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Zur Sozialen Konstruktion von Citizenship. Dominante Diskurse und widerspenstige Praktiken

Hausarbeit 2010 30 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Positionierung im wissenschaftlichen Diskurs

2. Der dominante Integrationsdiskurs
2.1. Dominante Diskurse
2.2. Der Integrationsdiskurs

3. Widerspenstige Praktiken der Integration
3.1. Transkultureller Aktivismus
3.2. Der Kampf um das Recht aufDifferenz
3.3. Reproduktion und Modifikation des dominanten Integrationsdiskurses

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

„Wer heute über Migration spricht, spricht fast unweigerlich über Integration. Der Integrationsdiskurs ist zum dominierenden Migrationsdiskurs geworden.“ (Maria do Mar Castro Varela 2008: 77)

Alle reden über Integration. Kein_e Politikerin kommt in ihren/seinen Äußerungen zur Migrations-, Sozial- oder Bildungspolitik ohne dieses Schlagwort aus. Viele Migrant_innenverbände, Moscheen und Kulturvereine haben sich Integration auf die Fahnen geschrieben. Auch die Stammtische reden neuerdings nicht mehr nur über 'Ausländer' sonder auch über deren sachgerechte Integration. Wissenschaftler_innen haben ihre Studieninteressen weitgehend der Integrationsforderung untergeordnet und untersuchen, welche Strategien in der 'Integrationspolitik' am besten zum Ziel der integrierten Gesellschaft führen (Favell 2001).

Der dominante und normative Integrationsdiskurs führte dazu, das komplett übersehen wurde, wie und in welcher Form sich Menschen mit Migrationshintergrund denn faktisch integrieren. Der konkurrierende Citizenship-Diskurs hat in der deutschen Debatte bislang wenig Fuß gefasst. Jedoch bietet er die Möglichkeit, jenseits normativer Forderungen, sich wissenschaftlich mit der Integrationspraxis bzw. der sozialen Praxis des Citizenships[1] zu beschäftigen.

Die von Terkessidis gestellten Fragen: „Warum eigentlich sollte es jemand vorziehen, auf Arbeit, hohen Sozialstatus, Bürgerrechte und gute Bildungschancen für seine Kinder verzichten? Was wären das für Leute?“ (Terkessidis 2010: 55) verweisen darauf, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund ein Interesse an gesellschaftlicher Integration haben. Der Blick in die Praxis der Integration zeigt, dass Jede_r sich in der einen oder anderen Weise in sein Lebensumfeld und damit einen Teil der Gesellschaft integriert. Dennoch stoßen viele dieser IntegrationsPraktiken in der Mehrheitsgesellschaft auf Ablehnung und werden als Segregation gedeutet. Wenn Migrant_innen kulturelle Praktiken aus ihre Herkunftsländern pflegen, wenn sie sich in ihrem oder für ihr Herkunftsland engagieren, wenn sie Minderheitenrechte einfordern, wenn sie ihre Muttersprache sprechen, etc. wird das oft als Segregation (miss-)verstanden. Aus der Perspektive von Menschen mit Migrationshintergrund stellen diese Praktiken aber oft Kernstücke ihres Bemühens dar, sich in der Gesellschaft zu integrieren und elementare Praktiken der Ausübung ihres Citizenship, ihrer Angehörigkeit und Teilhabe an der Gesellschaft. Sie integrieren sich ins kulturelle Leben ihres Aufenthaltslandes, indem sie ihre eigenen kulturellen Prägungen in die Kultur des Landes, in dem sie jetzt leben, einbringen. Sie integrieren sich in den deutschen Rechtsstaat, indem sie auf dem Boden des Grundgesetzes für Minderheitenrechte eintreten, die ihnen die Partizipation an der deutschen Gesellschaft erst ermöglichen sollen. Sie engagieren sich auch fur ihr Herkunftsland, weil ihre Zugehörigkeit nicht ausschließlich auf ihre Aufenthaltsgesellschaft ausgerichtet ist.

