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"Ich arbeite wann ich will." Risiken und Chancen flexibler Arbeitszeiten

Projektarbeit 2013 37 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. „Zeit ist Geld“ – Die Entwicklung zu einer Zeitökonomie

3. Chancen und Risiken flexibler Arbeitszeitmodelle
3.1. Work-Life-Balance
3.2. Zeitsouveränität
3.3. Entgrenzung
3.4. Subjektivierung
3.5. Ökonomisierung
3.6. Der Arbeitskraftunternehmer
3.7. Zwischenfazit

4. Arbeitszeitkonten
4.1. Arten, Möglichkeiten und Verbreitung
4.2. Arbeitszeitkonten in der Praxis
4.3. Bewertung

5. Vertrauensarbeitszeit
5.1. Merkmale und Verbreitung
5.2. Vertrauensarbeitszeit in der Praxis
5.3. Bewertung

6. Telearbeit
6.1. Merkmale und Verbreitung
6.2. Teleheimarbeit in der Praxis
6.3. Bewertung

7. Fazit

Quellen

1. Einleitung

„Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden und dem Menschen doch das Kostbarste stehlen: Die Zeit.“ (Napoleon Bonaparte)

Die Beschäftigung mit dem Thema Zeit ist in unserer Gesellschaft zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt geworden. Dies zeigt sich nicht nur in der Fülle an soziologischer, psychologischer, philosophischer und wirtschaftswissenschaftlicher Literatur, sondern auch im alltäglichen Leben und Sprachgebrauch. Das Gefühl keine Zeit zu haben oder der Wunsch, Zeit effektiv zu nutzen haben sich mittlerweile zu Merkmalen unserer Gesellschaft entwickelt. Dies wird auch daran deutlich, dass Stichworte wie Zeitoptimierung, Zeitmanagement oder Zeitbudget nicht mehr nur in der Wirtschaft gebraucht werden, sondern auch zunehmend im persönlichen Leben an Bedeutung gewinnen. Darunter verbirgt sich oft der Wunsch, den verschiedenen Lebensbereichen gleichermaßen Aufmerksamkeit zu widmen, wozu nun einmal Zeit notwendig ist. Die Zeit wird dabei in Arbeitszeit, Familienzeit und Freizeit eingeteilt, wobei je nach der zur Verfügung stehenden Zeit unterschiedlich in diese Lebensbereiche investiert werden kann.

Diese Trennung von Arbeitszeit und Lebenszeit ist ein Phänomen der Moderne. In deren Verlauf kam es zu einer Normalarbeitszeit, die gesetzlich festgeschrieben wurde und die Möglichkeit bot, sich sowohl auf die Arbeit als auch auf das Privatleben zu konzentrieren. Doch zunehmend findet eine Flexibilisierung der Arbeitszeit statt, die sich in Form von Schichtarbeit oder Teilzeitbeschäftigung äußert und sich in vielfältigen Formen der zeitlichen Strukturierung der unterschiedlichen Lebensbereiche niederschlägt. Auch der Wunsch nach einer Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie löste die Erschaffung neue Arbeitszeitmodelle aus, in denen Angestellte die Möglichkeit zu einer Mitbestimmung über ihre eigene Zeiteinteilung zugestanden wird. Ziel ist es dabei, eine bessere Work-Life-Balance, das heißt eine verbesserte Vereinbarkeit von Arbeits- und Lebenszeit zu erreichen. Immer beliebter werden deshalb Tätigkeiten, in denen der Beschäftigte in Auseinandersetzung mit privaten Anforderungen und persönlichen Präferenzen flexibel über seine Arbeitszeit entscheiden kann. Gleitzeitmodelle, Vertrauensarbeitszeit und Heimarbeit bieten die Möglichkeit, flexiblen Anforderungen des Alltags nachzukommen und die Arbeitszeit dennoch nicht verkürzen zu müssen oder beispielsweise für familiäre Verpflichtungen Urlaubstage in Anspruch nehmen zu müssen.

