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Vater-Kind-Schule. Potentiale einer besonderen Beziehung

Bachelorarbeit 2013 78 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation
1.2 Vorgehensweise

2 Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes
2.1 Familie und Väter – Ein geschichtlicher Überblick
2.2 Vaterschaft heute: Im Fadenkreuz der Work-Life-Balance
2.3 Väter prägen ihre Kinder
2.3.1 Die Vater-Sohn-Beziehung in der Kindheit
2.3.2 Die Vater-Tochter-Beziehung in der Kindheit
2.4 Zwischenfazit

3 Zusammenarbeit mit Eltern in der Grundschule
3.1 Rechtliche Grundlagen für die Zusammenarbeit
3.2 Pro oder contra?! – Chancen und Grenzen der Zusammenarbeit
3.3 Anregungen für die Zusammenarbeit mit Vätern
3.3.1 Väterfrühstück
3.3.2 Exkursion – Väter stellen ihre Berufe oder Hobbies vor
3.3.3 Arbeitsgemeinschaften und Projekte
3.4 Zwischenfazit

4 Väter in der Grundschule – Eine empirische Untersuchung
4.1 Forschungsdesign
4.1.1 Forschungsfeld
4.1.2 Das Leitfrageninterview als qualitative Forschungsmethode
4.1.3 Situation der Datenerhebung
4.1.4 Vorstellung der Interviewpartner
4.2 Ergebnisdarstellung
4.2.1 Beruf und Familie
4.2.2 Allgemeine schulische Beteiligung
4.2.3 Väterliches Engagement im Spannungsfeld der Feminisierung
4.2.4 Persönliche schulische Beziehungen
4.2.5 Einfluss männlicher Lehrkräfte auf die Partizipation
4.2.6 Bewertung der Beziehung Vater-Kind-Schule
4.3 Reflexion

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Tätigkeiten der Männer mit Kindern 1998 und 2008 (Volz & Zulehner 2009, S. 91) 2

Abb. 2: Einfluss von Schule und Familie auf die Leistung und Kompetenz von SchülerInnen (vgl. OECD 2001, S. 356 f.) 23

Abb. 3: Tätigkeiten mit Kindern (Zulehner 2003, S. 82) 31

1 Einleitung

1.1 Ausgangssituation

„Mein Papa ist selten zu Hause. Am Morgen ist er meistens schon zur Arbeit gegangen. Deshalb freue ich mich auf den Sonntag, denn da muss mein Papi nicht arbeiten gehen und hat Zeit für mich.“ (Hofer 2001, S. 9)

So wie der acht jährigen Nadine geht es vielen Kindern, bei denen der Vater werktags beruflich stark eingebunden ist. Morgens geht er früh aus dem Haus und abends kommt er erst spät wieder, so dass ihm insgesamt nur wenig Zeit für sein Kind bleibt. Auch wenn Nadine und ihr Vater sich in der Woche nicht so oft sehen, kann man Nadines Äußerung entnehmen, dass sie eine sehr liebevolle Beziehung zu ihrem Vater hat. Die Zeit, die die beiden gemeinsam haben, nutzen sie intensiv. Ihr Vater tobt mit ihr herum, spielt mit ihr Verstecken oder am Computer (vgl. Hofer 2001, S. 9). „Wir sind ein gutes Team.“, sagt Nadine (Hofer 2001, S. 9). Nadine hat eine gute Beziehung zu ihrem Vater aufgebaut und sie genießt die gemeinsame Zeit mit ihm, auch wenn diese sich meistens nur auf das Wochenende beschränkt.

Auch wenn sich die heutigen Familienkonstellationen durchaus heterogen gestalten, lässt sich dennoch eine gewisse Tendenz erkennen, dass der Vater sich stärker aus der Erziehung seines Kindes im schulpflichtigen Alter heraushält und diese Aufgabe der Mutter überlässt. Besonders in schulischer Hinsicht, der Fokus soll hier auf der Grundschule liegen, ist die Mutter stärker involviert als der Vater. Kann man die Erwerbstätigkeit des Vaters als Vorwand für eine geringere Beteiligung an der schulischen Laufbahn des Kindes einfach so stehen lassen? Sind nicht heutzutage auch viele Mütter berufstätig, obwohl ihr Kind in die Grundschule geht? Wie kann es dann sein, dass die Mutter sich intensiver mit dem Thema Schule beschäftigt als der Vater? Fühlt sich der Vater nicht verantwortlich für Aufgaben wie z.B. Elternsprechtage wahrzunehmen, Schulfeste oder Aufführungen zu besuchen?

Volz und Zulehner (2009) haben in einem Forschungsprojekt eine Längszeitstudie über Männerentwicklung in Deutschland in den Jahren von 1998 und 2008 dokumentiert. Der Vergleich zwischen diesen zehn Jahren der Erhebungen zeigt, dass ein Einstellungswandel vor allem im familiären und kindlichen Bereich stattgefunden hat (vgl. Volz & Zulehner 2009, S. 26 f.). Beispielsweise sehen 2008 lediglich knapp über die Hälfte der Männer (54%) die Frau von Natur aus als bessere Erzieherin der Kinder, 1998 sind es 11% mehr gewesen. Auch bei der These, dass Kleinkinder unter der Berufstätigkeit der Frau leiden, gibt es einen Wandel im Verständnis. 2008 stimmen dieser These nur noch 38% zu, zehn Jahre zuvor haben noch über die Hälfte der Männer ihr zugestimmt (56%). Die familiäre Lebenswelt im 21. Jahrhundert ist sehr heterogen. Das traditionelle und klassische Familienbild von der ehelichen Partnerschaft zwischen Vater, Mutter und Kind ist durch alleinerziehende Väter und Mütter, Patchwork-Familien, nicht eheliche Familienkonstellation, Adoptionen und auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften erweitert worden. Diese Vielzahl der familiären Zusammensetzungen muss in dem Gefüge des jeweiligen sozialen und kulturellen Umfeldes und der persönlichen Ein- und Vorstellungen eingeordnet und reflektiert werden (vgl. Volz & Zulehner 2009, S. 68). Die nachfolgende Abbildung gibt Aufschluss über die Tätigkeiten der Männer mit ihren Kindern in den Jahren 1998 und 2008.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Tätigkeiten der Männer mit Kindern 1998 und 2008 (Volz & Zulehner 2009, S. 91)

