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Der strukturelle Realismus als prägende Theorie der internationalen politischen Struktur während des Ost-West-Konflikts und seine Nachwirkungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 19 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Der strukturelle Neorealismus nach Kenneth N. Waltz

3) Der Ost-West-Konflikt aus neorealistischer Sicht

4) Kooperationen und Allianzen

5) Kritik an der Anwendbarkeit des strukturellen Realismus

6) Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis:

1) Einleitung

Der nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschende Konflikt zwischen den Siegern des Krieges, den USA und der Sowjetunion, prägte über mehrere Jahrzehnte die internationale Politik. Der Kalte Krieg stellte für ganze Generationen eine existenzielle Bedrohung dar, war doch ein entscheidendes Element dieses Krieges, das atomare Wettrüsten beider Supermächte. Die Zuspitzung des Konflikts brachte in mehreren Auseinandersetzungen die Welt mehrmals an den Rand des Atomkrieges.1

In der Zeit des Kalten Krieges entwickelte sich der strukturelle Realismus,2 der vor allem von Kenneth N. Waltz geprägt wurde, als Abgrenzung und als Er- weiterung zu den zu dieser Zeit vorherrschenden Ansichten des traditionellen Realismus nach Hans Morgenthau. Der strukturelle Realismus versuchte in seinem Ansatz zu erklären, dass gerade aufgrund der beiden Supermächte und deren atomarem Wettrüsten, die atomare Auseinandersetzung verhindert werden konnte, und mehr noch, für eine lange Zeit die Stabilität des internationalen Systems gewährleistet blieb.

In diesem Beitrag soll nun der Frage nachgegangen werden, inwieweit der strukturelle Realismus, als Theorieverständnis nach Kenneth Waltz, zur prägenden Theorie des internationalen politischen strukturellen Systems des OstWest-Konflikts aufsteigen konnte. Fraglich ist hierbei auch, ob sich die Eigenschaften und die Aussagen der strukturellen Realismustheorie gänzlich dazu eigenen, diesen Konflikt näher zu erläutern.

Hierzu wird in einem ersten Schritt für ein besseres Verständnis der Theorie, ein Überblick über die prägenden Eigenschaften des strukturellen Realismus erarbeitet und der Versuch der Erklärung unternommen, wie diese Theorie entstehen konnte und dabei zu einer im internationalen System prägenden Theorie werden konnte. Hierbei werden vor allem die theoretischen Ansichten von Kenneth N. Waltz besonders mit einbezogen.

Inwieweit die Theorie den Ost-West-Konflikt widerspiegelt, ist in der Folge an- hand der politischen Handlungen der USA und der Sowjetunion zu untersuchen. Hierbei spielen vor allem die militärischen, wirtschaftlichen und innenpolitischen Handlungen der beiden Staaten, aber auch die Entscheidungen der politischen Anführer eine gewichtige Rolle. Ebenso ist zu untersuchen, wie sich die voll- zogene Politik der beiden führenden Supermächte in anderen Teilen der Welt auswirkten und wie diese zur politischen Blockbildung mit all ihren Allianzen geführt hat.

Der letzte Abschnitt dieser Arbeit befasst sich intensiv mit der aufkommenden Kritik an der Theorie des Neorealismus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Hierbei ist es wichtig zu hinterfragen, warum das System nicht in der Stabilität verharren konnte, sondern einem gravierenden Wandel unterworfen wurde. Diese Frage ist dabei eng verbunden mit den Überlegungen, inwieweit der Neorealismus auch heute noch in einer globalisierten Welt anzuwenden ist oder ob die Theorie völlig an Bedeutung verloren hat.

2) Der strukturelle Neorealismus nach Kenneth N. Waltz

Alle Theorien des Neorealismus, neben dem synoptischen und dem ökonomischen, also auch dem strukturellen Realismus nach Waltz, beziehen sich vor allem auf die Ansichten des traditionellen Realismus, wie er von den Autoren Hans Morgenthau, Henry Kissinger oder Edward H. Carr seit Ende des Zweiten Weltkrieges vertreten wurde.

