Lade Inhalt...

Die Verhandlungen zum Reichskonkordat von 1933 und deren Einfluss auf das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus in Deutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zögerliche Annäherungsversuche als Basis für die Konkordatsverhandlungen

3. Die erste Verhandlungsrunde

4. Der Untergang der Zentrumspartei

5. Der Vertragsschluss

6. Der Artikel 31 zum Schutz katholischer Vereine greift ins Leere

7. Zusammenfassung

8. Quellenverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Beziehung zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und dem nationalsozialistischen Regime ist ein viel beachtetes Thema in der historischen wie auch der theologischen Forschung. Im Zentrum steht dabei häufig die Frage, inwieweit die katholische Kirche Widerstand gegen das Hitler-Regime leistete, oder ob sie sich vielmehr um bestmögliche Anpassung bemühte, um nicht im radikalen Mühlstein der Gewalt, Gleichschaltung, Unterdrückung und Vernichtung dieser zwölf beispiellosen Jahre der NS- Diktatur zermahlen zu werden. Für solche Untersuchungen ist eine Pauschalisierung der „katholischen Kirche“ auf die Gesamtheit der katholischen Gläubigen in Deutschland in der Regel ungeeignet, da es sich hierbei um eine sehr große und ideologisch heterogene Gruppe an Menschen handelt, die lediglich in ihrem Glauben auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Die Forschung zeigt, dass innerhalb dieser großen Gruppe verschiedene ideologische Standpunkte vertreten wurden, die eine einheitliche Haltung der Gläubigen gegenüber der neuen Obrigkeit ausschloss. So verdeutlicht etwa Roland WEIS in seinem Buch über die katholische Kirche Baden-Württembergs im Nationalsozialismus1, dass es auf den unterschiedlichen Ebenen der katholischen Hierarchie sowohl unter den einfachen katholischen Dorfpfarrern als auch unter den hochangesehenen Kardinälen und Bischöfen verschiedene Haltungen gegenüber dem Nationalsozialismus gegeben habe, die zu individuell unterschiedlichen Handlungen führten. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass die katholische Kirche mit ihrer großen Mitgliederzahl in Deutschland eine einflussreiche Institution darstellte, die Hitler auf seinem Weg zur Diktatur nicht ohne weiteres ignorieren oder gar ausschalten konnte. Vielmehr war er darauf angewiesen, einen Weg zu finden, die Anhänger der katholischen Kirche in Deutschland für seine Ziele zu gewinnen oder zumindest nicht geschlossen gegen sich zu haben. Ein Hindernis stellte dabei der politische Katholizismus dar, der im Zuge von Hitlers Errichtung eines Einparteienstaates beseitigt werden musste. Im Unterschied zum Umgang mit den anderen Parteien in Deutschland, wie etwa den Kommunisten und Sozialdemokraten, wählte Hitler bei den katholischen Parteien nicht hauptsächlich den Weg der gewaltsamen Einschüchterung und Diffamierung, sondern forcierte unter der Federführung von Vizekanzler Franz von Papen eine diplomatische Lösung mit dem Heiligen Stuhl in Rom - das sogenannte Reichskonkordat.

Die vorliegende Arbeit wird sich mit den Etappen des Zustandekommens dieses Vertragswerkes zwischen Hitler und dem Heiligen Stuhl auseinandersetzen und soll Erkenntnisse dafür liefern, inwieweit die Verhandlungen selbst als auch der Inhalt des erarbeiteten Kontraktes zu einer Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen Hitlers Machtapparat und der katholischen Kirche in Deutschland geführt hat. Dabei soll auch die Frage beleuchtet werden, inwiefern es Hitler gelungen ist, einer, für sein Ziel der diktatorischen Alleinherrschaft in Deutschland potentiell gefährlichen, weil großen und in der Gesellschaft tief verankerten Widerstandsgruppe schon frühzeitig den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Auf die bei der Betrachtung dieses Themas unweigerlich auftauchende Scholder-Repgen- Kontroverse2 bezüglich der Rolle einzelner Handlungsträger im Entstehungsprozess des Reichskonkordats und unterschiedlicher motivationaler Intentionen der Verhandlungspartner soll an dieser Stelle nur hingewiesen werden. Sie kann jedoch aufgrund ihres Umfangs in dieser Arbeit keine weitere Beachtung finden.

