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Störungen im Unterricht. Die verschiedenen Arten und ihre Ursachen

Akademische Arbeit 2006 23 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1 Unterrichtsstörung – Definition und Problemhorizont
2 Arten und Klassifizierungen von Unterrichtsstörungen
3 Gründe und Ursachen für Unterrichtsstörungen
3.1 Lehrerbezogene Ursachen für Unterrichtsstörungen
3.2 Schülerbezogene Ursachen und Ziele von Unterrichtsstörungen
3.3 Unterrichtsbezogene Ursachen für Unterrichtsstörungen

4 Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1 Unterrichtsstörung – Definition und Problemhorizont

Die Komplexität des Themengebietes „Unterrichtsstörung“ offenbart sich bereits in der Suche nach einer Definition. Was ist eine Unterrichtsstörung? Wo fängt Unterrichtsstörung an? Daran anschließen würde sich folgerichtig die Frage, wer bestimmt, wann der Unterricht gestört wird (vgl. Bessoth 1989, S. 4). Das Geräusch eines heruntergefallenen Füllers wird von dem einen Lehrer bewusst oder unbewusst übergangen, für den anderen stellt dies eine Provokation und damit eine Unterrichtsstörung dar. Dementsprechend unterschiedlich fallen die verbundenen Konsequenzen aus, von der unbeeindruckten Fortführung des Unterrichts bis hin zur harschen Ermahnung oder gar Bestrafung. Hier wird deutlich, dass Unterrichtsstörung stets eine Frage der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung der beteiligten Personen ist. Die Literatur bietet eine Fülle von mehr oder weniger abstrakten Definitionen, wobei die Begriffsbestimmung von WINKEL die am meisten verbreitete ist: „Eine Unterrichtsstörung liegt dann vor, wenn Unterricht gestört ist, d.h. wenn das Lehren und Lernen stockt, aufhört, pervertiert, unerträglich oder inhuman wird“ (Winkel 2005, S. 29). Auch diese Definition lässt den subjektiven Spielraum erkennen: Ob der Unterricht und der Lernprozess stockt oder unerträglich wird, hängt sowohl vom Lehrer als auch von der Klasse ab. So bemerkt vielleicht nur der Lehrer das Stuhlwackeln eines Schülers, während erst die Ermahnung „Lars, jetzt hör’ doch endlich mal auf, mit dem Stuhl zu wackeln“ zu einem Stocken oder Abbruch des Lern­prozesses bei den Schülern führt. Gemäß WINKEL stellt damit aus Schülersicht nicht der eigentliche Vorfall „Stuhlwackeln“ die Störung dar, sondern die Reaktion des Lehrers.

BILLER greift Winkels Gedanken auf, fasst seine Definition allerdings etwas weiter: „alles, was den Prozess oder das Beziehungsgefüge von Unterrichtssituationen unterbricht oder unterbrechen […] könnte“ (Biller 1979, S. 28). Damit schließt er nicht nur die tatsächliche Unterbrechung sondern auch die potentielle Störung in seine Deutung ein.

Die Diskussion um eine adäquate Definition wird auch immer wieder erweitert um die Problematik der Terminologie. So werden vielfach Begriffe wie „Disziplinprobleme“, „Erziehungsschwierigkeiten“ oder „Verhaltens­auffälligkeiten“ synonym zum Terminus „Unterrichtsstörung“ gebraucht. Dabei kann „Unterrichtsstörung“ als weitgehend neutraler Begriff gelten, der, legt man WINKELS Definition zugrunde, die Unterbrechung des Lehr-Lernprozesses beschreibt. Die anderen Termini hingegen enthalten bereits Wertungen in Form von Schuldzuweisungen (vgl. Mäckle 2003, S. 10). Der Begriff „Disziplinprobleme“ interpretiert Unterrichtsstörungen von Seiten des Lehrers her: Sieht man Disziplin als die „genaue Befolgung von sozialen Normen und Ordnungen“ (Domke 1973, S. 11) liegt es am Unterrichtenden, auf die Einhaltung und Durchsetzung der Disziplin zu achten. Gelingt dies nicht, ist der Lehrer zu nachsichtig und damit selbst verantwortlich für die Unterrichtsstörung. Das Gegenteil suggeriert der Begriff „Verhaltens­auffälligkeiten“: Hier wird die Blickrichtung allein auf den Störenden und sein Benehmen gerichtet. Ähnlich einer Krankheit liegt das Fehlverhalten im Schüler und ist zunächst einmal hinzunehmen (vgl. Winkel 2005, S. 27f.). Damit kann der Lehrer seine Verantwortung an der Störung weitgehend von sich weisen. Diese Tatsache, die man möglicherweise als Vorteil für den Lehrer sehen könnte, erweist sich als Nachteil, wenn man den Blick auf die möglichen Lösungsansätze wirft. „Verhaltensauffälligkeit“ heißt dann nicht nur fehlende Verantwortung für das Fehlverhalten sondern auch, dass der Lehrer keinerlei Handlungsmöglichkeiten hat. Wenn nur der Arzt oder Psychotherapeut den Störer zur Änderung seines Verhaltens bewegen kann, sind dem Lehrenden bei der Abstellung von Störungen faktisch die Hände gebunden. Auch der Begriff „abweichendes Schülerverhalten“ nimmt eine Etikettierung zu ungunsten des Schülers vor (vgl. Mertens 1974, S. 79). Wie bei einer „Verhaltensauffälligkeit“ auch liegt hier der Fokus nur auf dem Störer. Nach „abweichendem Lehrerverhalten“ wird man in der Literatur hingegen vergeblich suchen.

