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Der Tod und das Mädchen in den Künsten

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Tod und das Mädchen als Leitmotiv

3 Matthias Claudius’ der „Tod und das Mädchen“
3.1 Claudius’ Einstellung zum Tod und Freund Hain
3.2 Leitmotiv in „Der Tod und das Mädchen“ (1775)

4 musikalische Vertonung durch Schubert
4.1 Einstellung und Umstände
4.2 Leitmotiv in Schuberts musikalischer Vertonung des Gedichts

5 Intermedialität und Leitmotiv in „La doncella y la muerte“

6 Fazit

7 Anhang

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

“Vor jedem Menschen steht der Tod wie ein großer dunkler Torbogen: drohend und furchterregend dem einen, mahnend anderen oder auch lockend oder als willkommener Ausweg aus Trübsal, Angst und Leid.” [1] Der Tod beschäftigte schon damals wie heute die Menschheit. Jeder muss sich ihm eines Tages stellen und doch pflegen Alle eine andere Einstellung zu ihm. Viele fürchten ihn, andere sehnen ihn herbei. Fakt ist, Gevater Tod hat Konjunktur! In einigen Phasen fast totgeschwiegen, begleitet er uns heute in alltäglichen Diskussionen über Sterbehilfe und den humanen Tod.[2] Auch in der Literatur findet er großen Anklang. So ist der Knochenmann, alleine oder in Verbindung mit anderen Themen, eine der am häufigsten dargestellten Thematiken in Kunst und Literatur. Dabei geht der Tod eine besondere Verbindung mit dem Tanz ein.[3] Eine der berühmtesten Darstellungsformen sind die sogenannten Totentänze, in denen der Sensenmann uns seine verschiedenen Gesichter präsentiert. Entstehungsort und- zeitraum sind umstritten, jedoch sieht die Mehrheit der Experten den Totentanz in Frankreich entstanden. Wichtigster Ausgangspunkt sind dabei die “Danse macabre” aus dem Jahre 1424.[4] “Durch solche Allgegenwart des Motivs […] wird der Tod im 16. Jahrhundert „zu einer Gestalt des täglichen Lebens“[...]. Der Tod wird zum Nachbarn im Guten wie im Bösen“. [5] Doch lange Zeit außer Acht gelassen, wurde das erotische Motiv Der Tod und das Mädchen. Zwar bereits in vorherigen Totentänzen präsent, wird in Niklaus Manuels Berner Totentanz dieses Sujet deutlich verstärkt. Nie zuvor war der Zusammenprall von Leben und Tod deutlicher verbildlicht worden.

Dieses Leitmotiv soll auch im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen. Doch wie hat sich der Leitgedanke Der Tod und das Mädchen seit dem späten Mittelalter bis in die Gegenwart verändert? Und wie wird es in den verschiedenen Werken interpretiert? Um Entstehung und Entwicklung dieses Leitmotivs in den Künsten erklären zu können, werde ich zunächst auf die Totentänze eingehen um danach zu Matthias Claudius’ Werk „Der Tod und das Mädchen“ und zu der Vertonung dieses Gedichtes durch Franz Schubert zu kommen.

In seinem 1775 erschienen Werk, präsentiert Claudius ein ganz neues Bild seines Freundes Hain. „Der Knochenmann“ [6] kommt nicht als Verführer, sondern „er bringt das junge Mädchen als Freund sanft zur Ruh .” [7] Diese, dem Tode zugeneigte Haltung, ist typisch für die Zeit der Aufklärung. Durch die Vertonung des Gedichtes von Franz Schubert im Jahre 1822 erfuhr Claudius’ Werk einen erheblichen Zuwachs an Aufmerksamkeit. Doch das Motiv Der Tod und das Mädchen hat noch weit über Claudius und Schubert hinaus bis in die Gegenwart ein erstaunliches Wirkungspotential.[8] So ist es auch in dem erfolgreichsten südamerikanischen Theaterstück „La muerte y la doncella“ von Ariel Dorfman zu finden. 1991 uraufgeführt in London, bekam das Stück großen Zuspruch aus dem Ausland und wurde ebenfalls 1994 mit Starbesetzung von Roman Polanski verfilmt. Im letzten Punkt dieser Arbeit werde ich abschließend auf die intermediale Einbindung des Stückes von Schubert in „La muerte y la doncella“ eingehen, um herauszuarbeiten inwiefern das Leitmotiv Der Tod und das Mädchen auftaucht und wieso es so wichtig für den Verlauf des Dramas ist.

