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Widerstandsfähigkeit in der Schule fördern

Welche Bedeutung kann Schule für die Förderung der Resilienz bei Kindern psychisch kranker Eltern haben?

Examensarbeit 2010 59 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungen

1. Einleitung

2. Funktionen von Schule

3. Betrachtung der Zielgruppe Kinder psychisch kranker Eltern
3.1. Allgemeine Beschreibung der Zielgruppe
3.2. Mögliche Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf Entwicklung und Lebenssituation der Kinder
3.2.1. Entwicklungsbedingungen der Kinder
3.2.1.1. Biologische Ebene
3.2.1.2. Entwicklungspsychologische Besonderheiten
3.2.1.3. Weitere mit der psychischen Erkrankung eines Elternteils verbundene Probleme
3.2.2. Stresserleben und Bewältigungsstrategien von Kindern psychisch kranker Eltern

4. Resilienz
4.1. Resilienzbegriff und Resilienzforschung
4.1.1. Charakteristika des Resilienzkonzepts
4.1.2. Resilienzforschung
4.2. Resilienz bei Kindern psychisch kranker Eltern
4.2.1. Kindzentrierte Schutzfaktoren
4.2.2. Familien- und umweltzentrierte Schutzfaktoren

5. Förderung von Resilienz in der Schule
5.1. Schule – ein resilienzförderlicher Schutzfaktor?
5.2. Programmatische Ansätze schulischer Resilienzförderung
5.3. Analyse eines Beispielprogramms zur Resilienzförderung für die Grundschule
5.3.1. Vorstellung des Programms
5.3.2. Analyse hinsichtlich der Resilienzfaktoren aus der Forschung
5.3.3. Kritik am Programm

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Erklärung über das selbstständige Verfassen der Arbeit

Abbildungen

Abbildung 1: Resilienzfaktoren

1. Einleitung

Hartmut von Hentig hat die Aufgaben von Schule einmal auf den kurzen Nenner „die Menschen stärken - die Sachen klären“ gebracht (Hentig 2003). Dahinter verbirgt sich als Kerngedanke eine Schule, die neben der Vermittlung von Wissen, auch die Persönlichkeit ihrer Schülerschaft stärken und ihr entwicklungsförderliche Erfahrungen ermöglichen soll.

Opp verzeichnet dabei eine komplexe Ausgangslage für die Schulen, da sie sich einer sich tendenziell entwickelnden zweigeteilten Schülerschaft gegenübersehen. Die Differenz des Aufwachsens von Kindern hat sich vergrößert. Neben sehr entwicklungsförderlichen Lebenswelten verzeichnet Opp eine wachsende Kinderpopulation, die in benachteiligten Umwelten heranwächst. Er sieht eine pädagogische Herausforderung gerade darin, auch die Entwicklung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu unterstützen (Opp, Fingerle 2008).

Eine solche mögliche Gruppe von Kindern mit, wie zu untersuchen sein wird, möglicherweise benachteiligenden Entwicklungsbedingungen stellen Kinder psychisch kranker Eltern dar. In der Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Bedeutung die Schule bei der Förderung der Resilienz bei Kindern psychisch kranker Eltern haben kann.

In Kapitel zwei wird einleitend zur Zielstellung der Arbeit auf die Funktion von Schule, insbesondere unter dem gesellschaftlichen Aspekt, im Hinblick auf Resilienzförderung eingegangen.

Im dritten Kapitel ist die Zielgruppe Kindern psychisch kranker Eltern näher zu betrachten. Dabei sollen insbesondere die Entwicklungsbedingungen und Bewältigungsstrategien der Zielgruppe anhand von Studien dargestellt werden, um mögliche Entwicklungsrisiken aufzuzeigen und die Bedeutung von Resilienzförderung für die Zielgruppe Kinder psychisch kranker Eltern zu untersuchen.

Durch kritische Betrachtung und Auswertung der Resilienzforschung sollen in Kapitel vier Resilienzfaktoren für die untersuchte Zielgruppe herausgearbeitet werden, die Ansatzpunkte für eine Resilienzförderung liefern können. Diese Faktoren sollen im letzten Kapitel bei der Analyse eines Beispielprogramms als Analysekriterien herangezogen werden.

Im fünften Abschnitt werden die Schule als möglicher Schutzfaktor charakterisiert und Ansätze sowie potenzielle Probleme von schulischen Resilienzförderprogrammen dargestellt.

