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Die Mensch-Tier-Beziehung in der Soziologie

Ein Essay über Geschichte und Aktualität des Tiers in der Gesellschaft

Hausarbeit 2014 16 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Mensch-Tier-Beziehung im historischen Kontext
2.1 Geschichtliche Entwicklung
2.1.1 Beginn der Menschheit
2.1.2 Beginn der Landwirtschaft
2.1.3 Zeitalter der Antike
2.1.4 Franz von Assisi und Thomas von Aquin - 13. Jahrhundert
2.1.5 Zeitalter der Renaissance
2.1.6 Aufklärung - 17. Und 18. Jahrhundert
2.1.7 Zeitalter der Industrialisierung
2.2 Die Mensch-Tier-Beziehung in der weiteren philosophischen Überlieferung

3. Die Mensch-Tier-Beziehung in der Soziologie
3.1 Birgit Mütherich: Tier-Begriff und Mensch-Tier-Dualismus
3.2 Max Weber und sein Zugang zum Tier
3.3 Körpersoziologie und ihr Zugang zum Tier

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den letzten Jahren hat sich ein neuer interdisziplinärer Forschungszweig entwickelt, der sowohl die Natur- als auch die Geisteswissenschaften umfasst. Die Human Animal Studies beschäftigen sich mit den Verhältnis zwischen Mensch und Tier. In der Soziologie wurden lange Zeit Tierstudien vernachlässigt, was an der anthropozentrischen Ausrichtung dieser Wissenschaft zu tun hat. In den letzten Jahren hat sich die Zahl an soziologischen Studien und Arbeiten zum Thema Mensch-Tier-Beziehungen allerdings stark vergrößert. Die Soziologin und Tierrechtlerin Birgit Mütherich hat mit ihrem Werk „Die Problematik der Mensch-Tier-Beziehung in der Soziologie“ soziologische Pionierarbeit geleistet zum Bereich der Tier-Studien. In dieser Arbeit soll zunächst die Mensch-Tier-Beziehung in einem historischen Lichte betrachtet werden. Anschließend sollen kurz theologische und philosophische Überlegungen zum ethischen Umgang mit Tieren dargestellt werden, um dann zu soziologischen und insbesondere körpersoziologischen Überlegungen überzuleiten.

2. Die Mensch-Tier-Beziehung im historischen Kontext

Um die Komplexität der Beziehung zwischen Mensch und Tier zu verdeutlichen, wird in diesem Kapitel die geschichtliche Entwicklung des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier erläutert. Im Anschluss sollen philosophische Ideen zum ethischen Umgang mit Tieren gezeigt werden, um zu den Überlegungen über Mensch-Tier-Beziehungen in der Soziologie überzuleiten. Auf einen körpersoziologischen Diskurs soll dabei ein besonderer Schwerpunkt gesetzt werden. Der Schluss dieser Arbeit soll darin bestehen, aufzuzeigen, welche körpersoziologischen Untersuchungen zur Mensch-Tier-Beziehung lohnenswert erscheinen.

2.1 Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung

Seit Anbeginn der Menschheit leben Menschen mit Tieren zusammen. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert. Dies betrifft sowohl Veränderungen in der Art und Weise des Zusammenlebens, als auch Veränderungen der menschlichen Einstellung dem Tier gegenüber

2.1.1 Beginn der Menschheit

In den ersten Jahren der Menschheit war der Mensch als Jäger und Sammler der Natur eng verbunden. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier war kein von Überlegenheit geprägtes. Tiere galten als gleichwertige „Mitgeschöpfe“ (vgl. Münch 2001, S. 21). „… der Mensch (konnte) stets gleichzeitig auch ein Tier sein, wie umgekehrt Tiere gleichzeitig als Erscheinungsformen lebender Menschen galten“ (Greiffenhagen 2007, S. 17). Später im Paläolithikum (Altsteinzeit) übernahm der Mensch mehr und im Mesolithikum (Mittelsteinzeit) fast vollständig die Jägerrolle in der Jäger- / Beute- Beziehung (vgl. ebd.).