2. Zögerliche Annäherungsversuche als Basis für die Konkordatsverhandlungen

Bis 1930 fand die aufkeimende nationalsozialistische Bewegung in Deutschland von der katholischen Kirche nahezu keine öffentliche Beachtung. Als Gründe hierfür nennt WEIS die bis dahin schwachen Wahlergebnisse der Nationalsozialisten und die wenigen und liberal formulierten Aussagen ihres Parteiprogramms bezüglich der Kirchenpolitik.3 Spätestens mit den guten Wahlergebnissen der NSDAP zur Reichstagswahl am 14. September 1930 wurde jedoch deutlich, dass es sich nicht nur um eine politische Randerscheinung handelte. Die Nationalsozialisten erhielten fast ein Fünftel aller Wählerstimmen und waren nun nicht mehr nur eine Minderheit in der deutschen Parteienlandschaft. Durch diese Entwicklung sahen sich die Katholiken gezwungen, sich gegenüber den Nationalsozialisten zu positionieren. Dabei stellte sich schnell heraus, dass es unter den deutschen Bischöfen ein sehr breites Meinungsspektrum bezüglich einer Stellungnahme zur nationalsozialistischen Bewegung gab. Aus dem Mainzer Ordinariat erhielt die NSDAP auf Anfrage einer Gauleitung eine radikale Verlautbarung. Demnach sei es einem Katholiken untersagt, der NSDAP beizutreten, da diese in wesentlichen Punkten gegen die Kirche eingestellt sei. Eine Zuwiderhandlung habe außerdem einen Ausschluss vom Empfang der Sakramente zur Folge.4 Der damalige Domkapitular und spätere Erzbischof von Freiburg - Conrad Gröber - gab hingegen zu bedenken, dass eine ablehnende Haltung gegenüber den Nationalsozialisten zu einer Abkehr der Jugend von der Kirche führen könne, da vor allem jene von der neuen Bewegung erfasst worden sei.5 Kardinal Bertram, zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, sah aufgrund der verschiedenen Meinungen innerhalb des katholischen Führungszirkels keine Chance, eine Mehrheit für eine einheitliche Stellungnahme zu finden, weshalb er zum Jahreswechsel 1930/31 auf eigene Initiative öffentlich seine Sorge über eine drohende politische Radikalisierung und den damit einhergehenden Rassenwahn sowie eine Nationalkirche bekundete, ohne aber dabei den Nationalsozialismus direkt zu nennen.6 Diese eher allgemeine Äußerung Bertrams sollte die radikale Mainzer Verlautbarung, die in einigen Teilen des Ordinariats als taktisch unklug und schwer durchführbar betrachtet wurde, relativieren, erntete aber gerade wegen der wenig konkreten Formulierung ebenfalls Kritik. Als Reaktion veröffentlichten die bayerischen Bischöfe im Februar 1931 eine Stellungnahme mit dem Titel „Nationalsozialismus und Seelsorge, Pastorale Anweisungen für den Klerus bestimmt“7, die weder die Radikalität der Mainzer Bischöfe, noch die Allgemeinheit Bertrams teilte, indem sie eine Einzelfallprüfung bei der Zulassung zu den Sakramenten vorsah und die Ablehnung des Nationalsozialismus eingrenzte, „solange und soweit er kulturpolitische Auffassungen kundgibt, die mit der katholischen Lehre nicht vereinbar sind“8. SCHOLDER bezeichnet diesen Schritt als klug, da sich die katholische Kirche in einer Lage der Bedrängnis befand, weist aber darauf hin, dass die in der Stellungnahme angedeutete Kompromissbereitschaft zwei Jahre später von Hitler ausgenutzt werden sollte.9

