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Ludwig II von Ostfranken im Konflikt mit seinen Söhnen

Welchen Einfluss hatte die körperliche und geistige Gesundheit auf die Beziehung innerhalb der Königsfamilie?

von Carolin Brechtler (Autor)

Wissenschaftlicher Aufsatz 2014 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Charakter Ludwigs II

3. Ludwig II und seine Söhne
3.1 Eine ganz normale Karolinger-Tradition?
3.2 Vater-Sohn-Konflikte in den Quellen

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der Karolingerkönig Ludwig II war ein Sohn Ludwigs des Frommen und damit ein Enkel Karls des Großen. Zu seinen Lebzeiten (um 806 bis 876)[1] befand sich das Reich der Karolinger im Umbruch. Durch den Tod Karls des Großen musste sein großes Reich unter seinen Nachkommen aufgeteilt werden und kam so schnell nicht wieder zu Ruhe. Ludwig II wurde 826 zunächst Unterkönig in Baiern und 843[2] schließlich König des ganzen Ostfrankenreichs, also des fränkischen Gebiets östlich des Rheins[3]. Aus diesem Grund wurde ihm zur Unterscheidung von seinem Vater der Beiname „der Deutsche“ gegeben. Der Beiname ist bis heute umstritten, weswegen ich in dieser Arbeit den Namen „Ludwig II“ verwende. Trotzdem ist die Gründung des Ostfrankenreichs 843 mit dem Vertrag von Verdun von Bedeutung für diese Hausarbeit, denn sie ist besonders für den Streit unter den Karolingern. Ich möchte mich in dieser Arbeit auf persönlicher Ebene mit engen Verwandten Ludwigs II auseinandersetzen, denn wenn Könige sich streiten und wieder versöhnen, hat das direkte politische Folgen[4]. Genau das ist zu Lebzeiten Ludwigs II häufiger passiert und ging nicht selten von ihm selbst aus, weswegen er im Mittelpunkt meiner Betrachtungen steht.

Die ausufernden Streitigkeiten wurden zwischen unterschiedlichen Parteien geführt. Mal revoltierten Ludwig II und seine Brüder, Lothar, Pippin und Karl, in verschiedensten Bündnissen gegen ihren Vater Ludwig den Frommen. Die Brüder kämpften aber auch untereinander um Macht und Gebiete.

Für dieses Format erscheinen mir die Konflikte zwischen Ludwig II und seinen Söhnen aus quantitativen Gründen am passendsten. Außerdem stieß ich in den Jahrbüchern von St. Bertin zum Jahr 854 auf folgende Aussage, die mich dazu veranlasste, wenigstens in einigen Fällen einen Zusammenhang zwischen Gesundheit, also geistiger und körperlicher Verfassung, und Politik zu ziehen: „Lothar erkrankte, was den Brüdern Ludwig und Karl Anlaß gab, sich wieder miteinander zu versöhnen:“[5] Aus diesen beiden Gründen möchte ich mich auf folgende Fragestellung beschränken:

Waren Konflikt und Versöhnung zwischen Ludwig II und seinen drei Söhnen abhängig von Erkrankung und Genesung der Beteiligten? Welchen Einfluss hatte sowohl die körperliche als auch geistige (dazu zähle ich auch Charaktereigenschaften, soweit belegbar) Gesundheit auf die Beziehung innerhalb der Königsfamilie?

Meine Hypothesen möchte ich anhand einer Quellenarbeit an Quellen der Freiherr-von-Stein-Gedächtnisausgabe überprüfen, die da wären:

Jonas, Bischof von Orléans, [Unterweisung für den König.] Mahnwerk

Thegan – Das Leben Kaiser Ludwigs

Das Leben des Kaiser Ludwigs vom sog. Astronomus

Jahrbücher von St. Bertin

Xantener Jahrbücher

Jahrbücher von Fulda

Regino Chronik

Notker Taten Karls

Doch zunächst möchte ich durch Zuhilfenahme aktueller Literatur von Wilfried Hartmann ein Bild des Königs skizzieren, das der Quellenarbeit zugrunde liegen wird. Anschließend werde ich eine kurze Einführung in die Vater-Sohn-Konflikte zu Zeiten Ludwigs II geben und dann schließlich anhand der angegebenen Quellen meine Hypothese prüfen.