Mit der Arbeitszeitflexibilisierung geht jedoch eine Erosion der ursprünglichen Trennung zwischen Arbeits- und Familienzeit einher und es stellt sich zunehmend die Frage, ob wir zwischen Arbeits-, Familien- und Freizeit nicht doch allmählich die Balance verlieren. Die Gefahr des Balanceverlustes resultiert besonders aufgrund der enormen Bedeutungszuschreibung der Erwerbszeit und macht persönliche Selbstorganisation und Zeitmanagement zu unabdingbaren Fähigkeiten. Die zeitliche Aufbringung für Arbeit richtet sich in flexiblen Arbeitszeitmodellen nun nicht mehr nach objektiv vorgegebenen Richtlinien, sondern wird durch das Individuum selbst eigenverantwortlich bestimmt. Die Gestaltung der Arbeitszeit erfordert also eigenes Handlungs- und Reflexionsvermögen. Diese hohen Anforderungen an individuelle Selbstoptimierung werden in der Arbeitssoziologie durchaus kritisch beachtet und in den letzten Jahren unter dem Schlagwort „Arbeitskraftunternehmer“ diskutiert. Das hohe Maß an Eigenverantwortlichkeit trägt nach diesem Modell nicht nur zu zeitstrukturellen Veränderungen sondern auch zu einer marktwirtschaftlich orientierten Lebensgestaltung bei.

Die Arbeit hat das Ziel, flexible Arbeitszeitgestaltung auf deren Auswirkungen für Beschäftigte zu untersuchen und deren Chancen und Risiken aufzuzeigen. Da Arbeitszeitkonten, Vertrauensarbeitszeit und Teleheimarbeit eine selbstbestimmte Arbeitszeit ermöglichen, sollen diesbezügliche wichtige Befunde aus der Arbeitszeitforschung in die Analyse einbezogen und so auf den Prüfstand gestellt werden. Dabei ist von Interesse, inwieweit diese Arbeitszeitmodelle Freiheit bezüglich der Arbeitszeit ermöglichen und welche Entwicklungstendenzen sich dadurch zeigen.

Um die Arbeit theoretisch zu rahmen soll jedoch im ersten Kapitel auf sozialhistorische Aspekte der Arbeitszeit eingegangen werden, welche für das Verständnis unseres (Arbeits-) Zeitbewusstseins von Bedeutung sind, bevor ausführlich auf die Auswirkungen flexibler Arbeitszeiten eingegangen wird.

2. „Zeit ist Geld“ – Die Entwicklung zu einer Zeitökonomie

Zeit ist nicht nur eine objektive physikalische Größe. Dass in verschiedenen Kulturen der Erde ganz unterschiedlich mit Zeit umgegangen wird, verweist auf einen sozialen Charakter von Zeit. Dies hat Elias in seiner wissenssoziologischen Studie „Über die Zeit“ (1984) herausgearbeitet. Zeit ist kein naturgegebenes Phänomen, sondern wird in einem Lernprozess angeeignet. Der einzelne Mensch muss sich dabei den etablierten Zeitstrukturen seiner Gruppe anpassen. Aus dieser Fremdbestimmung entwickelt sich durch die Internalisierung der gesellschaftlichen Werte und ihren Symbolen (wie zum Beispiel Uhren) ein Selbstzwang, bei dem sich Zeit zum Bezugsrahmen im Umgang mit anderen verinnerlicht. Unser modernes Zeitbewusstsein ist das Ergebnis von Industrialisierungsprozessen und der daraus resultierenden Notwendigkeit Zeit entsprechend zu synchronisieren (vgl. ebd. 1988: S. 12, 21).

