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Die Liebe und der Liebesbegriff in Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Dostojewskis "Weiße Nächte"

Ein Vergleich unter der Berücksichtigung von Erich Fromms Begriff von Liebe

Hausarbeit 2010 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1. Der partnerschaftliche Liebesbegriff nach Erich Fromm
2.1.1 Die Voraussetzungen für die Liebe
2.1.2 Die erfüllte Liebesbeziehung
2.1.3 Die Folgen der echten Liebe
2.2 Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther
2.2.1 Werthers Leid an der Welt - die Situation Werthers vor der Begegnung mit Lotte
2.2.2 Werthers Liebe zu Lotte und sein Verständnis von Liebe
2.2.3 Die Folgen von Werthers Liebe zu Lotte
2.3 Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Weiße Nächte
2.3.1 Das Leben des „halbkranken Städters“ vor der Begegnung mit Nastenka
2.3.2 Die Begegnung des Protagonisten mit Nastenka und seine Liebe zu ihr
2.3.3 Die Folgen der Liebe zu Nastenka 18

3 Schlussbetrachtung

Literaturangaben

1 Einleitung

Wer heute den Begriff „Liebe“ in die Suchmaske bei Google eingibt, der erhält circa 55500000 Treffer. Diese äußerst hohe Trefferquote bestätigt im Grunde genommen das, was Erich Fromm auch 1956 in Die Kunst des Liebens beschreibt: Fromm macht das außerordentliche Interesse der Menschen an der Liebe daran fest, dass sich die Menschen immer wieder mit Begeisterung kitschige Liebeslieder anhören und unzählige Liebesgeschichten in Form von Film und Literatur zu Gemüte führen.[1] Dieses Interesse an der Liebe besteht offensichtlich seit jeher. Bereits in der Antike lässt sich beispielsweise in Platons Gastmahl, das aus einer Vielzahl an Lobreden auf Eros und die Liebe besteht, die gewaltige Faszination der Menschen für die Liebe erkennen. Folglich kann man festhalten, dass sich in der Faszination für die Liebe ein bemerkenswertes Maß an Kontinuität nachweisen lässt. Der Grund dafür mag sein, dass es sich bei der Liebe um ein Phänomen von existentieller Bedeutung handelt, dass die Menschen auf eine geradezu allumfassende Weise miteinander verbindet. Die Liebe fungiert somit nicht nur als Bindeglied zwischen zwei Individuen, sondern quasi als Bindeglied der Menschheit im weiteren Sinne. Das Wort Liebe wird zwar oftmals zeitlos wahrgenommen und ausgesprochen,[2] ist jedoch ein Begriff, der sich immer wieder verändert/e weshalb dessen Bedeutung in verschiedenen Kulturen und Zeiten unter Umständen zumindest teilweise variieren kann. Diese Bedeutungsunterschiede können manchmal sicherlich nur Nuancen umfassen und in anderen Fällen gravierendere Unterschiede beinhalten. Wenn man sämtliche kulturellen Prägungen jedoch von dem Begriff Liebe abschält, bleibt vielleicht dennoch eine Art Grundessenz, die man als das „Wesen“ der Liebe betrachten kann. Dieses „Wesen“ der Liebe zu definieren, ist eindeutig problematisch, zumal es generell nicht einfach ist über Liebe und das Verständnis von Liebe zufriedenstellend zu sprechen beziehungsweise sich wirklich auszutauschen und zu verstehen. Letzten Endes scheint es in der Natur der Liebe zu liegen, dass jeder sie ein bisschen anders definiert.

Sicher ist hingegen, dass Liebe den Menschen in seinem ganzen Sein betrifft und daher zu komplex und umfassend ist, um als allgemeingültige „Formel“, die jeder verstehen könnte, niedergeschrieben zu werden.

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit ist allerdings in der Regel ein gemeinsamer Konsens notwendig, der zumindest eine annähernde Begriffsdefinition ermöglicht, so dass es leichter wird konkret über das Phänomen, welches Gegenstand der Arbeit sein soll, zu sprechen. Im Hinblick auf das Thema Liebe gibt es allerdings weder in der Germanistik noch in anderen Disziplinen wie der Philosophie oder Psychologie, die sich ebenfalls mit dem Thema Liebe befassen, ein Standardwerk, das in diesem Sinne eine verbindliche und umfassende Definition von Liebe liefert. Obwohl einige Passagen in Die Kunst des Liebens von Erich Fromm das Werk recht „verstaubt“ und befremdlich wirken lassen, da es offensichtlich in dem Wertehorizont der 1950er Jahre verankert ist,[3] finden sich in dem Werk durchaus auch Feststellungen über die Liebe die zeitlos zu sein scheinen.[4]

