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Der touristische Ereignisraum Kuba. Entwicklungen im Rahmen aktueller Reformen und Reformpläne.

Bachelorarbeit 2014 55 Seiten

Tourismus - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kuba
2.1 Wirtschaft und Politik Kubas
2.2 Eckdaten zur Geschichte Kubas

3. Kubas Tourismus
3.1 Tourismusgeschichte
3.2 Statistische Daten zur Entwicklung des Tourismus
3.3 Der Tourismussektor

4. Wirtschaft und Reformen
4.1 Wirtschaftlicher Einfluss auf den Tourismus und umgekehrt
4.2 Ehemalige Entwicklungen
4.3 Aktuelle Entwicklungen

5. Ungleichheiten in der kubanischen Bevölkerung?
5.1 Soziale Ungleichheit
5.2 Theorien in Bezug auf die aktuellen Entwicklungen

6. Auswirkungen der Entwicklungen und des Tourismus
6.1 Mögliche soziale und ökonomische Auswirkungen des Tourismus

7. Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich vordergründig mit den Auswirkungen der Lockerung marktwirtschaftlicher Restriktionen und Reisebestimmungen auf den Tourismus von Kuba, aber auch umgekehrt mit dem Einfluss des Tourismus auf Veränderungen im Staat. Der Titel der Arbeit ist: Der touristische Ereignisraum Kuba. Entwicklungen im Rahmen aktueller Reformen und Reformpläne. Vor allem soll sich bezüglich der neuesten Entwicklungen auf mögliche ökonomische Auswirkungen bezogen werden. Am Anfang der Arbeit wird kurz auf die Geografie, Geschichte und Politik Kubas eingegangen um das Verständnis der nachfolgenden Kapitel zu erleichtern. Das Spezielle am kubanischen Staat ist, dass er durch autoritären Sozialismus mit charismatischer Führung geprägt ist. (vgl. Gratius 2003, S.119). Somit unterscheidet sich Kuba wesentlich von den meisten anderen, touristisch erschlossenen, Staaten der Welt. Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich mit der bisherigen touristischen Entwicklung, dem Tourismus an sich und wichtigen Einflussfaktoren auf den Tourismus Kubas. Ein Bild der touristischen Entwicklung soll sich vor allem anhand der Analyse von Statistiken, z.B. von jährlichen TouristInnenzahlen, ergeben. Es ist zu erwarten, dass sich hierbei bereits zeigt, dass es eine bestimmte touristische Entwicklung gibt, nämlich jene, dass der Tourismus seit den 1980er Jahren fast kontinuierlich wächst. Der Tourismus auf Kuba wird immer bedeutsamer und ist ein relevanter Wirtschaftsfaktor geworden, die TouristInnenzahlen sind in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen (der Tourismus hat sich dadurch als wichtigste Einnahmequelle des Staates etabliert). Durch die neuesten politischen Entwicklungen können sich neue bzw. mehr Möglichkeiten für den touristischen Ereignisraum Kuba und die kubanische Gesellschaft ergeben. Aufbauend auf den momentanen Stand des Tourismus soll dann untersucht werden wie sich der Tourismus durch die aktuellen politischen und sozialen Änderungen verändern könnte. Dadurch ergibt sich auch folgende Fragestellung der Arbeit:

- Welche Auswirkungen (primär ökonomisch) könnte die Lockerung der Reisebestimmungen und der marktwirtschaftlichen Restriktionen bzw. der aktuellen Reformen und Reformpläne Kubas auf den dortigen Tourismus haben?

Die zentrale Hypothese hierzu ist folgende:

- Vom Tourismus profitieren nur bestimmte Gruppen/ Von der Lockerung der Reisebestimmungen und marktwirtschaftlichen Restriktionen profitieren nur bestimmte Gruppen.