Der klassische oder traditionelle Realismus entwickelte sich hierbei aufgrund des Scheiterns des politischen Idealismus zu Beginn und während der 30er Jahre, welcher sich in den verehrenden kriegerischen Auseinandersetzungen des Zweiten Weltkrieges widerspiegelte (Siedschlag 1997: S. 44). Die neorealistischen Ansichten gehen im Vergleich zum traditionellen Realismus weiter und versuchen die Theorie auch in einem anderen Verständnis zu erweitern.

Ursprünglich thematisierte die Theorie auch den anhaltenden wirtschaftlichen Niedergang der USA zu Beginn der 1960er Jahre. Ängste vor dem Verlust der Führungsrolle der USA und das Erstarken der Sowjetunion als ein gleichwertiger Konkurrent wurden durch weitere Faktoren wie das Ende des Bretton-Woods- Systems (1973) und die Abwertung des Dollars, der Jon-Kippur-Krieg (1973) und die damit verbundene Ölkrise sowie die Niederlage der USA in Vietnam (1973) deutlich verstärkt. Hieraus folgten aufgrund der Bedrohungen, die Suche nach Antworten und die Weiterentwicklung der vorherrschenden Theorien.

Kenneth N. Waltz wird, trotz der bereits schon vorher von ihm zum Thema ver- breiteter Schriften, mit der Veröffentlichung seines Werkes Theory of Inter- national Politics als Begründer der neorealistischen Theorien gesehen (Schörnig 2003: S.61). Der strukturelle Neorealismus verabschiedet sich dabei von den traditionellen realistischen Ansichten, die vor allem die Anthropologie des Menschen und die Außenpolitik der Staaten in den Mittelpunkt ihrer theoretischen Überlegungen gesetzt hatten. Der strukturelle Neorealismus setzt hierbei vor allem auf einer „wissenschaftstheoretisch- logischen Ebene“ an (Siedschlag 1997: S. 84) und versucht sich dabei mit dem traditionellen Realismus auseinanderzu- setzen. Waltz versucht mit seiner Theorie das internationale System mehr in den Fokus seiner Analysen zu rücken. Hinzu kommen weitere grundsätzliche Über- legungen, welche eine klare Abgrenzung zum traditionellen Realismus bedeuten und somit den Weg der Entwicklung des Neorealismus prägen sollten. Hierzu zählt die Einführung systemorientierter Leitannahmen, die Aufgabe des Menschenbilds des traditionellen Realismus, die Ablehnung des balance-of-power Konzepts des traditionellen Realismus, die Entwicklung eines systemisch- strukturellen Theorieverständnisses, die Ersetzung des klassischen zentralen Be- griffs der Macht durch den Begriff der Sicherheit und die Einführung der Super- oder Großmachttheorie (Siedschlag 1997: S.84).

In Abfolge dieser Leitlinien versucht Kenneth N. Waltz eine umfassende Theorie der Internationalen Beziehungen zu erstellen, die ins besonders eng mit dem auf- kommenden Konflikt der Supermächte des Kalten Krieges verbunden war. Auch lag es im Interesse von Waltz eine Theorie zu entwickeln, die im Vergleich zu den vorher beherrschenden Theorien einfachere und allgemeinere Aussagen liefern sollte. Dies ist daher auch einer der Hauptkritikpunkte an seinem veröffentlichten Werk Theory of International Politics. Die liberalen Ansätze sowie der traditionelle Realismus beziehen sich in ihrem Theorieverständnis nur auf das vorherrschende Menschenbild und das politische System von Staaten und er- schweren hierdurch eine Entwicklung von einfachen und verallgemeinerbaren Aussagen über die Internationalen Beziehungen. Waltz nennt diese Theorien „reduktionistisch“ (Waltz 1979: S.18). Nach seiner Überzeugung macht das sammeln von Daten aus allen Bereichen des Staates die Theorie unbrauchbar, da sie hierdurch keine befriedigende Erklärung der internationalen Beziehungen mehr liefern kann. Waltz verfährt mit seiner Theorie somit nach dem einfachen Prinzip:

Je weniger Daten zum erstellen einer Theorie herangezogen werden müssen, desto aussagekräftiger und erklärender wird die Theorie.