In der Gegenüberstellung ist ersichtlich, dass sich die Werte in fast allen Punkten ähneln. Lediglich in den Bereichen Hausaufgaben machen, lernen und gemeinsam mit dem Kind Sport betreiben ist eine Zunahme im Jahr 2008 erkennbar. Vor allem die Aktivitäten, die einen spielerischen Charakter haben, weisen einen großen Stellenwert in der Beziehung zwischen Vater und Kind auf (vgl. Volz & Zulehner 2009, S. 90 ff.). Stellt man die Tätigkeiten der Frauen mit ihren Kindern denen der Männer gegenüber, ist auffällig, dass die Frauen sich viel mehr mit ihren Kindern beschäftigen, einzige Ausnahme ist beim Sporttreiben (vgl. Volz & Zulehner 2009, S. 91 f.). Über die Regelmäßigkeit, die Dauer der Aktivitäten und die Unterteilung, welche Tätigkeiten mit dem Sohn oder der Tochter gemacht werden, kann die Abbildung keine Aussagen treffen, es geht hier lediglich um die Angabe, welche Aktivitäten gemeinsam stattfinden.

Die Bedeutung des Vaters für das Kind wird in der Literatur als ein wichtiger und zwingend notwendiger Gegenpol zu der Beziehung zur Mutter gesehen. Väter sind anders, sie spielen anders mit ihrem Kind, sie reden anders und haben andere Fähigkeiten und Interessen als Mütter. Vater und Mutter sind deswegen beide so wichtig für das Kind, weil sie sich in diversen Bereichen unterstützen und ergänzen. Ein fehlender Vater oder ein negativ behaftetes Vaterbild kann negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben. Persönliche Erfahrungen haben zudem gezeigt, dass in der eigenen Grundschulzeit, Anfang bis Mitte der 1990er Jahre, Väter und männliche Lehrkräfte völlig unterrepräsentiert gewesen sind. Auf einem Elternabend Anfang 2013 einer dritten Grundschulklasse im Stadtteil Horn-Lehe hat sich dieses Bild bestätigt. Von 23 Kindern der Klasse haben 18 Frauen und lediglich zwei Väter diese Veranstaltung wahrgenommen. Ein Beleg für die geringe Partizipation ist damit zwar nicht gerechtfertigt, aber man kann Tendenzen erkennen, denen man auf den Grund gehen muss. Wie bereits oben schon erwähnt, sollen die verschiedenen Fragen für Gründe und Ursachen der geringeren Vaterpartizipation ermittelt und Perspektiven erarbeitet werden, die zu einer besseren Zusammenarbeit zwischen Schule und Vater verhelfen.

Die acht jährige Nadine ist zwar einerseits traurig, dass ihr Vater so viel arbeiten muss, aber anderseits freut sie sich auf die Zeit, die ihnen zusammen bleibt. Das zeigt die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung. Die Fragestellung soll die Zusammenarbeit zwischen der Grundschule und den Vätern fokussieren und reflektieren: „Inwieweit ist es Vätern möglich, sich in der Grundschule zu beteiligen und an welchen Bedingungen kann eine ausgiebige Beteiligung scheitern?“. Die Vorgehensweise, mit der diese Fragestellung beantwortet werden soll, wird im Folgenden genauer erläutert.

1.2 Vorgehensweise

Um auf aktuelle gesellschaftliche Vaterrollen und Vaterzuweisungen einzugehen, muss erst einmal ermittelt werden, wie sich die Rolle des Vaters innerhalb der Familie und der Gesellschaft im Laufe der vergangenen Jahrhunderte gewandelt hat. Durch diesen ersten Überblick soll die Thematik der Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes Grundlage und Ausgangspunkt für aktuelle Vaterrollen sein. Damit sich der Vater aber an der Entwicklung des Kindes beteiligen und einen wichtigen Beitrag dadurch leisten kann, müssen Voraussetzungen und Hindernisse, die diese Teilnahme beeinflussen können, dargelegt und verdeutlicht werden. Denn nicht jeder Vater hat die gleiche Basis, den gleichen Anspruch oder die gleiche Möglichkeit am Entwicklungsprozess des Kindes mitzuwirken. Um stärker auf die Vaterrolle einzugehen, wird im Anschluss genauer auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn, sowie Vater und Tochter eingegangen. Hier lassen sich schon Unterschiede im erzieherischen Verhalten des Vaters in Bezug auf das Geschlecht feststellen. Damit die Verbindung zwischen Vater, Kind und Schule nachvollzogen werden kann, soll im weiteren Teil der Arbeit generell auf die Zusammenarbeit mit Eltern in der Grundschule eingegangen werden. Hier sollen zunächst rechtliche Bedingungen dargelegt werden, die dann auf Chancen und Grenzen der Zusammenarbeit hinweisen sollen. Anschließend sollen durch exemplarische Beispiele und Möglichkeiten Wege aufgezeigt werden, die eine stärkere Beteiligung von Vätern in der Schule ermöglichen können. Der abschließende Teil beschäftigt sich mit einer empirischen Untersuchung, bei denen fünf Väter zum Thema der Zusammenarbeit mit Schule und mögliche Auswirkungen auf die Triade Vater, Kind und Schule interviewt werden.

2 Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes

2.1 Familie und Väter – Ein geschichtlicher Überblick

Der Begriff Familie besitzt im 21. Jahrhundert in Deutschland viele verschiedene Facetten, in dem diverse Familienkonstellationen, von der klassischen Familie, über die Ein-Eltern-Familie, hin zu Patchwork-Familien oder Familien mit gleichgeschlechtlichen Partnern, eingeschlossen werden. Das Verständnis von Familie in den jeweiligen Epochen unterscheidet sich stark voneinander und andere Wörter und Begriffe werden gebraucht, um die Gegebenheiten und Gruppierungen familienähnlicher Strukturen zu beschreiben. In diesem Kapitel sollen keine klischeehaften Bilder oder eindimensionale Sichtweisen vom Familienverständnis in Deutschland projiziert werden. Die Veränderung des Familienbegriffs und des Rollenverständnisses im Laufe der Jahrhunderte, sollen die Dynamik und den Wandel verdeutlichen. Dass es in jeder Epoche aufgrund sozialer, kultureller oder wirtschaftlicher Unterschiede in der Gesellschaft auch diverse Familienkonstellationen gegeben hat, soll nicht vergessen werden. Jedoch wird der Fokus auf das Familienverständnis gelegt, welches zu der jeweiligen Zeit die gesellschaftliche Norm wiederspiegelt bzw. wiederspiegeln soll.

