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Geschlechterbilder als Handlungsgrundlage erzieherischen Denkens

Welchen Einfluss haben Geschlechterstereotype von Erwachsenen auf die frühkindliche Entwicklung?

Diplomarbeit 2014 52 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Stereotype, Vorurteile und Schemata
1.1 Stereotype
1.1.2 Soziale Kategorisierung und Stereotypisierung
1.1.2.1 Soziale Kategorisierung und soziale Gruppe
1.1.2.2 Kategorisierung, Aktivierung und Anwendung von Stereotypen
1.1.3 Illusorische Korrelationen
1.2 Vorurteile
1.3 Soziale und Sozialpsychologische Effekte
1.3.1 Selbst erfüllende Prophezeiungen
1.3.2 DerRosenthal Effekt
1.3.3 Der Andorra-Effekt

2.0 Sozialisation
2.1 PrimäreSozialisation
2.2 Sekundäre Sozialisation
2.3 Sozialisation und Biologie
2.4 Peergroups
2.5 Gender und Geschlechterrollen
2.5.1 Gendertheorie
2.5.2 Geschlechterrolle
2.5.2.1 Kulturelle Geschlechterrolle
2.5.2.2 Anthropologischer Erklärungsansatz
2.5.3 Geschlechterrollen in derSoziologie
2.5.3.1 Rollenverhalten und Rollenerwartungen
2.5.3.2 Geschlechterrollenstereotype

3.0 Kinder und Geschlecht
3.1 Körperbewusstsein und Entwicklung der Geschlechtsidentität nach Lebensalter
3.1.1 Pränatale Phase
3.1.2 Von Geburt bis einschließlich Kindergartenalter
3.2 Geschlechtsidentität
3.2.1 Entwicklung von Geschlechtsidentität
3.2.1.1 Anlage orientierte, biologistische Ansätze
3.2.1.2 Umwelt als Ausgangspunkt - Sozial deterministische Theorien
3.2.1.3 Kontextuelle Entwicklung
3.2.1.4 Handlungstheoretische Theorien
3.2 Erwerb von Geschlechterverhalten in der Kindheit
3.2.1 Prozesse in der Entwicklung des Geschlechtsrollen-Verhaltens
3.3 Das „Lernen“ von Geschlecht
3.3.1 Instrumentelles Lernen
3.3.2 Vorbildlernen

4.0 Exkurs: Geschlechtsunterschiede - Der aktuelle Stand der naturwissenschaftlichen Forschung
4.1 Evolutionsbiologie
4.2 Neurologie - Hirnforschung
4.3 Genetik und Endokrinologie - Hormonelle Unterschiede

5. Der Einfluss von Geschlechterstereotypen von Erwachsenen auf die frühkindliche Entwicklung - ein Fazit

6. Schlussbetrachtungen und Danksagungen

7. Glossar.

8. Literatur

Vorwort

Als Pädagoge ist man sehr oft mit Geschlechterstereotypen konfrontiert, ob das der in die Hand gedrückte Schraubenzieher am ersten Tag im neuen Kindergarten ist, der von Kolleginnen angedachte Fußballnachmittag mit den Buben oder die ersten Reaktionen der Eltern.

Diese Erfahrungen haben mich davon überzeugt, meine Diplomarbeit im Fach Pädagogik dem Themajener Geschlechterbilderzu widmen, ihrer Entstehung und vor allem ihrer Tradierung. Ich versuche in dieser Arbeit darzulegen, wie Stereotype funktionieren, wir sie übertragen und welche Dynamiken auch unter den Kindern selbst wirken.

Geschlechterbilder und Stereotype sind omnipräsent in der täglichen Situation im Kindergarten, sie beeinflussen das pädagogische Denken und Handeln.

Neben der Entstehung und Wirkungsweise von Stereotypen geht die Arbeit auch aufden Prozess der Sozialisation ein, sowie auf die kindliche Entwicklung bis zum Ende des Kindergartenalters. Hierbei ist der Fokus ebenfalls auf Geschlechterrollen gelegt.

Ergänzend ist ein Exkurs angeführt, der den aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Forschung zum Thema Geschlechterunterschiede kurz umreißt.

