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Geschmack - Küche - Nation. Globalisierung und nationale Esskultur

Gibt es einen nationalen Geschmack?

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Kulturwissenschaften - Empirische Kulturwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Vorgehensweise

2 Geschmack

3 Nation

4 Geschichte der Esskultur

5 Nationale Esskultur

6 Globalisierung und Europäisierung- entsteht ein Einheitsgeschmack?

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung und Vorgehensweise

Gibt es einen nationalen Geschmack? Nation und Geschmack haben eine wichtige Gemeinsamkeit: beides sind soziale Konstrukte, die von Menschen erschaffen wurden. Zum Leben bzw. Überleben des Menschen gehören Essen und Trinken. Jeder Mensch muss sich ernähren und tut dies in einem bestimmten soziokulturellen und nationalen Rahmen. Zunächst werden die Begriffe Geschmack und Nation definiert und erläutert. Im Anschluss wird ein kleiner Einblick in die Ernährungsgeschichte gegeben, um zu zeigen, wie sich die Esskultur, hauptsächlich die Europäische, entwickelt hat. Im darauf folgenden Abschnitt wird die Verbindung von Nation, Geschmack und Ernährung erklärt. Es wird erklärt, warum sich verschiedene regionale bzw. nationale Esskulturen herausbildeten. Hierbei spielen auch die Tabuisierungen und Nahrungsmeidungen eine wichtige Rolle. Zudem lassen sich Esskulturen über die Betrachtung der Verbindung von Essen und Sexualität beschreiben. Durch die Globalisierung und Europäisierung ist die industrielle Produktion von Lebensmitteln und die Normierung der Produkte gestiegen. Hierbei stellt sich die Frage, ob ein Einheitsgeschmack entsteht und welche „Maßnahmen“ entwickelt werden, um diesen Einheitsgeschmack abzuwenden. Die Slow Food Bewegung und das Konzept der Ursprungsbezeichnung werden hierzu im letzten Abschnitt vorgestellt. Die vorliegende Arbeit basiert auf Literaturrecherche.

2 Geschmack

Das Lebensmittellexikon definiert Geschmack folgendermaßen:

„Geschmack = chemischer Sinn (wie Geruch), auch als Gustatorik oder gustatorische Wahrnehmung bezeichnet, wird über in Papillen liegenden Geschmacksknospen mit chemisch empfindsamen Zellen auf der Zunge wahrgenommen“ (lebensmittellexikon.de).

Die Geschmacksqualitäten unterscheiden sich in salzig, süß, sauer, bitter, umami und fettig. Neben dem Tastsinn ist der Geschmackssinn ein Nahsinn. Das heißt, nur bei unmittelbarem Körperkontakt ist eine sinnliche Erfahrung möglich. Allerdings kann der Geschmackssinn im Vergleich zum Tastsinn als „letzte Instanz“ (Hauer 2005, S.10) bezeichnet werden. Damit ist gemeint, dass das zu Schmeckende „physisch einverleibt“ (Hauer 2005, S.10) wird und der Geschmackssinn als Letztes prüft, ob das zu Schmeckende als angenehm eingestuft werden kann. Der Geschmackssinn dient dazu, Ähnlichkeiten und Unterschiede zu registrieren. Der Geschmack ist nicht nur rein physiologisch-chemisch zu betrachten, sondern er übernimmt auch individuelle und soziale Funktionen. Vorlieben und Abneigungen beim Essen sind individuell. (Mennell 1988, S.15) „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“ lautet ein bekanntes Sprichwort. Menschen haben unterschiedliche Präferenzen, dennoch sind diese in der Regel nicht als angeborene Instinkte zu betrachten. Der Geschmack wird erlernt. Auf einen unbekannten Geschmack reagieren Menschen zufällig und nehmen zunächst einen Vorgeschmack wahr. Den wahren Geschmack kennt der Mensch erst dann, wenn er „gelernt hat, seine Wahrnehmung zu deuten“ (Mennell 1988, S.16). Lediglich der Süßgeschmack ist nachgewiesen instinktiv. Dies wurde in Experimenten mit Neugeborenen nachgewiesen. (Mennell 1988, S.15) Auf die Geschmacksqualitäten „sauer“, „bitter“ und „salzig“ reagieren Neugeborene dagegen mit Abneigung. Der Süßgeschmack bietet im Vergleich zu den anderen Geschmacksqualitäten Sicherheit. (Pudel 2005, S.60) Süß steht für eine kohlenhydratreiche Nahrung, die viel Energie liefert. Bittere oder saure Nahrung kann möglicherweise giftig und damit für den Menschen gefährlich sein. (Hauer 2005, S.17) Prinzipiell ist alles, was essbar ist, auch verzehrbar. Dennoch wird nicht überall auf der Welt alles verzehrt, was essbar ist. (Pudel 2005, S.61) Der Geschmack dient letztendlich dazu, soziale Gruppen, wie zum Beispiel Nationen, zu unterscheiden und zu definieren.