2. Der Charakter Ludwigs II

Die Beschreibungen mittelalterlicher Könige sind durch ihre plakative Art meist nicht zur Rekonstruktion realer Personen, etwa ihres Aussehens, geeignet. Fast jeder Herrscher wird irgendwann als schön oder stark etc. beschrieben, ohne dabei eine reale Person zu beschreiben. Doch es gibt in den zeitgenössischen Quellen auch ungewöhnliche Geschichten, die nicht nur einen gewissen Unterhaltungswert besitzen, sondern auch Rückschlüsse auf den Charakter Ludwigs II zulassen, vorausgesetzt sie entsprechen der Wahrheit.

Da wäre zum Beispiel die Geschichte vom selbstbewussten sechsjährigen Ludwig in Notkers Taten Karls: „Als er nämlich die ersten sechs Jahre im Haus seines Vaters sehr sorgfältig aufgezogen war und man ihn nicht mit Unrecht für weiser ansah als sechzigjährige Männer, da nahm sein gütiger Vater, der es kaum erwarten konnte, ihn seinem Großvater vorzuführen, ihn von der Mutter [Anm.: Ludwigs des Frommen erste Frau Irmgard oder Irmingard[6]], die ihn sehr verwöhnt hatte, weg und begann ihn zu unterweisen, wie ernsthaft und wie ehrfurchtsvoll er sich vor dem Kaiser benehmen und auf eine Frage antworten und überhaupt ihm zu Diensten sein müsse. Und dann nahm er ihn mit in den Palast. Als ihn nun am ersten oder zweiten Tage der Kaiser inmitten der übrigen Pagen mit forschenden Augen betrachtete, sagte er zu seinem Sohn: Wem gehört dieser Knabe? Und als dieser ihm erwiderte: Mir, und wenn Ihr wollt, Euch, da bat er ihn sich aus mit den Worten: Laß ihn mir! Dies geschah, der erhabene Kaiser küßte den Knaben und schickte ihn dann zurück auf seinen alten Platz. Der aber wußte nun um seine Würde und verschmähte es hinter jemand nächst dem Kaiser zurückzutreten: er nahm seinen Mut zusammen, gab sich eine vorzügliche Haltung und stellte sich in gleiche Reihe mit seinem Vater. Als der umsichtige Karl das bemerkte, nahm er seinen Sohn Ludwig bei Seite und hieß ihn seinen Namensgenossen fragen, warum er das tue und mit welcher Zuversicht er sich seinem Vater gleichzustellen wage. Dieser aber gab ihm die verständige Antwort: Solange ich Euer Vasall war, war mein Platz, wie sich gebührte, hinter Euch inmitten meiner Gefährten; jetzt aber als Euer Genosse und Gefährte bin ich nicht im Unrecht, wenn ich mich Euch gleichstelle. Als das Ludwig dem Kaiser berichtete, tat dieser etwa folgende Äußerung: Wenn dieser Knabe am Leben bleibt, wird er etwas Großes sein.“[7] Ist die Anekdote wahr, so spricht das für einen sehr selbstbewussten Ludwig II, der aber als unbedarftes bzw. unschuldiges Kind dargestellt wird. Hartmann hält diese Geschichte für möglich und erklärt das Verhalten des Jungen damit, dass er den Kuss des Großvaters nicht Ausdruck seiner Zuneigung verstand, sondern „als Aufnahme in den Kreis der kaiserlichen Vasallen [...]“[8].