Die Examensarbeit schließt mit der Analyse eines Beispielprogramms zur Resilienzförderung für die Grundschule ab. Die Geeignetheit des Programms für Kinder psychisch kranker Eltern wird mit Hilfe der für die Zielgruppe herausgearbeiteten Resilienzfaktoren näher untersucht. Es sind auch mögliche Potenziale, Probleme und Widersprüche schulischer Resilienzförderung anhand des Beispielprogramms herauszuarbeiten.

2. Funktionen von Schule

Um sich der Zielstellung der Arbeit anzunähern, sollte man sich zunächst fragen, welche Relevanz das Thema für die Schule hat. Ganz plakativ könnte man fragen:
Soll sich die Schule der Problematik Kinder psychisch kranker Eltern überhaupt stellen?

Um diese Frage zu beantworten, soll zunächst dargelegt werden, welche Funktionen beziehungsweise Aufgaben die Schule als Institution überhaupt hat. Diese Frage umfassend zu diskutieren, würde allein den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Eine Vielzahl pädagogischer Strömungen und Einstellungen bringt auch eine Vielzahl an Forderungen an Schule und ihre Funktionen mit sich. Diese Heterogenität an pädagogisch Erwünschtem wird noch dazu ergänzt durch gesellschaftliche Forderungen an Schule, die beispielsweise in den Schulgesetzen der einzelnen Bundesländer niedergeschrieben sind. Das Schulgesetz des Landes Sachsen-Anhalt soll dafür beispielhaft herangezogen werden, um einige gesellschaftlich geforderten Aufgaben von Schule zu betrachten (Kultusministerium des Landes Sachsen- Anhalt 2008).

Im fünften Kapitel wird ergänzend Bezug zum pädagogischen Bildungsver­ständnis genommen.

In §1 des Schulgesetzes wird der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule umrissen. So wird hier auf die Vermittlung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Förderung der Persönlichkeitsentfaltung und der eigenver­antwortlichen Handlungs- und Leistungsbereitschaft verwiesen. Ebenso sind die Schüler auf die Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt, des öffentlichen Lebens sowie der Familie und Freizeit vorzubereiten.

Kenntnisse und Fähigkeiten sollen vermittelt werden, die die Gleichachtung und Gleichberechtigung der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Ab­stammung, ihrer Rasse, ihrer Behinderung, ihrer sexuellen Identität, ihrer Sprache, ihrer Heimat und Herkunft, ihrem Glauben, ihren religiösen und politischen Anschauungen fördern (Kultusministerium des Landes Sachsen- Anhalt 2008, S. 1 Absatz 2, Nr.3, 5, 6).

Auch der Integrationsgedanke von Kindern mit sonderpädagogischem Förder­bedarf ist beispielsweise hier verankert (Kultusministerium des Landes Sachsen- Anhalt 2008, S. 1 Absatz 3).

Mit dem Schulgesetz kann sicherlich nur der grobe Rahmen an gesellschaft­lichen Anforderungen an die Schule gesteckt werden. Ebenso lassen die auf­gestellten Forderungen großen Spielraum in der tatsächlichen Ausgestaltung zu. Verweist man jedoch auf Gleichberechtigung und möchte man Eigenver­antwortung und freie Persönlichkeitsentfaltung für ein selbstbestimmtes Leben fördern, so ist dafür psychische Gesundheit bzw. die Förderung der Selbigen eine wichtige Voraussetzung. Der damit eng in Beziehung stehende Resilienzbegriff wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch zu diskutieren sein. Auch Kinder mit besonderen und, wie zu zeigen sein wird, möglicherweise benachteiligenden Entwicklungsbedingungen, wie Kinder psychisch kranker Eltern, haben ein Anrecht auf diese Förderung.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen, kann diese durchaus insoweit beantwortet werden, dass ein gesellschaftlicher Auftrag schulischer Resilienz­förderung durchaus abgedeckt ist. Dieser sollte aber als Teilbereich der Persönlichkeits- bzw. Gesundheitsförderung auch im Schulgesetz noch deutlicher artikuliert und herausgestellt werden.

In Kapitel fünf werden in diesem Zusammenhang noch Bezüge zum Bildungsverständnis von Schule herauszuarbeiten sein.