In dieses System eingeschlossen ist die Rolle bzw. das Rollenverständnis des Vaters. Es ist natürlich wichtig zu beachten, dass die Entwicklungen und Veränderungen der Vaterrolle kein exaktes Abbild der Vergangenheit darstellen. Diese thematische Auseinandersetzung beabsichtigt, Konstruktionen des Vaters zu benennen, um einen Wandel zu begründen. Die väterlichen Aufgaben und Ansichten in den diversen Epochen sind nicht homogen zu deuten, sondern sie grenzen sich, alleine schon durch die gesellschaftliche Stellung der Familie oder den geographischen Lebensraum, in der Stadt oder auf dem Land lebend, voneinander ab. Es ist daher erforderlich, das Verständnis von Familie und Vater in den gesellschaftlichen Kontext der jeweiligen Zeit einzubetten und die Veränderungen im Hinblick auf sich wandelnde Familien- und Vaterzuweisungen nie einzeln zu betrachten (vgl. Drinck 2005, S. 7).

Sucht man in der Geschichte nach Überlieferungen und Dokumenten von Vaterrollen und Vaterschaft im Allgemeinen, dann beginnt man oft in der Zeit des Römischen Reiches (vgl. Sabla 2009, S. 16). Das aus dieser Zeit übermittelte Vaterbild ist geprägt durch „[...] eine patriarchalische Struktur mit einer klaren Hierarchie und Rollenverteilung [...]“ (Sabla 2009, S. 16). Die väterliche Gewalt und Entscheidungsmacht erstreckt sich über alle Familienmitglieder des Hauses. Zum damaligen Familienverständnis gehören auch verwandtschaftsunabhängige Personen, wie z.B. Sklaven oder Gefolgsleute. „Die Töchter wurden hauptsächlich von den Müttern erzogen, die Söhne von den Vätern, die mit Strenge über die Bewahrung des geistigen und materiellen Erbes wachten.“ (Sabla 2009, S. 16). Die Weitergabe und Aufrechterhaltung der Tradition der Vorfahren durch den Vater an die Söhne nennt man Mos maiorum (vgl. Drinck 2005, S. 43). Die väterliche Erziehung des Römischen Reiches beinhaltet zudem noch eine politische Absicht der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Werte und Normen (vgl. Sabla 2009, S. 16). „Gerade diese drei Aufgaben des Vaters: die Sorge für die Familie, die Unterhaltsverpflichtung und die Erziehung der Söhne, wurden bis ins 19. Jahrhundert tradiert [...]“ (Drinck 2005, S. 43). Diese Darstellung des Vaters als absolutes Oberhaupt der Familie, des pater familias, hat „[…] ein Modell der Vaterrolle geschaffen, das zu weiten Teilen bis zum 19. Jahrhundert nicht an Bedeutung verloren hat“ (Mühling & Rost (2007) zitiert nach Sabla 2009, S. 16). Der autoritäre Erziehungsstil und das hohe Ansehen in der Familie sind Kennzeichen, die auch noch in der heutigen Zeit das Bild vom traditionellen Vater prägen.

Jedoch ist es notwendig, den traditionellen Familienbegriff genauer zu bestimmen, um ihn vom modernen Begriff zu unterscheiden. Früher besteht eine größere Relation zwischen Haus und Familie. Sie geben dem Einzelnen Schutz und lassen ihn zu einem Teil der Gesellschaft werden (vgl. Drinck 2005, S. 12). „Ohne familiäre Einbindung war ein Einzelner rechtlich und auch sozial schutzlos. Doch als Mitglied einer Hausgemeinschaft konnte er Schutz genießen.“ (Drinck 2005, S. 12). Dieser Schutz, der den Mitgliedern gewährt wird, obliegt dem Hausherrn. Dieser hat die Aufgabe und die Verantwortung wichtige Entscheidungen zu treffen und die Einhaltung der Hausordnung zu überwachen. Nach innen und nach außen ist der Hausherr der Repräsentant seines Hauses und ihm wird die Erziehung der Kinder übertragen. Diese absolutistische Struktur verpflichtet alle Mitglieder einer Hausgemeinschaft, Kinder mit eingeschlossen, den Anweisungen, Aufgaben und Arbeiten des Hausherrn Folge zu leisten (vgl. Drinck 2005, S. 12). Im Gegenzug verpflichtet sich der Hausherr, ihnen Schutz zu gewähren. Im 16. Jahrhundert mit „[...] einer vorwiegend agrarisch produzierenden, bedarfswirtschaftlich ausgerichteten traditionalen Gesellschaft [...]“ sind die Menschen „[...] an den natürlichen Rhythmus der Arbeit innerhalb der Tages- und Jahreszeiten gebunden“ (Wehler (1987) zitiert nach Barabas & Erler 2002, S. 38). In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts genießt die Familie in puncto Lebensgestaltung und Lebensausrichtung ein besonderes Maß an Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Individualität (vgl. Barabas & Erler 2002, S. 41). Sie kann freier Entscheidungen treffen und muss ihr Leben nicht zwingend ihrer unmittelbaren Umgebung anpassen. „Religion, Rechtsordnung und insbesondere lokale und regionale Sitten und Bräuche bildeten einen umfassenden und für die einzelnen Familienmitglieder weitgehend verbindlichen Verhaltenskatalog“ in der Zeit vor der Industrialisierung (Barabas & Erler 2002, S. 41). Dieser verbindliche Verhaltenskatalog bestimmt damals die Rollenverhältnisse zwischen Männern und Frauen und „[...] implizierte eine klare Abgrenzung weiblicher und männlicher Arbeitssphären, [...]“ (Barabas & Erler 2002, S. 41). Das Verhältnis untereinander basiert eher auf einem förmlichen Charakter, welcher wenig Spielraum für persönliche, emotionale und intime Nähe und Zuneigung bietet. Grundlegend für diese Entwicklung ist der damalig im Fokus stehende ökonomische Hintergrund einer Eheschließung. „Je stärker der Einfluss der Eltern auf die Partnerwahl war, desto eher hat es Liebesbeziehungen stärker vor und neben als in der Ehe gegeben“ (Shorter (1977) zitiert nach Barabas & Erler 2002, S. 42).