Um die Entwicklung des Zeitbewusstseins in unserer modernen Gesellschaft zu verstehen, ist ein Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Arbeitszeit notwendig. Während in der Vormoderne eine zyklische Verwendung der Zeit vorhanden war, die sich nach objektiven Gegebenheiten wie Wetter, Jahres- oder Tageszeit richtete, erforderte die Industrialisierung, die den Übergang in die moderne Gesellschaft einleitete, eine regelmäßige und feste Zeitabstimmung. Die ökonomischen Veränderungen erforderten eine Synchronisierung der Abläufe, wodurch es im frühen Handelskapitalismus zu einer Ausbreitung von Kalendern kam und später Uhren zu einer Voraussetzung des modernen Industriekapitalismus wurden (vgl. Jürgens 2007: S. 168). Es wurde schnell erkannt, dass der Gewinn hauptsächlich durch eine Erhöhung der Arbeitszeit und eine Reduktion der Produktionszeit reguliert wird. Das Streben der Unternehmer, eine möglichst hohe Produktions- und Gewinnoptimierung zu erzielen, zeigte sich ab diesem Zeitpunkt einerseits in einer Kontrolle über die Arbeitszeiten der Arbeiter und andererseits in einer kontinuierlichen Beschleunigung von Arbeitsprozessen. Es kam durch Arbeitskämpfe und dem Engagement von Gewerkschaft zu einer Regulation der Arbeitszeit durch politische Regelungen, worauf eine Wochenarbeitszeit bzw. eine Normalarbeitszeit gesetzlich und tariflich verankert wurde. Um die Arbeitszeit so gewinnbringend wie möglich zu nutzen, fand eine weitere Entwicklung zur Intensivierung und Rationalisierung von Arbeitszeit statt. Die „Ökonomisierung der Zeit“ hat demzufolge ihren Ursprung in der betrieblichen Verwendung von Arbeitszeitorganisation, die sich im Industriekapitalismus durch effizienzorientierte Verwendung von Arbeitszeit zum Zweck einer größtmöglichen Kapitalerwirtschaftung durch die Arbeitskraft auszeichnete. Institutionen der Zeitordnung und Zeitmessung wie Stechuhren führten zur subjektiven Verinnerlichung zeitlicher Normen wie Pünktlichkeit. Arbeitszeit wurde insgesamt einer Effizienz- und Leistungsorientierung unterworfen, und dieser zweckrationale Umgang mit Zeit etablierte sich zuerst in der Erwerbszeit, während die Freizeit der Reproduktion diente (vgl. ebd.).

Die Industrialisierung, durch die es auch zu einer Trennung von Arbeit und Wohnstätte kam, bewirkte also die Schaffung einer betrieblich geregelten Arbeitszeit, die der Lebenszeit abgerungen werden musste und die Lebenswelt so in einen privaten, familiären und eine öffentlichen, beruflichen Handlungskontext aufspaltet (vgl. Raehlmann 2004, S. 36). Auf diese Weise entstehen Teilbereiche der persönlichen Lebenswelt, deren zeitliche Strukturierungen aneinander angepasst werden müssen. Prinzipiell unterliegt die Gestaltung von Arbeits- und Lebenszeit dem verinnerlichten Prinzip der Rationalisierung. Rationalisierung bedeutet in wirtschaftlicher Hinsicht ein permanentes Bemühen der Unternehmen, alle technischen und organisatorischen Möglichkeiten zu nutzen, um die einzelwirtschaftliche Rentabilität zu sichern (vgl. Raehlmann 2004: S.75). Dazu gehört aber auch das Erzielen einer Verbesserung der Arbeitsqualität der Arbeitnehmer, um den Wirkungsgrad menschlicher Arbeit zu steigern (vgl. ebd., S.74). Dass die Industrialisierung und deren gesellschaftliche Folgen nicht nur eine besondere Arbeitsethik in alle Gesellschaftsschichten hinein verbreitete, sondern eine umfassende Rationalisierung der gesamten Lebensführung als Begleiterscheinung und Voraussetzung des modernen Industriekapitalismus stattfand, wurde auch bereits durch Max Weber herausgearbeitet (vgl. Jürgens 2010: S. 483).

Maurer (1992) konstituiert in diesem Zusammenhang eine mit dem Industriekapitalismus einhergehende Zweckrationalität, wobei eine Aufspaltung der Zeit in eine Arbeits- und eine Restzeit zu Regenerationszwecken eine optimale ökonomische Nutzung der Arbeitszeit erlaubt. Die Arbeitszeiten werden damit immer kürzer, aber dafür intensiver, während die Menschen versuchen, ihre Bedürfnisse in die Restzeit zu verlagern und diese zu einer umfassenden Freizeit auszubauen versuchen (vgl. ebd., S. 145). Die Freizeit wird also zu einer von der Arbeitszeit abgekoppelten Lebenssphäre erhoben, die der Regeneration, der Teilhabe am sozialen Leben und der Ausbildung eines eigenbestimmten Zeitraumes garantieren soll (vgl. ebd., S. 156). Aus diesem Kontext heraus erklärt sich die Entstehung eines tariflichen und politisch geregelten Normalarbeitstages sowie einer Arbeitszeitverkürzung. Die Entwicklungen zu einem geregelten achtstündigen Arbeitstag und einer fünfttägigen Arbeitswoche mit 30 Tagen Urlaub im Jahr, dem sogenannten Normalarbeitszeitstandart, führte dazu, dass Arbeitszeit am Ende der 70er Jahre zu einem äußert stabilen Gerüst wurde und einen hohes Maß an Verbindlichkeit und Einheitlichkeit sicherte (vgl. Maurer 1992: S. 142 f.). Diese Arbeitszeitform war für die Wirtschaft funktional und wurde von der Gesellschaft übernommen und akzeptiert.

