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Tiere und Welten in E.T.A. Hoffmanns "Der goldene Topf"

Die Grenzen zwischen Einbildung und Realität

Hausarbeit 2013 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kunstmärchen

3. Tiere, Symbole und Metaphern
3.1 Die phonetisch-ästhetische Gestaltung und Bedeutung
3.2 Zwischen den Welten
3.2.1 Der Ausgangspunkt des Märchens
3.2.2 Die Berührungspunkte der Welten

4. Der schmale Grat zwischen Wirklichkeit und Einbildung
4.1 Der Erzählakt
4.2 Die verschiedenen Lesarten

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Kunstmärchen Der goldene Topf von E.T.A. Hoffmann erschien erstmals 1814 als Dritter von vier Bänden der Fantasiestücke in Callot’s Manier.[1] Es gilt als eines der zentralen Werke der deutschen Romantik und zählt zu den vom zeitgenössischen Leserpublikum am höchsten geschätzten Werk.[2]

Es thematisiert viele Aspekte der romantischen Kommunikation. Neben Lesen, Schreiben, Verstehen oder auch Missverstehen[3] thematisiert es eine Liebes- und Glaubensgeschichte um den Studenten Anselmus im alten Dresden, der in einem Zwiespalt zwischen verschiedenen Welten steht. Anselmus ist hin- und hergerissen zwischen der bürgerlichen Veronika und der fantastischen Serpentina, die in Form einer Schlange, durch sein kindlich poetisches Gemüt aufmerksam auf ihn geworden, seine Neugier erweckt hat. Es ist eine verworrene Geschichte zwischen Realismus und Fantastik und kreist um die Frage nach Glauben und wahrer Liebe.

In E.T.A. Hoffmanns Der goldne Topf verschmelzen die Vorstellungen der Wirklichkeit und der Einbildung miteinander, wobei zwei unterschiedliche Lesarten entstehen, die das Beobachten des Geschehens in zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen erlaubt. Tiere spielen in der Geschichte eine wichtige symbolische und metaphorische Rolle, sie stellen dabei verschiedene Welten dar, die während des Geschehens aufeinandertreffen. Um dies genauer zu untersuchen, werde ich zuerst einen kurzen Einblick in das Genre des Kunstmärchens geben. Im nächsten Punkt gehe ich auf die phonetisch-ästhetische Darstellung ausgewählter Tiere ein und auf die Frage, welche Bedeutung dies auf die Tiere hat. Ein kurzer Abriss über die verschiedenen Welten soll dann dazu dienen das Aufeinandertreffen dieser Welten zu untersuchen, um ihre Bedeutung zu verstehen. Zum Schluss betrachte ich einige ausgewählte Stilmittel und Modi, die der Geschichte dazu verhelfen eine Vermischung der Wirklichkeit mit der Einbildung zu erzeugen und untersuche die Frage, welche verschiedenen Möglichkeiten der Lesart dadurch entstehen.

2 Das Kunstmärchen

E.T.A. Hoffmanns Der goldene Topf ist, wie es im Untertitel schon heißt, ein „Märchen aus der neuen Zeit“ und wird daher auch als Kunstmärchen klassifiziert. Das Kunstmärchen ist eine relativ junge Gattung aus der Zeit der Aufklärung. Diese Gattung steht im eigentlichen Widerspruch mit der Zeit, denn Irrationales und Fantastisches wurde weitestgehend abgelehnt. Es lebt aus der Spannung von Fantasie und Realität und bietet die Möglichkeit zur ‚Weltflucht’. Wunderbares und Wirkliches gehen ineinander über, werden jedoch als Gegensätze erfahren. Es verhüllt, chiffriert und verfremdet seine Botschaft. Anders als das Volksmärchen, an welches das Kunstmärchen angelegt ist und von dem Dichter Stil, Thema und Elemente übernehmen, bietet es der Eindimensionalität und dem ermüdend stereotypischen Grundgedanken von Ort, Zeit und Personen die Stirn.[4]

Hoffmann unterteilte die einzelnen Szenen nicht wie üblich in Kapitel, sondern übernahm für dieses Werk das Konzept der ‚Vigilien’. Die ‚Vigilien’ sind Nachtwachen, während derer der Erzähler die Geschichte aufzeichnet.[5]

3 Tiere, Symbole und Metaphern

In Der goldene Topf spielen Tiere eine wichtige symbolische und metaphorische Rolle. Sie können als Vertreter verschiedener Welten gesehen werden. So ist zum Beispiel der schwarze Drache eine Gestalt der ‚dämonischen Welt’ und der sprechende Papagei ein Symbol der ‚poetischen Welt’. Sie tragen zum Geschehen bei und versuchen die Geschichte voranzutreiben und dem Studenten Anselmus zu helfen sein Ziel und seine Antworten zu erreichen oder ihn davon abzuhalten.