3 Nation

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert den Begriff Nation nach zwei unterschiedlichen Sichtweisen. Im konservativen Sinne definiert sich die Nation als eine „ethnische […] Gemeinschaft (auch Volk), die als Großgruppe von Menschen über bestimmte homogene Merkmale (z.B. gemeinsame Sprache, Kultur, Geschichte) verfügt und (zumeist) innerhalb eines bestimmten Territoriums zusammenlebt“ (bpb). Die offene Definition „betont die Veränderungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, dass in einem Staat (Groß-)Gruppen zusammenleben, die sowohl über gemeinsame als auch über unterschiedliche Merkmale verfügen und dadurch die Chance für einen Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft fördern (Zugehörigkeitsgemeinschaft)“ (bpb). Anderson definiert den Begriff Nation folgendermaßen: „Sie ist eine vorgestellte politische Gemeinschaft- vorgestellt als begrenzt und souverän“ (Anderson 1996, S.15). Vorgestellt meint, dass sich die meisten Mitglieder niemals kennen werden, aber die Gemeinschaftsvorstellung in jedem Kopf vorhanden ist. Begrenzt ist die Nation dadurch, dass sie durch Grenzen definiert wird. Der Gedanke der souveränen Nation entstand in Zeiten der Revolution und Aufklärung. Eine Nation will frei sein und nicht durch eine von Gottes Gnaden geführte hierarchische Dynastie regiert werden. Letztendlich zählt in der Nation die Gemeinschaft, die als ein „Verbund der Gleichen“ (Anderson 1996, S.17) gesehen wird. Eine Nation definiert sich über Gemeinsamkeiten und möchte sich von den anderen Nationen unterscheiden. Nationale Unterschiede kann es zum Beispiel im Bereich der Ernährung geben.

4 Geschichte der Esskultur

Die Geschichte zeigt, dass die Esskultur dynamisch ist und sich im Verlaufe der menschlichen Entwicklung oft verändert hat. Zur Ernährung in der Ur- und Frühgeschichte ist wenig bekannt. Die Menschen waren Jäger und Sammler. Die Nutzung des Feuers zur Zubereitung von Speisen kann als Revolution bezeichnet werden. (Hirschfelder 2001, S.27) In der Jungsteinzeit wurden die Menschen zunehmend sesshaft und begannen Nutzpflanzen anzubauen und Haustiere zu halten. Änderungen kamen vor allem durch die Verarbeitung von Metallen. Dadurch konnten zum Beispiel neue Ackerwerkzeuge hergestellt werden. Insgesamt entwickelte sich die Gesellschaft in der Ur- und Frühgeschichte sehr langsam. (Hirschfelder 2001, S.22 ff.) In der historischen Entwicklung der Ernährung spielt die griechische Antike eine wichtige Rolle. Besonders hervorzuheben ist das Symposion. Hierbei handelte es sich um ein gemeinschaftliches Mahl mit speziellen Regeln und einem strukturiertem Ablauf. Frauen und Kinder waren ausgeschlossen. Zunächst wurde die Mahlzeit eingenommen, im Anschluss folgte ein Trinkgelage. Das Symposion verdeutlicht, dass schon zu dieser Zeit der Mahlzeit eine soziale Funktion zugeordnet wurde. Das gemeinschaftliche Essen und Trinken stand im Vordergrund und zudem wurden bestimmte Personengruppen ausgeschlossen. (Hirschfelder 2001, S.61 f.) Auch im römischen Zeitalter gab es das Gastmahl. Frauen waren im Gegensatz zum griechischen Symposion nicht ausgeschlossen und die Geselligkeit stand an vorderster Stelle. (Hirschfelder 2001, S. 84 f.)