Im Zuge der wirtschaftlichen Anforderungen einer sich ausweitenden Dienstleistungsgesellschaft stiegen jedoch zunehmend die die Anforderungen an abweichende Arbeitszeitmodelle und somit an eine Flexibilisierung des Normalarbeitszeitstandards. Weiterhin trugen entscheidende gesellschaftliche Entwicklungen wie die Bildungsexpansion und eine verstärkte Erwerbstätigkeit von Frauen zur Ablösung des klassischen Phasenmodells bei und führten zu einem Nebeneinander von Beruf und Familie, was in den 1990er Jahren verstärkt zur Diskussion um die Vereinbarkeitsproblematik führte (vgl. Jürgens 2010: S. 492). In Verbindung mit pluralisierten Lebensformen und Individualisierung werden damit seitens der Beschäftigten Ansprüche an eine individuelle Gestaltung des Alltags und des Lebenslaufs deutlich und eine Abwendung von starren zeitlichen Restriktionen verständlich.

Seit den 1980er Jahren sind entsprechende Tendenzen in der Arbeitswelt zu finden, die sich einerseits eine Verschiebung der Arbeitszeit, wie bei der Schichtarbeit, und andererseits eine variable Verteilung der Arbeitszeit, wie zum Beispiel bei der Gleitzeit, zur Folge haben. So entwickelten sich verschiedene Arbeitszeitmodelle, welche eine anpassungsfähige Regulation der Arbeitszeit in Hinblick auf die Dauer (z.B. Teilzeitarbeit), die Lage (z.B. Nachtarbeit) und auch die Verteilung der Arbeitszeit (z.B. Gleitzeit) ermöglichen (vgl. Seifert 2005. S. 43). Da sich die vorliegende Arbeit mit den Auswirkungen der Regulation in der Verteilung der Arbeitszeit beschäftigt, meinen flexible Arbeitszeiten im Folgenden die Möglichkeit, die Arbeitszeit variabel verteilen zu können. Von einer solchen selbstgesteuerten variablen Arbeitszeitverteilung wird dann gesprochen, „wenn die täglichen Anfangs- und Endzeiten nicht konstant für einen definierten Zeitraum festgelegt sind, sondern nach Maßgabe der betrieblichen Erfordernisse oder auch nach der persönlichen Zeitbedarfe der Beschäftigten variiert werden können“ und wenn die Beschäftigten zudem „einen Spielraum bei der Festlegung der täglichen Arbeitszeit haben“ (Bauer et al. 2004: S. 84).

Entscheidend für die Entwicklung zur Arbeitszeitflexibilisierung ist das Verhältnis zwischen der Anforderung an Flexibilität von Betrieben und dem Autonomiebedürfnis von Beschäftigten (vgl. Promberger 2005: S. 34). Das heißt, dass Arbeitgeber einen Nutzen durch flexible Arbeitszeiten in Hinsicht auf eine bessere Anpassung an die Auftragslage sowie eine höhere Produktivität der Arbeitskräfte sehen. Während flexible Arbeitszeitmodelle, die sich auf Dauer und Lage beziehen, dazu dienen, die zeitliche Nutzung der Kapitalerwirtschaftung in der „Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft“ optimieren, sollen variable Arbeitszeiten den Arbeitseinsatz minimieren, indem sie Arbeitszeit möglichst eng mit einer schwankenden Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen synchronisieren (vgl. Seifert 2005: S.45, 54). Doch besonders bei einer flexiblen Verteilung der Arbeitszeiten sehen auch Arbeitnehmer Vorteile, da sie die Möglichkeit einer eigenständigen Arbeitszeitgestaltung schätzen. Deren Wunsch nach Zeitsouveränität und einer Vereinbarkeit von Arbeits- und Lebenszeit ließ Flexibilisierung in der Verteilung der Arbeitszeit in den letzten Jahrzehnten zu einem wünschenswerten Parameter in der Arbeitswelt werden. Schaut man sich auf den Internetseiten großer Unternehmen um, ist auch erkennbar, dass Firmen diesen Wunsch aufgreifen und mit Angeboten bezüglich flexibler Arbeitszeiten werben. In einer Broschüre des Autoherstellers BMW werden zum Beispiel Work-Life-Balance Maßnahmen angepriesen und die Rücksicht auf persönliche zeitliche Interessen von Mitarbeitern betont. Damit werde BMW „dem Image als einem der attraktivsten Arbeitgeber der Welt gerecht“. Betriebliche Ziele wie Unternehmensbindung und Bedarfsorientierung werden zwar explizit genannt, aber durch eine „Win-Win-Situation“, d.h. beidseitigem Nutzen, gerechtfertigt.

