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Johann Gustav Droysens Geschichtstheorie

Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft

Klassiker 2014 19 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

1. Einleitung

2. Geistige Einflüsse und Voraussetzungen in Droysens Denken

3. Das Wesen der Geschichte
3.1 Das historische Forschen und seine Grundbedingungen
3.2 Das historische Material und sein morphologischer Charakter
3.3 Die historische Methode und die geschichtliche Welt

4. Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft

5. Schluss

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Die Bedeutung von Johann Gustav Droysen (1808-1884) für die Geschichtswissenschaft ist eine doppelte. Zum einen hat er ein ungeheuer umfangreiches historiographisches Werk hinterlassen, zum anderen hat er ein für die Geschichtswissenschaft grundlegendes theoretisches Werk geschaffen. Wenngleich er nicht, wie Ranke und Niebuhr, zur den Vorreitern der philologischen Geschichtswissenschaft gehört, so ist er doch wohl der Begründer einer theorieorientierten Historiographie. Der konkret geschichtswissenschaftliche Teil seines Werkes kann sich der bahnbrechenden Einsicht rühmen, dass der Hellenismus keine Epoche des Verfalls, sondern vielmehr eine des Aufstiegs, nämlich des Aufstiegs durch das Christentum zur Weltgeschichte, war, die nur durch die Verbreitung der griechischen - und in ihrer Folge, der römischen - Sprache als Kommunikationsmedium möglich wurde. Diese Erkenntnis führte zur „Überwindung des klassizistisch-normativen Geschichtsdiskurses der Goethezeit“[1], der den Verfall des griechischen Zentrums für einen negativen Abstieg durch die wilden Barbaren aus Makedonien hielt. Für sein unvollendet gebliebenes historiographisches Opus Magnum, die „Geschichte der Preußischen Politik“[2], führte Droysen diverse archivalische Quellenerschließungen durch, welche die Quellenbasis dieses Themas stark erweiterten. Viel bedeutender als seine konkreten fachwissenschaftlichen Forschungen sind allerdings seine theoretisch-philosophischen Überlegungen zur Geschichte. In der „Historik“[3] steckt Droysen das Feld ab, welches die Geschichtswissenschaft zu bestellen hat und benennt die Methoden, die dazu nötig sind. Droysens theoretische Bedeutung wurde früh erkannt. So bezeichnete beispielsweise Otto Diether Droysen in einer vergleichenden Studie über Ranke und Droysen als „Vater der modernen Geschichtswissenschaft“[4]. Darüber hinaus war er natürlich auch ein bedeutender Politiker und Vordenker des deutschen Nationalstaats.[5]

Aufgrund der oben ausgeführten Bedeutung Droysens ist eine Beschäftigung mit ihm in jedem Fall lohnenswert, besonders in einer Zeit, in der die Diversifizierung der geschichtswissenschaftlichen Methoden[6] nie gekannte Ausmaße angenommen hat und die Geisteswissenschaft darüber hinaus immer noch mit der Abgrenzung zur Naturwissenschaft zu kämpfen hat. Gerade diese Abgrenzung war schon für Droysen von besonderer Wichtigkeit. Im Folgenden sollen die Grundzüge seiner Geschichtstheorie skizziert werden und darauf aufbauend, in einem zweiten Schritt, ein Blick auf das Verhältnis des einzelnen Menschen zu seiner Gesellschaft geworfen werden. Denn gerade dieses Verhältnis beschäftigt die geschichtswissenschaftlichen Diskussionen auch heute außerordentlich.

Die Arbeit baut auf Droysens „Historik“, d.h. auf seine „Vorlesungen über die Theorie der Geschichtswissenschaft in propädeutischer Absicht“, sowie den „Grundriß der Historik“, den er begleitend zur Vorlesung an seine Studenten ausgegeben hat, auf. Droysen hat die Vorlesung insgesamt 17-mal gehalten, häufiger als irgendein anderes Kolleg. Allerdings hatte er auch in keiner Veranstaltung so wenige Zuhörer. Die Vorlesungen wurden zum ersten Mal 1977 von Peter Leyh vollständig ediert, welcher aus den verschiedenen handschriftlichen Aufzeichnungen Droysens sowie den Mitschriften seiner Studenten eine zuverlässige Fassung geschaffen hat. Vorherige Ausgaben der Vorlesungen, vor allem von Droysens Enkel Rudolf Hübner,[7] waren unvollständig und teilweise recht ungenau. Leyhs Bemühungen wurden dadurch erschwert, dass Droysen jedes Semester kleine Änderungen an den Handschriften vorgenommen hat, und sie somit erst historisch-genetisch sortiert werden mussten. Diese historisch-kritische Ausgabe von Droysens theoretischem Gesamtwerk wird im Moment von Horst Walter Blanke fortgesetzt, da Leyh nur den ersten Band vollenden konnte.[8]

