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Aberglaube, Religion und Welterklärung im Zeitalter der Aufklärung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 16 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erläuterung des Begriffs: „Aberglaube“

3. Aberglaube, Religion und ihr Einfluss auf die Welterklärung im Zeitalter der Aufklärung
3.1 Umgang mit dem Aberglauben in der Zeit der Aufklärung..
3.2 Religionskritik durch die Aufklärung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Epoche der Aufklärung war geprägt durch eine geistige und geistliche Besinnung auf Rationalität, Vernunft und Naturwissenschaften. Ihr Ziel war die Verbesserung des Verstandes und damit die Vervollkommnung des Menschen.1 Zu den Grundideen dieser Epoche gehörten ebenfalls und nahezu zwangsläufig, die Bekämpfung von Vorurteilen, geistiger Unmündigkeit, der Furcht vor dem Unerklärlichen und nicht zuletzt der Kampf gegen den Aberglauben.2 Auch war ein rationaler und vernunftorientierter Umgang mit dem Glauben und der Religion Ziel der Aufklärer.

Diese Arbeit wird sich mit eben diesen Themengebieten, dem Aberglauben und der Religion und ihren Einflüssen auf die Welterklärung der Menschen zur Zeit der Aufklärung, befassen. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Frage, ob die deutschen Aufklärer mit ihrem Drang alles Unerklärliche logisch zu ergründen und absolut rational und vernünftig zu behandeln, den Glauben und damit die Religion ebenfalls als eine Art des Aberglauben verstanden haben und sie versuchen wollten, sie mit Logik und Naturwissenschaften zu erklären, beziehungsweise zu durchschauen oder ob sie die Religion möglicherweise sogar komplett ablehnten und bekämpften. Um den Einstieg in das Thema zu erleichtern, werden der eigentlichen Arbeit mehrere Definitionen des Begriffes Aberglauben vorausgehen. Der darauf folgende Hauptteil beinhaltet eine Darstellung des Umgangs mit dem Aberglauben sowie der Religionskritik durch die Aufklärung. Der letzte Teil der Arbeit wird ein Fazit aus den vorangegangenen Abschnitten ziehen und versuchen, die Fragestellung zufrieden stellend zu beantworten.

Die Literaturlage für die Zeit der Aufklärung ist breit gefächert und interdisziplinär. Da diese Epoche nicht nur für Historiker und Volkskundler von großem Interesse ist, sondern ebenfalls für Theologen und Politologen, gibt es eine Vielzahl an Fachliteratur aus verschiedenen Bereichen. Diese Arbeit stützt sich hauptsächlich auf das Werk von Martin Pott, „Aufklärung und Aberglaube“3, die gleichnamige Veröffentlichung von Hermann Bausinger4 und das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens.5 Zusammen mit weiteren Texten werden sie einen Blick auf die Vielschichtigkeit des Themas geben und einen Einblick in die aktuelle Forschungslage erlauben.

2. Erläuterung des Begriffs: „Aberglaube“

Unter dem Begriff des Aberglaubens versteht man jenen Glauben, der hinter und in den Dingen verborgene, rational nicht begründbare, anonyme oder personifizierte Kräfte vermutet, die zum Zwecke der Zauberei oder des Wahrsagens aktiviert werden können.6

Der Aberglaube, der auch als Missglaube bezeichnet wird, stellt unter anderem eine Restform des Heidentums dar, welches aus den Relikten untergegangener religiöser Welten sowie der Mythenwelt und Zeichendeutung alter Religionen besteht.7 Schon seit dem Altertum wurden manche Ereignisse als Vorzeichen verstanden und gedeutet, wie etwa der Vogelflug, oder das Fließen des Blutes nach einer rituellen Tieropferung.8 Viele Überbleibsel9 dieser alten Praktiken haben sich seit dem Altertum gehalten und fließen auch heutzutage noch, oftmals unbewusst, in Volksbräuche ein.10