Dem erwachsenen Ludwig werden weitere königliche Eigenschaften nachgesagt, wieder belegt durch Notker. Der wird nicht müde Ludwigs II scharfen Verstand und besonders dessen Frömmigkeit zu loben: „[...] einzigartig an Weisheit, die er unablässig, gestützt auf seinen scharfen Verstand, in steter Beschäftigung mit den Schriften zu vermehren suchte. Darum verfügte er auch über eine unvergleichliche Gewandtheit, allen Anschlägen seiner Feinde zuvorzukommen oder sie zu zerstören, die Streitigkeiten seiner Untertanen zu schlichten und seinen Getreuen jeglichen Vorteil zu verschaffen. Gegen alle Heiden ringsum zeigte er sich immer wieder noch furchtbarer als alle seine Vorfahren. Und das mit Recht: denn niemals befleckte er gegenüber Christen seine Zunge durch ein Urteil und seine Hände durch Blutvergießen, abgesehen von einem Fall äußerster Notwendigkeit. Von dem wage ich aber nicht […] zuberichten […]. Seit dieser Bluttat[9] ließ er sich niemals irgendwie dazu verleiten jemand zum Tode zu verurteilen […] Zum Beten und zum Fasten sowie zum Dienste Gottes war er vor allen Menschen so eifrig bereit, daß er nach dem Beispiel des heiligen Martin bei allem, was er auch tat, immer den Herrn im Gebet vor sich zu haben schien.“[10] Auch wenn diese Beschreibung sehr einem Nachruf gleicht und sicher übertrieben ist, so deutet sich doch ein gewisser brauchbarer Führungsstil an. Anscheinend hatte Ludwig II ein Talent im Umgang mit Menschen, verstand aber keinen Spaß mit seinen Feinden. In den Xantener Jahrbüchern wird sein Regierungsstil sogar mit denen seiner Brüder verglichen, wobei Ludwig II besonders gut wegkommt: „Ludwig, der Sohn des Kaiser Ludwig [herrscht] weiser und gerechter als die übrigen [Könige]“[11] Frommer Christ zu sein ist unter mittelalterlichen Königen kein Alleinstellungsmerkmal, wird jedoch in Verbindung mit Ludwig II häufig erwähnt, unter Umständen trug er zu seiner Zeit sogar den Beinamen „der Fromme[12]“ bzw. lateinisch „pius“ „Zu den zeitgenössischen Belegen für den Beinamen pius für Ludwig den Deutschen zählt auch eine Münzprägung, die ihn HLUDOVVICUS PIUS REX nennt.“[13] Trotz aller Frömmigkeit hatte Ludwig wohl auch ein ausgeprägtes Faible für Waffen und zur Selbstdarstellung, wenn man den Berichten Notkers glauben darf: „Als die Normannenkönige jeder nach seiner Ergebenheit ihm Gold und Silber zum Zeichen ewiger Unterwerfung und Übergabe ihre Schwerter schickten, ließ der König das Geld auf den Boden werfen, daß niemand es anders als mit Verachtung ansehe, sondern vielmehr alle es wie Kot mit Füßen treten. Die Schwerter aber ließ er auf hohem Throne sitzend sich übergeben, um sie zu probieren. Nun streckten die Gesandten in der Besorgnis, es könnte gegen sie ein unglücklicher Verdacht entstehen, ihre Schwerter so wie Diener ihren Herren die Messer am äußersten Ende fassend zu übergeben pflegen, dem Kaiser hin auf ihre eigene Gefahr. Als er nun eines davon am Griff hielt und die Klinge von der Spitze zum Griff hin zu biegen versuchte, zerbrach es in seinen Händen, die stärker waren als das Eisen.“[14]

[...]