Als einzige mögliche Alternative zum Terminus „Unterrichtsstörung“ kommt der Begriff „Konflikt“ in Betracht. Wenn er auch nicht synonym ist, so weist „Konflikt“ dennoch eine ähnliche Neutralität wie „Unterrichtsstörung“ auf. Auch hier wird zunächst nur eine Darstellung ohne direkte Schuldzuweisung vorgenommen. Ein Konflikt im pädagogischen Kontext kann, ebenso wie die Störung, sowohl durch Lehrer als auch durch Schüler verursacht worden sein. BECKER bevorzugt diese Terminologie und definiert Konflikt als eine „für den Lehrer berufsfeldspezifische Auseinandersetzung, Belastung und/oder Schwierigkeit, die eine unterschiedlich starke emotionale, kognitive und/oder physische Beeinträchtigung mit sich bringt“ (Becker 2000, S. 20 f.).

2 Arten und Klassifizierungen von Unterrichtsstörungen

Es erscheint sinnvoll, sich zunächst einen Überblick über die verschiedenen Arten von Unterrichtsstörungen zu verschaffen, denen man die einzelnen Vorfälle zuordnen kann. Diese Form der Standardisierung ermöglicht es, wiederkehrende Muster abzuleiten und in einem weiteren Schritt mögliche Lösungswege zu diskutieren. Dazu trägt auch eine Graduierung bei, die die Stärke und Bedeutsamkeit der Störung beschreibt (vom Schein- bis zum Extremkonflikt) und dem Lehrer anzeigt, ob und wie ein Einschreiten seinerseits geboten ist.

WINKEL unterscheidet sechs Kategorien von Unterrichtsstörungen, die sich nicht nur in ihren Darstellungsformen voneinander unterscheiden, sondern auch im möglichen Handlungsspielraum des Lehrers (vgl. Winkel, S. 80 ff.)

1. Disziplinstörungen
Wenn Disziplin das Befolgen von sozialen Normen und Ordnungen ist (Domke 1973, S. 11), dann liegen Störungen folglich immer dann vor, wenn von diesen Reglementierungen abgewichen wird. Im Schulalltag heißt das, dass gegen die Schulordnung, Klassenregeln oder Vorgaben des Lehrers verstoßen wird. Beispiele sind das unerlaubte Essen während des Unterrichts oder Schüler, die zu spät von der Pause kommen
2. Provokationen und Aggressionen
Wie der Name Provokation bereits andeutet, versucht hier der Störer, Lehrer und/oder Mitschüler herauszufordern oder bewusst zu schädigen. Ein Schüler, der seine Arbeit in die Ecke wirft oder den Lehrer nachäfft, kann hier als Exempel dienen
3. Akustische und visuelle Dauerstörungen sowie allgemeine Unruhe bzw. Konzentrationsstörungen
Diese Störungsart schließt das Verhalten ein, das zu einer nicht unterrichtsbezogenen Steigerung des Lärmpegels innerhalb der Klasse führt, also z.B. Schüler, die miteinander schwätzen. Das Herumzappeln eines Schülers stellt eine visuelle Dauerstörung dar. Die geistige Abwesenheit, hohe Ablenkungsbereitschaft und langsames Arbeiten von Schülern fallen in den Bereich der Konzentrationsstörungen
4. Störungen aus dem Außenbereich des Unterrichts
Dieser Punkt umfasst alle störenden akustischen und visuellen Einflüsse, die nicht durch die Klasse, sondern durch Dritte generiert sind. Der Hausmeister, der vor dem Fenster den Rasen mäht, der tief-fliegende Kampfjet der Bundeswehr oder die hereinplatzende Kollegin, die ein Stück Kreide braucht – all diese Unterbrechungen kommen zunächst von außen und sind durch den Lehrer nur sehr bedingt abstellbar. Treffen die störenden Außeneinflüsse mit einer erhöhten Ablenkungsbereitschaft der Schüler zusammen (vgl. Punkt 3) können sie Auslöser einer ganzen Störungsserie werden
5. Lernverweigerung und Passivität
Hier verweigert einer oder mehrere Schüler die Mitarbeit am Unterrichtsgeschehen. Dies kann aufgrund von Über- oder Unterforderung auftreten oder aus Gründen der Provokation (vgl. Punkt 2). An diesem Beispiel ist erkennbar, dass die Grenzen zwischen den Störungsarten mitunter fließend sind und Interdependenzen und Kausalketten bestehen
6. Neurotisch bedingte Störungen
Diese Störungsart hebt sich von den anderen fünf ab, da der Lehrer zumeist nur den Folgen, nicht aber der eigentlichen Störung begegnet, die einen medizinischen Hintergrund hat. Tics, Stottern, Nägelkauen sind das sichtbare Verhalten, das auf organische Defekte beim Schüler hinweisen kann. Daher besteht der Handlungsspielraum für den Lehrer in solchen Fällen lediglich darin, den Schüler an einen Neurologen, Psychologen oder Mediziner zu verweisen.