Diese Diplomarbeit soll einen umfassenden Zugang zum Thema bieten, ergänzt mit einem Glossar, um Fachbegriffe zu erläutern und einen Literaturteil, der sowohl direkt verwendete, als auch ergänzende Werke anführt.

Pädagogen und Pädagoginnen sind ihrem tatsächlichen Geschlecht entsprechend in den Beispielen genannt, die aus meiner persönlichen Sichtweise geschildert sind.

1. Stereotype und Vorurteile

1.1 Stereotype

Der Begriffdes Stereotyps setzt sich aus den zwei griechischen Wörtern „stereos“ - hart, starr, fest, und „typos“ - Entwurf, feste Norm zusammen. Ursprünglich in der Drucktechnik beheimatet, migrierte das Wort im frühen 20.Jhdt in die Sozialwissenschaften. Eine frühe Definition des Begriffs prägten die beiden Forscher Katz und Braly (1933) in einer Studienarbeit über Rassenvorurteile in den USA.

„Ein starrerEindruck, dernurin geringem Maße mit derRealität übereinstimmt und dadurch zustande kommt, dass wir zuerst urteilen und danach erst hinschauen.“

(Katz & Braly, 1933 racial stereotyping)

Neuere Definitionen sprechen von „einer Reihe von Überzeugungen über die Mitglieder einer sozialen Gruppe“ oder von einer „Assoziation einer Reihe von Merkmalen mit einer Kategorie“.[1]

Stereotype bilden den kognitiven Teil von Vorurteilen, diese entstehen nicht zwangsläufig, sondern nur dann, wenn unreflektiert der Inhalt des Stereotypes als „wahr“ akzeptiert wird.[2]

Die Kenntnis eines Stereotypes beeinflusstjedoch bereits die Handlungen, da Erwartungen, die daraus hervorgerufen werden eine bestimmte Herangehensweise auslösen, welche nur die Bestätigung, nicht aber Negierungen zulässt[3]

Der Soziologe Alphons Silbermann führt dazu in seinem Werk „Alle Kreter lügen“ ein Beispiel an:

„Das Stereotyp rothaariger Menschen als feurig, falsch, bösartig, sexy, irrgläubig, hitzköpfig, nüchtern, heuchlerisch oder berauschend leitet und verzerrt die Beurteilung aller rothaarigen Menschen.“[4]

Ein Stereotyp ist eine Beschreibung von Personen oder Gruppen, die bildhaft einen als typisch behaupteten Sachverhalt vereinfacht auf diese bezieht. Stereotypen erlauben allein durch die Nennung des Begriffs den zugehörigen komplexen Inhalt schnell präsent zu machen.[5]

Die Kategorisierung von Personen anhand bestimmter Merkmale wie dem Geschlecht ist ein für Menschen normaler, schnell und zumeist automatisch ablaufender Prozess. Stereotypen dienen dazu, komplexe Realität zu vereinfachen und einzuordnen. Dergestalt fungieren sie als Identifikationsmöglichkeit und können den Zusammenhalt von Gruppen unterschiedlicher Form und Größe fördern, im Inneren, wie auch in der Abgrenzung nach Außen.[6]

Als „eine erkenntnis-ökonomische Abwehreinrichtung gegen die notwendigen Aufwendungen einer umfassenden Detailerfahrung" (Walter Lippman 1922) werden Stereotype in der Arbeit des amerikanischen Philosophen, Journalisten und Medienkritikers Walter Lippman hervorgehoben. Mit seinem Werk „Public Opinion“ leistete er einen großen Beitrag zur Erforschung der Stereotype.[7] -[8]

1.1.2 Soziale Kategorisierung und Stereotypisierung

1.1.2.1 Soziale Kategorisierung und soziale Gruppe

Soziale Kategorien sind Gruppierungen von Menschen, die in sozialen Interaktionen häufig zusammengefasst gesehen werden. Sie stellen oft hilfreiche oder als solches angesehene Ordnungsrahmen für die Strukturierung und Vereinfachung sozialer Situationen dar.