Inwieweit Schule resilienzförderlich sein kann, ist hiermit jedoch noch nicht aus­gesagt bzw. geklärt. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird dies noch zu diskutieren sein.

Im folgenden Kapitel soll nun zunächst die Zielgruppe Kinder psychisch kranker Eltern näher betrachtet werden. Insbesondere sollen die besonderen Ent­wicklungsbedingungen und eventuell vorhandene Entwicklungsrisiken dieser Kinder aufgezeigt werden, um die Bedeutung einer Resilienzförderung für die Zielgruppe zu untersuchen.

3. Betrachtung der Zielgruppe Kinder psychisch kranker Eltern

3.1. Allgemeine Beschreibung der Zielgruppe

Um die Bedeutung des Themas für die Schule zu untersuchen, sollte man sich zunächst auch einen Überblick über die Größe der Zielgruppe verschaffen.

Insgesamt lassen sich keine verlässlichen Angaben über die Größe der Ziel­gruppe machen. Es sind nur Schätzungen möglich, die jedoch auseinander laufen. Auf Angaben des Statistischen Bundesamts beruhend, stellt Lenz fest, dass im Jahr 2002 bundesweit 591.608 Patientinnen und Patienten zwischen 20 und 55 Jahren eine stationäre psychiatrische Behandlung beendet haben. Darunter waren ungefähr 150.000 Patienten mit minderjährigen Kindern. Allein von einer stationären Behandlung eines Elternteils waren damit mindestens 150.000 Kinder betroffen. Gleichzeitig verweist Lenz darauf, dass das Problem Kinder psychisch kranker Eltern erst seit etwas über 10 Jahren verstärkt in der wissenschaftlichen Diskussion und Fachöffentlichkeit präsent ist und lange Zeit vernachlässigt worden ist (Lenz 2008, S. 7).

Baumann geht sogar von 500.000 Kindern mit psychisch erkrankten Elternteilen aus (Baumann 2000, S. 8).

Wagenblass geht ähnlich wie Lenz bundesweit von 160.000 bis 240.000 minderjährigen Kindern mit sich in fachärztlicher Behandlung befindlichen psychisch kranken Elternteilen aus. Sie gibt dabei zu bedenken, dass sich dahinter eine Vielzahl von Störungsbildern verbergen, die Krankheitsverläufe hinsichtlich ihrer Dauer und Intensität deutlich variieren können und zwischen kontinuierlichen, episodenhaften oder vorübergehenden psychischen Er­krankungen zu unterscheiden sei (Wagenblass 2001, S. 2).

Diese Einschränkung ist wichtig, da psychische Erkrankungen sehr differenziert in Verlauf und Form und letztendlich in ihrer jeweiligen Beeinträchtigung der Lebensqualität auftreten können.

Die Zahl der Kinder mit psychisch kranken Eltern ist, wie aufgezeigt, relativ hoch. Auch sollte man bedenken, dass in den Studien nur Elternteile erfasst worden, die auch in fachärztlicher Behandlung waren. Die größenmäßige Dimension der Zahlen verdeutlicht ebenso, dass es auch aus pädagogischer Sicht einer Auseinandersetzung bedarf.

3.2. Mögliche Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf Entwicklung und Lebenssituation der Kinder

3.2.1 Entwicklungsbedingungen der Kinder

3.2.1.1 Biologische Ebene

Psychische Erkrankungen sind häufig Familienkrankheiten, das heißt sie kommen in einigen Familien gehäuft vor.

Vorliegende Studien zu Entwicklungsverlauf und Auftretenshäufigkeit psychischer Störungen kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass eine psychische Erkrankung eines Elternteils das Risiko für Kinder, im Verlauf ihres Lebens selbst eine psychische Störung auszubilden, beträchtlich erhöht (Lenz 2008, S. 10).

Das Risiko variiert je nach psychiatrischem Krankheitsbild zwischen 10 und 50 %. Dimova geht von einem nochmals deutlich erhöhten generellen Risiko bei Schizophrenie, Sucherkrankungen, Depressionen und bipolaren Störungen aus (Dimova 2004, S. 44).