Um Anerkennung fur ihre eigenen Praktiken der Integration innerhalb der Mehrheitsgesellschaft zu erlangen, beteiligen sich Menschen mit Migrationshintergrund an der sozialen Konstruktion von Citizenship. In Deutschland findet diese soziale Konstruktion auf dem Boden des Integrationsdiskurses satt. Das Wesen eines Diskurses ist es, dass er nicht das Produkt einer/eines einzelnen Autorin/Autors ist, sondern in einem Prozess der Aushandlung zwischen mit mehr oder weniger Macht ausgestatteten Teilnehmerinnen sozial konstruiert wird. Der Begriff des Integrationsdiskurses liefert deshalb eine gute Folie, unter der die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund an der Integrationsdebatte untersucht werden kann. Die Leitfragen dieser Arbeit sind:

1) Wiepartizipieren Menschen mitMigrationshintergrund amlntegrationsdiskurs?
2) Wie verändern sie das gesellschaftliche Verständnis von Citizenship?

Im Folgenden wird zunächst ein Analysemodell entwickelt, mit dem Diskurse analysiert werden können. Dabei interessiert mich insbesondere, welche Rolle dominante Diskurse sowie Interventionen von mit weniger Macht Ausgestatteten in der sozialen Konstruktion von Citizenship spielt. Anschließend werden verschiedene Studien, die das Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund untersuchen, daraufhin analysiert, inwiefern sie Anhaltspunkte dafür bieten, wie diese sich an der sozialen Konstruktion von Citizenship beteiligen. Im abschließenden Fazit sollen die Ergebnisse unter einer Antwort auf die Leitfrage zusammengefasst dargestellt werden.

1.1. Positionierung im wissenschaftlichen Diskurs

Diese Arbeit steht im Kontext von Studien, die sich mit 'citizenship claims' von Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigen. Wie Bloemraad, Korteweg und Yurdakul (2008) feststellen, kann Citizenship[2] nicht auf den legalen Status der Staatsangehörigkeit beschränkt werden, sondern beinhaltet daneben auch die Dimensionen politische Partizipation, Rechte und Zugehörigkeit (Ebd.: 155ff.). Menschen mit Migrationshintergrund sind in allen Einwanderungsgesellschaften in Bezug auf verschiedene dieser Dimensionen benachteiligt. Der Zugang zum legalen Status der Staatsbürgerin bzw. des Staatsbürgers ist in vielen Staaten erschwert (Cinar 1994), sie zeigen oft ein geringeres Ausmaß an politischer Partizipation (Martinello 2005) oder fühlen sich von der Zugehörigkeit zu ihrer Gesellschaft ausgeschlossen (Bosniak 2001). Citizenship hat nicht nur mit der bloßen Staatsbürgerschaft zu tun, sondern gleichfalls mit der Partizipation am Arbeitsmarkt und sozialen und kulturellen Leben einer Gesellschaft sowie mit der kulturellen Akzeptanz seitens der Mehrheitsbevölkerung. Defizite in diesem Bereich können für Staatsbürgerinnen mit Migrationshintergrund ein „secondclass Citizenship“ bedeuten. (Korteweg & Yurdakul 2008: 162)

Was Citizenship bedeutet ist aber Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlung. Wer dazu gehört, wer das Recht erhält, die Staatsbürgerschaft zu erlangen oder am Arbeitsmarkt zu partizipieren, wird in jeder Einwanderungsgesellschaft kontrovers diskutiert. Die Aushandlung findet aber nicht nur mittels Worten sondern auch Mittels Taten statt. Durch politisches Engagement von Migrant_innen, die 'citizenship claims' Vorbringen, also die Forderung nach Teilhabe in einer der Dimensionen des Citizenship, aber auch durch 'unpolitische' Tätigkeiten, wie das Engagement in transnationalen ökonomischen oder kulturellen Sphären, beteiligen sich Menschen mit Migrationshintergrund an der Aushandlung über das gesellschaftliche Verständnis dessen, was es heißt ein Citizen zu sein.