[1] Hartmann, Wilfried: Ludwig der Deutsche – Portrait eines wenig bekannten Königs; In: Hartmann, Wilfried (Hrsg.): Ludwig der Deutsche und seine Zeit, Darmstadt 2004; S. 1-26. S. 1

[2] Die Reichsannalen mit Zitaten aus den sog. Einhardsannalen, in: Rau, Reinhold (Bearb.); Abel, O. (ÜberS. ): Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Teil 1 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 5), unveränderter fotomechanischer Nachdruck der Ausgabe 1955, Darmstadt 1974, S. 1-156, S. 113

[3] Hartmann, Wilfried: Ludwig der Deutsche ( Herde, Peter (Hrsg.): Gestalten des Mittelalters und der Renaissance) Darmstadt 2002. S. 1

[4] Hartmann 2004, S. 8: „Das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen war in der karolingischen Familie immer ein Problem. Es gibt seit Karl dem Großen eigentlich keine Generation, in der es nicht zu Aufstandsversuchen oder Aufständen der mit ihrer Rolle unzufriedenen Söhne gekommen wäre, und auch der Familie Ludwigs des Deutschen bleiben derartige Schwierigkeiten nicht erspart.“

[5] Jahrbücher von St. Bertin, in: Rau, Reinhold (Bearb.); Jasmund, J.v. (ÜberS. ): Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Teil 2 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 6), Unveränderter reprographischer Nachdruck der Ausgabe Darmstadt 1969, Darmstadt 1972, S. 11-288, S. 89

[6] Thegan – Das Leben Kaiser Ludwigs, in: Rau, Reinhold (Bearb.); Abel, O. (ÜberS. ): Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Teil 1 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 5), unveränderter fotomechanischer Nachdruck der Ausgabe 1955, Darmstadt 1974, S. 213-254, S. 219: „Als aber der genannte Ludwig [der Fromme] das männliche Alter erreicht hatte, verlobte er sich mit der Tochter des sehr edlen Herzogs Ingoram […] Diese Jungfrau aber hieß Irmingard, die er nach dem Tat und mit der Beistimmung seines Vaters zur Königin machte. Und noch zu Lebzeiten des Vater bekam er von ihr drei Söhne, von denen der eine Lothar, der zweite Pippin, der dritte wie er selbst Ludwig genannt wurde.“

[7] Notker Taten Karls, in: Rau, Reinhold (Bearb.); Rehdantz, C. (ÜberS. ): Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Teil 3 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 7), zweite durchgesehene Auflage, Darmstadt 1969, S. 321-427, S. 395.

[8] Hartmann 2004 S. 6

[9] Laut Hartmann 2004 S. 12f. handelt es sich bei der Bluttat um ein Strafgericht unter aufständischen Sachsen 842, von dem die Annalen von St. Bertin berichten: Jahrbücher von St. Bertin, S. 59: „Ludwig, der ganz Sachsen durchzog, unterwarf alle, die ihm bisher widerstanden hatten, durch Gewalt und Schrecken: nachdem alle gefangen genommen waren, die Anstifter der großen Freveltat gewesen waren, die den christlichen Glauben verlassen und ihm und seinen Getreuen so heftigen Widerstand geleistet hatten, ließ er hundertundvierzig köpfen, vierzehn am Galgen aufhängen, eine ungeheure Menge verstümmeln und keinen am Leben, der sich noch irgendwie gegen ihn auflehnte.“

[10] Notker S. 397ff.

[11] Xantener Jahrbücher, in: Rau, Reinhold (Bearb.); Jasmund, J.v. (ÜberS. ): Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Teil 2 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 6), Unveränderter reprographischer Nachdruck der Ausgabe Darmstadt 1969, Darmstadt 1972, S.339-372, S. 363

[12] Was eine Unterscheidung zu seinem Vater Ludwig dem Frommen sehr erschweren würde.

[13] Hartmann 2002 S. 23

[14] Notker S. 421

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656650072
ISBN (Buch)
9783656650140
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273306
Note
Schlagworte
ludwig ostfranken konflikt söhnen welchen einfluss gesundheit beziehung königsfamilie

Autor

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    Carolin Brechtler (Autor)

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