2 Der Tod und das Mädchen als Leitmotiv

Totentanz – Was genau hat man sich darunter vorzustellen? Unwillkürlich schießen Bilder von kuriosen Tanzaufführungen durch den Kopf. Anfangs tatsächlich als Tanz dargestellte Szenen in Wandmalereien oder Holzschnitten, handelte es sich schnell schon gar nicht mehr um Tänze an sich. Viel mehr wurden die verschiedenen Darstellungsformen des Todes präsentiert. Doch wie kam es zur Entstehung dieser bizarren Kunstwerke? Laut Franz Link war „der Anlass zur Entstehung dieses Totentanzes […], die seit 1347 bis weit ins 17. Jahrhundert im vorderen Orient und in Europa wütenden Pestwellen, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen“. [9] Als eines der ersten Beispiele wird dabei die danse macabre auf dem Friedhof des Franziskanerklosters Aux S.S, Innocents in Paris genannt. Es folgten derartig viele Werke, die die Konfrontation des Menschen mit dem Tod darstellen, „dass der Tod nicht selten auch schon wieder in die Gefahr gerät, verharmlost zu werden“. [10] Ob als „Sensenmann, […] statt der Sichel die Sense in den Händen“ [11], als Reitertod und damit als einer der vier apokalyptischen Reiter, „die Krieg, Aufruhr, Hunger, Tod und Verderben über die Menschen der Endzeit bringen“ [12] oder auch als Jäger Tod mit gespannten Bogen und tödlichem Pfeil[13], präsentiert sich der Tod jeweils bedrohlich und betont männlich. Doch durch den zeittypischen „Memento mori- Gedanken“[14] kann der sonst so gefürchtete auch zum willkommenen Tod werden – als Erlöser, Nachbar, Freund oder gar Geliebter.[15] Die Werte begannen sich umzukehren. So schrieb auch Lessing, dass „der Tod an sich nichts schreckliches an sich habe“ [16] und lehnte es somit auch ab, Gevatter Tod als scheußliches Gerippe darzustellen.[17] Von diesem Gedankengut aus Barock und Romantik liegt die sogenannte Todeserotik nicht weit entfernt.

Nach Zeiten der Todesfurcht, in denen von Erotisierung des Motivs Der Tod und das Mädchen gar keine Rede war, nahm der Knochenmann also wieder freundlichere Züge an. Durch die Fusion von thanatos und eros [18] – also mors und amor, in Kunst und Literatur der Renaissance findet sich dann schließlich das Motiv Der Tod und das Mädchen.[19] Besonders hervorstechend sind die Arbeiten zweier Künstler, die sich im Laufe ihres Lebens in ihren Werken immer wieder mit diesem Motiv auseinander gesetzt haben. Die Rede ist von Hans Baldung Grien und Niklaus Manuel. Ihre Werke heben sich durch die sinnliche Brutalität und der damit einher kommenden Schockwirkung des Motivs von der Masse deutlich ab. Baldung arbeitete vor allem in Gemälden und Federzeichnungen, unter starker Betonung der sexuellen Attraktivität der dargestellten jungen Frauen, das Leitmotiv Der Tod und das Mädchen heraus.[20] Auffällig ist, dass besonders die sinnlichen Rundungen der Frauen durch starke Hell-Dunkel-Kontraste auf Gemälden und Zeichnungen sich von dem dunklen Hintergrund und der düsteren Gestalt des Knochenmanns abheben. Zum Ausdruck kommt, wie die Vergänglichkeit irdischer Schönheit von der abscheulichen Erscheinung des Todes ausgelöscht wird, akzentuiert durch erotische Einflüsse.[21]

Ein Beispiel ist Baldungs Federzeichnung „Der Tod und das Mädchen mit Spiegel“ (Abb. 1), 1515. Zu sehen ist eine nackte Frau, die sich gedankenverloren ihre Haare vor einem Spiegel kämmt. Sie ist so beschäftigt sich selbst zu betrachten, dass sie die Gestalt des Todes hinter sich gar nicht bemerkt. Der in ein Leichentuch gehüllte Tod hält das Mädchen an ihrer Taille und unter ihrer linken Brust und kommt somit einem Liebhaber gleich. Durch ihr selbstverliebtes Verhalten „macht sich die junge Frau gleichsam zu einer Personifikation der Eitelkeit, der Superbia.“ [22] Die Superbia, eine der sieben Todsünden, führt dazu, dass das Mädchen sich durch ihre Eitelkeit nahezu selbst in die Hände des Todes befördert. In einem anderen Werk Bandungs wird die Selbstverdammung noch deutlicher. In dem Gemälde „Tod und die Frau“ (Abb. 2), 1515, kommt die Situation einem Überfall des Todes auf die nackte üppige Frau gleich. Schrecken und Ekel stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Der Knochenmann hat sich ihr indes von hinten genähert und hält sie an Kopf und linker Brust fest um sie „auf die pralle Wange zu küssen oder vielmehr in die Wange zu beißen.“ [23] Ganz klar wird hierbei die Sexualität der Frau als Grund für den Tod gedeutet. Sie zieht sozusagen den Tod durch ihre offenherzig präsentierte Schönheit als Liebhaber an. „Ihre Sündhaftigkeit wird zum Einfallstor für den eigenen Tod“. [24] Der Baumstamm des im Hintergrund platzierten Baumes kommt einer, sich am Baum hinab kriechenden Schlange gleich. Diese ist ebenfalls mit dem Sündenfall zu assoziieren. Auch der „Kuss“ bzw. Biss in die Wange deutet auf den Sündenfall hin. Denn Tod und Sexualität kamen durch den Sündenfall gemeinsam auf die Erde.[25] In Baldungs Werk erinnert dieses Schauspiel an eben diesen Sündenfall, als sich e ros und t hanatos vereinen und das blühende Leben des Mädchens mit dem Todeskuss alias Todesbiss auslöschen. In diesem wie auch in anderen Totentänzen Baldungs, die das Thema Der Tod und das Mädchen behandeln, wird deutlich, „dass der Sündenfall primär im „Sinnbild“ des Sexuellen begriffen [wird]; sinnliche Schönheit, die Verführung des Mannes durch das Weib“ [26].