Auch muss, nach Waltz, jede Theorie in der Lage sein ein Gesetz anzubieten (Siedschlag 1997: S. 86).

Diese Erkenntnisse lassen deutlich werden, das Waltz Theorieverständnis sich stark aus wirtschaftswissenschaftlichen Theorien ableiten lassen. Hier beein- druckte ihn vor allem, dass zu einer anerkannten volkswirtschaftlichen Theorie, die Notwendigkeit bestand, die ökonomischen Bereiche von den politischen und gesellschaftlichen zu entfernen, um diese als eigenständige Bereiche getrennt dar- zustellen. Übertragen auf seinen Theorieansatz musste deswegen die inter- nationale Politik eines Staates getrennt von seinen sonstigen Einflussbereichen, wie der Innenpolitik, seiner staatlichen prägenden Akteure oder seiner sozialen und ökonomischen Gegebenheiten betrachtet werden, damit die Theorie eine all- gemeine Gültigkeit erlangen konnte. Aus diesem Grund wählte Waltz als ent- scheidendes Kriterium für seine Theorie die Ebene des internationalen Systems. In Analogie zum Marktverhalten von Großkonzernen, die ihrer Produkte auf dem Markt darbieten, um Gewinne einzufahren, sieht Waltz das Verhalten von Staaten durch äußere Einflüsse bestimmt.

Um genauer zu erläutern, welche Einflüsse das staatliche Handeln prägen, lässt Waltz zunächst am Anfang seiner Theorie die Definition des Systembegriffs folgen. Hiernach bedarf das internationale System als Voraussetzung zu seiner Existenz jeweils zwei Elemente:

Der Akteure und der Einheiten des Systems (Units).

Staaten sind nach Waltz einheitliche, rationale und uniforme Akteure, welche in der Theorie ohne die Sicht auf ihre innenpolitischen Systeme auskommen. Dieser Verzicht auf die Einbeziehung von politischen Akteuren oder auch das politische System eines Staates macht es Waltz möglich, die Ebene des internationalen Systems als die einzig aussagekräftige Variable in seiner Theorie zu etablieren, da diese durch den Verzicht, nicht der ständigen Veränderung ausgesetzt ist. Hierdurch erreicht Waltz auch, das nach seiner Sicht, keine Unterschiede in den Ausgestaltungen der Staaten liegen. Im Kern sind somit alle Staaten als identisch anzusehen (Schörnig 2003: S. 67).

Damit streben alle Staaten auch exakt nach den gleichen Zielen, die der Neo- realismus vor allem in der Sicherung des eigenen Überlebens sieht. Die Staaten verfolgen auch zur Erreichung dieses Zieles immer Abwägungen, ob sich das Ziel mit den geeigneten Mitteln erreichen lässt. Dabei spielt auch eine Rolle, dass es allen Staaten ein Gleichnis ist, dass sie sich nicht in der Lage sehen, die Intentionen und Absichten der anderen Staaten im internationalen System zu deuten.

Ein entscheidender Unterschied besteht dennoch zwischen den Staaten: Alle Staaten unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten des Machtgebrauchs zur Wahrung ihrer verfolgten Ziele (Waltz 1979: S.195). Zum Verständnis, wie sich dieser Machtgebrauch der einzelnen Staaten auswirkt, ist es für Waltz zwingend not- wendig genauer zu erläutern, wie sich die Struktur des internationalen Systems zusammensetzt, damit die Beziehungen der Staaten zueinander verständlicher werden. Hierbei spielen vor allem grundsätzlich drei Elemente eine entschiedene Rolle, die zur Erklärung der Funktionsweise des internationalen Systems heran- gezogen werden.

[...]


1 Die Ausprägungen des Neorealismus beziehen sich in erster Linie auf die Nachwirkungen der sogenannten Kubakrise 1962.

2 Auch als Neorealismus bezeichnet.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656653752
ISBN (Buch)
9783656653745
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273354
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
2,3
Schlagworte
struktureller Realismus Neorealismus Kenneth N. Waltz

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