Eine Studie aus dem Jahr 1971 von Henri Tajfel, M. G. Billig, R. P. Bundy und Claude Flament sollte die Auswirkungen sozialer Kategorisierung aufdas Verhalten zwischen einzelnen Gruppen analysieren. Es sollten weder individuelle Interessen, noch bestehende Vorurteile, noch feindliche Anschauungen Grund für diskriminierendes Verhalten darstellen. Diese Voraussetzungen wurden durch die Erzeugung einer willkürlichen Einteilung erreicht. Anhand von Experimenten konnte festgestellt werden, „dass eine Kategorisierung eine Abgrenzung der Gruppen untereinander und eine Solidarisierung innerhalb derderGruppenstattfand.“, (Henry Tajfel 1982)

Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die bloße Kategorisierung, also die kognitive und randomisierte Einteilung in Gruppen bereits ausreicht, um Konflikte zwischen den Gruppen auszulösen. Dadurch entstand bei den Probanden eine additive Identität, durch die sie sich mit der eigenen Gruppe identifizierten.

Ähnlich grenzen sich die Geschlechtergruppen in Kindergärten durch gemeinsame Identitätsmerkmale wie Spielverhalten, Farben, Haarlängen gegeneinanderab.[9]

1.1.2.2 Kategorisierung, Aktivierung und Anwendung von Stereotypen

Im sozialwissenschaftlichen Kontext beruhen Stereotype auf Abgrenzung und der Bildung von Kategorien um Personengruppen, denen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Stereotype sind weiters vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie bisweilen besonders offensichtliche Eigenschaften einzelner Personen hervorheben und verallgemeinern. Sie entstehen in derWahrnehmung und Bewertung eines Details, welches in unkritischerVerallgemeinerung und damit einer Konstruktion einer faktischen Wirklichkeit angewandt wird.[10]

Solchermaßen vereinfachte Repräsentationen anderer Personengruppen erleichtern die Interaktionen mit unbekannten Personen wesentlich. Durch äußere Merkmale wie Kleidungsstil oder Geschlecht ausgelöste Stereotype dienen als Hinweis für zu erwartende Reaktionen.[11]

Die durch dieses Verfahren implizierte Vereinfachung kann soziale Ungerechtigkeiten manifestieren oder auch zu Irritationen führen, wenn sich das Gegenüber nicht entsprechend verhält und zwar in einem Maße, dass die Automatik des Stereotypisierens gestört wird.

Wenn Merkmale wie das Geschlecht mit negativen Bewertungen besetzt sind, welche die Interaktionsmöglichkeiten von Personen in vielen Lebensbereichen signifikant begrenzen, spricht man von Vorurteilen als Einstellung gegenüber Individuen. Stereotype sind a priori nicht wertend.[12]

Von einer oder mehreren gemachten Erfahrungen auf eine Regelmäßigkeit zu schließen ist zwar gängige Strategie, aber ein logischer Fehler, wie bereits David Hume[13] nachgewiesen hat. Induktive Schlüsse sind nicht zur Erlangung sicherer Erkenntnis zu gebrauchen, von einer oder mehreren Erfahrungen auf zukünftige Ereignisse zu schließen ist unzulässig, da nie alle möglichen Fälle untersucht werden können.

Stereotype und Vorurteile sind jedoch induktive Schlüsse. Karl Popper hat dargelegt, dass bereits eine einzige Erfahrung ausreicht, um induktive Erwartungen hervorzurufen.[14]

In der pädagogischen Arbeit im Kindergarten führt das dazu, dass Stereotype analog zu Schemata aktiviert werden, Perseveranzeffekte verdecken die tatsächliche Erziehungswirklichkeit und Persönlichkeit vieler Kinder, treten hingegen die Erwartungen ein, wird dies als Bestätigung gesehen.

Durch den Glauben an die Wahrheit der Stereotype treten oft selbst erfüllende Prophezeiungen auf, man konstruiert, was man erwartet.[15]

Ausgebildete Stereotype beeinträchtigen die Informationsverarbeitung, Aufmerksamkeit, die Interpretation von Wahrnehmungen, das Gedächtnis, sowie Schlussfolgerungsprozesse.[16]

In der Interaktion von Erwachsenen mit Kindern beeinflussen Stereotype neben dem Sender (Erwachsener) auch den Empfänger (Kind) als Mitglied einer bestimmten Gruppe oder seine Informationsverarbeitung bezüglich Wissen über eine solche.[17] So führt die Aktivierung von Stereotypen in dieser Interaktion oft dazu, dass sich Mitglieder einer Gruppe den stereotypisierten Erwartungen des Interaktionspartners anpassen, dessen Stereotype über andere übernehmen oder es zeigen sich erwartete Verhaltensweisen.[18]

Ein zentraler Mechanismus zur Entstehung von Stereotypen, der auch bereits bei Kindern auftritt, ist die generelle Bereitschaft von Menschen, sozial zu kategorisieren und andere in Fremd- und Eigengruppen einzuteilen. Dabei liegen sehr breite Merkmalskategorien zugrunde, wie etwa Nationalität, Alter, Geschlecht, Beruf.