Diese Aushandlung findet im deutschen Kontext auf dem Boden des Integrationsdiskurses statt. Dieser betrifft die Frage nach den Bedingungen gesellschaftlicher Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund. Der Integrationsdiskurs besteht in einem Prozess der Aushandlung darüber, worin Citizenship besteht. Die Mehrheitsgesellschaft erwartet von Menschen mit Migrationshintergrund ein bestimmtes Verhalten, ob dies nun in einem Bekenntnis zur Verfassung oder kultureller Anpassung besteht, als Voraussetzung für das volle Zugeständnis von Citizenship. Menschen mit Migrationshintergrund erwarten von der Gesellschaft, in der sie leben, Möglichkeiten, an ihr teilzuhaben sei es am Arbeitsmarkt, im Bildungssystem oder am kulturellen Leben. Im Ergebnis dieses Aushandlungsprozesses entsteht ein gesellschaftliches Verständnis, dessen was gemeinhin unter Integration verstanden wird. Damit einher geht aber auch eine Neudefinition dessen, was unter Citizenship zu verstehen ist so dass der Begriff Staatsbürgerschaft als Übersetzung obsolet geworden ist. Die 'citizenship claims' mit denen Menschen mit Migrationshintergrund in den Integrationsdiskurs intervenieren, fordern nicht nur die Erlangung der Staatsbürgerschaft, sondern ebenso eine neue Konzeption des gesellschaftlichen Verständnisses, was es heißt, ein_e Staatsbürgerin / ein Citizen zu sein. Diese Arbeit stellt einen Beitrag zur Beantwortung der Frage dar, wie Migration das herrschende Verständnis von Citizenship verändert. Weiterhin soll sie dazu beitragen, den Integrationsdiskurs und den Citizenship-Diskurs einander näher zu bringen.

2. DerDominante Integrationsdiskurs

2.1. Dominante Diskurse

In diesem Abschnitt soll zunächst ein Modell der Diskursanalyse auf Grundlage des Encoding/Decoding-Modells von Stuart Hall skizziert werden. Anschließend wird dieses auf den Integrationsdiskurs angewandt.

Nach Halls Theorie sind kommunikative Ereignisse Diskurse. (Hall 1973: 5) Sie bestehen nicht in einem einseitigen Prozess, wie etwa behaviouristische Kommunikationsmodelle[3] behaupten, die davon ausgehen, dass Kommunikation im intendierten Setzen von Reizen besteht, deren Erfolg daran zu messen sei, ob die intendierte Reaktion von der/dem als passiv oder bloß re-agierend dargestellten Rezipientin/Rezipienten hervorgebracht wird. (Ebd.: 3f.) Vielmehr besteht Kommunikation in einem zweiseitigen Prozess. Produzent_innen kodieren eine bestimmte Bedeutung und bringen Zeichen hervor (gesprochenes/geschriebenes Wort, Bilder, Installationen, etc.). Die von der Produzentin / dem Produzenten intendierte Bedeutung ist aber im Zeichen nur kodiert vorhanden. Daher ist das Zeichen an sich 'polysemisch', es kann ganz unterschiedliche Bedeutung beinhalten, je nachdem, in welchem Code es kodiert wurde. (Ebd.: 9) Die Geste des Nickens erhält z.B. ihre Bedeutung für den/die Kopfschüttelnde_n dadurch, dass sie/er einen bestimmten Code benutzt, nach dem Zustimmung in einer bestimmten Geste ausgedrückt werden kann. Der/die Rezipient_in muss das Zeichen dekodieren, um aus ihm Sinn zu machen, i.e. es zu rezipieren. In diesem Akt der Interpretation weist er/sie dem polysemischen Zeichen eine Bedeutung zu. (Ebd.: 14) Er/sie kann der Geste nun auch eine von der Intention der Produzentin / des Produzenten abweichende Bedeutung zuschreiben, wenn er/sie einen abweichenden Code anlegt, nach dem Nicken z.B. Ablehnung bedeutet. Wenn erfolgreiche Kommunikation nun darin besteht, das Produzent_innen von Sprache, Bildern, etc. intentional Inhalte (Aussagen, Meinungen, etc.) über Zeichen, denen sie mittels Kodierung Bedeutungen zuweisen, an Rezipient_innen vermitteln, bedarf es einer Übereinstimmung zwischen dem Code, in dem die Zeichen kodiert und in dem sie dekodiert werden. Diese Übereinstimmung wird herbeigeführt durch die soziale Konstruktion 'präferierter Bedeutungen' (Ebd.: 9). “Zwar kann es nie nur eine, einzelne, eindeutige und vorherbestimmte Bedeutung für ein lexikalisches Zeichen geben, jedoch ist es, je nach dem, inwiefern seine Integration in den Code erreicht wurde, möglich, dass seine Bedeutungen auf einer Skala von dominant bis untergeordnet angeordnet werden können.” (Ebd.: 9, meine Übersetzung[4] )

