Lade Inhalt...

Reiner Gebrauchsgegenstand? Der Koffer als Symbol in Reise und Tourismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 18 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Entstehungsgeschichte des Koffers

3. Materielle und Immaterielle Aspekte des Koffers
3.1 Der Koffer als Behältnis für Dingwelten und Träger von Erinnerungen
3.2 Nutzungsarten und Bedeutungen des Koffers

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Bereich des Tourismus gibt es eine Reihe von Dingen, die eine besondere Bedeutung für das Reisen haben. Beispielsweise sind es Variablen wie der Reisebedarf, Transportmittel, Wohnmöglichkeiten oder Souvenirs. Eine weitere Sache, die sich in den meisten Fällen kaum wegdenken lässt, ist die Notwendigkeit die mitgeführten Gegenstände zu verpacken und zu transportieren. Eine der am weitesten verbreiteten Möglichkeiten eben diesen Transport praktisch und vergleichsweise bequem durchzuführen ist die Benutzung eines Koffers. Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung des Koffers als einem Aspekt der Materialität des Reisens. Besonders wird die Frage im Vordergrund stehen, ob er, wie oben beschrieben, nur lediglich eine praktische Möglichkeit ist sein Gepäck zu verstauen und zu bewegen oder ob er darüber hinaus symbolische Werte des Besitzers und der Reise selbst verinnerlicht und repräsentiert.

Um den Einstieg in das Thema zu erleichtern, wird zu Beginn des zweiten Abschnitts zuerst ein Abriss der Entstehungsgeschichte des Koffers vorgenommen werden, bevor sich die Arbeit dann im dritten Teil der oben genannten Fragestellung widmet. Der vierte Teil wird ein Fazit aus den vorangegangenen Abschnitten ziehen und versuchen die Fragestellung zufrieden stellend zu beantworten. Die Literaturlage zum Thema Koffer und der Materialität des Reisen ist recht vielschichtig und breit gefächert. Die bedeutendsten Werke für diese Arbeit werden die von Andrea Mihm veröffentlichte Kulturgeschichte des Koffers1, wie auch der von Johannes Moser veröffentlichte Sammelband: „Dinge auf Reisen“2 sein. Sie werden einen Blick auf die Vielfältigkeit des Themas geben und einen Einblick in die aktuelle Forschungslage erlauben, in der der Koffer zwar oft erwähnt wird, jedoch selbst eher relativ selten zum Forschungsgegenstand gemacht worden ist.3

2. Die Entstehungsgeschichte des Koffers

Der Begriff „Koffer“ leitet sich von dem altfranzösischen Wort „coffre“ ab und bedeutet übersetzt Truhe. Die ersten Truhen wurden hauptsächlich als Möbelstück und zum sicheren Verstauen von Besitztümern genutzt. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, als es üblich wurde, dass Dienstboten, Gesinde und Lohnarbeiter oftmals von einer Anstellung zur nächsten reisen mussten und dabei ihre Habe mit zu transportieren hatten, mussten die Truhen die Eigenschaft der Mobilität besitzen.4 Diese „mobilen Immobilien“5 waren meist der einzige Besitz und das einzige Stück Privatsphäre das der Eigentümer von einem Ort zum nächsten mitnahm. Optisch hatten diese Truhen mit dem modernen Koffer noch sehr wenig gemeinsam. Sie waren meist viereckig, aus massiven Holz gefertigt, mit Eisenverschlägen versehen, hatten an der Oberseite einen verschließbaren schweren Deckel und an den Seiten Tragegriffe aus Metall oder Seilen.

Die guten Transportmöglichkeiten dieser Truhenkoffer und ihre Stabilität, sorgten für eine weite Verbreitung in Europa, wo sie im Laufe des 19. Jahrhunderts, im Zuge der Auswanderungsströme, vor allem nach Übersee in die Vereinigten Staaten, auch als nützliches Auswanderungsgepäck galten.6 Sie dienten, ähnlich den Gesindetruhen, vielen Personen als Transportmittel für ihre gesamte Habe und bedeuteten oft das einzige Heim, dass man sich aus der Heimat mitgebracht hatte.7