Dabei ist zu erwarten bzw. davon auszugehen, dass nur Personen von den Lockerungen profitieren können, die bereits über Eigenkapital oder Zugang zu „Fremdwährung“ verfügen. Eine der Lockerungen ist beispielsweise, dass es möglich ist sich einen Reisepass ausstellen zu lassen und „frei“ zu reisen. Das Beantragen und Ausstellen kostet jedoch etwa 100 U.S.-Dollar, das Durchschnittseinkommen in Kuba entspricht pro Monat ungefähr 19 U.S.-Dollar. Weiters ist es in Kuba seit Mitte der 1990er Jahre möglich eigene kleine Privatunternehmen zu gründen, doch ohne Startkapital ist dies wohl nur erschwert bis gar nicht möglich. Ein Beispiel für Privatunternehmen, die sich seit den 1990er Jahren etabliert haben, ist das Paladar, ein Restaurant, das im eigenen Haus/der eigenen Wohnung geführt wird. Diese sind Touristenmagnete, es ist aber anzunehmen, dass die ökonomisch schlecht gestellte Bevölkerung Kubas (z.B. im Vergleich zur Bevölkerung westlicher Industriestaaten) nicht in großem Maße von den neuesten Reformen profitieren wird. Einer der wichtigsten Einflussfaktoren der Wirtschaft und womöglich auch des Tourismus ist vermutlich die U.S.-amerikanische Wirtschaft bzw. der U.S.-Dollar. Der Peso Convertible, eine der beiden kubanischen Währungen, ist an den U.S.-Dollar gekoppelt. Ebenso gibt es U.S.-amerikanische Gesetze, die bestimmte Restriktionen gegenüber Kuba beinhalten, allen voran das U.S-Embargo gegen Kuba, das seit 1960 existiert.

Vor allem sind viele englische Quellen zu finden, die sich mit dem kubanischen Tourismus beschäftigen. Viele fachliche Artikel beschäftigen sich mit der Thematik, ebenso sind einige Statistiken bezüglich BesucherInnenzahlen, Nächtigungen, wichtigen Touristenorten auf Kuba etc. zu finden. Ein Augenmerk der Arbeit soll soziologisch dabei vor allem auf „Soziale Ungleichheit“ gelegt werden. Es könnten sich durch die Ausweitung des Tourismus mehr soziale Ungleichheiten ergeben, wenn tatsächlich nur bestimmte Gruppen von ihm profitieren. Ebenso ist aber auch denkbar, dass sich die Entwicklung des Tourismus positiv auf die kubanische Bevölkerung auswirkt. Dabei sollen in der vorliegenden Arbeit sowohl negative als auch positive Aspekte erläutert werden und auf Auswirkungen der neuesten politischen und sozialen Entwicklungen auf den Tourismus, aber auch umgekehrt, eingegangen werden. Schlussendlich soll die formulierte Hypothese beantwortet werden, ob vom Tourismus nur bestimmte Gruppen profitieren. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einer Zusammenfassung, Fazit und Ausblick.

2. Kuba

Kuba ist ein Inselstaat mitten in der Karibik, umgeben von Nord-/Mittel-/ und Südamerika.

Die Insel liegt am Eingang des Golfs von Mexiko und besteht aus der Hauptinsel, der im Südwesten liegenden Isla de la Juventud und etwa 1600 kleinen Inseln und Korallenriffen. (vgl. Holtmeyer 2009, o.S.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Karibik und Zentralamerika. (Geographicguide 2014, o.S.).

„Kuba ist mit 110.860 Quadratkilometern die größte Insel in der Karibik und dem westlichen Antillenarchipel.“ (vgl. Holtmeyer 2009, o.S.). Betrachtet man die Karte, lässt sich sehr gut nachvollziehen, dass Kuba der größte Inselstaat der Karibik ist. Umgeben ist die Hauptinsel vom Golf von Mexiko und dem karibischen Meer. Nördlich gelegen sind beispielsweise die Bahamas aber auch Florida, ein Bundesstaat der USA. Westlich liegt Mexiko, am nächsten dessen Halbinsel Yucatán mit dem bekannten Touristenort Cancún. Südlich liegt ein weiterer Inselstaat, Jamaica, und (süd-) östlich gelegen ist die Insel Hispaniola auf der die beiden Staaten Haiti und die Dominikanische Republik liegen. Auch Südamerika ist nicht weit entfernt, vor allem Venezuela spielt für Kuba eine bedeutende Rolle, was vor allem in Kapitel 4.1 noch ausführlich beschrieben wird. „Zu Kubas größten Attraktionen für Sonnenanbeter zählt sicher die über 7000 Kilometer lange Küstenlinie mit ihren zahlreichen Buchten und weißen Natursandstränden, die fast überall in seichte, türkisblaue Lagunen auslaufen.“ (Holtmeyer 2009, o.S.). Kuba erscheint der Beschreibung zu Folge wie ein Inselparadies. Lange Strände, türkisblaue Lagunen und auch das Klima lässt nicht zu wünschen übrig. Die geografische Vielfalt, ebenso Vielfalt an Attraktionen, kultureller und architektonischer Geschichte, eine Kombination aus gebildeter Bevölkerung und geringer Kriminalitätsrate machen Kuba zu einem attraktiven Reiseziel. (vgl. Suddaby 1997, S.123). „Das subtropische Klima macht die Insel ganzjährig für sonnenhungrige Touristen attraktiv.“ (Dumont 2014, o.S.). Die Mehrheit der TouristInnen reist während der kälteren Monate der Nordhalbkugel nach Kuba, November bis März gelten dabei als Hauptreisemonate. Kuba ist jedoch das ganze Jahr über zu bereisen da das Klima relativ ausgewogen ist. (vgl. Suddaby 1997, S.125). Durch die geografische Diversität ist es auch möglich unterschiedlichen (touristischen) Aktivitäten nachzugehen.