Bei schweren psychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenie kommt es bei 30 bis 40 % der Betroffenen zu klinisch relevanten Auffälligkeiten bis zum Jugendalter. Wenn beide Elternteile von einer psychischen Erkrankung betroffen sind, steigt die Wahrscheinlichkeit für psychische Auffälligkeiten bei den Kindern noch einmal deutlich an. Die jeweilige psychiatrische Diagnose ist jedoch weniger bedeutsam für die Belastungssituation der Kinder und das Erkrankungsrisiko als andere Faktoren wie Schweregrad, Art und Chronizität der Symptome, Rückfallhäufigkeit, sowie allgemeine familiäre und soziale Bedingungen des Aufwachsens (Lenz 2008, S. 10ff.).

Es gibt einen unspezifischen Zusammenhang zwischen der Art der psychischen Erkrankung der Eltern und den Reaktionen der Kinder. Die Auswirkungen auf die Kinder ergeben sich aus einem erhöhten Stressniveau (Dimova 2004, S. 45).

In der frühen Kindheit und im Jugendalter ist die Vulnerabilität gegenüber Belastungen, die mit dem Zusammenleben mit einem psychisch kranken Elternteil verbunden sind, erhöht. Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Auswirkung der psychischen Erkrankung eines Elternteils sind bisher nicht eindeutig geklärt (Lenz 2008, S. 14).

Die bisher getroffenen Aussagen bedeuten keinesfalls, dass eine determinierende Wirkung genetischer Faktoren vorliegt. Diese kann sogar weit­gehend ausgeschlossen werden. Ebenso bestehen hinsichtlich des eigenen Erkrankungsrisikos weitere Abhängigkeiten wie zum Beispiel vom Schweregrad der elterlichen Erkrankung, vom Geschlecht des erkrankten Elternteils oder vom Alter und Entwicklungsstand des Kindes bei Ausbruch der elterlichen Erkrankung. Eine weitere wichtige Variable ist die Stabilität der Eltern-Kind-Beziehung (Lenz 2008, S. 13).

Umweltfaktoren haben mindestens eine ebenso große Bedeutung für ungünstige Entwicklungsverläufe und die Ausbildung von psychischen Störungen wie genetische Faktoren. So kommt es gerade bei vermutlich vorhandenen genetischen Risiken auf die Umwelt an, in der ein Kind aufwächst (Lenz 2008, S. 13).

So erscheint es sinnvoll besonders die Entwicklungsbedingungen dieser Kinder zu betrachten. Weiterhin sollen Ergebnisse qualitativer Studien, die einen subjektiven Zugang zu den Gefühlen und der Lebenswelt der betroffenen Kinder ermöglichen, zusammengefasst werden.

3.2.1.2. Entwicklungspsychologische Besonderheiten

Bereits Babys können Verhaltensauffälligkeiten zeigen und ihre soziale und kognitive Entwicklung kann beeinträchtigt sein. Bei depressiven Müttern fand man heraus, dass sie sowohl sprachlich als auch über Körperkontakt weniger mit ihren Kindern kommunizieren (Baumann 2000, S. 49).

Erfahrungen zeigen, dass die Interaktionsmerkmale Unterstimulation, Überstimulation und Unberechenbarkeit als Interaktionsmuster auch in der Kommunikation zwischen psychisch kranken Eltern und ihren älteren Kindern zu finden sind (Deneke 2005, S. 141ff., zit. nach Lenz 2008, S. 19).

20 bis 30 % der Kinder mit psychisch schwer kranken Müttern können die grundlegende Entwicklungsaufgabe des Aufbaus einer organisierten Bindungsbeziehung zur Mutter in der frühen Kindheit nicht erfüllen (Lenz 2008, S. 16).

Im Kleinkindalter von 2 bis 4 Jahren können die betroffenen Kinder von der normalen Entwicklung abweichen. Entwicklungsdefizite können bei ersten Ablösungsschritten von den Eltern, beim Erkunden der Umwelt und beim Spracherwerb bestehen. So beschäftigen sich Kinder depressiver Mütter in Spielsituationen häufiger allein, wirken meist ängstlicher und erkunden eine neue Umwelt oftmals nur sehr zögerlich (Baumann 2000, S. 51).

Remschmidt und Mattejat (1994) haben darüber hinaus festgestellt, dass das Identifikationsverhalten der Kinder mit ihren Eltern aufgrund der psychischen Erkrankung eines Elternteils vermindert ist.