Tiere dienten dem Menschen hauptsächlich als Nahrungs- und Kleidungslieferant. Um Tiere für diese Zwecke menschlicher Kontrolle unterziehen zu können, wurden raubtierische Verhaltensweisen wie z.B. das Anschleichen von Löwen, Hyänen und anderen Arten abgekupfert. Da der Erfolg der Jagd auch von dem Wissen über das Tier abhängig war, studierten Jäger das Verhalten der Jagdtiere intensiv. So wurden Kenntnisse über Tagesrhythmus, Herdenstruktur, Paarungsverhalten und Paarungs-, Trag- und Wurfzeiten erlangt. Ebenso bedeutsam waren Anatomie, Biologie und Physiologie der Beutetiere (vgl. ebd.). Durch die Zunahme dieses Wissens wurden Jagdmethoden verfeinert.

2.1.2 Beginn der Landwirtschaft

Als die Menschen sesshaft wurden und begannen, Land- und Viehwirtschaft zu betreiben, war das bis dahin erworbene Wissen sehr hilfreich für die Domestikation von Tieren. Zu dieser Zeit traten erste große Veränderungen in dem Verhältnis zwischen Menschen und Tieren ein. „Die Nutzbarmachung von Ackerböden und die Haltung von Tieren nahmen erheblichen Einfluss auf die bis dahin friedliche Koexistenz“ (Frömming (2006): S. 4). Die Domestikation kann als Herrschaft über das Tier gedeutet werden, da der Mensch nun eine Art Dauerherrschaft über das Tier erlangte (vgl. Münch 2001, S. 21). Sie entschieden nicht nur über Leben und Tod der eigen gehaltenen Tiere, sondern züchteten durch präzise Auswahl Tiere, die gut für das Zusammenleben mit Menschen geeignet waren. Es ist kein Zufall, dass der Beginn der Viehzucht und die Domestikation des Wolfes, um einen Partner für den Menschen zu gewinnen, gleichzeitig entstand. Der Mensch hatte von nun an Verantwortung für das Wohl seiner Tiere und ein Tier konnte erstmals ein Partner für den Menschen sein (vgl. Frömming 2006, S. 5). Körner (1996, S. 32) sieht dieses Verhältnis zwischen zwei Polen: „… der Verwendung, der Kontrolle einerseits und der Sehnsucht nach dem ,Bruder Tier‘, der Hingabe andererseits.“

2.1.3 Zeitalter der Antike

Im Zeitalter der Antike prägten einige Vorsokratiker, wie z.B. Pythagoras, Platon und Aristoteles die Einstellung der Menschen zu Tieren (vgl. Münch 2001, S. 22). Pythagoras schrieb nicht nur Menschen, sondern auch Tieren Vernunft zu (ebd.). Ebenso wie Platon ging er davon aus, dass die Seelen verstorbener Menschen auf Tiere übergingen. Aus diesem Grund verachtete er den Verzehr von Fleisch und ermutigte seine Schüler, Tiere respektvoll zu behandeln (vgl. Kaplan 2006, S. 5).

Aristoteles veränderte diese Sichtweise (vgl. Kaplan 2003, S.5). Er vertrat die Meinung, dass Tiere zum Zwecke des Menschen existierten. Dies ließe sich durch eine Hierarchie in der Natur erklären. Demnach seien jene mit geringen Verstandeskräften zum Nutzen derer mit größeren Verstandeskräften da. D.h. Pflanzen existierten für Tiere und Tiere für Menschen. Mit dieser Sichtweise wurde nicht nur die untergeordnete Stellung des Tieres begründet, sondern gleichzeitig auch eine Legitimation für dessen Unterwerfung geschaffen (vgl. Otterstedt 2003a, S. 20).

2.1.4 Franz von Assisi und Thomas von Aquin - 13. Jahrhundert

Im 13. Jahrhundert regte der heilige Franz von Assisi einen ersten Wandel des Mensch-Tier-Verhältnisses an. Er bezeichnete Tiere als „Brüder“ und schrieb ihnen eine Wahrnehmungsfähigkeit zu (vgl. Otterstedt 2003a, S. 22). Auch der einflussreiche dominikanische Philosoph Thomas von Aquin ging davon aus, dass Tiere Eigenschaften wie Ziel- und Zweckorientierung, Einsichts- und besitzen. Mit der Aussage: „Ein verändertes Verhalten des Menschen zu den Tieren wird auch Einfluß auf das Verhalten der Menschen untereinander haben" (Tomas von Aquin, zitiert nach Otterstedt 2003a, S. 22) erstellte er die These, dass brutales und rücksichtsloses Verhalten der Menschen gegenüber Tieren zu ähnlichem Verhalten der Menschen untereinander führen könne (vgl. ebd.). Die Ethik der Brüderlichkeit steht in der Tradition des heiligen Franz von Assisi. Seine Ethik ist nicht systematisiert, jedoch entsteht aus den überlieferten Handlungen und den theologischen Überlegungen, die sein Biograph Thomas von Celano übermittelt hat ein Torso des ethischen Systems (vgl. Teutsch 1983, S. 19). Zahlreiche Fälle, in denen er verschiedenen Tieren geholfen hat, sind überliefert.