Auf Grundlage jener Passagen, die von zeitloser Aktualität zu sein scheinen, soll in der vorliegenden Arbeit, anhand von Erich Fromms Begriff von Liebe, die Liebe der männlichen Protagonisten in Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther und Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Novelle Weiße Nächte analysiert werden. In diesem Zusammenhang wird zuerst auf der Basis von Die Kunst des Liebens eine Art gemeinsamer Konsens zu jenen Aspekten, die für die Arbeit relevant sind, formuliert werden: Neben Voraussetzungen, die notwendig sind um partnerschaftlich lieben zu können, werden die erfüllte partnerschaftliche Liebe sowie die Folgen einer derartig ausbalancierten Form der Liebe kurz erläutert werden. Anschließend wird unter Rückbezug auf Erich Fromms Begriffsdefinitionen das Liebesverständnis von Werther und dem Protagonisten in Weiße Nächte unter den bereits genannten drei Gesichtspunkten zu betrachten und kontrastieren sein. Dabei wird jeweils zuerst auf das Leben der Protagonisten vor der Begegnung mit Lotte beziehungsweise Nastenka Bezug genommen werden. Zudem sollen die erste Begegnung mit den Frauen und das Moment des Verliebens und Ursachen dafür thematisiert werden. Hinsichtlich der Ausgangssituation der Protagonisten, bevor Lotte und Nastenka zum ersten Mal in Erscheinung treten, gilt es auch zu prüfen, ob die nach Fromm notwendigen Voraussetzungen für die Liebe vorhanden sind und wodurch das Verlieben zustande gekommen ist. In einem nächsten Schritt soll dann die Liebe und das Liebesverständnis der beiden Männer genauer zu betrachten werden. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, in wie weit, das, was die beiden Männer als Liebe empfinden, auch von Erich Fromm als Liebe aufgefasst wird. Als letzter Vergleichspunkt wären dann die Folgen der Liebe für das Leben der Protagonisten zu nennen.

2 Hauptteil

2.1. Der partnerschaftliche Liebesbegriff nach Erich Fromm

2.1.1 Voraussetzungen für die Liebe

Erich Fromm erläutert in Die Kunst des Liebens, dass Liebe weitaus mehr sei als ein Gefühl, dem man sich lediglich hinzugeben brauche.[5] Lieben sei eine Fähigkeit, die man sich erarbeiten müsse[6] und die darüber hinaus eine bestimmte bejahende Haltung zur Welt und zu allen Menschen beinhalte.[7] Lieben zu können erfordere daher einen bestimmten Grad an charakterlicher Reife, der eine grundsätzlich produktiv ausgerichtete Orientierung impliziere, so dass es zu keinem Narzissmus[8] kommen könne.[9] Die erforderliche Basis um wirklich lieben zu können bilden nach Erich Fromm stets Nächstenliebe, Demut, Glaube, Disziplin und Mut.[10]

Des Weiteren gehe es primär definitiv nicht darum, sich selbst als besonders liebenswert und attraktiv (was je nach Kultur und Zeit variieren könne) zu inszenieren, umso das richtige oder bestmögliche „Tauschobjekt“ auf dem „Warenmarkt“ der Liebe zu finden.[11]

Als zentrales Problem stellt Fromm das Verwechseln von dauerhafter Liebe mit dem Gefühl des Verliebtseins dar, was vielen Menschen passiere, die bisher abgesondert, isoliert und ohne Liebe gelebt haben und daher das Gefühl der plötzlichen Nähe und Vertrautheit, die oft mit sexueller Anziehung beziehungsweise Vereinigung einhergehen, mit Liebe verwechseln.[12] Ebenfalls von Bedeutung sei der aktive Entschluss den anderen zu lieben, was bedeute sich mit allen Konsequenzen für den Partner zu entscheiden.[13]

2.1.2 Die erfüllte Liebesbeziehung

Fromm begreift den Wunsch das Gefühl seines Abgetrennt-Sein von der Welt zu überwinden als existentielles Bedürfnis jedes Menschen.[14] Er stellt drei Wege zur Überwindung dieses Gefühls vor, die alle defizitär bleiben: orgiastische Zustände, zu denen er neben sexuellen Erlebnissen auch bestimmte kollektiv vollzogene Riten zählt, Konformität mit einer größeren Gruppe im Hinblick auf bestimmte Sitten, Praktiken und Überzeugungen, sowie schöpferisches Tätig-Sein, was jedoch lediglich hinsichtlich einer produktiven Arbeit zähle.[15]