Alleine schon die Kategorisierung selbst verändert die Wahrnehmung und die Urteilsprozesse.[19]

Eine weitere, wesentliche Erkenntnis liegt darin, dass Stereotype bei der Eigengruppe weit positiver erlebt werden, als in der Fremdgruppe. Die Ursache dafür liegt in einem systematischen Bias (Englisch, hier: eine systematische Neigung beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen) in der Benutzung von Sprache: positives Verhalten eines Mitgliedes der eigenen Gruppe wird sehr abstrakt beschrieben, gleiches Verhalten in der Fremdgruppe wird sehr konkret dargestellt, bei negativem Verhalten ist es umgekehrt.[20]

Stereotype können weiters aus sogenannten „Salience-Effekten“ resultieren.

Auffällige Merkmale werden demnach eher zur Ausbildung von Stereotypen anregen, als weniger hervorstechende.[21]

Diese Effekte spielen auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung sogenannter Illusorischer Korrelationen, der Wahrnehmung eines Zusammenhangs zweierVariablen, der tatsächlich gar nicht existiert. Weiters bilden Personen Wahrscheinlichkeitsurteile nicht nur über das Auftreten von bestimmten Attributen von Menschen, die einer bestimmten Gruppe angehören, sondern auch über die sogenannte Kovariation von Merkmalen im Rahmen von „Impliziter Persönlichkeitstheorie“ (IPT), IPT haben wie Stereotype eine Funktion als Orientierungshilfe und schaffen einen Bezugsrahmen für das Verhalten gegenüber anderen Menschen.[22]

Die Implizite Persönlichkeitstheorie stellt ein Schema dar, das die Ausgangslage in der Interaktion mit anderen Menschen prägt. IPT stellen eine entlastende Funktion im Sozialverhalten, analog zu Stereotypen dar[23].

1.1.3 Illusorische Korrelationen

Stereotype sind oft Teil des kollektiven „Wissensschatzes“, welcher innerhalb von Gesellschaften tradiert wird. In anderen Fällen sind sie Bestandteil der individuellen Biographie eines Menschen, wobei Einzelinformationen über bestimmte Gruppen wahrgenommen und in Stereotype integriert werden.

Diese Informationen können aus Medien, Berichten aber auch aus den Erzählungen anderer Menschen stammen, bisweilen auch aus Reaktionen anderer Menschen, zum Beispiel Reaktionen der Eltern auf ein bestimmtes Verhalten des Kindes.[24]

Ein Beispiel dazu aus eigener Beobachtung:

Ein Vater holte seinen Sohn aus dem Kindergarten ab, dieser spielte gemeinsam mit anderen Kindern im Wohnbereich ein Familienrollenspiel und stellte die Mutter dar. Er trug ein violettes Kleid, schwarze Damenschuhe mit hohen Absätzen und eine Damenhandtasche. DerVater reagierte daraufsehr ungehalten und wies seinen Sohn an, die Frauensachen sofort auszuziehen. Der Bub lernte daraus, dass es seinem Vater nicht gefällt, wenn er „Frauensachen“ trägt, diese Kleidung wurde somit als nicht passend erachtet.

Um Lernprozesse zu untersuchen, die zu einer Ausprägung von Stereotypen führen, ist es praktikabel, Stereotype als wahrgenommene Korrelationen zwischen Gruppenzugehörigkeit und Merkmalen beziehungsweise Verhalten zu definieren.

