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Die Eichmann-Kontroverse. Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem" in der Diskussion

Hausarbeit 2014 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund
2.1 Adolf Eichmann und der Prozess
2.2 Hannah Arendt und die Berichterstattung

3. Das Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“
3.1 Inhalt und Aufbau
3.2 Kontroverse Schlüsselthemen
3.2.1 Portrait eines „banalen“ Eichmann
3.2.2 Vorwurf der Kooperation der Judenräte
3.2.3 Kritik an den Prozessumständen

4. Die Kritik an „Eichmann in Jerusalem“

5. Diskussion der Kritik

6. Fazit

Bibliografie

1. Einleitung

Im Frühjahr 1961 wurde das Gerichtsverfahren gegen Adolf Eichmann eröffnet, der während der Zeit des Nationalsozialismus für die Vertreibung und Deportation der jüdischen Bevölkerung zentral mitverantwortlich war. Der Prozess fand immense internationale Aufmerksamkeit und unter den Berichterstattern befand sich auch Hannah Arendt als Korrespondentin des New Yorker. Arendt verfasste eine Reihe von fünf Essays, die später als Grundlage für das Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ dienten. In dem Buch positionierte sie sich mit ihren Beobachtungen und Urteilen abseits der gängigen Vorstellungen von Schuld und Unschuld und löste eine erhitzte Debatte aus. Das Buch wurde zu einem der bekanntesten und kontroversesten ihrer Texte.

Aber was genau war die Problematik mit Arendts Darstellung der Prozessereignisse? Welches waren die kontroversen Thesen und welche Gegendarstellungen wurden geliefert? Ist die Kritik an Arendt berechtigt oder wurde sie völlig zu Unrecht diskreditiert? Diesen Fragen will die vorliegende Arbeit nachgehen und dabei die Debatte und die verschiedenen Positionen nachzeichnen. Hierbei geht es weniger darum, die Schuldfähigkeit Eichmanns oder das Verhalten der Judenräte zu bewerten, sondern vor allem darum, einen Gesamtüberblick zur Eichmann-Kontroverse vorzulegen.

Zur Einordnung soll zuerst eine Darstellung des historischen Hintergrunds geliefert werden. Hierzu werden in einem ersten Schritt Informationen über die Person Adolf Eichmann und den Prozess gegen ihn zusammengestellt. In einem zweiten Schritt soll auch über Hannah Arendt und die Hintergründe ihrer Prozessberichterstattung informiert werden.

Hiernach widmet sich die Arbeit dem Buch selbst und soll neben einer Einführung in das Werk alle relevanten Schlüsselthemen herausarbeiten, die in der Eichmann-Kontroverse von Bedeutung sind.

Darauf folgend sollen die Reaktionen und die Kritik am Buch zusammengefasst werden ohne diese vorerst zu bewerten. Erst anschließend soll eine Einordnung und Diskussion vorgenommen werden, bevor im Fazit die Erkenntnisse der Arbeit abschließend zusammengefasst werden und ein Ausblick in Bezug auf mögliche weitere Forschungsthemen gegeben wird.

2. Historischer Hintergrund

2.1 Adolf Eichmann und der Prozess

Adolf Eichmann wurde 1906 in Solingen geboren und wuchs in Österreich auf. Im April 1932 trat Eichmann der NSDAP bei und schloss sich der österreichischen SS an, wo er schnell in den Rang des Obersturmbannführers aufstieg.[1] Laut Biograph Cesarani war der Eintritt in die Partei dabei nicht primär antisemitischer Motivation geschuldet, sondern geschah mehr auf Drängen seines Bekannten Ernst Kaltenbrunner, der später Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und damit Eichmanns Vorgesetzter werden sollte.[2] Im RSHA war Eichmann zunächst in der Abteilung „Gegnerforschung und Gegnerbekämpfung“ tätig und erlangte durch seinen „unermüdlichen Eifer“ stetig mehr Einfluss.[3],[4] 1938 wurde Eichmann nach Wien geschickt, um in leitender Funktion die „Auswanderung“ der dortigen jüdischen Bevölkerung zu organisieren.[5] Zu Beginn des zweiten Weltkriegs wurde Eichmann, der mittlerweile als Spezialist auf dem Gebiet für „jüdische Angelegenheiten“ galt, zurück nach Berlin beordert und zum Leiter der IVB4 befördert, einer Teileinheit der Gestapo, die für die Durchführung der „Endlösung“ verantwortlich war.[6] In dieser Position organisierte er die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus allen besetzen Teilen Europas in die Konzentrationslager[7], in denen während des zweiten Weltkrieg über fünf Millionen Menschen auf grausame Weise getötet wurden.[8]