Als vierten Weg stellt Fromm die Liebe in ausbalancierten Form vor, das heißt, dass es sich dabei nicht um eine symbiotische Vereinigung, die sich sowohl in Sadismus als auch in Masochismus äußern könne, sondern um die so genannte reife Liebe handle, wobei

die eigene Integrität und Individualität bewahrt bleibt. Liebe ist eine aktive Kraft im Menschen. (…) Die Liebe lässt ihn das Gefühl der Isolation und Abgetrenntheit überwinden und erlaubt ihm trotzdem er selbst zu sein und seine Integrität zu behalten. In der Liebe kommt es zu dem Paradoxon, dass zwei Wesen eins werden und trotzdem zwei bleiben.[16]

Nach Spinozas[17] Definition von actiones und passiones ist die Liebe eine Aktivität und damit etwas, das man in sich selbst entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt.[18]

Zudem kann sie definitiv nicht erzwungen werden und basiert sowohl im zwischenmenschlichen als auch im sexuellen Bereich auf einem Geben, das zugleich ein Empfangen impliziere.[19]

Außerdem beinhalte die aktive Liebe stets Fürsorge im Sinne von tätiger Sorge und Arbeit um etwas, Verantwortungsgefühl für den anderen beziehungsweise im Hinblick auf die Liebe zwischen Erwachsenen vor allem für seine seelischen Bedürfnisse, Achtung vor dem anderen, was bedeutet ihn in seiner Individualität zu anzunehmen und Erkenntnis, die bedeutet den anderen zu sehen, wie er wirklich ist.[20] Dieses Erkennen ist nicht rational zu erklären, sondern nur im Erleben von Einheit als Akt der Liebe möglich.[21]

[...]


[1] Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, 67. Auflage, o.O. 2008, S. 11.

[2] Kittler, Friedrich A.: Autorschaft und Liebe, in: Hans-Peter Herrmann (Hrsg.): Goethes „Werther.“ Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, (Wege der Forschung, 607), S. 300.

[3] Vgl. zum Beispiel: Fromm, 2008, S. 13: die Äußerungen über die Attraktivität einer jungen Frau; S. 45: die Definition von Homosexualität als unnormal; S. 68f, S. 104: Fromms Meinung zu Sex; S. 76 die permanente Anklage der Frau (in ihrer Rolle als Mutter); S. 103: das Rollenbild der Frau.

[4] Vgl. zum Beispiel: Fromm, 2008, S. 31-45: die Basis der echten Liebe.

[5] Fromm, 2008, S. 9.

[6] Fromm, 2008, S. 11.

[7] Fromm, 2008, S. 58.

[8] Vgl. Paulitsch, Klaus: Narzissmus, in Stefan Jordan und Gunna Wendt (Hrsg.): Lexikon Psychologie. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2005, S. 199-202: Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung, die für die Liebe und das Begehren, das man dem eigenen Selbst gegenüber entgegenbringt, steht. Dabei kommt es zu erhöhter Selbstbezogenheit, Empfindlichkeit gegenüber der Einschätzungen anderer, Mangel an Empathie und Beziehungsstörungen. Typisch sind auch Phantasien von grenzenlosem Erfolg, Macht und Schönheit, sowie ein übersteigertes Gefühl der eigenen Wichtigkeit, Anspruchsdenken, arrogante Verhaltensweisen und anbeterische Beziehungen.

[9] Fromm, 2008, S. 37.

[10] Fromm, 2008, S. 9.

[11] Fromm, 2008, S. 12-14.

[12] Fromm, 2008, S. 11- 14

[13] Fromm, 2008, S. 69.

[14] Fromm, 2008, S. 18f.

[15] Fromm, 2008, S. 21-28.

[16] Fromm, 2008, S. 31f.

[17] Schwemmer, Oswald: Art. Spinoza, in: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, 4, Stuttgart 1996, S. 41-45: Spinoza, Baruch de (1632-1677) niederländischer Philosoph.

[18] Fromm, 2008, S. 32f.

[19] Fromm, 2008, S. 33-36.

[20] Fromm, 2008, S. 37-41.

[21] Fromm, 2008, S. 42.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656641278
ISBN (Buch)
9783656641261
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272639
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar
Note
1, 3
Schlagworte
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Titel: Die Liebe und der Liebesbegriff in Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Dostojewskis "Weiße Nächte"