Innerhalb des Aberglaubens muss differenziert werden, so teilt er sich in die Bereiche des defensiven Aberglaubens, der Schutz und Abwehrhandlungen beinhaltet sowie dem offensiven Aberglauben, der Flüche und zauberische Handlungen, Heilzauber und ähnliches praktiziert.11 Ein dritter Teil umspannt den „expetitiven“ Aberglauben, der sich mit Wahrsagerei, Zeichen- und Zukunftsdeutung beschäftigt.12 Neben vielem anderen ist eine weitere Unterart des Aberglaubens die „Volksmedizin“. Sie umfasst die Nutzung einer Unzahl an Heilungsmitteln und Methoden, angefangen beim Besprechen von Warzen bis zum Nutzen von verschiedenen Gebräuen und Tinkturen.13 Auch die Anwendung oder Befolgung von Bauern- und Wetterregeln fällt in den Bereich des Aberglaubens.14 Eine Zugehörigkeit sagt jedoch nicht automatisch etwas über die Wirksamkeit oder den Wahrheitsgehalt des Brauches aus. Oft steckt, wie zum Beispiel im Falle mancher Bauernregeln, ein wahrer wirksamer Kern in einem Brauch, der durchaus einen reellen praktischen Nutzen hat und der sich durch Erfahrungen bewährt hatte.15

Der Begriff des Aberglaubens wurde seit dem Mittelalter mit der Bedeutung des lateinischen Begriffs „Superstitio“16 gleichgesetzt, der für alle, von der christlichen Glaubenslehre abweichenden Glaubensformen und Inhalte gebraucht wurde und somit eine Sündenbelastung deutlich machen sollte.

Die Philosophen der Aufklärung begreifen den Aberglauben, in ihrem Versuch die Welt zu erklären nicht mehr als ein Zeichen der Sünde, wie im Mittelalter, sondern als Ausdruck eines noch unfreien, unmündigen und in überkommenen Vorurteilen verstrickten Bewusstseins.17

Ein Problem bei der Definition des Aberglaubens ergab sich aus der Differenzierung zum Glauben im religiösen Sinn. Beiden war die Überzeugung und Verinnerlichung von verstandesmäßig nicht wahrnehmbaren und nachvollziehbaren Dingen gemein sowie die Tatsache, dass sich beide einer restlosen rationalen Auflösung entzogen.18 Der erste Unterschied lag darin, dass bei der Ausübung beziehungsweise Auslebung des Aberglaubens das Glück, das materielle Wohl des Menschen, beziehungsweise das Unglück des Widersachers oft weit im Vordergrund standen19 und der Dank und die Verehrung nicht dem alleinigen Gott, sondern einer anderen helfenden Macht oder einem teuflischen Wesen zukam.20 Aberglaube ist der Glaube an die Wirkung und Wahrnehmung naturgesetzlich unerklärter Kräfte, welche nicht in der Religionslehre selbst begründet sind.21 Im Kontrast dazu muss die Religion die gläubige Hingabe des Menschen an eine alliebige, seine Geschicke leitende Macht, an einen Gott, sein.22 Die Moral der praktizierenden Tat entschied somit faktisch darüber ob es sich um das Praktizieren des Aberglaubens oder um Religionsausübung handelte.23 Im Verlauf der Aufklärungszeit wurde die Bedeutung weiter ergänzt. Bald wurde der Aberglaube nicht nur als Sinnbild der Verehrung einer teuflischen Gottheit angesehen, sondern beinhaltete auch längst überholten, altmodischen Glauben, der zwar als eher ungefährlich eingestuft wurde, jedoch als sozial und wirtschaftlich hinderlich galt.24 Bereits durch diese vorgenommene Differenzierung lässt sich erkennen, dass die Aufklärer Aberglauben und Glauben nicht vermischt haben, sondern klare Unterschiede deutlich machten, um eine Trennlinie zu ziehen.