Auch in den Totentanz-Darstellungen des Künstlers Niklaus Manuel sind die erotischen Implikationen nicht zu übersehen. In seinem Gemälde „Berner Totentanz. Wittfrau und Mädchen“ (Abb. 3), 1649, tritt der Tod abermals als Liebhaber auf. Zu sehen ist eine hübsche junge Frau, die von hinten von der Todesgestalt umschlossen wird. Während sich seine Hände im Dekolleté der jungen Schönheit befinden, nähert er seinen Mund der Wange des Mädchens um sie zu küssen. Doch sie schaut weder erschrocken noch angeekelt. So mag man meinen, dass ihre Lippen sogar gespitzt, zum Kusse bereit sind. Die Hände zwar flehend erhoben, spricht ihr Gesicht eine andere Sprache. Sie scheint sich ihrer Schönheit bewusst, mit ihren leicht erhobenen Augenbrauen gar arrogant und überlegen.[27] Somit ist davon auszugehen, dass sie den erotischen Avancen des Todes nicht abgeneigt ist. Infolgedessen steht Manuels Werk ganz im Gegensatz zu Baldungs „Tod und die Frau“ (Abb.2), da der Tod als der Verführer in diesem Fall auf eine nicht unbedingt ungern Verführte trifft.[28] Die Erotik zwischen Tod und Mädchen sind in Manuels Werk deutlicher herausgearbeitet als in keinem anderen Totentanz zuvor. Dies veranlasste Gerd Kaiser dazu den Berner Totentanz sogar als Ausgangspunkt für die Motivgruppe Der Tod und das Mädchen zu sehen.[29] Nicht ganz so weit geht Stefanie Knöll, die Manuel lediglich eine Neuformulierung der Erotik innerhalb einer Totentanzszene zuspricht.[30]

[...]


[1] Rosenfeld (1968:1).

[2] vgl. Kaiser (1983:9).

[3] vgl. Link (1993:11).

[4] vgl. Kaiser (1983:25).

[5] Guthke (1997:96).

[6] Claudius (1981:884).

[7] Fischer (2008:9).

[8] Guthke (1997: 96).

[9] Link (1993:11).

[10] Guthke (1997:96).

[11] Rosenfeld (1954:11).

[12] Rosenfeld (1954:14).

[13] Rosenfeld (1954:17).

[14] vgl.Guthke (1997:108). Der Memento mori- Gedanke lässt den Tod durch seine Allgegenwärtigkeit zur intimvertrauten Gestalt werden.

[15] vgl. Guthke (1997:108).

[16] Fischer (2008:5).

[17] Fischer (2008:6).

[18] thanatos (Tod) und eros (Liebe) sind Götter der griechischen Mytologie.

[19] vgl. Guthke (1997:111).

[20] vgl. Mohrland (2013:227).

[21] vgl. Mohrland (2013:227).

[22] Mohrland (2013: 227).

[23] Guthke (1997: 116).

[24] Mohrland (2013:229).

[25] vgl. Guthke (1997: 116). Adams Biss in den Apfel ist der Sündenfall, durch den Tod und Sexualität gemeinsam auf die Welt kamen.

[26] Mohrland (2013:230).

[27] vgl. Mohrland (2013:232).

[28] Guthke (1997:119).

[29] vgl. Mohrland (2013:233).

[30] vgl. Mohrland (2013:233).

Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656656487
ISBN (Buch)
9783656656470
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273430
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
mädchen künsten

Autor

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