Die sehr arbeitsintensive häusliche Produktion, die vom Mittelalter bis in das 16. Jahrhundert reicht, hat es zudem erschwert, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen bzw. auszuleben. Die Sicherung der Existenz hat die höchste Priorität und persönliche Wünsche, Bedürfnisse oder Sehnsüchte erfahren kaum eine Beachtung. Die räumliche Arbeitstrennung von Mann und Frau, die Männer vollrichten die Feldarbeit und die Frauen sind für den Haushalt verantwortlich, lässt wenig emotionale Nähe zu (vgl. Barabas & Erler 2002, S. 40). „Für engere emotionale Beziehungen in der Familie war eine Intimsphäre Voraussetzung, die sich erst mit der Abschottung der Familie gegenüber der Öffentlichkeit des Dorfes, der Gemeinde herausbilden konnte.“ (Barabas & Erler 2002, S. 40).

Die gegenwärtige Intensität und Zuneigung der Eltern-Kind-Beziehung ist im 19. Jahrhundert in Deutschland kaum vorhanden. „Die Einstellung, dass man mehrere Kinder haben wollte, damit wenigstens das eine oder andere am Leben blieb, war lange Zeit tief verwurzelt.“ (Barabas & Erler 2002, S. 50). Die sehr hohe Kindersterblichkeitsrate lässt eine emotionale Basis zwischen Eltern und Kind nicht zu (vgl. Barabas & Erler 2002, S. 50). Die Tatsache, dass aufgrund fehlender wirkungsvoller Verhütungsmethoden viele unerwünschte Kinder zur Welt gekommen sind, unterstützt diese Einstellung, denn ein unerwünschtes und ungeplantes Kind kann die Existenz einer ganzen Familie bedrohen. Dennoch muss man berücksichtigen, dass die Auswirkung und die Anerkennung eines Kindes in der Familie aufgrund deren gesellschaftlichen Status stark variieren. „In Bauernfamilien, in denen Kinder zusätzliche Arbeitskräfte darstellten, war man den Kindern gegenüber eher positiv eingestellt, als in den Familien der Landarmen bzw. Landlosen.“ (Barabas & Erler 2002, S. 50).

Vor allem hygienische, medizinische und wirtschaftliche Veränderungen, in Verbindung mit der freien Partnerwahl und die bewusste Bestimmung von Kinderzahl und Zeitpunkt des Kinderwunsches, sind maßgeblich für eine offenere und emotionalere Beziehung zwischen den Eltern und ihren Kindern verantwortlich (vgl. Barabas & Erler 2002, S. 51). Darüber hinaus erfährt die Anerkennung und Berücksichtigung kindlicher Bedürfnisse, denen jahrzehntelang zuvor keine Beachtung geschenkt worden ist, eine Aufwertung. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die allgemeinbildende Schulpflicht von 1872. Diese Genese vollzieht sich nicht in allen gesellschaftlichen Schichten gleich schnell und intensiv. „Es waren zuerst die Kinder des städtischen Bürgertums, die zum Objekt elterlicher Planung wurden.“ (Barabas & Erler 2002, S. 52). Kinder als zusätzliche Arbeitskraft, wie in den Bauernfamilien, werden auch in Zeiten der Industrialisierung eingesetzt. Daraus wird ersichtlich, dass es zwar Verbesserungen in der emotionalen Beziehung zwischen Eltern und Kindern gibt, trotzdem noch diverse Missstände in der Gesellschaft vorherrschen.

Der Begriff Familie, wie man ihn im Jahr 2013 verwendet, also eine Lebensgemeinschaft zwischen Eltern und deren Kindern, geht einher mit der Trennung von Arbeit und Wohnen (vgl. Barabas & Erler 2002, S. 38). Mit der räumlichen Trennung vom Wohn- und Arbeitsbereich vollzieht sich eine Veränderung, einerseits im Verständnis zwischen dem klassischen Rollenverständnis von Mann und Frau und andererseits in deren emotionalen Beziehung zueinander (vgl. Barabas &Erler 2002, S. 41 f.). Es kommt zu einem „[...] Wandel von der an Zeugung von Nachwuchs orientierten Sexualität hin zu einer an emotionale Erfüllung in der Partnerbeziehung ausgerichteten sexuellen Befriedigung [...]“ (Mitterauer (1989, 188) zitiert nach Barabas & Erler 2002, S. 42). Der Bedeutungsverlust und der damit zurückgehende Einfluss der dörflichen Gemeinde auf Verhaltensregeln und Rollenzuweisungen für einzelne Personen sowie der Prozess des familiären Strukturwandels, sind ein Wegweiser für ein neues Verständnis von Familie und Partnerschaft (vgl. Barabas & Erler 2002, S. 42 f.). Die Erziehungs- und Bildungsaufgabe der Kinder, für die der Hausherr lange verantwortlich ist, übernehmen ab dem 18. Jahrhundert vermehrt öffentliche Institutionen. Daraus ergeben sich weitere, grundlegende Machtverschiebungen innerhalb der Familie. Mit Beginn der Industrialisierung in Deutschland ab Mitte des 18. Jahrhunderts verbreitet sich ebenso das öffentliche Schulwesen, vornehmlich aber erst noch in den Städten. Die Hausordnung, die dem Hausherrn eine Art richterliche Position einräumt, erfährt durch die Entwicklung eines öffentlichen Gerichtswesens und durch die angehende Verankerung von Menschenrechten als gesellschaftliche Norm, einen weiteren herben Rückschlag (vgl. Drinck 2005, S. 13 f.). „Mit dem Schulbesuch [...] stiegen der Wissensstand und die Reflexionsfähigkeit vor allem der Söhne, so dass in aufgeklärten Kreisen traditionelles Elternverhalten zunehmend hinterfragt wurde und kritisch in die Diskussion geriet (vgl. Dülmen 1995: 101 ff.)“ (Drinck 2005, S. 13).