2.1 Wirtschaft und Politik Kubas

Der Staat hat eine Bevölkerung von ca. 11.257.000. Hauptstadt ist La Habana (Havanna), die offizielle Amtssprache Spanisch. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt etwa 60,2 Mrd. U.S.-Dollar. (vgl. Redaktion Weltalmanach 2012, o.S., zitiert nach bpb 2014, o.S.). Zum Vergleich: Das österreichische Bruttoinlandsprodukt betrug 2012 rund 391 Mrd. U.S.-Dollar. (vgl. Das Statistik-Portal 2014, o.S.). „Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt derzeit bei knapp über 19 US-Dollar (466 kubanische Pesos).“ (Auswärtiges Amt 2014a, o.S.). Besondere Anschaffungen, vor allem das beschränkte Angebot importierter Waren, sind durch das geringe monatliche Durchschnittseinkommen kaum bis gar nicht finanzierbar. „Grundnahrungsmittel sowie die Preise für Wasser, Strom und Gas werden nach wie vor subventioniert; das Gesundheits- und Bildungssystem sind kostenlos, leiden aber zunehmend unter Finanzierungsproblemen.“ (Auswärtiges Amt 2014b, o.S.). Zwar sind gewisse Grundbedürfnisse gedeckt und müssen von den BürgerInnen nicht extra bezahlt werden, wie etwa der Besuch eines Arztes oder einer Ärztin, doch laut Auswärtigem Amt leiden jene Bereiche unter Finanzierungsproblemen. Nach dem, aus gesundheitlichen Gründen unumgänglichen, Rücktritt Fidel Castros 2008 als Regierungschef übernahm sein Bruder Raúl Castro dessen Position. Zum jetzigen Zeitpunkt [März 2014, Anm. d. Verf.] ist Raúl Castro immer noch Staats- und Regierungschef. (vgl. Redaktion Weltalmanach 2012, o.S., zitiert nach bpb 2014, o.S.).

„Bis heute besitzt Kuba ein sozialistisch-planwirtschaftliches System: Betriebe und Produktionsmittel sind im staatlichen Besitz, privatwirtschaftliche Aktivitäten sind mit wenigen Ausnahmen (z. B. landwirtschaftliche Kleinbetriebe, Arbeit auf eigene Rechnung) verboten; der Staat besitzt das Außenhandels-, Währungs- und Finanzmonopol, Produktion, Preise und Konsum werden zentral geplant.“ (Kulke 2011, S.43).

Eine weitere Besonderheit zeichnet Kuba aus: es gibt ein Doppelwährungssystem. Kubanische Peso (CUP) und Peso Convertible (CUC) sind anerkannte Zahlungsmethoden. Die neuesten Entwicklungen zeigen jedoch, dass es offenbar Reformpläne gibt, wonach der Peso Convertible abgeschafft werden soll. Dieser ist an den U.S.-Dollar gekoppelt und gilt u.a. als „Touristenwährung.“ Darauf wird in Kapitel 4.3 genauer eingegangen. Die bedeutendsten Wirtschaftssektoren Kubas sind der Landwirtschaftssektor mit 3,8 %, der Industriesektor mit 22,3 % und der Dienstleistungssektor mit 73,8 %. Wichtigste Exportmärkte Kubas, Stand 2011, sind China, Kanada, Venezuela, Niederlande und Spanien. Wobei die wichtigsten Exportgüter Nickel, Tabakprodukte, Zucker, Fischprodukte, medizinische Produkte, Zitrusfrüchte und Kaffee sind. (vgl. EIU, Statistik Austria, World Fact Book o.J., o.S., zitiert nach WKO 2013, o.S.). Neben oben genannten Exportgütern gibt es noch ein „Produkt“, das eine erhebliche Einnahmequelle Kubas darstellt: der Tourismus. In den letzten zehn Jahren entwickelte sich der Tourismus zu Kubas lukrativstem Sektor. (vgl. Cerviño/Cubillo 2005, S. 223). Diese Feststellung bezieht sich zwar auf zehn Jahre, ausgehend von 1995 bis zum Jahr 2005, doch in Kapitel 3.2 wird sich zeigen, dass der Tourismus immer noch an Bedeutung gewinnt und vielleicht sogar jene Kraft ist, die erneuten wirtschaftlichen Problemen entgegenwirken kann.