3. Aberglaube, Religion und ihr Einfluss auf die Welterklärung im Zeitalter der Aufklärung

Die Epoche der Aufklärung wird oft als Beginn und vor allem als Grundlage der modernen Periode der europäischen Kultur und Geschichte angesehen.25 Sie darf keineswegs nur als reine wissenschaftliche Bewegung gesehen werden, sondern war eher eine Gesamtumwälzung der Kultur in allen Lebensbereichen.26 Sie war des Weiteren, eine Art kollektiver bewusstseinsverändernder Prozess, der relevant für die gesamte Bevölkerung war.27 Die Bewegung und ihre Anhänger hatten eine klare pädagogische Absicht und ihr Ziel war die konsequente Aufklärung aller Schichten.28 Die Aufklärer sahen sich selbst auch als eine Art Kampfgemeinschaft, die ihre Geschlossenheit durch klar bestimmte Feindbilder gewann, die es zu bezwingen galt.29 Zu diesen Feindbildern gehörten unter anderem die Vorurteile und der Aberglauben. Die Befreiung von Vorurteilen wurde bereits von Immanuel Kant gefordert. Die Bekämpfung des Aberglaubens, welche den Menschen in Blindheit versetzte sowie die Unterwerfung des alltäglichen und religiösen Lebens unter die Grundsätze von Vernunft und Rationalität waren ebenfalls Kampfideen zur Beseitigung der Feindbilder.30 Hier wird deutlich, das wieder zwischen Aberglauben und Glauben differenziert wurde und für beide Bereiche unterschiedliche Zielsetzungen und Herangehensweisen angestrebt wurden.

Durch die fortschreitende Verbreitung der Lesefähigkeit, der Alphabetisierung, dem langsamen Wechsel vom lateinischem zum deutschen Sprachgebrauch in deutschen Schulen, Kirchen und Universitäten in Verbindung mit der Verbreitung von Zeitschriften und Volksbüchlein, war es nun möglich nahezu der gesamten Bevölkerung, auf dem Land und in der Stadt, Wissen zu vermitteln. Dies nutzten die Aufklärer um ihre Lehren von der Vernunft zu verbreiten und die Ungebildeten von der Unsinnigkeit ihres festgefahrenen Denkens und Tuns zu überzeugen.31 Die Aufklärung hatte somit einen akademisch-gelehrsamen Charakter. Sie sollte zu einer Revolution der Denkungsart bei der gesamten Bevölkerung führen.32 Sie sollte die Menschen dazu anregen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen33 und sie aus ihrer „Unklugkeit“ und ihrem schlechten, unvernünftigen Lebenswandel herauslösen.34

Zwei der zentralen Diskurse der Aufklärung waren, wie schon erwähnt, der Umgang mit dem Aberglauben und der Religion, diese Punkte werden in den folgenden Abschnitten der Arbeit nun näher betrachtet.

[...]


1 Vgl. Pott 1992, S. 2.

2 Vgl. Pott 1992, S. 2.

3 Martin Pott (1992): Aufklärung und Aberglauben. Die deutsche Frühaufklärung im Spiegel der Aberglaubenskritik (Studien zur deutschen Literatur, 119), Tübingen.

4 Herrmann Bausinger (1963): Aufklärung und Aberglauben. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 37: S. 345-362.

5 Hoffman-Krayer, Eduard (Hg.) (1927): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Berlin.

6 Vgl. Harmening 2009, S. 21.

7 Zitat von Jacob Grimm, 1844. (Vgl. Harmening 2009, S. 7.)

8 Vgl. Kaiser 1935, S. 34.

9 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Band 1, S. 66.

10 Vgl. Kaiser 1935, S. 34.

11 Vgl. Harmening 2009, S. 11.

12 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Vorwort, S. 12f.

13 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Band 1, S. 70.

14 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Band 1, S. 70.

15 Vgl. Bausinger 1963, S. 348.

16 Vgl. Pott 1992, S. 10.

17 Vgl. Harmening 2009, S. 22.

18 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Vorwort, S. 56.

19 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Band 1, S. 72.

20 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Vorwort, S. 49.

21 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Band 1, S. 67.

22 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Band 1, S. 67.

23 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Vorwort, S. 49.

24 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Vorwort, S. 54.

25 Vgl. Reinalter 2008, S. 19.

26 Vgl. Reinalter 2008, S. 19.

27 Vgl. Reinalter 2008, S. 18.

28 Vgl. Bausinger 1963, S. 354.

29 Vgl. Pott 1992, S. 2.

30 Vgl. Pott 1992, S. 3.

31 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Vorwort, S. 53.

32 Vgl. Pott 1992, S. 1.

33 Zitat von Immanuel Kant 1784.

34 Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927, Band 1, S. 66.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656665274
ISBN (Buch)
9783656665236
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273845
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Schlagworte
aberglaube religion welterklärung zeitalter aufklärung

Autor

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Titel: Aberglaube, Religion und Welterklärung im Zeitalter der Aufklärung