Im frühen Mittelalter zählten vor allem zwei Dinge: Fleisch und Quantität. Wichtig war es, eine große Menge an Nahrung aufzutischen. Die Qualität war weniger entscheidend. Das übermäßige Essen hatte einen hohen Stellenwert. Trotz des hohen Fleischverzehrs bildete Getreide die Grundlage der Ernährungsversorgung. Zudem galt der Brei „als Zeichen von Armut und Entbehrung“ (Hirschfelder 2001, S.101). Hungersnöte und Nahrungsmangel waren zu dieser Zeit keine Seltenheit. Aus gesellschaftlicher Sicht waren genossenschaftliche Bindungen sehr wichtig. Das Individuum spielte eine unbedeutendere Rolle. Die Genossenschaft entstand vor allem durch den Eid und das festliche Gelage, das es in allen gesellschaftlichen Schichten gab. Entscheidend war die Kombination aus Essen und Trinken. (Hirschfelder 2001, S.109)

Durch die Christianisierung wurde das Fasten nach Europa gebracht. Damit entstand ein nachhaltiges und prägendes Verhaltensmuster. Viele Veränderungen wurden durch die Stadtentwicklung beeinflusst. Differenzierte Berufe, wie zum Beispiel der des Bäckers oder Metzgers, entwickelten sich. Die Wasserversorgung wurde zunehmend verbessert und auch die Bedeutung der Qualität von Lebensmitteln und deren Verarbeitung nahm zu. (Hirschfelder 2001, S.138) Im Verlauf der Geschichte kamen immer mehr Speisen und Getränke in den europäischen Kulturraum. Kaffee wurde zunächst vom Adel getrunken und später von den unteren Schichten übernommen. Generell war es so, dass der Adel bzw. die Oberschicht als „Trendsetter“ (Hirschfelder 2001, S.154) fungierte. Sobald das Kaffeetrinken in den unteren Schichten verbreitet war, begann der Adel Tee zu trinken. Neben Kaffee und Tee verbreiteten sich neue Gewürze, wie zum Beispiel Pfeffer. Ebenso kann der Zucker dazu gezählt werden. Die größte Bedeutung ist sicherlich der Kartoffel zuzuschreiben. In der Mitte des 16. Jahrhunderts kam die Kartoffel nach Europa, wurde aber zunächst kaum genutzt. Im deutschen Sprachraum setzte sie sich erst im späten 18. Jahrhundert durch. Auf Grund schlechter Getreideernten wurde die Kartoffel zur „Retterin der Hungersnot“ (Hirschfelder 2001, S.159). Zunächst unbeliebt, wurde die Kartoffel zu einer beliebten Beilage der Deutschen und ist aus vielen deutschen Gerichten nicht mehr wegzudenken.