Zur gleichen Zeit entwickelte sich in England, Frankreich und Deutschland, nach dem Vorbild der Truhenkoffer, das erste bürgerliche Reisegepäck. Im Gegensatz zu den Gesindetruhen oder den Überseekoffern waren diese Transportbehälter nicht dafür gedacht den gesamten Besitz in eine neue Heimat zu verfrachten, sondern dienten dazu Reiseutensilien und Begleitstücke für Vergnügungs- und Bildungsreisen mitzuführen. Durch diese neu aufgekommene Art der Nutzung kann man die Reisekoffer als eine der ersten Zubehör-Utensilien des Tourismus bezeichnen. Form und Gestalt wichen nun vom „alten“ Truhenformat ab. Eine Vielzahl neuer Modelle und Sonderanfertigungen wurden populär, zurechtgeschnitten auf die Bedürfnisse der Reisenden, beziehungsweise die Art des Gepäcks. So entstanden nun zum Beispiel die Hutschachteln, abgestimmt auf die Form der jeweiligen

Kopfbedeckung oder Anfertigungen wie Picknickkoffer und Reisenecessaires mit einem genau angeordneten und fixierten Inhalt.8 Die größte Innovation dieser Zeit war der neu entstandene Handkoffer.9 Im Unterschied zu den früheren Truhenkoffern hatte er nur noch einen Griff und ließ sich von einer Person alleine tragen. Zwar gab es im Laufe der Zeit Änderungen des Materials und der Optik, im Grunde jedoch hat sich dieses Model bis heute gehalten und gehört noch immer zu den am weitesten verbreiteten Reiseutensilien.

3. Materielle und Immaterielle Aspekte des Koffers

In der heutigen Zeit werden Urlaub und Reisen oftmals als Selbstverständlichkeit angesehen.10 Zwar ist der Tourismus in seiner heutigen Form eher ein Privileg der Menschen in den reicheren Staaten,11 jedoch gehört die Urlaubszeit und eine möglicherweise damit verbundene Urlaubsreise für viele Leute in unserem Kulturkreis heutzutage ebenso fest zum Bestandteil des Lebens und des Kalenders, wie etwa die Weihnachtszeit oder der Geburtstag. In diesem Bereich des Reisens kann der Koffer als eine Hauptfigur angesehen werden,12 da er als nahezu unverzichtbarer Helfer auf fast jeder Reise fungiert.13 Auch ist er, im Gegensatz zu der im zweiten Teil erwähnten Gesindetruhe, nicht mehr nur ein Stück der regionalen Kultur, sondern setzt sich über diese Eingrenzung hinweg und ist zu einer überregionalen, sogar global verbreiteten Erscheinung geworden.14

3.1 Der Koffer als Behältnis für Dingwelten und Träger von Erinnerungen

Formen und Inhalte des modernen Reisekoffers sind zahllos und variieren stark. Sie unterscheiden sich je nach Art der Nutzung, der Art der Reise sowie der individuellen Bedürfnisse des Besitzers. Wird eine Reise geplant, so stellt das Packen des Reisegepäcks eine nicht zu vermeidende Notwendigkeit dar. Wie oben bereits angesprochen, muss das Gepäck auf die Bedürfnisse des oder der Reisenden abgestimmt sein. Auch Faktoren wie die Dauer der Reise, Kleidervorschriften, Transportmöglichkeiten oder andere Bedingungen vor Ort müssen bedacht werden.15 Schon das alte Kinderspiel: „Ich packe meinen Koffer und nehme mit…“ beschreibt sehr schön den Akt des Zusammenstellens der Reiseutensilien. Bei diesem finden nicht nur die praktischen und notwendigen Dinge wie etwa die Zahnbürste oder Geld ihren Weg in das Gepäck, sondern oft auch ganz persönliche und individuelle Objekte wie etwa ein Talisman, ein Foto der Familie oder das Lieblingskissen.16 Diese „lieb gewordenen und vertrauten Dinge“17 stellen sehr deutlich dar, dass Menschen beim Reisen neben ihrem Gepäck auch immer mit ihren Gewohnheiten sowie ihren persönlichen Eigenheiten verreisen und diese privaten Dinge quasi das emotionale Bindeglied zwischen dem Alltag und dem Urlaub, beziehungsweise zwischen dem Alltäglichen und dem Besonderen einer Reise, darstellen.18 Ein weiterer Aspekt der persönlichen Gegenstände die dem Gepäck hinzugefügt werden, mag auch der sein, dass der Koffer dadurch, möglicherweise unbewusst, zu einem Selbstportrait des Besitzers wird, dass durch seinen Inhalt verkörpert wie man in der „Fremde“ gesehen werden will.19 Dies soll nicht bedeuten, dass der Koffer selbst vorgezeigt wird, sondern dass die persönlichen Inhalte und Gebrauchsgegenstände die man während der Reise nutzen und möglicherweise der Öffentlichkeit präsentieren will, ein Bild ihres Besitzers zeichnen. In diesem Fall dient der Koffer nicht einfach nur als Mittel zum Zweck,20 sondern er wird zu einem Container von Dingen die ihren Besitzer materiell repräsentieren können.21 Hier wird besonders deutlich, wie sehr der gepackte Koffer den materiellen Aspekt und die Dingwelt der Reise verkörpern und bestimmen kann.