2.2 Eckdaten zur Geschichte Kubas

Da sich die Arbeit auf den kubanischen Tourismus, die aktuellen (politischen und ökonomischen) Entwicklungen und die möglichen Auswirkungen dessen auf den Tourismus bezieht, soll nur kurz auf die Geschichte Kubas eingegangen werden um das Gesamtbild der Beschreibung Kubas und seiner Besonderheiten im Vergleich zu anderen Staaten zu vervollständigen.

„Wie die meisten anderen Staaten der westlichen Hemisphäre stellte auch Kuba ein Einwanderungsland dar, wo sich Immigranten verschiedenster Nationalitäten, Hautfarben, Religionszugehörigkeit und kultureller Abstammung freiwillig oder unfreiwillig niederliessen und sich, verglichen mit den ehemaligen Kolonien der englischen Krone, stark vermischten.“ (Eggenberger-Argote 2002, S.17).

Die heute kubanische Bevölkerung stammt von vielen verschiedenen Nationalitäten ab. Schon seit Kuba 1902 seine Unabhängigkeit (erst von Spanien dann von der Besetzung der USA) erlangt hatte, wurde es politisch, ökonomisch und auch sozial stark von den USA beeinflusst und auch heute hat die USA noch einen hohen Einfluss auf Kuba. (vgl. Cerviño/Cubillo 2005, S. 225). „Der wichtigste und gewichtigste externe Faktor sind ohne Zweifel die USA.“ (Thiery/Wierheim 2006, S.9). Hiermit ist vor allem gemeint, dass die USA einen bedeutenden wirtschaftlichen Einfluss haben, der in Kapitel 4.1 genauer erläutert wird. Dieser Einfluss hat auch (negative) Auswirkungen auf den Tourismus, da er die TouristInnenzahlen beeinflusst. „Betrachtet man die Wirtschaftsentwicklung Kubas, so lassen sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts drei unterschiedliche Phasen identifizieren: die Phase der US-amerikanischen Dominanz bis 1959, die Einbindung in die sozialistische Arbeitsteilung bis 1990 und die seitdem bestehende período especial (Sonderperiode).“ (Kulke 2011, S.41). 1959 kam es dann zu einer gravierenden Veränderung des Staates. Der diktatorische Staat und die bestehenden Ungleichheiten sollten der Vergangenheit angehören und Gleichheit aller BürgerInnen Kuba und die Gesellschaft prägen. Kuba war bis dahin sehr ungleich entwickelt, in Havanna war die Ärztedichte nahe der U.S.-amerikanischen Quote, es gab mehr Fernsehgeräte pro tausend Einwohner als in Frankreich, aber in ländlichen Gebieten herrschte Armut, Analphabetentum, Arbeitslosigkeit und eine ungenügende Gesundheitsversorgung. (vgl. Eggenberger-Argote 2002, S.22). Jene Ungleichheiten führten u.a. zu massiver Unzufriedenheit mit der Lage des Staates. 1959 kam, unterstützt durch das günstige „Klima“, der Unzufriedenheit der Bevölkerung, die revolutionäre Gruppe der Rebellen an die Macht. Sie wollten eine Gesellschaft, deren Hauptaugenmerk auf den Leuten und nicht der Wirtschaft liegt. Basierend auf Gerechtigkeit und sozioökonomischen Prinzipien der Reziprozität und gleicher Verteilung von Reichtum. (vgl. Scott 1976, o.S., zitiert nach McGlynn/Taylor 2009, S.405). Vor allem eine Person war besonders an dieser Umsetzung interessiert: Fidel Castro, der spätere Regierungschef, welcher er auch Jahrzehnte lang bleiben sollte. Die Unzufriedenheit der kubanischen Bevölkerung bezüglich politischer Korruption, ökonomischer Unsicherheit und U.S.-gestützer Regierungen machte sich Fidel Castro zu Nutzen. Nach der Revolution 1959 übernahm er die Macht und gründete eine sozialistische Regierung. (vgl. Cerviño/Cubillo 2005, S. 225f.). „Für die Einen ist er [Fidel Castro, Anm.d. Verf.] Symbolfigur für die Befreiung der armen Länder von der Unterdrückung, für die Anderen ein ungeheuerlicher Diktator.“ (Schmidt 2013, S.13). Während seiner gesamten Amtszeit polarisierte Fidel Castro. Während ihn ein Teil als Befreier von der U.S.