Wenngleich die öffentlichen Reaktionen des Episkopats auf das Erstarken der Nationalsozialisten im Staat nicht im Vorfeld abgesprochen waren und entsprechend unterschiedlich im Grad der Radikalität ausfielen, so besaßen sie dennoch - von wenigen Ausnahmen abgesehen10 - den gleichen Grundtenor: Man stand dieser Entwicklung mit Sorge und Ablehnung gegenüber und befürchtete im Zuge dessen die Verdrängung der Kirche und des katholischen Glaubens aus der gesellschaftlichen Mitte. Diese beachtliche geschlossene Haltung wurde durch das Ergebnis der Reichstagswahlen vom Juli 1932, das die NSDAP mit 37,4% der Wählerstimmen zum Wahlsieger machte, noch bestärkt. In deren Vorfeld warnten die preußischen Bischöfe vor Parteien, „die des Vertrauens des katholischen Volkes nicht würdig“11 seien. In den folgenden Monaten fokussierte die NSDAP die Stabilisierung ihrer neu errungenen Macht, wobei es die Zentrumspartei, die das politische Organ der Katholiken im Reich darstellte, nicht vermochte, einen politischen Gegenpol darzustellen, der dieser Entwicklung Einhalt geben konnte.12

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 und den Ergebnissen der Reichstagswahlen am 5. März 1933 wuchs die Sorge der deutschen Katholiken weiter. Die NSDAP erlangte einen weiteren starken Stimmenzuwachs auf 43,9%, während die Zentrumspartei erneut Verluste zu verkraften hatte. WEIS zitiert hierzu eine Analyse der „Basler Nachrichten“, nach der nur 5,5 Millionen der insgesamt 12,5 Millionen wahlberechtigten Katholiken für das Zentrum stimmten.13 Dies zeigt, dass ein Großteil der katholischen Wähler die Sorgen des Episkopats nicht teilten, was dessen Situation weiter erschwerte.

Ein erklärtes Ziel Hitlers nach der Reichstagswahl war der Erlass eines Ermächtigungsgesetzes mithilfe einer Zweidrittel-Mehrheit im Reichstag. Hierbei spielten auch die Stimmen der Zentrumspartei eine wichtige Rolle, was zu einer - aus Sicht des Episkopats - überraschenden Wendung führte. Hitler zeigte bei seiner Regierungserklärung vom 23. März gegenüber den christlichen Konfessionen ein deutliches Entgegenkommen:

„ Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums. [ … ] Ihre Sorge gilt dem aufrichtigen Zusammenleben zwischen Kirche und Staat “ 14.

Diese Erklärung war aus Sicht Hitlers ein gerissener Schachzug, hatte er doch wie gewünscht zur Folge, dass auch das Zentrum dem Ermächtigungsgesetz zustimmte.15 Außerdem legte sie den Grundstein für eine noch stärkere Eindämmung des katholischen Widerstandes gegen das „Dritte Reich“. Nur fünf Tage später ließ Kardinal Bertram überstürzt, weil nicht mit allen Bistümern abgesprochen, in einer gemeinsamen Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz publizieren, dass von den „allgemeinen Verbote[n] und Warnungen“16 Abstand genommen werde, die in „früheren Maßnahmen liegende Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer“17 aber nicht aufgehoben sei. Hier zeigt sich ein erstes verhaltenes Anzeichen des Zerbröckelns der bisherigen Haltung des Episkopats gegenüber der neuen Obrigkeit. Die Gründe für diese Entwicklung sind nicht nur im Entgegenkommen Hitlers zu suchen, sondern laut WEIS auch in der katholischen Staatslehre, die auf dem „Römerbrief 13“ des Neuen Testaments fußt und besagt, dass jede Obrigkeit gottgewollt sei, zumal diese Regierung noch verfassungskonform zustande kam.18 MORSEY fügt außerdem an, dass innerhalb des katholischen Führungszirkels die Sorge umging, ohne einen Positionswechsel bald aus der nationalen Volksgemeinschaft ausgeschlossen zu sein und in einer Minderheitsposition unterzugehen.19 Festzuhalten ist, dass diese neuen Entwicklungen in der Beziehung zwischen der nationalsozialistischen Obrigkeit und dem Episkopat den Grundstein für das Zustandekommen des Reichskonkordats noch im gleichen Jahr darstellten und somit weitreichende Konsequenzen für beide Seiten mit sich brachten.