Die beiden, bis heute grundlegenden, Studien über Droysens Historik und seinen Geschichtsbegriff sind die - in die Jahre gekommene, aber nur partiell überholte - Arbeit von Hildegard Astholz[9] und die Dissertation des besten lebenden Droysen- Kenners Jörn Rüsen[10]. Für beide gilt, dass sich die Quellenbasis nach ihren Werken erweitert hat, da Astholz noch gar keinen und Rüsen nur einen eingeschränkten Zugriff auf die Vorlesungen hatte. Während Rüsens Arbeit sich vor allem mit der Genese von Droysens Geschichtstheorie beschäftigt, behandelt Astholz den Geschichtsbegriff bei Droysen allgemein. Da der Umfang dieser Arbeit es lediglich gestattet, einige der wichtigeren Aspekte von Droysens Geschichtstheorie zu erläutern, wird kein historisch-genetischer, sondern ein systematischer Ansatz verfolgt. Zunächst wird kurz von den geistigen Grundlagen Droysens die Rede sein und sodann ausführlicher über das Wesen der Geschichte, d.h. die Grundbedingungen historischen Forschens, den Charakter des Quellenmaterials und schließlich die historische Methode und den Bereich, auf welche sie anzuwenden ist, gesprochen werden. In einem letzten, wiederum kürzeren Schritt, wird der Teilaspekt der Fragestellung nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ausgeführt werden. Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit kurz zusammengefasst.

[...]


[1] Dieter Jähnig: Wissenschaft und Geschichte bei Droysen, in: Helmut Fahrenbach (Hrsg.): Wirklichkeit und Reflexion. Walter Schulz zum 60. Geburtstag. Pfullingen 1973, S. 313-333. Hier S. 314.

[2] Johann Gustav Droysen: Geschichte der Preußischen Politik, 14 Bd. Berlin 1855-1886.

[3] Johann Gustav Droysen: Historik. Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857), Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/58) und der letzten gedruckten Fassung (1882), hrsg. v. Peter Leyh. Stuttgart-Bad Cannstatt 1977. (Fortan zitiert als: Historik) -

Vgl. auch Gadamers Ausführungen zu Droysens Bedeutung für die Hermeneutik, welche das wichtigste philosophische Gebiet des 20. Jahrhunderts war. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen 1960.

[4] Otto Diether: Leopold von Ranke und Johann Gustav Droysen. Eine Parallele, in: Preußische Jahrbücher. Berlin 1910, S. 1-20. Hier S. 19.

[5] Zu der sehr interessanten und wichtigen Thematik des „historischen Politikers“ bzw. des „politischen Historikers“, die in dieser Arbeit nicht behandelt werden kann, siehe auch Wilfried Nippels Biographie, in welcher er Droysens politische Tätigkeiten kritisch betrachtet und sie für sein Werk als konstitutiv einschätzt, was eine deutliche Verminderung des wissenschaftlichen Wertes nach sich ziehe. Wilfried Nippel: Johann Gustav Droysen. Ein Leben zwischen Wissenschaft und Politik. München 2008. Vgl. auch dagegen Jörn Rüsens Einschätzung: „Droysens Werk einfach unter die nationalstaatliche Politisierung der Geschichtswissenschaft zu subsummieren, heißt jedoch seine Bedeutung verengen, ja verfehlen. Denn die untrennbare Verbindung von Geschichtsschreibung, Politik und Theorie bei Droysen ist Frucht der Einsicht in eine geschichtliche Entwicklung, deren Konsequenzen gerade auch die gegenwärtige Diskussion um das Problem der Geschichte bestimmen“. Jörn Rüsen: Begriffene Geschichte. Genesis und Begründung der Geschichtstheorie J. G. Droysens. Paderborn 1969, S. 62. – Darüber hinaus war Droysen auch insgesamt, nicht nur unter dem Aspekt des Nationalstaates, politisch äußerst weitsichtig. So sagte er beispielsweise voraus, dass es sich bei den Mächten der Zukunft um China, Amerika und Russland handeln werde. Vgl. dazu Rüsen S. 64.

[6] Droysen hätte die Vielfalt der heutigen Ansätze und Methoden begrüßt, wenngleich er wahrscheinlich einige von ihnen für schlimme Verirrungen gehalten haben würde. Insgesamt ist nach Droysen alles Menschliche der Bereich der Geschichtswissenschaft (siehe dazu Kapitel 3.2 und 3.3) - anders als bei Gervinus z.B., welcher das Historische einzig im Politischen verordnet - und somit sind für Droysen alle Methoden prinzipiell interessant, wenn sie dieses Menschliche zu erforschen helfen können.

[7] Johann Gustav Droysen: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte hrsg. v. Rudolf Hübner [1937], ND Darmstadt 1974.

[8] Schon erschienen: Johann Gustav Droysen: Historik, Teilband 2. Texte im Umkreis der Historik. Unter Berücksichtigung der Vorarbeiten von Peter Leyh nach den Erstdrucken und Handschriften hrsg. v. Horst Walter Blanke. Stuttgart-Bad Cannstatt 2007 (2 Halbbände mit durchgehender Paginierung).

[9] Hildegard Astholz: Das Problem „Geschichte“ untersucht bei Johann Gustav Droysen (Historische Studien 231). Berlin 1933. – Astholz war Schülerin von Bultmann und Mommsen, weshalb sie ein hervorragendes Verständnis sowohl für die genuin geschichtswissenschaftlichen Fragen als auch für die theologischen Aspekte in Droysens umfangreichem theoretischem Gebäude hat.

[10] Rüsen.

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656664864
ISBN (Buch)
9783656664963
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273762
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1.0
Schlagworte
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