-amerikanischen Besetzung und des Diktators, somit als eine Art Held, sieht, betrachtet ihn ein Teil aber auch genau als das, was er selbst abzuschaffen versuchte, als Diktator und „Freiheitsunterdrücker“. Artikel 62 der Verfassung von 1976 hält fest, dass kein individuelles Freiheitsrecht gegen das Gesetz, gegen die Existenz und die Ziele des sozialistischen Staates oder gegen die Entscheidung des kubanischen Volkes verstoßen darf, den Sozialismus und Kommunismus zu etablieren. (vgl. Eggenberger-Argote 2002, S.27). Dieser Artikel 62, der Verfassung von 1976, ist nur ein kleines Zeichen dafür, dass zwar der Gedanke vorhanden ist, dass Gleichheit aller im Mittelpunkt des Interesses stehen soll, dieses Streben wohl aber eine massive Einschränkung der „Freiheit“ darstellt. 1989, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, erlitt der kubanische Staat einen weiteren massiven Einschnitt. Der Zusammenbruch signalisierte ein Ende der ökonomischen Unterstützung für Kuba und auch das Ende der Tauschverträge zwischen den beiden Staaten. Kuba verlor damit seine wichtigsten Märkte, den Bezug von Industriegütern und finanzielle Unterstützung. (vgl.Cerviño/Cubillo 2005, S. 227). Damit Kuba einer Wirtschaftskrise entgehen konnte mussten Veränderungen stattfinden. 1993/94 kamen soziale Unruhen hinzu und Fidel Castro sah ein, dass die Ausweitung des „Systems unternehmerischer Perfektionierung“ notwendig wurde. Ein Umstrukturierungsprogramm begann, das u.a. 50% Budgetkürzung beinhaltete, und die Suche nach neuen Wegen der Kapitalerschließung. Dies sollte v.a. in gemäßigter Form mittels Unternehmen und westlicher Wirtschaftsmethoden erreicht werden. (vgl. Thiery/Wierheim 2006, S.8). Zu massiv durfte dieses Umstrukturierungsprogramm jedoch nicht sein, um den Grundgedanken, den sozialistischen Staat, nicht zu gefährden. Viele KubanerInnen nutzten ihre Chance im Rahmen der Umstrukturierungen und machten sich selbstständig mit Kleinunternehmen wie Restaurants, den so genannten Paladars, Reparaturwerkstätten, Schönheitssaloons, Taxis und Eröffnung kleiner Unterkünfte, die dem amerikanischen Vorbild der Bed and Breakfasts ähnlich sind. 1995 waren bereits 138.000 kubanische ArbeiterInnen selbstständig. (vgl. McGlynn/Taylor 2009, S.408). 2002 reiste Fidel Castro unter journalistischer Beobachtung durch das Land, somit nutzte er die (kubanischen) Medien zur Mobilisierung und endgültigen Beendigung der Reformphase von 1993-1997. Zuvor machte er sich auch international bemerkbar, etwa durch den Papstbesuch oder die Teilnahme an der Versammlung der Staats- und Regierungschefs der EU. (vgl. Zeuske 2007, S.226). Wenige Jahre später zwang seine angeschlagene Gesundheit ihn zum Rückzug aus der Öffentlichkeit und 2008 zum endgültigen Rücktritt als Regierungschef. Sein Bruder Raúl Castro übernahm daraufhin endgültig seine Position als Regierungschef. Durch seinen Rücktritt ist Fidel Castro als Symbol der permanenten Revolution zwar von der öffentlichen Bühne verschwunden, wird aber immer mehr zum Mythos. (vgl. Zeuske 2007, S.227). Als führende Person der Revolution und jahrelanger Regierungschef bleibt Fidel Castro, vor allem durch seine polarisierende Person, weiterhin, trotz seines Rücktritts, in Kuba aber auch weltweit präsent. Seit 2008 steht nun sein Bruder Raúl Castro als Regierungschef in der Öffentlichkeit. Bis dato war dieser Verteidigungsminister, nach Fidel ranghöchster General und dessen Vertreter in allen Funktionen. (vgl. Hoffmann 2007, S.4). Er strebt jedoch nicht danach die überdimensionale Führungsfigur seines Bruders eins zu eins zu ersetzen, sondern agiert eher als primus inter pares in einer Führungsgruppe und als oberster Verwaltungskader von Staat, Partei und Militär. (vgl. Hoffmann 2007, S.1). In Kapitel 4.3 wird genauer auf die Rolle Raúl Castros und die aktuellen Entwicklungen eingegangen.