Das Hervorholen, Vorbereiten und Packen des Koffers kann oftmals auch als beinahe philosophisches Unternehmen gewertet werden.22 Es spielen nicht nur die „alten Menschheitsfragen“:23 „Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich?“ eine Rolle, sondern man denkt über die kommende Reise nach und erinnert sich Vergangener. Die Gedanken über das Reiseziel kommen ins Fließen24 und es vermischen sich die Erfahrungen früherer Reisen mit Vorstellungen über das, was einen erwarten könnte. Die Vorbereitung auf das Reisen kann zu einer Neugier nach Fremden und dem Wunsch nach Vertrautem in der Ferne führen.25 Diese Gedanken und Überlegungen materialisieren sich dann konkret bei der Zusammenstellung des Gepäcks beziehungsweise im Inhalt des Koffers.

Die materielle Dingwelt des Koffers muss allerdings nicht nur die von vornherein eingepackten persönlichen Sachen und Gebrauchsgegenstände umfassen. Auf dem Rückweg der Reise wird sie oftmals durch eine Vielzahl an mitgebrachten Gegenständen ergänzt und bereichert werden.26 Diese Ergänzungen in Form von Erinnerungsstücken, Souvenirs und Mitbringseln, dienen dem Besitzer nach der Rückkehr als Möglichkeit der Erinnerungsbewahrung sowie als Authentifizierung des auf der Reise Erlebten.27 Sie werden Teil der persönlichen, mit Emotionen belegten Habe des Besitzers. Ebenso wie diese Souvenirs nun an Erlebnisse und Orte erinnern, so wird auch der auf der Reise genutzte Koffer selbst zum materiellen Träger von Erinnerungen. Er hat einen gewissen symbolischen Wert auf Grund der gemeinsam erlebten Reise erhalten und steht nun für diese als Zeuge und Beweis. Es besteht die reelle Möglichkeit, dass wenn der Koffer das nächste Mal für eine Aktivität herausgeholt und gepackt wird, sich Erinnerungen und Empfindungen an das vormalige Nutzen beim Besitzer einstellen und sich direkt mit den Vorstellungen über die kommende Reise vermischen werden.

[...]


1 Andrea Mihm (2001): Packend..: eine. Kulturgeschichte des Reisekoffers, Marburg.

2 Johannes Moser (2008): Dinge auf Reisen: Materielle Kultur und Tourismus. In: Münchener Beiträge zur Volkskunde, Band 38, München.

3 Ecker 2006, S. 215.

4 Vgl. Mihm 2001, S. 13.

5 Mihm 2001, S. 8.

6 Vgl. Mihm 2001, S. 20.

7 Vgl Löfgren 2008, S. 40.

8 Vgl. Mihm 2001, S. 36.

9 Vgl. Mihm 2001, S. 64.

10 Vgl. Mihm 2001, S. 91.

11 Kramer 2008, S. 53.

12 Vgl. Ecker 2006, S.215.

13 Vgl. Bracher 2006, S. 17.

14 Vgl. Mihm 2001, S. 114.

15 Vgl. Ecker 2006, S. 215.

16 Vgl. Habermas 1999, S.9.

17 Moser 2008, S.11.

18 Vgl. Moser 2008, S. 11.

19 Vgl. Ecker 2006, S. 221.

20 Vgl. Mihm 2001, S. 100.

21 Vgl. Ecker 2006, S. 222.

22 Vgl. Ecker 2006, S. 225.

23 Vgl. Mosch 1993, S. 22.

24 Vgl. Mihm 2001, S. 8.

25 Vgl. Moser 2008, S. 11.

26 Vgl. Moser 2008, S. 11.

27 Vgl. Bracher 2006, S. 16.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656665205
ISBN (Buch)
9783656665175
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273842
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Schlagworte
reiner gebrauchsgegenstand koffer symbol reise tourismus

Autor

Zurück

Titel: Reiner Gebrauchsgegenstand? Der Koffer als Symbol in Reise und Tourismus