Nach Kriegsende tauchte Eichmann zunächst in Deutschland unter, flüchtete dann nach Argentinien und entkam so den Nürnberger Prozessen.[9] 1960 wurde er vom israelischen Geheimdienst in Buenos Aires aufgespürt und nach Israel gebracht, wo er wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurde.[10] Die Umstände der Auslieferung waren völkerrechtlich umstritten, da zwischen Israel und Argentinien kein Auslieferungsabkommen existierte, das eine legitimierte Überstellung Eichmanns geregelt hätte.[11] Viele plädierten dafür, ein internationales Tribunal zusammenzustellen, vor dem sich Eichmann verantworten solle.[12] Dennoch wurde das Strafverfahren in Israel eingeleitet und am 11. April 1961 von der Sonderkammer des Jerusalemer Bezirksgerichts der Prozess gegen Eichmann eröffnet, der von großem öffentlichem Interesse begleitet wurde.[13] Generalstaatsanwalt war Gideon Hausner und Dr. Robert Servatius wurde als Eichmanns Verteidiger berufen.[14] Zuvor wurde Eichmann von Polizeihauptmann Avner W. Less verhört. Das 3600-seitige Verhörsprotokoll lag auch Arendt vor.[15] Am 15. Dezember 1961 wurde das Urteil verkündet: Das Gericht befand den Angeklagten in allen Anklagepunkten für schuldig und verurteilte ihn zum Tode.[16] Am 31. Mai 1962 wurde Eichmann gehängt.[17] Damit wurde das erste und bisher einzige Todesurteil in Israel vollstreckt.[18]

2.2 Hannah Arendt und die Berichterstattung

Hannah Arendt wurde 1906 in Hannover geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Königsberg. Bereits früh begann sie mit der Lektüre philosophischer Werke von Kant, Kierkegaard und Jaspers.[19] Nach dem Abitur studierte Arendt Philosophie und Theologie in Marburg und Heidelberg und lernte während dieser Zeit auch Martin Heidegger kennen, dessen Denken maßgeblichen Einfluss auf Arendts spätere Werke haben sollte.[20] Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten flüchtete Arendt, die selbst jüdischer Abstammung und kurzzeitig inhaftiert war, zunächst nach Paris und später mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher nach New York, wo sie als Autorin für verschiedene Zeitschriften tätig war und 1951 ihr erstes großes Werk unter dem Titel „The Origins of Totalitarianism“ veröffentlichte. Es folgten Lehraufträge an verschiedenen Universitäten und weitere Publikationen, darunter „The Human Condition“ im Jahr 1958, in der sie ihre Theorie des tätigen Lebens zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln entfaltet.[21]

Im Frühjahr 1961 reiste Hannah Arendt nach Jerusalem um für das Magazin „The New Yorker“ über den Eichmann Prozess zu berichten.[22] Es war ihr wichtig, sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen, da sie durch die frühe Emigration aus Deutschland die totalitäre Herrschaft nicht unmittelbar erlebt hatte und sich durch die Beobachtung des Prozesses erhoffte, einen genaueren Eindruck zu erhalten.[23] In einem Brief erklärte sie: „ich [...] habe diese Leute nie leibhaftig gesehen, und das ist wahrscheinlich meine letzte Chance.“[24]

Arendt schrieb zunächst eine Reihe von fünf Essays für den New Yorker, 1963 folgte das Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen.“ Arendt bemühte sich während ihrer Beobachtungen um Sachlichkeit und Vorurteilslosigkeit gegenüber Eichmann,[25] den sie - entgegen ihrer eigenen Erwartungen - nicht als dämonisch oder unheimlich sondern vielmehr als erschreckend normal wahrnahm.[26] Das Buch wurde zu einem der bekanntesten und zugleich kontroversesten ihrer Texte.

[...]


[1] Vgl. Lozowick, Yaacov: Hitlers Bürokraten. Eichmann, seine willigen Vollstrecker und die Banalität des Bösen, Zürich 2000, S. 20

[2] Vgl. URL: http://www.zeit.de/2005/04/P-Eichmann

[3] Vgl. Vowinckel, Annette: Hannah Arendt. Reclam Grundwissen Philosophie Bd. 20303, Leipzig 2006, S. 56

[4] Vgl. URL: http://www.zeit.de/2005/04/P-Eichmann

[5] Auswanderung bedeutete hierbei, dass Mitglieder der jüdischen Bevölkerung ihren gesamten Besitz an die Nationalsozialisten abtreten mussten, um das Land verlassen zu dürfen. Vgl. Vowinckel, S. 56

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Gleichauf, Ingeborg: Hannah Arendt. dtv Portrait Bd. 31029, München 2000, S. 94

[8] Vgl. URL: http://www.zeit.de/1991/27/zahlen-des-grauens

[9] Vgl. Vowinckel, S. 56

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. URL: http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/68641/50-jahre-eichmann-prozess-15-12-2011

[12] Vgl. Krause, Peter: Der Eichmann-Prozeß in der deutschen Presse. Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts Bd. 8, Frankfurt/Main 2002, S. 44

[13] Vgl. Gleichauf, S. 55

[14] Vgl. Krause, S. 45

[15] Vgl. Gleichauf, S. 92 f.

[16] Vgl. Krause, S. 72

[17] Vgl. Gleichauf, S. 94 f.

[18] Vgl. Krause, S. 74

[19] Vgl. Vowinckel, S. 8

[20] Vgl. ebd., S. 9

[21] Vgl. ebd., S. 124 f.

[22] Vgl. Vowinckel, S. 56

[23] Vgl. Gleichauf, S. 91

[24] Young-Bruehl, Elisabeth: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit,Frankfurt/Main 1991, S. 452

[25] Vgl. Gleichauf, S. 93

[26] Vgl. Young-Bruehl, S. 453

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656648246
ISBN (Buch)
9783656648239
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272667
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
eichmann-kontroverse hannah arendts eichmann jerusalem diskussion

Autor

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