3. Die erste Verhandlungsrunde

Wie im vorherigen Kapitel aufgezeigt, war die Vorbedingung für das Zustandekommen des Reichkonkordats die Aufweichung der zunächst ablehnenden Haltung des katholischen Ordinariats gegenüber der erstarkten nationalsozialistischen Bewegung. Für die tatsächliche Realisierung der vertraglich festgelegten Beziehung zwischen Katholiken und NS-Staat macht VOLK, der eine ausführliche Monographie zur Thematik verfasst hat20, jedoch die Initiative der beiden Politiker von Papen und Hitler verantwortlich.

[...]


1 Vgl. Weis, Roland: Würden und Bürden. Katholische Kirche im Nationalsozialismus, Freiburg 1994.

2 Eine übersichtliche Zusammenfassung und Bewertung der Standpunkte beider Historiker findet sich in: Loth, Wilfried: Das Reichskonkordat und der Untergang des politischen Katholizismus. Bilanz einer Kontroverse, in: „Berichte und Beiträge“ des Sekretariats Kirche und Gesellschaft Bischöfliches Generalvikariat Essen. Hermans, Baldur (Hrsg.): Sechzig Jahre Reichskonkordat (1933-1993). Falle oder Schutzwall für den deutschen Katholizismus? (Heft 20), Essen 1994, S. 7-16.

3 Vgl. Weis: Würden, 1994, S. 28.

4 Vgl. Morsey, Rudolf: Die katholische Volksminderheit und der Aufstieg des Nationalsozialismus 1930-1933, in: Bendel, Rainer (Hrsg.): Die katholische Schuld? Katholizismus im Dritten Reich - Zwischen Arrangement und Widerstand, Münster/Hamburg/London 2002, S. 46; vgl. Denzler, Georg: Widerstand oder Anpassung? Katholische Kirche und Drittes Reich, München 1984, S. 19.

5 Vgl. Weis: Würden, 1994, S. 28f.

6 Vgl. Morsey: katholische Volksminderheit, in: Bendel (Hrsg.): katholische Schuld?, 2002, S. 47; vgl. Weis: Würden, 1994, S. 29.

7 Nationalsozialismus und Seelsorge, Pastorale Anweisungen für den Klerus bestimmt, gedruckt in: Müller, Hans: Katholische Kirche und Nationalsozialismus. Dokumente 1930-1935, München 1965, S. 46-48.

8 Ebd., S. 47.

9 Vgl. Scholder, Klaus: Die Kirchen und das Dritte Reich (Bd. 1, Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918- 1934), Frankfurt a. M./Berlin 1977, S.169.

10 WEIS nennt das Beispiel des Pfafferes Wilhelm Senn der sich auf einem Flugblatt sowie in seiner veröffentlichten Schrift „Katholizismus und Nationalsozialismus“ positiv gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung äußerte; vgl. Weis: Würden, 1994, S. 35f.

11 Hirtenbrief der preußischen Bischöfe zu den Wahlen vom 31.7.1932, gedruckt in: Müller: Katholische Kirche, 1965, S. 61.

12 Vgl. Morsey: katholische Volksminderheit, in: Bendel (Hrsg.): katholische Schuld?, 2002, S. 49-53.

13 Vgl. Weis: Würden, 1994, S 41.

14 Ausschnitt der Regierungserklärung Hitlers vom 23. 3. 1933, gedruckt in: Müller: Katholische Kirche, 1965, S.83f.

15 Vgl. Morsey: katholische Volksminderheit, in: Bendel (Hrsg.): katholische Schuld?, 2002, S. 40; zur tiefergehenden Literatur vgl. Scholder: Kirchen, 1977, S. 304-317.

16 Endgültiger Text der Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz vom 28. März 1933, gedruckt in: Müller: Katholische Kirche, 1965, S. 88.

17 Ebd., ebd.

18 Vgl. Weis: Würden, 1994, S. 45.

19 Vgl. Morsey: katholische Volksminderheit, in: Bendel (Hrsg.): katholische Schuld?, 2002, S. 54.

20 Vgl. Volk, Ludwig: Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933, Mainz 1972.

Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656656098
ISBN (Buch)
9783656656081
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273374
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V.
Note
1,3
Schlagworte
Reichskonkordat Katholische Kirche Nationalsozialismus Franz von Papen Ludwig Kaas Papst Pius XII. Eugenio Pacelli

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Verhandlungen zum Reichskonkordat von 1933 und deren Einfluss auf das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus in Deutschland