Lade Inhalt...

Architektur des Nationalsozialismus

Macht, Inszenierung, Größenwahn

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der „Architekt“ - Adolf Hitlers Verhältnis zur Architektur

3. „Das Wort aus Stein“ - Architektonisches Selbstverständnis der Nationalsozialisten

4. Die Ursprünge der NS Architektur

5. Die NS-Architektur - Merkmal, Mythos und Material

6. Schlussbetrachtung.

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einführung

An vielen Orten Deutschlands finden sich noch Dokumente des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte. Es sind Überreste einer Zeit, in der ein Gebäude nicht gleich ein Gebäude war. Bauten hatten eine besondere Bedeutung. Sie waren Ausdruck einer Ideologie, die in allen Lebensbereichen der Menschen Einzug fand. Es war eine Ideologie, die für sich uneingeschränkte Geltung beanspruchte. Eine Ideologie, geführt von einem Diktator, der mit einer militärischen Strenge die Massen mobilisierte und an die Herrschaft des deutschen Volkes über mehrere Jahrtausende glaubte.

Die steinernen Dokumente dieser Zeit finden sich zum Beispiel in Nürnberg, auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Andere Bauten, wie das Berliner Olympiastadion oder das Bundesfinanzministerium, ehemals das Reichsluftfahrtministerium, werden noch heute genutzt. Die Bauten der NS-Zeit weisen in Konstruktion und Gestaltung Ähnlichkeiten auf. Nicht nur die klar gezeichneten Fassaden, sondern auch die Baumaterialien sind charakteristisch und unverwechselbar. Wir werden uns im Folgenden der Architektur des Nationalsozialismus widmen und zunächst Hitlers Verhältnis zur Architektur anhand seiner Schriften, Reden und Aufzeichnungen ergründen. Daraufhin schließen wir von Hitlers Vorstellungen über die Architektur auf das architektonische Selbstverständnis des Nationalsozialismus und gelangen dann zu einem Blick auf die Ursprünge der Architektur des Nationalsozialismus. Schließlich betrachten wir die NS-Architektur genauer und stellen die besonderen Merkmale heraus.

2. Der „Architekt“ - Adolf Hitlers Verhältnis zur Architektur

„Wenn Deutschland den Krieg nicht verloren hätte, wäre ich ein großer Architekt geworden - ähnlich wie Michelangelo - anstatt Politiker.“1Für Adolf Hitler, dem ein Studium an der Wiener Kunstakademie aufgrund mangelnden Talentes verwehrt blieb, kam „die Malerschule [niemals], sondern nur die Architekturschule infrage.“2Schon Mitte der zwanziger Jahre war ihm klar, er würde Baumeister werden und sich als solcher dereinst einen Namen machen.3 Hitlers enge Freunde wie der NSDAP Parteifunktionär Ernst Hanfstaengl oder sein Leibfotograf Heinrich Hoffmann beobachteten ihn schon in den zwanziger Jahre beim Entwerfen monumentaler Bauten und auch Joseph Goebbels hielt 1926 Hitlers Ausführungen zum zukünftigen Architekturbild des Landes in seinem Tagebuch fest.4Dazu passt auch Hitlers spätere Ausführung, dass „Staatsmänner…zu allen Zeiten ein- und dasselbe gewesen [sind], Staatsmänner, Feldherren und Künstler.“5

Hitler, der 1923 wegen eines Putschversuches in München zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt wurde, verfasste in Landsberger Haft seine politisch-ideologische Programmschrift „Mein Kampf“, die das Fundament seiner Ideologie darstellen sollte. Schon hier wurden erste Ansichten über Architektur und Stadtplanung sichtbar:

"Unsere heutigen Großstädte besitzen keine das ganze Stadtbild beherrschenden Denkmäler, die irgendwie als Wahrzeichen der ganzen Zeit angesprochen werden könnten. Dies aber war in Städten des Altertums der Fall, da fast jeder ein besonderes Monument ihres Stolzes besaß. Nicht in den Privatbauten lag das Charakteristische der antiken Stadt, sondern in den Denkmälern der Allgemeinheit, die nicht für den Augenblick, sondern für die Ewigkeit bestimmt schienen, weil sich in ihnen nicht der Reichtum eines einzelnen Besitzers, sondern die Größe und Bedeutung der Allgemeinheit widerspiegeln sollte...Würde das Schicksal Roms Berlin treffen, so könnten die Nachkommen als gewaltigste Werke unserer Zeit dereinst die Warenhäuser einiger Juden und die Hotels einiger Gesellschaften als charakteristischen Ausdruck der Kultur unserer Tage bewundern...Schon der für die Staatsbauten aufgewendete Betrag ist meistens wahrhaft lächerlich und ungenügend. Es werden nicht Werke für die Ewigkeit geschaffen, sondern meistens nur für den augenblicklichen Bedarf ... So fehlt in unseren Städten der Gegenwart das überragende Wahrzeichen der Volksgemeinschaft, und man darf sich deshalb nicht wundern, wenn diese in ihren Stärken kein Wahrzeichen ihrer selbst sieht...Auch dieses ist ein Zeichen unserer sinkenden Kultur und unseres allgemeinen Zusammenbruchs."6