Es zeigt sich insgesamt eine zunehmende Akzeptanz und Verbreitung flexibler Arbeitszeitgestaltung auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite. Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten im Jahr 2010 36% der Beschäftigten in flexiblen Arbeitszeitregelungen. Darunter war mit 24% das Arbeitszeitkonto die häufigste Form, darunter arbeiteten 10% in reiner Gleitzeit und 2% völlig flexibel. Im Gegensatz dazu, arbeiteten 58% in festgelegten Arbeitszeiten (vgl. Statistisches Bundesamt 2012: S.31). Inwiefern sich die flexiblen Arbeitszeiten auf die Arbeits- und Lebenszeit der Beschäftigten auswirkt, welche Chancen und Risiken sich damit verbinden, soll das nun folgende Kapitel klären.

3. Chancen und Risiken flexibler Arbeitszeitmodelle

Mittlerweile hat sich die Arbeitszeitforschung intensiv mit flexiblen Arbeitszeitmodellen auseinandergesetzt. Die Beschäftigung mit deren Auswirkungen wird interdisziplinär untersucht, wobei unterschiedliche Perspektiven von Bedeutung sind. In der Psychologie ist beispielsweise von Interesse, inwieweit sich diese auf Gesundheit, Wohlbefinden und psychische Stabilität auswirken. In der betriebswirtschaftlichen Literatur finden sich hauptsächlich im Bereich des Human Research Managements Argumente, die eine Einführung flexibler Arbeitszeitmodelle befürworten. Hauptsächlich rücken hier neben unternehmerischer Vorteile positive Auswirkungen wie eine verbesserte Work-Life-Balance und die daraus resultierende erhöhte Mitarbeitermotivation aufgrund gestiegener Zufriedenheit in den Vordergrund. In der soziologischen Perspektive wird besonders auf die erhöhte Zeitsouveränität eingegangen und, als Folge dessen, eine gestiegene subjektive Zeitökonomie festgestellt. Damit verbunden sind eine Entgrenzung von Arbeit und Leben sowie eine Subjektivierung der Arbeit festzustellen. Es wird davon ausgegangen, dass sich durch verminderte Arbeitszeitkontrolle auf Arbeitgeberseite der Bezug zu Arbeit und Arbeitszeit ändert. Das Modell des Arbeitskraftunternehmers weist auf einen sich neu etablierenden Typus von Arbeitskraft hin. Im Folgenden soll einzeln auf diese Aspekte eingegangen werden.

3.1. Work-Life-Balance

Zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen stellte Beschäftigte vor die Herausforderung, Arbeits- und Familienleben miteinander zu vereinbaren, woraufhin Maßnahmen wie mehr Kinderbetreuung, aber auch vermehrt Teilzeitarbeit und flexible Arbeitsprogramme gefordert und umgesetzt wurden. Jedoch blieb das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Problem der Frauen. Individualisierung, eine Pluralisierung von Lebensformen, aber auch der gestiegene Wunsch nach Selbstverwirklichung lassen aber nicht nur unter Müttern Ansprüche an eine sinnvolle Organisation von Lebensführung und Alltagsorganisation wachsen. Deshalb führten diese gesellschaftlichen Veränderungen zu einem Begriffswechsel hin, in dem das Ausbalancieren von Erwerbs- und Privatzeit gleichermaßen für Männer und Frauen sowie unabhängig vom Familienstand einbezogen wird (vgl. Jürgens 2010: S. 485).