3.1 Die phonetisch-ästhetische Gestaltung und Bedeutung

In Der goldene Topf gibt es eine Menge von Tieren, die verschiedenen Welten zugeordnet werden können. Für dieses Kapitel beschränke ich mich auf einzeln ausgewählte Tiere, als Vertreter ihrer zugehörigen Welt, zur genaueren Betrachtung der phonetisch-ästhetischen Gestaltung und welche Bedeutung die Tiere dadurch erlangen und wofür sie sinnbildlich stehen.

Die phonetisch-ästhetische Gestaltung gibt Aufschluss, zu welcher Welt ein Tier gehört. Tiere der ‚poetischen Welt’ werden fantastisch und schön beschrieben, während Tiere der ‚dämonischen Welt’ etwas Abscheuliches und Dunkles in ihrer Beschreibung mit sich tragen. Hoffmann versucht den Leser durch die Beschreibungen der Tiere anzusprechen, sodass der Leser diese mit Gedanken und Gefühlen seiner eigenen Welt, der Realität, assoziiert. Deutlich wird dies an den drei goldgrünen Schlangen, die über Anselmus in dem Holunderbaum hängen. Die Schlange verkörperte schon frühzeitig in der Literatur etwas Böses und Verhasstes, das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist die biblische Schlange als Verführerin im Garten Eden.[6] Hoffmann gelingt es, diese eingebürgerte Symbolik oberflächlich auszusetzen, wenn der Gesang der Schlangen wie „ein Dreiklang heller Kristallglocken“[7] erklingt. Mit dem Klang von kristallenen Glocken in einem Dreiklang assoziieren die meisten etwas Schönes und Herrliches. Der Dreiklang, als klassisches Element der Harmonielehre und als Vereinigung von drei verschiedenen Elementen, erinnert hierbei stark an das Glockenspiel einer Kirche, welche wiederum den Gedanken an etwas Böses verschwinden lässt, jedoch auch wieder an die biblische Schlange erinnert. Die Schlangen verkörpern hier das Fremde und Exotische, ausgelöst durch die Farbenwahl des Goldgrünen. In Deutschland heimische Schlangen besitzen eher mattere Farben. Besonders hervorstechend sind auch die „Paar herrlich dunkelblaue Augen“[8], die „an der höchsten Seligkeit und des tiefsten Schmerzes [an] seiner [, Anselmus,] Brust zersprengen wollten“[9]. Das Blau steht hier für etwas Vertrautes und das Dunkle für Tiefsinnigkeit. Zusammenfassend verkörpert die Schlange das Gute und das Böse im Menschen, sie steht für Sehnsucht und Verlangen. Schon bevor der Leser die Hintergrundgeschichte kennt und die Begebenheiten versteht, kann er sich gefühlsmäßig in die Geschehnisse hineinbegeben und taucht durch unbewusste Assoziationen in ein Kastensystem der Wahrnehmung ein, welches Hoffmann fantastisch zu beherrschen scheint.