Im Vorschulalter lernen Kinder die Perspektive anderer immer mehr in ihre Überlegungen einzubeziehen. Bei Kindern depressiver Mütter zeigen sich häufig bereits in diesem Alter typische depressive Kognitionen mit Hoffnungslosigkeit und Schuldgefühlen. Auch sind die mit zunehmenden Alter immer bedeutsamer werdenden außerfamiliären Kontakte und Erfahrungen oftmals sehr reduziert, wodurch häufig auch die Kinder isoliert sind (Baumann 2000, S. 52).

Im Schulalter, wo die bisherige Entwicklung des Kindes zum ersten Mal einer strengen Außenbeurteilung unterzogen wird, können Schwierigkeiten im Bereich der Schulleistungen, des Verhaltens oder der sozialen Integration auftreten. In diesem Alter entwickeln die Kinder oftmals Schamgefühle für den erkrankten Elternteil, was dazu führen kann, dass sie andere Kinder nicht zu sich nach Hause einladen und sich somit isolieren. Auch Schuldgefühle, für die Krankheit mit verantwortlich zu sein, können eine zusätzliche Belastung darstellen (Baumann 2000, S. 52).

Lernschwierigkeiten und Lernstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, schwache Schul- und Arbeitsmotivation sowie soziale Probleme beim Umgang mit Gleichaltrigen und Schulschwänzen treten gehäuft auf (Serbanescu 1993, zit. nach Baumann 2000, S. 54).

Die Befunde zu Schulleistungen sind jedoch inkonsistent. So erlebt nach Lenz nur eine substanzielle Minderheit der Kinder bedeutsame schulische Misserfolge. Bei Kindern depressiv erkrankter Elternteile konnten gar keine Auswirkungen auf die Schulleistungen festgestellt werden. Ebenso kommen Untersuchungen, die sich allgemein mit den Auswirkungen von psychischen Erkrankungen der Eltern auf die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten beschäftigen, zu unterschiedlichen Ergebnissen. Auch hier ist die Qualität der Mutter Kind Interaktion entscheidend (Lenz 2008, S. 16).

Auch im Jugend- und Erwachsenenalter kommt es häufig zu entwicklungspsychologischen Beeinträchtigungen. 1

Zusammenfassend wurde festgestellt, dass bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, im Vergleich zu Kindern aus Kontrollgruppen, ein größerer Anteil der Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil scheitert bzw. weniger erfolgreich ist (Mattejat 2005, S. 66f.).

Weitere Belastungen können sich durch Einschränkungen der Erziehungsfähigkeit bei psychisch kranken Eltern ergeben, welche die Entwicklung insgesamt negativ beeinflussen können. Darunter zählen Fähigkeiten der Eltern die kindlichen Bedürfnisse nach körperlicher Versorgung und Schutz zu befriedigen. Ebenso sind es Fähigkeiten der Eltern dem Kind als stabile und positive Vertrauensperson dienen zu können, ihren Kindern ein Mindestmaß an Regeln und Werten vermitteln zu können oder grundlegende Lernchancen eröffnen zu können (Lenz 2008, S. 17ff.).

Auch die Einschränkung der Erziehungsfähigkeit ist nicht bei allen psychisch kranken Eltern gegeben bzw. variiert im Ausmaß. Sie kann je nach Art, Intensität und Verlauf der psychischen Erkrankung unterschiedlich ausgeprägt sein.

3.2.1.3. Weitere mit der psychischen Erkrankung eines Elternteils verbundene Probleme

(1) Veränderte soziale Strukturen und Rollen

Vertraute familiäre Alltagsstrukturen können wegbrechen. So kann es sein, dass beispielsweise die erkrankte Mutter oder der erkrankte Vater morgens nicht mehr aufsteht, vormittags schon wieder ins Bett geht, ständig müde ist und immer mehr Aufgaben im Haushalt unerledigt bleiben. Bei schweren psychiatrischen Erkrankungen kann es phasenweise zu deutlichen Veränderungen der Alltagsaktivitäten kommen, wodurch die Kinder auch von Verwahrlosung bedroht sein können. Auch ein längerer Klinikaufenthalt und die damit verbundene reale Trennung vom Elternteil kann gerade für jüngere Kinder ein zusätzliches Belastungsmoment darstellen (Lenz 2008, S. 26f.).

Weitere psychosozialen Probleme wie Arbeitsplatzverlust der Eltern, Scheidung bzw. Trennung der Eltern treten gehäuft auf (Dimova 2004, S. 52).