Zu den zentralen Bestandteilen einer Work-Life-Balance zählt nicht nur eine erleichterte Ver-einbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch die Möglichkeit, Erfolg und Zufriedenheit im Beruf, ein glückliches Familienleben und erfüllende soziale Beziehungen im Privatleben sowie Raum zur eigenen Selbstentfaltung und Erhaltung der Gesundheit zu haben (vgl. Schneider 2007: S.65). Dies alles erfordert Zeit, die dem Arbeitnehmer für die Arbeit nicht zur Ver-fügung steht. Da sich dies aber wiederrum positiv auf die Arbeitsleistung auswirkt, zielen personalpolitische Entscheidungen auch seitens der Betriebe zunehmend auf Maßnahmen, die eine bedarfsgerechte Gestaltung von Arbeits-, Familien- und Freizeit erlauben.

Eng verbunden mit einer Work-Life-Balance ist das Konzept der Lebensführung, welches die Leistung der Menschen beschreibt, widersprüchliche Anforderungen der unterschiedlichen Lebensbereiche zu harmonisieren (vgl. Jürgens 2010: S. 15). Diese Lebensbereiche sind nicht klar voneinander zu trennen und stehen miteinander in Wechselwirkung. Zum Beispiel kann eine alleinerziehende Mutter sich nicht ungefragt vorgegebenen Schichtarbeitszeiten unterwerfen, sondern muss die eigene Zeitverteilung strukturieren. Subjekte müssen also Arbeits- und Lebensbereiche integrativ zusammenführen und einen Modus der Be- und Verarbeitung entwickeln. Balance meint in diesem Zusammenhang, sich den steigenden Anforderungen in den Lebensbereichen zu stellen und Arbeitsaufgaben sowie Reproduktion gleichermaßen nachzukommen (vgl. ebd., S. 501). Für die eigene Lebensführung sind dabei persönliche Aushandlungsprozesse für die Zeitgestaltung von entscheidender Bedeutung. Die Möglichkeit, über die Arbeitszeit selbst mitzubestimmen, bietet eine alltagsnahe Lebensführung, die sich an situativen Gegebenheiten oder persönliche Bedürfnisse anpassen kann. Besonders bei Eltern, die ihre Arbeitszeit mit Betreuungszeiten abgleichen müssen, reduzieren sich Zeitnöte durch die Beschäftigung in Gleitzeitsystemen.

Work-Life-Balance, und damit ein Ausgleich zwischen Arbeits-, Familien- und Freizeit, erfordert aber zahlreiche individuelle Kompetenzen. Um Freizeitansprüche geltend zu machen, ist zunächst die Definition eigener Zeitinteressen erforderlich, wobei nach den Regeln des Zeitmanagements Präferenzen und Wichtigkeit in der Zeitgestaltung abzuwiegen sind. Weiterhin muss der Wunsch, Arbeitszeit an einem bestimmten Tag zu verringern, häufig unter den Kollegen und Vorgesetzten ausgehandelt und abgeklärt werden, was Kommunikation, Verhandlungsführung sowie Antizipation verschiedener Interessen erfordert (vgl. Jürgens 2005: S. 182). Doch nicht alle Menschen haben diesbezüglich die gleichen Fähigkeiten und tendieren dazu, den Verfügbarkeitsanforderungen im Unternehmen Vorrang gegenüber der privaten Zeit zu gewähren. Dies kann jedoch weitreichende Konsequenzen für das familiäre Zusammenleben haben und auch zu einem Rückzug aus dem sozialen Umfeld zur Folge haben (vgl. Hielscher 2005: S. 294).

Zusammenfassend ist eine Work-Life-Balance also nicht wie es beispielsweise die obengenannte BMW-Werbung suggeriert, eine Folge von flexiblen Arbeitszeiten, sondern muss durch das Individuum selbst aktiv hergestellt werden. Eine Mitbestimmung über die Verteilung der Arbeitszeit bietet jedoch gegenüber starren vorgegebenen Arbeitszeiten den entscheidenden Vorteil, Arbeits- und Lebensbereiche nach eigenen Interessen zeitlich gestalten und damit miteinander in Einklang bringen zu können.

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Details

Seiten
37
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656653042
ISBN (Buch)
9783656653011
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273015
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
risiken chancen arbeitszeiten

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Titel: "Ich arbeite wann ich will." Risiken und Chancen flexibler Arbeitszeiten