3. Kubas Tourismus

Generell ist es schwierig den Begriff „Tourismus“ zu definieren, es handelt sich u.a. um Reisearten, die sich hinsichtlich Reisemotiv, Reisedauer und Reiseentfernung unterscheiden. (vgl. Steinecke 2011, S.12). Wie bereits erwähnt verfügt Kuba über ein Vielfaches an Stränden, Natur und Kultur. Der Inselstaat zählt daher zu einem der beliebtesten Reiseziele der Karibik. Man unterscheidet zwischen TouristInnen und AusflüglerInnen. (vgl. Espino 2010, S.364). Der Fokus des Tourismussektors liegt vor allem auf Personen, die länger auf der Insel verweilen. Diese Personen werden definiert als TouristInnen. Espino (vgl. 2008, S.131) definiert TouristInnen als Personen, deren Aufenthalt auf der Insel länger als 24 Stunden dauert. Die Mehrheit der BesucherInnen Kubas sind nach dieser Definition TouristInnen. Neben den TouristInnen gibt es z.B. auch TagesausflüglerInnen oder BesucherInnen, die nur kurz auf der Insel verweilen. TouristInnen aber auch andere BesucherInnen der Insel bringen vor allem Kapital, das für viele KubanerInnen eigentlich unerreichbar ist. So sind Berufe, die sich im Tourismussektor befinden besonders beliebt aber es ist auch schwierig, für solche Stellen ausgewählt zu werden, da die Anforderungen hoch sind. Kontrolliert wird der Tourismussektor zu großen Teilen vom Staat, vormals auch vom Militär. „Eine Reihe neuer Luxushotels befindet sich im Bau oder in der Planung. Kubaner, vor allem solche mit fremdsprachlichen Kenntnissen, zieht der Tourismussektor deshalb stark an, weil sie dort zu Trinkgeldern kommen können, die oft höher sind als ihr eigenes Gehalt.“ (Wulffen 2008, S.86). Bekannt ist, dass der Tourismus einer der wichtigsten „Exportgüter“ und Einnahmequellen ist. In diesem Sektor wird mit dem Peso Convertible (CUC) bezahlt, der denselben Wert hat wie der U.S.-Dollar. Er ist wesentlich mehr wert als der Peso Cubano (CUP), den die einheimische Bevölkerung nutzen muss und somit sehr begehrt. Diese Ungleichheit zwischen TouristInnen und der Bevölkerung hat auch andere Auswirkungen. TouristInnen wurden zum Bestandteil der persönlichen Überlebensökonomie, durch den Verkauf von selbst gefertigtem Handwerk, improvisierten Stadtführungen, Dolmetscherdiensten und Ähnlichem. (vgl. Hoffmann 2009, S.111). Sofern es möglich war und ist, versucht die Bevölkerung, die nur beschränkten Zugang zum Tourismussektor hat, davon irgendwie zu profitieren. Durch die Möglichkeit seit Mitte der 1990er Jahre eigene kleine Unternehmen zu gründen haben auch viele KubanerInnen, vor allem in Havanna, Restaurants eröffnet, meist in ihren privaten Wohnräumen. Restaurants dieser Art sind mittlerweile bei TouristInnen sehr beliebt. Für die einheimische Bevölkerung gestalten sich die Preise in den so genannten Paladars jedoch häufig als zu teuer, da hier ebenfalls mit den Peso Convertible (CUC) bezahlt wird und nicht mit den Peso Cubano (CUP). „Im Kontext Havannas bezeichnet Paladar [H.i.O], nicht Gaumen, wie es die Übersetzung erwarten liesse, sondern Restaurants, in denen Privatpersonen auf eigene Rechnung arbeiten.“ (Wehrli 2009, S.294). Damit sich diese Kleinunternehmen rechnen, also Profit machen, ist es nur verständlich, dass die Preise in Peso Convertible (CUC) und nicht Peso Cubano (CUP) angesetzt sind. Jene Angebote, die von Privatpersonen angeboten werden, wie etwa ein Paladar, sind auch als solche gekennzeichnet. (vgl. Peters 2012, S.9). Auch jene, die keine Erlaubnis für solche Kleinunternehmen haben, versuchen vom Tourismus zu profitieren, etwa indem sie Taxifahrten anbieten. „Private Autos erkennt man an den gelben Nummernschildern. Die Besitzer bieten oft Taxidienste für die Touristen an und gehen dabei das Risiko der Bestrafung ein, denn sie sind einerseits verpflichtet Kubaner mitzunehmen [...] andererseits ist es ihnen verboten Touristen zu befördern.“ (Binzberger 2013, S.85). Dass das Risiko eingegangen wird, eine Bestrafung zu bekommen (auch wenn offen bleibt welcher Art) zeigt, dass die Bevölkerung, zumindest zu Teilen, Interesse daran hat auch vom Kapital der TouristInnen zu profitieren. „Ohne Frage ist der Tourismus heute ein zentraler Devisenbringer des Landes, auch wenn sein Nettoertrag um einiges geringer ist, als manche Zahlen suggerieren. Denn ein hoher Anteil der Tourismuseinnahmen fließt umgehend wieder ab für Importe, von den Fahrstühlen der Hotels über die japanischen Reisebusse, das Surfbrett und das deutsche Bier, das viele auch im Urlaub in der Karibik nicht missen mögen.“ (Hoffmann 2009, S.109). Der Tourismus hat einen größeren Einfluss auf die Gesellschaft als andere Sektoren. Er trägt dazu bei, dass die Bevölkerung vom „Reichtum“ der TouristInnen profitieren kann, wenn auch nicht immer legal. Doch selbst jene, die direkten Kontakt zum Tourismussektor haben profitieren nur zu Teilen davon. Es kann angenommen werden, dass der Tourismus vor allem deswegen staatlich so gefördert wird um staatlichen Finanzierungsproblemen entgegenzusteuern. Wie bereits in Kapitel 2.1 erwähnt leiden momentan vor allem der Bildungs- und Gesundheitssektor unter Finanzierungsproblemen.