Präferierte Bedeutungen sind diejenigen, die auf dieser Skala als dominant angeordnet werden. In Deutschland ist die präferierte Bedeutung des Zeichens Kopfnicken die Zustimmung. Bestimmte Codes erweisen sich als dominant, weil ihnen die institutionelle, politische und ideologische Ordnung eingeschrieben ist, “die Praktiken und Meinungen, das Alltagswissen über die Sozialstruktur, das 'wie die Dinge für alle praktischen Zwecke in dieser Kultur laufen', die Rangordnung von Macht und Interesse und eine Struktur von Erlaubnissen und Strafen (legitimations and sanctions).” (Ebd.: 14) Kommunikation besteht nicht bloß in beobachtbaren Eingaben in und Ausgaben aus einer black-box, wie Behaviorist_innen annehmen, denn die Bedeutungen der Ein- und Ausgaben sind erst verständlich im Gesamtzusammenhang der Verwendungen, die sie im gesellschaftlichen Diskurs erfahren haben. Der Diskurs, also die Regeln des 'wie man über bestimmte Dinge spricht' (encoding) und 'wie etwas zu verstehen ist' (decoding) sind soziale Konstruktionen. Insofern unterliegen sie auch dem sozialen Kampf. Die Konstruktion präferierter Bedeutungen “erfordert 'Arbeit', um ein Dekodieren eines Ereignisses innerhalb der dominanten Definition ... durchzusetzen, Plausibilität dafür zu gewinnen und seine Legitimität zu gebieten (command legitimacy).” (Ebd.: 14) Dominante Diskurse werden institutionalisiert, indem sie regelmäßig Grundlage von Handlungen werden und sich im Vollzug dieser Handlungen reproduzieren.

Nichtsdestotrotz ist der Code in welchem Rezipient_innen ein Zeichen dekodieren nicht durch den dominanten Diskurs determiniert. Tatsächlich stellt die völlige Übereinstimmung beider Codes den Ausnahmefall völlig transparenter Kommunikation dar. (Ebd.: 16) Die meisten Dekodierungsakte werden durch einen 'ausgehandelten Code' (negotiated code) vollzogen. (Ebd.: 17f.) Hier akzeptieren Rezipient_innen zwar auf einer abstrakten Ebene den dominanten Diskurs, interpretieren Zeichen aberjeweils in dem spezifischen Rezeptionskontext. Die Rezeption stellt hier einen Aushandlungsprozess zwischen der Akzeptanz des dominanten Diskurses und der Adaption an die eigene spezifische Situation dar. Entsprechend ist der Code, in dem sie das Zeichen dekodieren, auch ein 'ausgehandelter Code'. Besser als am Beispiel des Kopfnickens lässt sich dieser Punkt an folgendem Beispiel illustrieren. Das Zeichen der in Folge der Terrordrohungen vom November 2010 erhöhten Präsenz von Polizist_innen auf öffentlichen Plätzen in Deutschland[5] und deren verstärkte Bewaffnung wurde von der Regierung, dem dominanten Diskurs folgend, gesetzt, um das Sicherheitsempfinden der Bürgerinnen zu steigern. Positionen, die zwar diese Intention der Regierung anerkennen,jedoch entgegnen, dass sie selbst sich eher unsicherer fühlen, wenn schwer bewaffnete Polizist_innen an öffentlichen Orten patrouillieren, könnten als Ausdruck eines ausgehandelten Codes verstanden werden.