2.1.5 Zeitalter der Renaissance

In der Renaissance, dem Zeitalter des Humanismus, wurden die Gedanken von Assisi und Aquin kaum weitergeführt. Der Mensch stand erneut im Mittelpunkt (vgl. Kaplan 2006, S. 8). Der Fokus wurde auf den Verstand und die Selbstkontrolle des Menschen gelegt und damit grenzte er sich von den „verstandeslose(n) Triebwesen“ (Mütherich 2000, S. 32), den Tieren, ab, die als „Objekte menschlicher Verfügungszwecke“ (ebd.) betrachtet wurden. Abweichend von dieser Einstellung entstand jedoch auch eine gegensätzliche Auffassung. Das Universalgenie Leonardo Da Vinci bezeichnete das Töten von Tieren als gleichwertiges Verbrechen wie das Töten von Menschen und plädierte für die respektvolle Behandlung der Tiere (vgl. Kaplan 2006, S. 8). Der französische Philosoph Michel de Montaigne vertrat ähnliche Einsichten. Er wies Möglichkeiten der nonverbalen Kommunikation zwischen Mensch und Tier nach und zeigte somit, dass eine soziale Beziehung zwischen beiden Lebewesen möglich ist (vgl. Mütherich 2000, S. 32 f.). Seine Denkansätze sind noch heute für die nonverbale Begleitung von Menschen bedeutsam (vgl. Abschnitt 4.3.1.2).

2.1.6 Aufklärung - 17. Und 18. Jahrhundert

Ein bedeutender Wendepunkt wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit der Philosophie von René Descartes erreicht. Der Naturforscher, Mathematiker und Philosoph sah das Tier als eine Maschine, die von den Händen Gottes erschaffen wurde. Nach Descartes funktionierten diese Maschinen Automaten nach einem komplexen mechanischen Prinzip, ohne durch ein Bewusstsein gesteuert zu sein (vgl. Otterstedt 2003a, S. 24; Frömming 2006, S. 6). Aus dem angeblich fehlenden Bewusstsein, der fehlenden menschlichen Sprache und der angeblich nicht vorhandenen Vernunft der Tiere folgerte Descartes, dass diese auch keine Seele besäßen. „Dies hatte zur Folge, dass ihnen gleichzeitig psycho-physische Fundamentalkategorien wie Schmerzerleben und Leiden abgesprochen wurden.“ (Mütherich 2000, S. 35). Die Schreie von Tieren, die geschlagen wurden, setzte Descartes mit Geräuschen einer Saite gleich, die angeschlagen wurde. Der gesamte Körper sei jedoch ohne Gefühl - wie ein Uhrwerk, nur komplexer (vgl. Kaplan 2003, S. 9). Diese Denkweise beeinflusste die Einstellung vieler Menschen den Tieren gegenüber und das Verhältnis zu ihnen. So waren grausame Untersuchungen am lebenden Tier möglich, förderten sie schließlich den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn (vgl. Frömming 2006, S. 6; Otterstedt 2003a, S. 24). Erst im 18. Jahrhundert schafften es bedeutende Persönlichkeiten, wie z.B. der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau, eine neue Richtung für das Verhältnis zwischen Mensch und Tier einzuschlagen (vgl. Otterstedt 2003a, S. 24). Er sprach sich für die Rechte von Tieren aus und lehnte den Verzehr von Fleisch ab. In seinen ethischen Reflexionen nahm er nicht mehr ausschließlich die geistigen Fähigkeiten der Tiere als Maßstab. Er stellte vielmehr Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Tieren in den Bereichen der Sensibilität und des Fühlens fest (vgl. ebd., S.25). Diese Erkenntnisse bewirkten menschliche Verpflichtungen und Verantwortung dem Tier gegenüber und lösten Tierrechtsgedanken aus, die zu ersten Tierschutzbewegungen führten (vgl. Kapitel 2.2 dieses Buches).

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Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656654483
ISBN (Buch)
9783656654476
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273158
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Schlagworte
tierrechte mensch-tier human animal studies körpersoziologie tiere und sprache

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Titel: Die Mensch-Tier-Beziehung in der Soziologie