So lasst sich Geschlechterstereotypen als Korrelationen zwischen Geschlechtskategorien und Eigenschaften charakterisieren. Demnach sind Männer angeblich durchsetzungsfähiger, Frauen emotionaler.[25]

Aus oben genannter Definition lässt sich sagen, dass es sich bei der Bildung von Stereotypen um einen Sonderfall von Kontingenzlernen handelt, des Lernens von Zusammenhängen zwischen Variablen aufgrund der Basis von Stichproben von Beobachtungen und Wahrnehmung.

Hierbei werden jedoch auch verzerrte Korrelationen erlernt, die stereotype Erwartungen induzieren. Zusammenhänge werden wahr- und angenommen, die in Wirklichkeit gar nicht existieren. Als bekanntes Beispiel sei genannt die weit verbreitete Meinung, dass Paare, die lange kein Kind bekommen konnten, nach der Adoption eines Kindes „plötzlich“ doch ein eigenes Kind zeugten. Der Schluss daraus lautet, dassjene Menschen durch die Adoption eines Stressfaktors beraubt und daher hernach fruchtbarer wurden. Tatsächlich geschieht diesjedoch statistisch gesehen gleich häufig bei Paaren, die kein Kind adoptieren, nur sind die Fälle der Adoptiveltern einprägsamer.[26]

Die traditionelle Erklärung über das Zustandekommen illusorischer Korrelationen beruht aufder Annahme, dass das Zusammentreffen seltener, scheinbar besonderer Ereignisse zu erhöhter Aufmerksamkeit führt.[27]

So zum Beispiel erhält ein Ergebnis der Lottoziehung das 1,2,3,4,5,6 lautet, weit mehr Beachtung als jede andere Kombination, obwohl die Wahrscheinlichkeiten gleich groß sind.

Wenn nun ein Mitglied einer bestimmten Gruppe, zum Beispiel jener der Männer ein besonders auffälliges Verhalten zeigt, wird dies besonders aufmerksam verarbeitet und dadurch später besser abrufbar als andere Verhaltensweisen.[28]

1.2 Vorurteile

Ein Vorurteil ist ein Urteil, das vor dem Erlangen aller relevanten Informationen gefestigt wird, dabei ist die Gefahr eines Fehlers gegeben, aber nicht unbedingt immer zutreffend. Das lateinische Wort für Vorurteil lautet „Praejudicum“, was auch mit Nachteil übersetzt werden kann. Vorurteile können auch positive Folgen haben und zum Vorteil der urteilenden Personen gereichen. Die Gefahr, die Vorurteile darstellen liegt darin, dass sie zu starren Normen mutieren und somit nicht mehr kritisch hinterfragt werden.[29]

Die Funktion dieser Urteile liegt darin, die Umwelt schnell einschätzen zu können, eine Kategorisierung herzustellen, die Komplexität derWelt zu reduzieren, um sinnvolle, rasche Handlungen möglich zu machen. Menschen machen Erfahrungen und nehmen an, dass es in ähnlichen Fällen analog dazu ablaufen wird.[30]

Das stete Aufeinanderfolgen mehrerer Ereignisse lässt einen Zusammenhang vermuten, wo nicht zwangsläufig einer gegeben ist, jedoch strebt der Mensch, wie auch viele andere Tiere danach, Regelmäßigkeiten zu suchen.

Es werden Schemata gebildet, die auch bei Widersprüchen aufrecht erhalten werden („Ausnahmen bestätigen die Regel“ - tatsächlich widerlegen Ausnahmen die Regel).[31]

Schemata sind Hilfsmittel, Inhalte des impliziten Gedächtnisses, die dazu dienen, Informationen, die Menschen aufnehmen, schnell und einfach zuordnen zu können.

Sie werden im Laufe der individuellen Entwicklung angelegt und ausgebaut.

Der Erziehungswissenschaftler Karl-Heinz Flechsig schreibt dazu in seinem Text „Kulturelle Schemata und interkulturelles Lernen“:

„Als "klassisches"Beispiel fürSchema-Anwendung wird in mehreren Publikationen das Schema für "Restaurant-Besuch" erwähnt. Es umfasst eine Anzahl von Merkmalen, z. B. woran man Restaurants erkennt und von Bahnhöfen unterscheiden kann, es umfasst aber auch Merkmale von Prozessen, die in Restaurants stattfinden, z. B. Speisekarte lesen, bestellen, konsumieren, Rechnung erbitten, bezahlen etc. Ein solches Restaurant­Schema steuert unsere Erwartungen und lenkt unsere Wahrnehmung, es steuert aber auch unsere Handlungen und Interaktionen. Das Schema wird von einem Kind zunächst vielleicht nur fürden eigenen Dorfgasthof entwickelt und später auf eine große Vielfalt in- und ausländischer Restaurants ausdifferenziert. Dabei lernt man dann z. B., dass man in einigen Restaurants warten muss, bis man einen Platz zugewiesen bekommt, während man in anderen sich seinen Tisch selbst aussuchen kann.“[32]

Vorurteile dienen also der schnellen Einordnung, als Basis für neue Erfahrungen, dennoch bilden sie einen blinden Fleck im menschlichen Urteilsvermögen, erschweren eine objektive Beurteilung. Ihr Nutzen liegt in derVereinfachung derWahrnehmung derWelt, es wird dabei nicht kritisch hinterfragt, sondern ein Schema wird angewandt. Vorurteile sind weder ad hoc positiv oder negativ, der individuelle Umgang und das Bewusstsein ob der Schlüsse sind das entscheidende Element, welches letztlich Erkenntnis möglich macht oder nicht.[33]

[...]


[1] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[2] Reising, Yvonne Diana: Entstehung - Umgang - Prävention von Vorurteilen bei Kindern, Diplomarbeit Bergische Universität wuppertal, 2000, Grin Verlag 2013

[3] Reising, Yvonne Diana: Entstehung - Umgang - Prävention von Vorurteilen bei Kindern, Diplomarbeit Bergische Universität wuppertal, 2000, Grin Verlag 2013

[4] Silbermann, Alphons: Alle Kreter lügen, Bastei-Lübbe 1995, Amazon Kindle Edition

[5] Reising, Yvonne Diana: Entstehung - Umgang - Prävention von Vorurteilen bei Kindern, Diplomarbeit Bergische Universität wuppertal, 2000, Grin Verlag 2013

[6] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[7] Lippman Walter: Die öffentliche Meinung. Brockmeyer, Bochum 1990 (Originaltitel: Public Opinion)

[8] Dröge, Franz W.: Publizistik und Vorurteil. Regensberg Verlag, Münster 1967

[9] Tajfel, Henri: Gruppenkonflikt und Vorurteil. Entstehung und Funktion sozialer Stereotypen, Wien 1982.

[10] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[11] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[12] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[11] Hume, David: A Treatise of Human Nature: Being an Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Moral Subjects. (Überdie menschliche Natur) (1739-40)

[14] De Cavalho, Maria C.M.: Karl R. Poppers Philosophie derwissenschaftlichen und dervorwissenschaftlichen Erfahrung, Lang, 1982

[15] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[16] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[17] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[18] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[20] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[21] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.),:Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[22] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[23] Gittler, Georg: Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie, Skriptum UniversitätWien, 2011

[24] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[25] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[26] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[27] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[28] Petersen, Lars-Eric (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung, Beltz Verlag Basel 2008

[29] Reising, Yvonne Diana: Entstehung - Umgang - Prävention von Vorurteilen bei Kindern, Diplomarbeit Bergische Universität wuppertal, 2000, Grin Verlag 2013

[30] Reising, Yvonne Diana: Entstehung - Umgang - Prävention von Vorurteilen bei Kindern, Diplomarbeit Bergische Universität wuppertal, 2000, Grin Verlag 2013

[31] Reising, Yvonne Diana: Entstehung - Umgang - Prävention von Vorurteilen bei Kindern, Diplomarbeit Bergische Universität wuppertal, 2000, Grin Verlag 2013

[32] Flechsig, Karl-Heinz: Kulturelle Schemata und interkulturelles Lernen, http://wwwuser.gwdg.de/~kflechs/iikdiaps3- 98.htm

[33] Reising, Yvonne Diana: Entstehung - Umgang - Prävention von Vorurteilen bei Kindern, Diplomarbeit Bergische Universität wuppertal, 2000, Grin Verlag 2013

Details

Seiten
52
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656728238
ISBN (Buch)
9783656728146
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273789
Note
2
Schlagworte
geschlechterbilder handlungsgrundlage denkens welchen einfluss geschlechterstereotype erwachsenen entwicklung

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