Rollenumkehrungen innerhalb der betroffenen Familien treten häufig auf. So zeigt sich, dass sowohl der kranke als auch der gesunde Elternteil seinen Kindern häufig seine Bedürftigkeit signalisiert und ihnen Verantwortung für sein Wohlbefinden aufbürdet. Kinder können zu Vertrauten und Ratgebern ihrer Eltern sowie zur primären Quelle von Unterstützung und Trost werden. Sie werden als überaus empathisch und hilfsbereit beschrieben. Parentifizierung muss jedoch nicht automatisch pathologisch sein, sondern kann sogar förderlich sein. Inwieweit sie schädlich ist hängt davon ab, ob das Kind für die Verfügbarkeit und für die unerfüllten Bedürfnisse der Eltern anerkannt, selbst unterstützt und in seinen eigenen Bedürfnissen berücksichtigt wird (Lenz 2008, S. 28ff.).

Solche adaptiven Formen der Parentifizierung können auch positiven Einfluss auf das Selbstwertgefühl und die Entwicklung der Kinder haben. Soziale Fertigkeiten, Verantwortungsübernahme, Fürsorglichkeit und Empathie können erlernt werden. Die Rollenübernahme bedeutet aber oftmals den Verlust der Kindheit, indem Sorglosigkeit, Spontanität und Lebhaftigkeit verloren gehen (Jurkovic 1997, zit. nach Lenz 2008, S. 30).

(2) Tabuisierung , Loyalitätskonflikte, diffuses Krankheitswissen

Aus eigenen Schuld- und Schamgefühlen heraus und um die Kinder vermeintlich zu schonen, vermeiden die Eltern oft eine offene Auseinandersetzung mit der Krankheit. Die Kinder sind durch das Informationsdefizit über die Krankheit oftmals auf ihre eigenen Überlegungen, Vermutungen und Schlussfolgerungen angewiesen. Häufig treten deshalb auch Befürchtungen bezüglich einer möglichen eigenen Erkrankung auf (Lenz 2008, S. 32f.).

Ebenfalls haben die Eltern häufig Angst vor möglichen Vorurteilen, Stigmatisierungen und vor Ablehnung und Ausgrenzung durch das soziale Umfeld. Auch gegenüber Außenstehenden herrscht oftmals ein intuitiv empfundenes oder explizit vermitteltes Schweigegebot, was den Kindern oftmals die Möglichkeit nimmt sich einer außerfamiliären Bezugsperson mitzuteilen (Lenz 2008, S. 32f.).

„Ja und Mama möchte das auch nicht, dass ich mit in der Schule und darüber rede und so was[…] das hat sie mir gesagt […] Das wäre schon etwas unangenehm, dass das alle wissen(w, 8 Jahre)“ (Lenz 2005, S. 120).

Die Mehrzahl der Kinder verfügt über soziale Beziehungen zu Verwandten, Schulkameraden, und Freunden. Die Bereitschaft auf diese Ressourcen aus ihrem sozialen Netzwerk bei der Bewältigung ihrer Belastungen zurückzugreifen ist jedoch gering (Lenz 2005, S. 120).

Loyalitätsspaltungen können auftreten, die die Kinder in ihrer Integrität belasten. Sie können hin- und hergerissen sein zwischen der Loyalität zu ihren Eltern, ihrem Schamgefühl eine psychisch kranke Mutter oder Vater zu haben, und dem Bedürfnis mit jemanden sprechen zu können (Lenz 2008, S. 32f.).

Auch gegenüber nicht über die elterliche Erkrankung informierten Lehrern und Mitschülern können die Kinder dadurch m.E. nach in innere Konflikte geraten.

(3) Mögliche Auswirkungen auf die emotionale Befindlichkeit der Kinder

Generell werden die meisten Kinder als sehr empathisch beschrieben, was aber wiederum die Abgrenzung von der elterlichen Erkrankung und den familiären Ablösungsprozess erschweren kann. Aus retrospektiven Befragungen von mittlerweile erwachsenen Betroffen sowie aus Befragungen direkt betroffener Kinder fand man folgende häufig auftretende Gefühlslagen

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Details

Seiten
59
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656683582
ISBN (Buch)
9783656683551
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273368
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Grundschulpädagogik , Rehabilitationspädagogik
Note
1,5
Schlagworte
Resilienz psychisch Schule Grundschule kranker Kinder Förderung

Autor

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Titel: Widerstandsfähigkeit in der Schule fördern