Darüber hinaus unterscheidet WINKEL Störungen auch nach ihrer analytischen Ebene, d.h. von welcher Seite her die Störung definiert wird (Lehrer, Schüler, Lehr-Lern-Prozess). So kann sich der Lehrer durch das Verhalten eines Schülers gestört fühlen, während die Schüler dies gar nicht wahrnehmen und der Lernprozess in keiner Weise beeinflusst wird. Die Störungsrichtung stellt einen weiteren Parameter dar, nach dem Störungen differenziert werden können. Das Nachäffen des Lehrers beispielsweise würde unter die personale Störungsrichtung Schüler-Lehrer fallen, das Pieksen eines Mitschülers mit dem Zirkel unter die Störungsrichtung Schüler-Schüler. Die Richtung kann aber auch abstrakt sein, was sich im Falle der Normverletzung (Störungsrichtung: Schüler-Norm) zeigt

Schließlich können auch die möglichen Folgen von Störungen ein Klassifizierungskriterium darstellen: Kommt der Unterricht nur kurz zum Stocken, führt die Störung zu einer allgemeinen Verschlechterung des Klassenklimas oder bricht der Lehr-Lernprozess komplett ab? Dies hängt, neben dem Umgang mit der Störung, auch mit der Schwere der Unterrichtsstörung zusammen. Sowohl BILLER als auch BECKER schlagen eine derartige Klassifizierung vor, weichen allerdings in der Terminologie voneinander ab (vgl. Biller 1979, S. 34ff. und Becker 2000, S. 17ff.). Bagatellstörungen (BILLER) beziehungsweise Scheinkonflikte (BECKER) sind keine böswilligen Affronts gegenüber der Lehrperson oder Mitschülern und sollten nicht als solche angesehen werden. Es handelt sich zumeist um kurzfristige Unaufmerksamkeiten, Übermut oder Vergesslichkeit einzelner Schüler. So zählen beispielsweise vergessene Hausaufgaben, das einmalige, unaufgeforderte Herausrufen der richtigen Antwort oder die sporadische Neckerei eines Mitschülers zu derartigen Scheinkonflikten. Aufgrund ihrer Belanglosigkeit ist hier ein energisches Einschreiten von Seiten des Lehrenden in der Regel unangebracht.

Die folgende Stufe bezeichnet BILLER bereits als ernsthafte Störungen, während BECKER sie als Randkonflikte mit kurzer, geringer Beeinträchtigung des Unterrichtes tituliert. BILLER unterscheidet in direkte und indirekte ernsthafte Störungen. Indirekte Störungen finden außerhalb des eigentlichen Unterrichts statt, verschlechtern aber insgesamt das Schulklima und können sich daher mittelbar auf die einzelne Schulstunde auswirken. Zu dieser Störungsklasse gehören gestörte Beziehungen zum Schulhauspersonal (z.B. „Racheakte“ von Schülern am Hausmeister), Störungen im normierten Schulbereich, also Verstöße gegen Schul- und Hausordnungen, sowie als dritte Gruppe Störungen im außerschulischen Bereich. Hierzu zählen exemplarisch das Anpöbeln von Erwachsenen oder der unverantwortliche Umgang der Schüler mit Nikotin und Alkohol, also Verhaltensweisen die deutlich über den schulischen Kontext hinausgehen.

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Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656651321
ISBN (Buch)
9783656651345
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273393
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg – Pädagogische Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
störungen unterricht arten ursachen

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Titel: Störungen im Unterricht. Die verschiedenen Arten und ihre Ursachen