Demgegenüber besteht für Rezipient_innen auch die Möglichkeit, den dominanten Diskurs völlig zurück zuweisen und das Zeichen in einem oppositionellen Code (Ebd.: 18) dekodieren. Hier erkennt die/der Rezipient_in zwar den Code und die von der/dem Sprecher_in intendierte Bedeutung des Zeichens. Jedoch verstehen sie das Zeichen ganz anders, weil sie der/dem Sprecher_in eine andere Absicht unterstellen, als sie, dem dominanten Diskurs folgend, kommunizieren wollen. Die oppositionelle Lesart interpretierte das Zeichen der erhöhten Polizeipräsenz als Versuch der Regierung, die Angst in der Bevölkerung vor Terroranschlägen zu schüren, um mehr Legitimität für die eigene mit Freiheitseinschränkungen einhergehende Sicherheitspolitik zu erzeugen.

2.2. Der Integrationsdiskurs

Der Begriff'Integration' ist ein gutes Beispiel für die soziale Konstruktion präferierter Bedeutungen. Der Diskurs über Integration stellt keinen einseitigen Prozess dar, in welchem die dominante Mehrheitsbevölkerung einen Begriff von Integration entwickelt und diesen auf die zu­integrierenden Menschen mit Migrationshintergrund anwendet. Zum einen hat dies damit zu tun, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur Rezipient_innen, sondern auch Produzent_innen des Integrationsdiskurses sind[6], zum anderen aber auch damit, dass Diskurse in einem zweiseitigen Prozess bestehen, an dem Produzenten und Rezipient_in beteiligt sind. Wer über Integration spricht, verwendet einen bestimmten Code, in dem niedergelegt ist, was sie oder er unter Integration versteht. Der Begriff Integration ist ein Paradebeispiel von Polysemie. Er steht in unterschiedlichen Kontexten für Assimilation, Partizipation, Akkulturation, Gleichberechtigung, rassistische Diskriminierung, Solidarität, etc.[7] Für den Rezeptionsprozess ist diese Polysemie von großer Bedeutung, denn das Ziel der Kommunikation, i.e. zu verstehen was die/der Sprecher_in meint, wird nur dann erreicht, wenn die/der Rezipient_in Auskunft darüber erlangt, in welchem Code die/der Sprecher_in das Zeichen 'Integration' kodiert hat. Missverständnisse sind hier vorprogrammiert.

Jedoch stehen sich die verschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten nicht gleichberechtigt gegenüber. Die institutionelle, politische und ideologische Ordnung sorgt dafür, dass bestimmte Bedeutungen anderen regelmäßig vorgezogen werden. Die Institutionelle Einbettung des Begriffs 'Integration' in die Sozialpolitik trägt dazu bei, dass Integration nur im Kontext von sozial benachteiligten Gruppen thematisiert wird und nicht etwa in Bezug auf segregiert lebende Oberschichtangehörige. Die Einbettung in die Migrationspolitik trägt dazu bei, dass er ausschließlich auf Menschen mit Migrationshintergrund bezogen wird und nicht etwa auf andere benachteiligte Gruppen wie Homosexuelle oder Bewohner_innen ökonomisch gering entwickelter Regionen (Ostdeutsche z.B.). Die politische Ordnung, die in vielen Staaten Bewohner_innen mit Migrationshintergrund von der Staatsbürgerschaft ausschließt, führt dazu, dass die von Migrant_innen formulierten Interpretationen des Begriffs in der politischen Diskussion kaum repräsentiert werden. Ein Grund dafür ist sicher, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund nicht zu den potenziellen Wählerinnen gehören, welche Politikerinnen vertreten sollen. Auch die ideologische Ordnung trägt ihren Teil zur Konstruktion des dominanten Integrationsdiskurses bei. Bspw. schlägt sich der globale Trend des kulturalistischen Rassismus (Lentin 2004) im Integrationsdiskurs nieder, wenn etwa Positionen vertreten werden, die von der Integrationsunfähigkeit der Angehörigen bestimmter Gruppen aufgrund von als unveränderlich angesehenen kulturellen Attributen ausgeht. Auch der global verbreitete anti-muslimische Rassismus führt zu einer Fokussierung des Integrationsdiskurses auf Musliminnen und Muslime. (Attia 2009) Diese und andere gesellschaftlichen Einflüsse tragen zur Konstruktion eines dominanten Integrationsdiskurses und einem präferierten Begriffsverständnis bei.