Hitler wollte sich, seiner Bewegung und dem deutschen Volk Wahrzeichen setzen. Monumente des Stolzes. Er wollte die Volksgemeinschaft vereinen und zu neuem Selbstbewusstsein bringen. Er wollte einen zentralen Mittelpunkt der Bewegung schaffen. Mit dem „magischen Zauber eines Mekka“7wollte er der nationalsozialistischen Bewegung auf Dauer die Kraft geben, „die in der inneren Einheit und der Anerkennung einer diese Einheit repräsentierenden Spitze begründet liegt.“8 Hitler wollte mit seinen Bauten die nationalsozialistische Autorität festigen und untermauern. Er wollte mit seinen Bauvorhaben Entschlossenheit, Einzigartigkeit, Stärke und Macht des Reiches demonstrieren und mit heroischer Architektur die Macht des Volkes demonstrieren.9Er wollte allerdings auch dem vermeintlichen Minderwertigkeitskomplex der Deutschen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg entgegenwirken. So sprach Hitler am 10. Februar 1939 vor Truppenkommandeuren des Heeres in Berlin:

"...dass man nur durch solche gewaltigen Werke einem Volke das Selbstbewusstsein geben kann … um auf vielen Gebieten die Nation allmählich zur Überzeugung zu bringen, dass sie nicht etwa einen zweitklassigen Wertfaktor darstellt, sondern dass sie ebenbürtig ist jedem anderen Volk der Welt, auch Amerika. Ich lasse aus diesem Grunde zum Beispiel…die größte Brücke der Welt nach Hamburg jetzt hinstellen, um dem Deutschen, der vom Ausland kommt oder in das Ausland geht oder der die Möglichkeit hat, das Ausland mit Deutschland zu vergleichen, das Bewusstsein zu geben: was heißt Amerika mit seinen Brücken? Wir können genau das gleiche. - … nicht nur aus reinen Verkehrsgründen heraus, sondern auch noch zusätzlich aus der Überzeugung, dass es notwendig ist, dem deutschen Volk das zerbrochene an sich früher schon nicht so riesige Selbstbewusstsein zu geben, dass eine 80 Millionen Nation beanspruchen kann und dafür benötigt."10

Bauen für die Ewigkeit, das wollte er. Seine uneingeschränkte Autorität untermauern und dem Volk das geben, was es in seinen Augen verdient hatte: Unendliches Selbstbewusstsein. So gab es in Hitlers Augen auch keine Trennung zwischen Form und Inhalt. Schon am 9. April 1929 konstatierte er bei einer Rede zur Kunst- und Baupolitik im Münchner Löwenbräukeller, dass sich das Dritte Reich über die Jahrtausende nur erhalten vermag, wenn es Dokumente der Kunst und Kultur aufweise, die Jahrtausende überdauern würde. So brauchte es Mittelpunkte, die mehr als nur Warenhäuser und Hotels wären. Es brauchte gemeinsame Mittelpunkte, welche die Menschen verlangten, wenn sie nicht zerfallen wollten.11

In Hitlers Augen war Architektur eine Waffe. Das schreibt zumindest der österreichische Künstler und Autor, Professor Bernhard Leitner und verweist darauf, dass Hitlers architektonische Skizzen und Entwürfe Seite an Seite mit rüstungsbezogenen Skizzen von Waffen und Kriegsschiffen erschienen.12 Architektur als Waffe im Kampf gegen die Zersetzung der Gemeinschaft, als Monument zur Einigung des Volkes und als Schild gegen die Gefahren von außerhalb. Albert Speer schrieb am 9. Mai 1978, dass die architektonischen Fantasien für Hitler „eine Art vorweg geplanter Bestätigung der Erreichbarkeit seiner politischen Ziele“13waren. So verband sich mit den, bereits in den zwanziger Jahren zu Papier gebrachten Skizzen die Vorstellung des zu erwartenden Triumphes. Dies untermauern die Aufzeichnungen Albert Speers, dem Hitler im Jahre 1936 skizzenhafte Entwürfe von zentralen Bauten für die Neugestaltung Berlins mit den Worten übergab: „Die Zeichnungen machte ich vor zehn Jahren. Ich habe sie immer aufgehoben, da ich nicht daran zweifelte, dass ich sie eines Tages bauen werde.“14