3.1 Tourismusgeschichte

Vor 1959 stand Kuba unter großen Einfluss der USA. Bis 1959 kontrollierte die U.S. Mafia den internationalen Tourismus auf Kuba. (vgl. McGlynn/Taylor 2009, S.405). Die Zahlen an TouristInnen waren vor der Revolution auf ihrem Höhepunkt. Vor allem U.S.-AmerikanerInnen waren eine wichtige Zielgruppe. Nach der Revolution fanden jedoch gravierende Veränderungen statt, die auch den Tourismussektor betrafen. Alle führenden Hotels wurden auf Kuba im Oktober 1959 verstaatlicht, fast genau zu jener Zeit als der touristische U.S.-Markt auseinanderbrach, resultierend aus dem U.S.-Embargo, das 1960 in Kraft trat. Die Zahl der U.S.-TouristInnen nahm in Folge sehr stark ab. (vgl.Cerviño/Cubillo 2005, S. 226f.). Da die USA die Revolution keinesfalls unterstützte, war die logische Konsequenz ein Embargo, das jegliche Verbindungen zu Kuba untersagte. Diese Einstellung den Entwicklungen gegenüber wird in Kapitel 4.1 genauer erläutert. Durch das Embargo wurde auch das Reisen eingeschränkt und die wichtigste Zielgruppe, die U.S.-amerikanischen TouristInnen, fiel weg. Die einzig legalen BesucherInnenströme aus den USA sind jene von kubanischstämmigen Personen, die ihre Familien besuchen. (vgl. Díaz-Briquets/Pérez-López 2011, S.319). Auch wurde dem Tourismussektor unterstellt, dass er den Kapitalismus stütze, weswegen unter anderem Hotels verstaatlicht wurden. Die internationalen Ankünfte von TouristInnen auf Kuba, fielen von ihrem Höchststand mit 272.000 im Jahr 1958 auf weniger als 4.000 zurück und dies jährlich, von den Jahren 1959 bis 1973. (vgl. McGlynn/Taylor 2009, S.406). So kann man schlussfolgern, dass internationaler Tourismus in dieser Periode keine bis wenig Rolle für den kubanischen Staat gespielt hat. Stattdessen war der Fokus auf der Bevölkerung, die von der Schönheit Kubas profitieren sollte. Nach 1959 war der internationale Tourismus fast komplett von der Insel verschwunden. Die revolutionäre Regierung befand, dass Tourismus zu sehr mit Kapitalismus verbunden war und dessen Übeln wie Korruption, Drogen, sozialer Ungleichheit und Rassismus. (McGlynn/Taylor 2009, S.406). Bis in die späten 1980er Jahre veränderte sich nicht viel bezüglich dieser Annahme. Ende der 1980er Jahre löste sich die Sowjetunion auf und der wichtigste Partner, was Handel aber auch sozialistische Politik betraf, war nicht mehr an der Seite Kubas. Damals half der Tourismus eine komplette Krise zu verhindern aber auch generell expandierte in den späten 1980er Jahren der internationale Tourismussektor enorm. (vgl. Espino 2008, S. 130). 