Als sozial konstruiert unterliegt der Integrationsdiskurs dem sozialen Kampf. Die dominante Interpretation von 'Integration' ist nicht durch eine statische Sozialstruktur vorgegeben, etwa durch das Klasseninteresse. Vielmehr erfordert die Durchsetzung eines Begriffsverständnisses 'Arbeit', die darin besteht, einen bestimmten Code zu legitimieren und seine Anwendung plausibel zu machen. Im Falle des Integrationsdiskurses sind Massenmedien an der Konstruktion des dominanten Begriffsverständnisses beteiligt, aber auch Regierungshandeln. Favell (2001) stellt fest , dass seit dem Ende der 80er Jahre in den meisten der westeuropäischen Staaten “ein dominanter Integrationsdiskurs auftauchte, als allumfassender Rahmen für die verschiedenen Politikbereiche, die sich mit Migrant_innen und Minderheitenangehörigen beschäftigen” (Favell 2001, meine Übersetzung).

[...]


[1] In dieser Arbeit werden 'IntegrationsPraktiken' und 'Soziale Praktiken des Citizenship' synonym verwendet. Dies stellt einen Versuch dar, den Integrationsdiskurs und den Citizenship-Diskurs zusammen zu bringen. Mehr dazu unter 1.1. Positionierung im wissenschaftlichen Diskurs.

[2] Ich übernehme den englischen Begriff Citizenship ohne ihn zu übersetzen. Citizenship wird im Deutschen gemeinhin mit dem Wort Staatsbürgerschaft ausgedrückt. Diese Übersetzung beschränkt den Begriff aber auf die Dimension des legalen Status. Eine alternative Übersetzung, welche die Beschränkung auf das Staatliche ablegte, ist Bürgerschaft. Dieser Begriff findet aber im deutschen Sprachgebrauch (noch) keine Verwendung.

[3] Damit wendet sich Hall gegen die Kommunikationstheorie von Watzlawick, Beavin & Jackson (1967), welche Kommunikation auf beobachtbares Verhalten reduziert betrachtet. Diese geht davon, aus, dass der Mensch im Kommunikationsprozess als 'black-box' zu betrachten sei, da man in ihn nicht 'hineinschauen' könne.

[4] Alle folgenden Übersetzungen aus Hall 1973 von mir.

[5] Vgl. Zeit Online 2010: „De Maizière warnt vor Terroranschlag“.

[6] Auf diesen Gedanken gehe ich weiter unten ein.

[7] Zu Migration als Akkulturation vergleiche etwa Heckmanns Interpretation der Dimension der kognitiven Integration aus Hartmut Essers Integrationsmodell als „kulturelle Integration oder Akkulturation“, welche „Prozesse kognitiver, kultureller, verhaltens- und einstellungsmäßiger Veränderungen der Migranten“ beinhaltet. (Heckmann 2005) Einen Begriff von Integration als Partizipation hat z.B. Koff (2008). Sie betont die notwendig konfrontative Dimension von Partizipation, welche aber auf der Grundlage gegenseitigem Respekts und institutionalisiertem Dialog stehen muss. (Ebd.: 76)

Details

Seiten
30
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656646433
ISBN (Buch)
9783656646419
Dateigröße
517 KB
Sprache
Englisch
Katalognummer
v272896
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
sozialen konstruktion citizenship dominante diskurse praktiken

Autor

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