Mit der industriellen Revolution bildete sich mit dem Arbeiter eine neue soziale Gruppe heraus. Eine zunehmende Trennung von Arbeit und Wohnen führte zu neuen Problemen in der Ernährungsversorgung, denn bisher hatten sich die Menschen hauptsächlich selbst versorgt. Langfristig führte die Industrialisierung zu einer Verbesserung des Lebensstandards. (Hirschfelder 2001, S.172 ff.) In der Zeit der industriellen Revolution verschlechterte sich der soziale Status der Frauen. Die Männer verboten ihnen Alkohol zu trinken. Unverheiratete Frauen, die erwerbstätig und selbstbewusst waren, tranken Alkohol und wurden daher von den Männern kritisch betrachtet. (Hirschfelder 2001, S.174 ff.) Durch drei entscheidende Faktoren wurde die europäische Mangelwirtschaft besiegt: die Agrarrevolution, die Transportrevolution und die Ausweitung und Neuorganisation des Handels. Lebensmittel wurden zunehmend industriell hergestellt und Konservierungsmethoden entwickelt. (Hirschfelder 2001, S.189 ff.) Die Zeit der beiden Weltkriege war durch Hunger und Nahrungsmangel gekennzeichnet. Bestimmte Lebensmittel wurden durch einfachere Alternativen ersetzt oder gestreckt. Allerdings verbesserte sich der soziale Status der Frauen, sie tranken selbstbewusst Alkohol und rauchten. Grundlegende Neuerungen in der Ernährung kamen erst in der Zeit nach 1945. (Hirschfelder 2001, S.209 ff.) Zunächst herrschte in Deutschland Hunger, aber durch die Hilfe der Alliierten wurde eine Hungerkatastrophe verhindert. Die katastrophale Ernährungslage wurde durch eine Identitätskrise der Deutschen begleitet. Alte Werte waren ohne Geltung und neue Werte hatten sich noch nicht entwickelt. Die Trennung in Ost- und Westdeutschland führte zu einer unterschiedlichen Entwicklung auf beiden Seiten. Westdeutschland war Ostdeutschland meist einen Schritt voraus und zudem waren viele Lebensmittel in Ostdeutschland nicht zu bekommen. (Hirschfelder 2001, S.234 ff.)

Die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 führte bis heute zu einer „Europäisierung und Normierung des Lebensmittelangebots“ (Hirschfelder 2001, S.251). Mit den 50er Jahren begann die „Fresswelle“, die durch einen hohen Anteil an Fett und Fleisch gekennzeichnet war. (Hirschfelder 2001, S.241) Ab den 60er Jahren wurde die Küche mit technischen Geräten, wie Kühlschrank oder Küchenmaschine ausgestattet. In den neuen Supermärkten konnten nun auch Fertiggerichte gekauft werden. Die „Reisewelle“ brachte neue Speisen, wie zum Beispiel Pizza, Spaghetti und Gyros nach Deutschland. Diese sind bis heute bei den Deutschen beliebt. Zudem entwickelte sich die Imbisskultur. Ab den 70er Jahren begann die Diskussion über einen kritischeren Umgang mit Nahrungsmitteln und Ernährung. In den 80er Jahren wurden Lightprodukte beliebt, in den 90er Jahren Functional Foods. Ebenso stieg die Nachfrage nach Bio-Produkten. (Hirschfelder 2001, S.244 ff.) Der kurze Einblick in die Ernährungsgeschichte soll zeigen, dass viele heute selbstverständliche Produkte erst etabliert werden mussten. Zudem wechselten sich Phasen des Hungers und der ausreichenden Nahrungsversorgung häufig ab. In den westlichen Industrieländern ist Hunger zu einem marginalen Problem geworden, Nahrung ist meist in übermäßiger Menge vorhanden. Es stehen quasi alle möglichen Lebensmittel zur Verfügung, dennoch werden nicht alle von jedem Menschen verzehrt. Regionale und nationale Esskulturen sorgen für eine Abgrenzung. Ernährung hat schon immer soziale Funktionen übernommen und ist ein wichtiger Bestandteil im menschlichen Zusammenleben geblieben.

5 Nationale Esskultur

Essen und Trinken geht über die physische Sättigung hinaus und hat in der Geschichte des Menschen schon immer weitere Bedeutungen gehabt. (Pudel 2005, S.61) Die Nahrungsaufnahme ist bei der Betrachtung kultureller Unterschiede sehr wichtig. „Essen ist allgegenwärtig“ (Hirschfelder 2005, S.124) und eignet sich gut für einen Kulturvergleich. (Hirschfelder 2005, S.124) Theoretisch hat jeder Mensch die Möglichkeit alles, was essbar ist, zu verzehren. Dennoch wird nicht alles, was essbar ist, von jedem Menschen verzehrt.

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Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656649410
ISBN (Buch)
9783656696278
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272744
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung
Note
1,0
Schlagworte
Geschmack

Autor

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