Der Vater im 19. Jahrhundert hat im Gegensatz zum römischen Vater nicht mehr diese absolute Machtposition und Machtstellung über seine Hausgemeinschaft, dennoch können einige Parallelen gezogen werden (vgl. Drinck 2005, S. 42 f.). Daran kann man eine gewisse Kontinuität und Langlebigkeit von Ansichten im familiären Umfeld über Jahrhunderte hinweg beobachten. Durch die Trennung von Arbeit und Haushalt verstärkt sich vor allem in der Familie der bürgerlichen Mittelschicht des beginnenden 19. Jahrhunderts die geschlechtsspezifische Aufgabenverteilung (vgl. Sabla 2009, S. 17). Wenn der Vater früher sein Privat- und Berufsleben auf seinem Hof bzw. Besitz gehabt hat, muss er nun einen Anfahrtsweg zu einer Arbeit bestreiten und wird dadurch für die restlichen Familienmitglieder zeitlich begrenzt unsichtbar und ebnet der Frau den Weg zur sich entwickelnden Emanzipation (vgl. Drinck 2005, S. 13 f.). Die traditionelle bürgerliche Familie hingegen kann die familiären Strukturen des Römischen Reiches zunächst noch stellenweise aufrechterhalten. Der Wandel der Geschlechterrollen in der Arbeiterklasse vollzieht sich gezwungener Maßen nicht im Gleichschritt zu dem der bürgerlichen Mittelschicht, denn dort sind Vater und Mutter oft gleichzeitig erwerbstätig, um die Existenz der Familie zu bewahren. So ist die Familie „[...] bei der Betreuung und Erziehung der Kinder auf Netzwerke und staatliche Unterstützung angewiesen [...]“ (Sabla 2009, S. 17).

In der Literatur ist immer wieder vom Begriff des Funktionsverlustes der Familie zu hören. Darunter sind z.B. erzieherische, kulturelle oder religiöse Funktionen zu verstehen (vgl. Barabas & Erler 2002, S. 37 f.). Treffender ist es aber von einer Funktionsverlagerung zu sprechen. Die Familie passt sich der sich verändernden Gesellschaftsstruktur an und Teilbereiche „[...] werden aus der Familie in die Gesellschaft hinein verlagert“ (Barabas & Erler 2002, S. 38).

Das traditionelle Vaterbild verschwindet langsam, durch sich verändernde gesellschaftliche Strukturen, an denen sich die Familie als Ganzes anpasst. Die Ausbildung des öffentlichen Schulwesens und die Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte sind Faktoren, die die Rolle des Vaters in der Familie neu definieren lassen. Hier sieht Sabla, neben weiteren gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen, die Ursache für den Verlust „[...] der väterlichen Autorität bis in die Nachkriegszeit hinein [...]“ (Sabla 2009, S. 17). Im 19. Jahrhundert schreiben viele Autoren, die sich mit der Thematik der Familie beschäftigen, den Vätern eine geringere Bedeutung in Bezug auf die Erziehung der Kinder zu, als der Mutter. Zum einen wird argumentiert, dass die Väter durch die beruflich bedingte häusliche Abwesenheit einen Großteil des Tages gar nicht vor Ort sein können. Zum anderen wird behauptet, „[...] der Vater steige nicht in gleicher Weise wie die Mutter zu den Kleinigkeiten des kindlichen Lebens hinab“ (Drinck 2005, S. 56). Dieser emotionale Zugang ist bei den Vätern weniger stark ausgeprägt bzw. auch nicht so gefordert, weil sie sich mehr mit anderen Bereichen, wie z.B. der Vermittlung von Werte und Normen, beschäftigen (vgl. Drinck 2005, S. 55 f.). Die Erziehungsaufgabe nimmt in den ersten Jahren des Kindes die Mutter ein, der Vater rückt in den sich anschließenden Lebensjahren in den Mittelpunkt, indem er als Vorbild, Erzieher und Lehrer fungiert. „Zum Ende des 19. Jahrhunderts erscheinen Vater und Mutter als zwei gegensätzliche Elternteile, die sich gerade wegen ihrer Verschiedenheit in der Erziehung ergänzen.“ (Drinck 2005, S. 56). Vater und Mutter sind die ersten Erzieher ihrer Kinder und dementsprechend können sie einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Kinder nehmen. Dennoch wird bezweifelt, dass die Eltern alle erzieherischen Bereiche abdecken können. Die intrinsische Motivation und die Möglichkeit der Eltern ihren Kindern eine ganzheitliche Erziehung zu ermöglichen, stößt schnell an ihre Grenzen (vgl. Drinck 2005, S. 58 f.). Durch die Berufstätigkeit des Vaters ist es ihm schon mal nur noch in begrenztem Maße möglich, Einfluss auf die Erziehung zu nehmen und folglich „[...] könne den Eltern nicht mehr allein das Erziehungsgeschäft überlassen werden“ (Drinck 2005, S. 58).

Die elterliche Erziehung und die Erziehung der öffentlichen Einrichtungen sollen sich ergänzen und nicht in Konkurrenz zueinander stehen, dennoch soll die Familienerziehung einen vorbereitenden Charakter auf die Schule haben (vgl. Drinck 2005, S. 63). Diese Überbewertung von Schule auf die familiäre Erziehung wirkt sich bei vielen Familien, die die finanziellen Mittel besitzen, negativ aus. Sie lassen ihr Kind von einem Hauslehrer unterrichten und sehen in dieser Tat ihre erzieherische Aufgabe als erfüllt an (vgl. Drinck 2005, S. 65). Die Auswirkung und die Geschwindigkeit der Umsetzung dieser Tendenzen sind von vielen Faktoren abhängig, z.B. vom gesellschaftlichen Stand der jeweiligen Familie oder deren Zugang zum öffentlichen Bildungswesen, denn traditionelle Vor- und Einstellungen verschwinden nicht von heute auf morgen. Ein Prozess zu neuen Wertvorstellungen und Aufgabenverteilungen in der Familie lässt sich dennoch erkennen und ist, durch die Auswirkungen der Industrialisierung, unaufhaltsam. „War in der vorindustriellen Epoche das Haus als eigenständige Produktionsgemeinschaft durchaus verbreitet, [...] änderte sich das in den Arbeiterfamilien, die den größten Teil der Stadtbevölkerung ausmachten“ (Drinck 2005, S. 16). Die Industrialisierung führt zur Separation von Arbeit und Wohnen und folglich auch zu einer Verschärfung einer konsequenten Rollenverteilung von Mann und Frau. Ein Wandel vollzieht sich quasi aus der Not geboren (vgl. Drinck 2005, S. 18).

Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich diese neue Familienkonstellation, die sich bis dahin vorrangig im Bürgertum vollzogen hat, auch auf andere gesellschaftliche Gruppen übertragen. Der Vorteil dieser Konstellation liegt darin, dass sich dem Mann durch gute und fleißige Arbeit Aufstiegschancen bieten, die es vorher, zur Zeit des Adels, in der man in einen Stand hineingeboren worden ist, nicht gegeben hat (vgl. Drinck 2005, S. 18 f.). Der Beruf des Vaters und seine berufliche Perspektive können sich auf die Lebensverhältnisse der Familie auswirken und dementsprechend versucht der zielstrebige Bürger sich Wissen anzueignen, um in der Gesellschaft aufzusteigen. Gesellschaftliche Anerkennung und Fleiß sind die neuen Leitbilder des Menschen in der Industrialisierung. Die Bedeutung des Wertes der Abstammung, welche zur Zeit der Ständegesellschaft geherrscht hat, wird verringert (vgl. Drinck 2005, S. 19). Ein weiterer wichtiger Aspekt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Vordergrund der Familie rückt, ist die stärker emotionale und leidenschaftlichere Beziehung der Eltern. Diese Emotionalität des Ehepaares wirkt sich auch auf die Beziehung zu den Kindern aus, denn diese erfahren nun mehr Zuwendung und Zuneigung (vgl. Drinck 2005, S. 19). Der Wandel, von einer Hausgemeinschaft zu einer Kernfamilie, die aus zwei Generationen nur besteht, in der der Vater arbeiten geht und die Mutter die Hausarbeit und die Verantwortung für die Kinder übernimmt, weist auch Probleme auf.

„Mit dieser Separierung der inneren und äußeren Sphäre, mit dem Haus der Frau und der Berufswelt des Mannes, hat die Ausschließung des Vaters aus der familiären Erziehung und mit ihr die (Über-)Betonung der Mütterlichkeit ihren Anfang genommen (vgl. Knapp 1984: Bd. 2 186-187, 203).“ (Drinck 2005, S. 20).

Hier kann man einen Beginn dafür erkennen, dass sich die Väter in den folgenden Jahrzehnten immer weiter von ihren Erziehungsaufgaben für die Kinder entfernen und sich so eine größere Distanz aufbaut.

In der heutigen Zeit kann der Wandel von einer traditionell autoritären, zu einer partnerschaftlichen Familienkonstellation, Ausnahmen inbegriffen, als abgeschlossen betrachtet werden. Die früher noch vorherrschenden Auswüchse sozialer und familiärer Ungerechtigkeit und die damit einhergehende Unterdrückung und Bevormundung einzelner Familienmitglieder, werden heutzutage in Deutschland durch die Grundrechte im Grundgesetzbuch gesetzlich geregelt. Art. 3 und Art. 6 des Grundgesetzes befassen sich zum einen mit der Gleichberechtigung von Männern und Frauen und zum anderen mit den Aufgaben und Verpflichtungen, die mit der Ehe und der Gründung einer Familie einhergehen (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2002, S. 13 f.). „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ (Bundeszentrale für politische Bildung 2002, S. 14). Die Einhaltung dieser gesetzlichen Verpflichtungen kann jedoch nicht garantiert, aber überprüft werden. Gegenwärtig lässt sich jedoch nicht mehr von einer homogenen Familienkonstellation sprechen, sondern es herrscht vielmehr eine Heterogenität an Familien- und Lebenszusammensetzungen. Der klassische Familienbegriff nach Parson ist mit einer bestimmten Rollenzuweisung und einer funktionalen Binnendifferenzierung gekoppelt, der Mann als Versorger und Geldverdiener und die Mutter als Hausfrau und Erzieherin (vgl. Nave-Herz 2007, S. 14). „Konnte man nach dem Zweiten Weltkrieg noch bis in die 1970er-Jahre hinein davon ausgehen, dass es dieses Familienmodell [...] in der Realität überwiegend gab, so ist nunmehr zu beobachten, dass [...] dieses Modell nur noch für eine Minorität zutrifft“ (Nave-Herz 2007, S. 14). Die These der Pluralität von Familienformen ist in Deutschland heute sehr gebräuchlich (vgl. Nave-Herz 2007, S. 13). Nach Nave-Herz „[…] ergeben sich insgesamt 16 verschiedene, rechtlich mögliche Familientypen“ (Nave-Herz 2007, S. 16).

Der Eindruck kann jetzt natürlich entstehen, dass es diese Familienformen früher nicht gegeben hat und sie sich im Laufe der Jahrhunderte erst entwickelt haben. Alle möglichen Konstellationen, die Nave-Herz aufzeigt, haben in den vorangegangenen Jahrhunderten existiert. „Doch abgesehen von den Pflege- und Adoptions-Familien stellten die anderen [...] keine eigenständigen Systeme dar, sondern waren eingebettet in andere Lebensformen (z.B. in einer großen Haushaltsfamilie), [...]“ (Nave-Herz 2007, S. 22). Die Offenheit und die Akzeptanz der Gesellschaft gegenüber den sich verändernden Familienformen ist gegenwärtig viel höher, als es noch vor der Industrialisierung gewesen ist, denn dort ist man bei Nicht-Ehelichkeit diskriminiert worden (vgl. Nave-Herz 2007, S. 23). Alleinerziehenden ist es möglich, durch staatliche Hilfe, die finanzielle Unterstützung zu bekommen, ohne die sie wahrscheinlich nicht leben können.

Statistisch gesehen ist die klassische Mutter-Vater-Kind-Familie immer noch die dominante Familienkonstellation in Deutschland, die durch die Pluralität weiterer Familienformen ergänzt bzw. erweitert wird (vgl. Nave-Herz 2007, S. 25). Im weiteren Verlauf soll darauf eingegangen werden, welche Entwicklung sich im Rollenverständnis von Vätern bis in die heutige Zeit vollzogen hat. Rollenzuweisungen und Rollenverständnisse sind „[...] ein Bündel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfen“ (Nave-Herz 2007, S. 38). Die Rollenbilder des Vaters reichen, historisch betrachtet, beginnend vom Erzeuger, über den Ernährer bis hin zum Erzieher (vgl. Sabla 2009, S. 15).

Diese Zuweisungen können aber nicht pauschalisiert und verallgemeinert werden, denn dafür ist die Gesellschaft, früher wie heute, zu heterogen aufgestellt und auch das Rollenverständnis eines jeden Vaters unterscheidet sich bedingt durch die Faktoren Alter, Bildungsstand oder aktuelle Lebensumstände stark voneinander. Es hat „[…] zu keiner Zeit den einen Vater bzw. das eine Vaterbild gegeben“ (Salba 2009, S. 15). „Daher kann es bei der Betrachtung von Vätern als Erzeugern, Ernährern und Erziehern zunächst nur um die Rekonstruktion von Diskursen gehen.“ (Sabla 2009, S. 15). Das traditionelle Vaterbild, das den Vater als alleiniger Beschützer, Ernährer und Erzieher darstellt, trifft auf die heutige, aktuelle Vaterrolle nur sehr bedingt zu. Anfang des 19. Jahrhunderts kommt es zu sich verändernden familiären Gegebenheiten und Geschlechterrollen. „Dem Mann kam in diesem Zuge erstmals explizit die Funktion des Ernährers seiner Familie zu und seine Autorität als Vater basierte in erster Linie auf dem ökonomischen Kapital, [...]“ (Sabla 2009, S. 17). In der Literatur wird zu diesem Zeitpunkt oft vom Verlust der väterlichen Autorität gesprochen, welcher sich bis in die Nachkriegszeit erstreckt hat (vgl. Sabla 2009, S. 17).

