.).

Wolfram Stender sagte zum Beispiel, dass beim sekundären Antisemitismus es sich um einen ideologische Formation handle, die es dem Antisemiten ermögliche, die Vernichtung der europäischen Juden zu verurteilen, zugleich jede Mitschuld daran zu leugnen und in dieser Verleugnung antisemitische Stereotype zu reproduzieren. Dies sei jedoch auf den spezifisch deutschen Kontext zugeschnitten. Man wehrt kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus, mit der eigenen Schuld und mit geschichtlicher Verantwortung ab, indem man antisemitische Vorfälle verharmlost und kann so zur gewohnten Tagesordnung übergehen (vgl. Stender 2011: 230f.).

Sekundärer Antisemitismus, behauptet Stender, hätte sich mit der Zeit gewandelt und wird nun von einer Schuldabwehrfunktion zu einer Schuldentlastungsfunktion umgewandelt. Die Tätergeneration wurde durch Abwehr, Verleugnung und Verdrängung gekennzeichnet, die nachfolgenden Generationen jedoch wird durch die Auseinandersetzung mit der Schuld mehr oder weniger allein gelassen und diese identifizierten sich nun mit den verdrängten Schuldgefühlen der Elterngeneration. Das Bedürfnis nach Entlastung führt dahin, dass nun eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet, das bedeutet, dass den heutigen Juden in Israel vorgeworfen wird, dass sie ja genauso grausame Täter wären wie die Deutschen damals. Ein anderes Phänomen ist die Schuld einer ganz anderen Gruppe von Menschen zuzuschreiben: beispielsweise wird den Muslimen von heute vorgeworfen, dass sie mindestens so schlimme Antisemiten seien, wie die Deutschen damals und damit wird die Schuld aufgeteilt und von sich weggeschoben. Dieses Phänomen verbindet sich aus Rassismus und Antisemitismus, daraus wird der wachsende antimuslimische Rassismus in eine sekundär-antisemitische Funktion umgewandelt (vgl. Stender 2011: 238ff.).

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Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656643029
ISBN (Buch)
9783656643050
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272106
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
2
Schlagworte
antisemitismus migrantinnen deutschland zwischen phänomen tatsache

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Titel: Antisemitismus unter MigrantInnen in Deutschland. Zwischen sekundärem und islamischen Antisemitismus