1987 gründete Kuba die Gesellschaft Cubanacán, um Joint Ventures, also Gemeinschaftsunternehmen, mit ausländischen Investoren im Tourismussektor zu fördern. (vgl. Díaz-Briquets/Pérez-López 2011, S.315). Der erneute Aufbau des Tourismussektors und damit die Partizipation am internationalen Tourismus lockten 1988 etwa 309.000 BesucherInnen nach Kuba. (vgl. Cerviño/Cubillo 2005, S. 227). Das rapide Wachstum des internationalen Tourismussektors hielt bis in die 1990er Jahre an. (vgl. Espino 2008, S. 130). Bis Anfang der 1990er Jahre war noch der Export von Zucker das wichtigste Exportprodukt Kubas. „Die wirtschaftliche Neuausrichtung Anfang der 1990er Jahre, in der die kubanische Regierung den einzigen Ausweg aus ihrer ökonomischen Krise sah, führte zu einer Implementierung des Tourismus als stärksten Motor zur Sicherung der Staatsfinanzen.“ (Cardozo 2010, S.158). So wurde dem Tourismus besonders viel Aufmerksamkeit kund, da diesem unterstellt wurde, am erfolgreichsten die Staatsfinanzen sichern zu können. Das erste touristische Gemeinschaftsunternehmen wurde bereits 1990 gegründet, es war eine Vereinigung zwischen der kubanischen Cubanacán S.A. Gesellschaft, die nur drei Jahre zuvor gegründet wurde, um eben jene Vereinigungen zu fördern, und der spanischen Gesellschaft (Corporación) Interinsular Hispana S.A. Dieses Gemeinschaftsunternehmen baute beispielsweise drei Hotels am Varadero Beach, in Varadero, einem beliebten Ort Kubas. Das Management wurde an die spanische Hotelkette Grupo Sol Meliá übergeben. (vgl. Díaz-Briquets/Pérez-López 2011, S.315). 1994 übertrafen die Einnahmen aus dem Tourismus bereits die des Zuckerexportes, womit der internationale Tourismus Kubas wichtigste Exportindustrie wurde. (vgl. Espino 2008, S. 130). Der Anfang des 21. Jahrhunderts war für den weltweiten Tourismus eine Herausforderung, vor allem auch in der Karibik, wegen der extremen Hurrikansaison und den historisch hohen Treibstoffpreisen. Auch die Anschläge des 11. Septembers 2001 hatten Einfluss auf den internationalen Tourismus. In der Karibik nahmen Ankünfte von TouristInnen um 3.9% ab. (vgl. Espino 2010, S.364f.). So war der Anfang des neuen Jahrtausends für den Tourismussektor recht schwierig, vor allem die TouristInnenzahlen wurden dadurch beeinflusst, was in Kapitel 3.2 gezeigt wird. Der Tourismussektor ist immer noch in ständigem Wandel und auch vor Korruptionsskandeln nicht sicher. „Ende 2003, Anfang 2004 gab es nach einem Korruptionsskandal bei Cubanacán, eine ‚Säuberung‘ die dazu führte, dass Raúl Castro weite Teile des Tourismussektors seiner direkten Kontrolle unterstellte und dadurch seine Machtbasis weiter verstärkte.“ (Wulffen 2008, S.101). Der Tourismussektor wurde weitestgehend vom Militär kontrolliert aber untersteht seit 2003 Raúl Castros direkter Kontrolle um weitere Korruptionen zu vermeiden. Ebenso wurde dadurch der Machtbereich des Regierungschefs erweitert.

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Details

Seiten
55
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656635215
ISBN (Buch)
9783656635192
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272116
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Soziologie und Politikwissenschaft
Note
1,00
Schlagworte
Tourismus Kuba Soziale Ungleichheit

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