Zudem führt „[...] die Gleichstellung der Frauen vor allem auf dem Gebiet der Bildungs- und Erwerbsbeteiligung seit den 1970er Jahren [...]“ zu einer Abkehr im Verständnis des Vaters als alleiniger Ernährer der Familie (Sabla 2009, S. 21). Jedoch kann man die steigende Erwerbstätigkeit der Mütter nicht allein als Indiz für ein sich veränderndes Vaterbild heranziehen. Neue kulturelle Werte und Normen und deren Akzeptanz in der Gesellschaft ermöglichen neue Rollenzuweisungen (vgl. Sabla 2009, S. 24). In den 1990er Jahren wird über eine neue Vaterrolle diskutiert. Die Rolle der neuen Väter, die bereits von der Geburt des Kindes an, eine positive Vater-Kind-Beziehung aufbauen wollen (vgl. Sabla 2009, S. 25). Dennoch kann sich dieses neue Rollenverständnis erst durch die gesellschaftliche Akzeptanz etablieren. Trotz dieser erkennbaren Neuerungen im Verständnis von Vaterschaft, die durch verschiedene Studien nachgewiesen werden, gibt es jedoch „[...] die begriffliche Unschärfe innerhalb des Diskurses um „neue“, „involvierte“ oder „traditionelle“ Väter, [...]“, die aktuell keinen homogenen und allumgreifenden Vaterbegriff zulassen (Sabla 2009, S. 27). Kulturelle Werte und Normen tradieren gewisse Richtlinien, an denen sich Geschlechtszuweisungen orientieren und daraus ein gesellschaftlich akzeptierter Tenor entstehen kann. Die Gesellschaft als Ganzes hat sich in Deutschland vom Bild des traditionellen Vaters hin zu einer Sichtweise entwickelt, in der das System Familie im Fokus steht und der Vater einen wichtigen sozialen und emotionalen Part einnimmt. Heutzutage kann man auch noch nicht von einem vollständigen Rollenwandel des Vaters und einer Abkehr gegenüber dem traditionellen Vaterbild sprechen, weil „[...] das Verhalten der „neuen Väter“ heute noch auf Beachtung und Erstaunen seitens ihrer Umwelt stößt, was eine fehlende Selbstverständlichkeit signalisiert“ (Nave-Herz 2007, S. 59). Das Bild von den neuen Vätern, wenn es sie überhaupt gibt, soll ein Leitbild für alle Väter sein, an dem sie sich orientieren und messen können. Wie sie letztendlich im System Familie mit ihren Kindern umgehen, ob autoritär, nachlässig oder liebevoll-fürsorglich, liegt an jedem einzelnen Vater selbst und an vielen weiteren Faktoren, wie z.B. an den eigenen gemachten Erfahrungen in der Kindheit, am Bildungsstand, am Alter oder an der Offenheit der Mutter, wie intensiv sich der Vater in die Erziehung des Kindes einbringen kann. „Die langsame Demontage des einst allmächtigen Vaters bietet aber wohl auch eine Chance: Befreit von ihren traditionellen Aufgaben, können Väter ihre Rolle heute selbst gestalten.“ (Rigos 2010, S. 39).

2.2 Vaterschaft heute: Im Fadenkreuz der Work-Life-Balance

Der Aspekt der Work-Life-Balance beschäftigt sich mit dem Thema, dass man(n) ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Lebensbereichen Beruf und Familie erreichen soll, um jedem Bereich auf seine unterschiedliche Art und Weise gerecht zu werden (vgl. Palz, Werneck & Beham 2006, S. 143). Wie dieses Gleichgewicht in der Praxis genau aussieht ist nicht direkt zu definieren, weil viele Teilbereiche zusammenwirken. In dieser Ausarbeitung soll es vornehmlich um den Aspekt des Zeitfaktors gehen. Fokussiert wird die Vereinbarkeitsproblematik, die es z.B. beruflich stark eingebundenen Vätern erschwert, sich ausreichend in das System Familie zu integrieren. Im weiteren Verlauf soll sich die Ausführung der Work-Life-Balance ausschließlich auf die Männer bzw. Väter konzentrieren, ohne aber die Frauen zu vergessen, die diesen Balanceakt ebenfalls zu meistern haben. Problematisch bei der Kongruenz der Lebensbereiche und der einhergehenden Zufriedenstellung aller Beteiligten in den Systemen Beruf und Familie, ist die Tatsache, dass jedes einzelne System divergierende Ansprüche an den Vater stellt. In der heutigen Zeit sind Väter, die einem Beschäftigungsverhältnis nachgehen, zeitlich stark eingebunden, bedingt durch die „[...] immer noch von Anwesenheitskultur und starrer Zeitdisziplin bestimmten Arbeitswelt“ (Gesterkamp 2010, S. 19). Freiberufler und Selbstständige haben die Möglichkeit, ihre berufliche Tätigkeit und Aktivität freier und selbstbestimmter einzuteilen, um zeitliche Koordinationsprobleme zu verringern. Die berufliche Identität des Mannes entwickelt sich bereits von klein auf und „[...] war, ist und wird immer das Zentrum sein, auf das er seine Hauptidentität gründet. Um sie herum baut er seine anderen Teilidentitäten auf“ (Petri 2004, S. 36). Diese Teilidentitäten verwirklichen und entfalten sich unter anderem im Bereich der Familie oder bei Freizeitaktivitäten. Jedes System verlangt vom Vater die uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Bereitschaft, vollen Einsatz zu zeigen. „Aber der Alltagstrott zwischen Beruf und Familie ist einfach anstrengend: den Kindern, der Partnerin und der Arbeitswelt gleichzeitig gerecht werden zu wollen.“ (Gesterkamp 2010, S. 48). Beruf und Familie sind für jeden Menschen die signifikanten Lebensbereiche, welche sich gegenseitig beeinflussen und direkte Auswirkungen bei einem Ungleichgewicht zur Folge haben (vgl. Palz, Werneck & Beham 2006, S. 37). Die Ansprüche der beruflichen Lebenswelt des Vaters konkurrieren mit den sich fast im Gleichschritt steigenden Ansprüchen seines familiären Umfeldes. Diese zunehmende Komplexität, einer ausgeglichenen Balance zwischen diesen beiden Bereichen, stellt für den Vater eine zunehmende Schwierigkeit dar. Die Kriterien der Arbeitswelt, in der dem Vater ein Höchstmaß an „Mobilität, Flexibilität, jederzeitige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit [...]“ abverlangt wird, konkurrieren „[...] mit den persönlichen Bedürfnissen und familiären Erfordernissen nach Stabilität und einem gemeinsamen Familienalltag [...]“ (Palz, Werneck & Beham 2006, S. 37). Man darf aber nicht vergessen, dass diese Vereinbarkeitsprobleme die Männer, genauso wie die Frauen betreffen. Die Bildungsexpansion der Frauen und der höhere Anteil berufstätiger Mütter in der heutigen Zeit, lässt die Berufstätigkeit an sich, einhergehend mit den Vereinbarkeitsproblemen mit anderen Systemen, „[...] nicht mehr als ein spezifisch männliches Merkmal definieren“ (Petri 2004, S. 130). Folglich vollzieht sich die unumstrittene Rolle des Vaters, als alleiniger Ernährer der Familie, einem Wandel. Vor allem die jüngere Generation an Vätern versucht die Rolle des Erziehers der eigenen Kinder stärker auszufüllen, um „[...] nach einer Balance zwischen einem erfüllten Privat- und Familienleben und einem erfolgreichem Berufsleben zu suchen [...]“ (Palz, Werneck & Beham 2006, S. 39). Dieser Wunsch, nach einem ausgeglichenen Verhältnis von Beruf und Familie, ist ein Schritt in die richtige Richtung, dennoch gibt es einige Hindernisse, die dieser Entwicklung entgegenwirken. Der Beruf des Mannes nimmt eine zentrale Position in seinem Leben ein, über den er sich definiert und gesellschaftliches Ansehen erreicht (vgl. Petri 2004, S. 142). Die steigenden Anforderungen und die zunehmende Komplexität von Arbeitsabläufen erfordern einen erhöhten Bereitschaftsgrad an Flexibilität, Mobilität und Wissensaneignung.