Die Tiere der ‚poetischen Welt’ tragen alle etwas Gemeinsames in sich, und zwar das Exotische, entweder durch das Tier selbst oder durch dessen Farbenpracht. Die Exotik symbolisiert hier das ferne und wundervolle Land Atlantis, aus welchem der Archivarius Lindhorst vorzeitig verbannt wurde. Atlantis symbolisiert das Unerreichbare, das Fremde und Wundervolle, die Poesie und die Natur und ist somit auch Entstehungsort des Fantastischen, wo Körper und Geist mit der Natur verbunden sind. Die ‚bürgerliche Welt’ hingegen zeigt sich farblos. Tiere aus dieser Welt wirken matt. So gibt Hoffmann in der zweiten Vigilie einen kurzen Einblick in die ‚bürgerliche Welt’: „man hat wohl Beispiele, dass oft gewissen Phantasmata dem Menschen vorkommen und ihn ordentlich ängstigen und quälen können, das ist aber körperliche Krankheit, und es helfen Blutigel […]“[10]. Diese Passage zeigt deutlich, dass der Mensch in Hoffmanns Werk sich vor dem Fantastischen und Unerklärlichen fürchtet. Wenn bestimmte Fantasien den Menschen „heimsuchen“ und ihn dadurch ängstigen, sind das körperliche Krankheiten, die ihn befallen. Dagegen helfen nur Blutigel. Vergleicht man diese Blutigel mit den Tieren aus der ‚poetischen Welt’, zeigt sich das Eintönige. Die Blutigel, die sich an der Haut des Menschen festsaugen und dessen Blut aussaugen und reinigen, symbolisieren eine Art Austreibung des Fantastischen aus dem menschlichen Körper. Damit verdeutlichen sie eine Ablehnung des Menschen gegenüber bestimmter Fantasien, es passt nicht zu dem Bild des fleißigen und arbeitswütigen Bürgers. Gegenüber dieser farbenfrohen Fantasiewelt und der matten bürgerlichen Welt steht die ‚dämonische Welt’. Die Hauptfigur dieser Welt ist das Äpfelweib, in deren Korb Anselmus zu Anfang der Geschichte gelaufen ist, wodurch er sein Geld verlor. Das Äpfelweib ist ein „altes hässliches Weib“[11], die „grellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches“[12]. Die Tiere in dieser ‚dämonischen Welt’ lassen den Leser diese mit beängstigenden mystischen Geschichten und Mythen assoziieren. So wird in der fünften Vigilie, als Veronika in das Haus des Äpfelweibes tritt, beispielsweise von „ekelhaften Fledermäusen [...] mit verzerrten lachenden Menschengesichtern“[13] geschrieben. Der Mythos der Fledermaus, sie seien blutsaugende und Unheil anrichtende Nachtwesen, setzte sich schon im 16. Jahrhundert in den Vorstellungen der Menschen fest.[14] So verwundert die Verwendung der Fledermaus als Tier der ‚dämonischen Welt’ und der bösen Hexe (Äpfelweib) nicht. Die ‚dämonische Welt’ symbolisiert das vollkommene Böse im Menschen, den Egoismus und das Verlangen alles kontrollieren und besitzen zu müssen

[...]


[1] Vgl. Stockinger, Claudia: Fantasiestücke in Callot’s Manier (1814/15). In: E.T.A. Hoffmann. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. von Detlef Kremer. 2. Auflage. Berlin: de Gruyter 2012. S. 87.

[2] Vgl. Wirth, Uwe: Das literarische Werk. Der goldene Topf. In: E.T.A. Hoffmann. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. von Detlef Kremer. 2. Auflange. Berlin: de Gruyter 2012. S. 114.

[3] Vgl. Kremer, Detlef: Frühromantische Theorie der Literatur. In: Ders.: E.T.A. Hoffmann. Leben-Werk-Wirkung. 2. Auflage. Berlin: de Gruyter 2012. S. 48.

[4] Vgl. Wührl, Paul-Wolfgang: Das deutsche Kunstmärchen. Geschichte, Botschaft und Erzählstrukturen. Heidelberg : Quelle & Meyer 1984. S. 16f.

[5] Hoffmann, E.T.A.: Der goldne Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit. Husum/Nordsee: Hamburger Lesehefte 2009. S. 80.

[6] Schenda, Rudolf: Das ABC der Tiere. Märchen, Mythen und Geschichten. München: Beck 1995. S. 307.

[7] Hoffmann: Der goldene Topf. 1982. S. 226.

[8] ebd.

[9] ebd.

[10] ebd. S. 233.

[11] Hoffmann: Der goldene Topf. 1982. S. 221.

[12] ebd.

[13] ebd. S. 258.

[14] Schenda, Rudolf: Das ABC der Tiere. 1995. S. 89.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656656050
ISBN (Buch)
9783656656074
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273349
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
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Autor

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