Adolf Hitlers Verhältnis zur Architektur stützt sich also zunächst auf persönliche und machtpolitisch-strategische Pfeiler. Der junge Adolf Hitler auf der einen, den schon mit 15 Jahren die Wiener Ringstraße mit ihren Bauten und ihrem „Zauber aus Tausendundeiner Nacht“15begeisterte und der aufstrebende Diktator auf der anderen Seite, der mit seinen Bauvorhaben die Überlegenheit des Nationalsozialismus demonstrieren, seine Macht inszenieren und die Einigung und Gleichschaltung des Volkes forcieren wollte. Als Hitler im Jahre 1934 nach dem Tod seines Leitarchitekten Paul Ludwig Troost den grade einmal 28 jährigen Architekten Albert Speer mit der Funktion des ersten Baumeisters beauftragte, der bis dahin zwar den ein oder anderen Auftrag für Hitler und die NSDAP erfolgreich umgesetzt hatte, aber dennoch weit von Hitlers Begriff der Monumentalität entfernt war, ließ Hitler durchblicken, „er habe nur einen jungen begabten Architekten gewollt, so unbeschrieben noch, dass er ihn formen konnte.“16Hitler hatte endlich jemanden gefunden, durch dessen Hand er sich selbst, seine Entwürfe und Vorhaben realisieren konnte. Seinen Traum aus jungen Jahren, eines Tages Bauherr zu werden und all seine Ideen und Skizzen zu verwirklichen, konnte Hitler durch die Hand und das Können Albert Speers endlich verwirklichen.

3. „Das Wort aus Stein“ - Das architektonische Selbstverständnis des Nationalsozialismus

„Wenn Völker große Zeiten innerlich erleben, so gestalten sie diese Zeiten auch äußerlich. Ihr Wort ist dann überzeugender als das gesprochene: es ist das Wort aus Stein.“17Dieser Abschnitt lässt sich in seinem Umfang recht kurz halten. Denn das architektonische Selbstverständnis fußt im Wesentlichen auf dem Verhältnis Hitlers zur Architektur, welches wir bereits ausführlich ergründet haben. Das eingangs genannte Zitat ist einer Rede entnommen, die Hitler anlässlich der Eröffnung der „Ersten Deutschen Architektur- und Kunsthandwerk Ausstellung“ im "Haus der Deutschen Kunst" in München am 20. Januar 1938 hielt. Wie im ersten Abschnitt bereits erwähnt, waren Bauwerke für Hitler von außerordentlicher Bedeutung. Hitler konnte sich den Sieg seiner Weltanschauung nicht denken, „ohne das[s] er sich verkörpert in Denkmälern, die Zeiten überdauern, als Beweis für den Sieg dieser Überzeugung.“18

Nach Vorstellung der Nationalsozialisten sollten die Bauten „…das Volk politisch mehr denn je einen und stärken…[und] für die Deutschen zum Element des Gefühls, einer stolzen Zusammengehörigkeit“19werden. Man wollte der Bevölkerung durch die Bauwerke die unbezwingbare Macht und die Ewigkeit des Dritten Reiches demonstrieren. In einem Beitrag der „Nationalsozialistischen Monatshefte“ im Juni 1935 heißt es über die NS-Bauten, sie seien „Ausdrucksformen des innersten Wesens eines Volkes.“20

Das architektonische Selbstverständnis der Nationalsozialisten ist also im Wesentlichen dem Adolf Hitlers gleichzusetzen. Es gibt kein gesondertes Selbstverständnis, welches sich unabhängig von Hitlers Vorgaben entwickelte. Das architektonische Selbstverständnis der Nationalsozialisten war das von Adolf Hitler. Und Hitler setzte es als uneingeschränkt gültige Doktrin, als „Staatsarchitektur“ durch. Streng koordiniert überwachten hochrangige Beamte (zunächst Paul Ludwig Troost und später Albert Speer) die Umsetzung der Bauvorhaben, bei denen der „Führer“ immer das letzte Wort hatte. In einem Mitteilungsblatt der Reichskammer für bildende Künste hieß es dazu:

„Auf keinem Gebiet künstlerischen Schaffens ist das weltanschauliche Erlebnis so fruchtbar geworden wie auf dem der Baukunst… Die Bauten des Führers sind die Zeugen der weltanschaulichen Wende unserer Zeit. Sie sind gebauter Nationalsozialismus. In diesen Bauten formt der Führer das Ebenbild der edelsten Wesenszüge der deutschen Gemeinschaft.“21

Auch wenn sich das architektonische Selbstverständnis der Nationalsozialisten an dem von Hitler ausrichtete, so vertraten doch auch viele Architekten dieser Zeit die Doktrin in aller Deutlichkeit. Der Architekt und stellvertretende Leider der Bauabteilug in der Deutschen Arbeiter Front, Julius Schulte-Frohlinde schrieb in seinem Vorwort zu dem 1939 veröffentlichten Buch „Bauten der Bewegung“:

„Die großen Bauten der Bewegung sind nicht um ihrer selbst willen da, sondern sollen neben der Zweckerfüllung dem deutschen Menschen die Geschlossenheit, Einheit, Kraft und Größe unsere Staates vor Augen führen … Der Stil dieser Gebäude muss dem willen entsprechen, der sie formte.“22

Dieses Zitat zeigt einmal mehr, wie sehr sich die Architekten im Dritten Reich den Vorstellungen Hitlers hingaben und seine Ideen zur „Staatsarchitektur“ werden ließen. Wobei zu beachten ist, dass die meisten Architekten schon vor der Machtergreifung 1933 einem Stil, ähnlich dem von Hitler, folgten. Es waren die konservativen Architekten der Weimarer Republik, die mit ihrer Ablehnung der Moderne in Verbindung mit dem konservativen Festhalten an klassizistischen Idealen, wesentlich zur völligen Gleichschaltung der Architektur im Dritten Reich beitrugen.

Was Hitler bereits in den 1920er Jahren in seiner Schrift „Mein Kampf“ formulierte, wurde in den 1930er Jahren unter dem Anspruch allgemeiner Gültigkeit zur „Staatsarchitektur“. Hätten Völker in der Vergangenheit große Zeiten innerlich durchlebt, wie Hitler es den Deutschen durch den Nationalsozialismus versprach, so gestalteten die Völker diese Zeiten auch stets äußerlich. Und diese äußerliche Gestaltung, das Wort der Kunst, sei dann überzeugender als das Gesprochene, es sei das Wort aus Stein.23

[...]


1Leitner, Bernhard: Architektur als Waffe - Hitlers Speer, in: Adelbert Reif: Albert Speer. Kontroversen um ein deutsches Phänomen, München 1978, S.332.

2Bültemann, Manfred: Architektur für das Dritte Reich. Die Akademie für Deutsche Jugendführung in Braunschweig, Berlin 1986, S.35.

3Vgl. ebd.

4Vgl. Bültemann, Manfred 1986: S.35.

5Arndt, Karl: Architektur und Politik, in: Albert Speer: Architektur / Albert Speer, Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1978, S.115.

6Hitler, Adolf: Mein Kampf, 855. Auflage, München 1943, S.288-292.

7Hitler, Adolf 1943: S.381.

8ebd.

9Vgl. Leitner, Bernhard 1978: S.334.

10Bültemann, Manfred 1986: S.39-40.

11Vgl. Bültemann, Manfred 1986: S.35.

12Vgl. Leitner, Bernhard 1978: S.337.

13ebd. S.7.

14Bültemann, Manfred 1986: S.35.

15Hitler, Adolf 1943: S.18.

16Speer, Albert: Erinnerungen, Berlin 1971, S.144.

17Bültemann, Manfred 1986: S.38.

18ebd. S.35.

19ebd. S.40.

20ebd. S.37.

21Adam, Peter: Kunst im Dritten Reich, Hamburg 1992, S.211.

22ebd. S.220.

23Vgl. Bültemann, Manfred 1986: S.38.

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656657378
ISBN (Buch)
9783656657347
Dateigröße
822 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273566
Note
1,3
Schlagworte
Nationalsozialismus Architektur Albert Speer Speer Größenwahn Macht Inszenierung

Teilen

Zurück

Titel: Architektur des Nationalsozialismus