„Durch zunehmend längere Ausbildungszeiten, die einhergehen mit einem gestiegenen Heirats- und Erstgeburtsalter, fallen die Bemühungen um eine berufliche Konsolidierung bzw. um einen Karriereaufbau zeitlich mit der – aus biologischen Gründen – begrenzten Phase der Familiengründung zusammen“ (Beham (1998); Herlyn & Krüger (2003) zitiert nach Palz, Werneck & Beham 2006, S. 37).

Trotz der Konkurrenz von Karriere oder Familie wird es den Vätern ermöglicht, beiden Bereichen gerecht zu werden, z.B. durch die staatliche Unterstützung in Bezug auf Elterngeld. Das Elterngeld, welches als Transferzahlung den Eltern ermöglicht die Betreuung des Kindes in den ersten Monaten zu übernehmen und die Erwerbstätigkeit in diesem Zeitraum zu unterbrechen bzw. zu reduzieren, wird im Jahre 2011 von 27,3% der Väter in Anspruch genommen, deren Kinder auch in demselben Jahr geboren sind. Dennoch nehmen rund 75% dieser Väter diese Leistung nur für maximal zwei Monate in Anspruch (vgl. Statistisches Bundesamt 2013). Daraus ist abzuleiten, dass viele Väter gerne die Erzieherrolle ausführen, durch die beruflichen Anforderungen sehen sie sich dennoch gezwungen, diese Rolle zeitlich auf das Minimale zu begrenzen. „Vaterschaft bleibt am Arbeitsplatz weitgehend unsichtbar.“ (Gesterkamp 2010, S. 59). Der Leistungsdruck am Arbeitsplatz lässt wenig Spielraum für familiäre Angelegenheiten. Viele Väter verschreiben sich vollkommen ihrem Beruf, nehmen Überstunden oder Konferenzen am Nachmittag in Kauf und erfahren einen „[...] permanten Rechtfertigungsdruck – zum Beispiel, wenn sie pünktlich den Betrieb verlassen wollten, um ihre Kinder rechtzeitig aus Hort oder Kindergarten abzuholen“ (Gesterkamp 2010, S. 60). Der berufliche Druck und die Angst vor der Entlassung und der einhergehenden Arbeitslosigkeit ermöglichen diese Entwicklung. Bei einem starken Ungleichgewicht der Work-Life-Balance zugunsten des Berufs oder der Familie, entsteht eine große psychische Drucksituation bzw. Belastung für den Vater. Dieser Zustand wird nicht lange von dem benachteiligten System toleriert und berufliche oder familiäre Konsequenzen sind die Folge. Zum Beispiel hat die traditionelle Arbeitsteilung in einer Familie, d.h. der Vater arbeitet und die Mutter ist für die Erziehung und den Haushalt zuständig, einige negative Folgen. Ein beruflich stark eingebundener Vater hat wenig Zeit sich aktiv in das Familienleben einzuschalten, denn er ist oftmals abwesend. Diese Abwesenheit wirkt sich negativ auf die Beziehung zur Partnerin aus und ganz besonders auf die Beziehung zum Kind bzw. zu den Kindern. „Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Kinder zu wenig unterstützen, dass sie an ihren Problemen nicht Anteil nehmen, ihre Geburtstage vergessen und ihre Freunde nicht kennen.“ (Palz, Werneck & Beham 2006, S. 205). Der Beruf nimmt Überhand und der Vater fühlt sich in seiner Familie als Fremdkörper. Eine basale Beziehung zu seinem Kind bzw. zu seinen Kindern kann er nicht aufbauen. Die Beziehung ist eher durch Verunsicherung und Distanz geprägt, anstatt von Zuneigung und Nähe. Eine Verschiebung der Balance in Richtung des Berufs hat sich vollzogen, zuungunsten der Familie.

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Details

Seiten
78
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656652373
ISBN (Buch)
9783656652366
Dateigröße
933 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273508
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
vater-kind-schule potentiale beziehung

Autor

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Titel: Vater-Kind-Schule. Potentiale einer besonderen Beziehung