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Katerí Tekakwitha. Die erste selige Indianerin in Nordamerika

Fachbuch 2014 72 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Vorwort

Die „Lilie der Móhawk“

Nur 24 Jahre alt wurde die Indianerin Katerí Tekakwitha (1656–1680), die „Lilie der Móhawk“. In ihrem kurzen Leben litt die tugendhafte junge Frau vom wildesten und grausamsten Stamm der Irokesen unter schweren Krankheiten, vielen Anfeindungen heidnischer Zeitgenossen sowie selbst auferlegten schmerzhaften Bußen. Nach ihrem frühen Tod geschahen Wunder, Gebetserhörungen und Heilungen. 1980 sprach man sie selig und 2012 heilig. Das Leben dieser ungewöhnlichen Frau wird in dem Taschenbuch „Katerí Tekakwitha. Die erste selige Indianerin in Nordamerika“ des Wiesbadener Autors Ernst Probst geschildert. Aus seiner Feder stammen die Taschenbücher „Malinche. Die Gefährtin des spanischen Eroberers“, „Pocahontas. Die Indianer-Prinzessin aus Virginia“, „Cockacoeske. Die „Königin der Pamunkey“, „Katerí Tekakwitha. Die erste selige Indianerin in Nordamerika“, „Sacajawea. Die indianische Volksheldin“, „Mohongo. Die Indianerin, die in Europa tanzte“, „Lozen. Die tapfere Kriegerin der Apachen“, „Sieben berühmte Indianerinnen“ und „Superfrauen aus dem Wilden Westen“.

Katerí Tekakwitha

Die erste selige Indianerin in Nordamerika

Als erste nordamerikanische Indianerin, die selig gesprochen wurde, ging Katharina Tekakwitha (1656–1680), eigentlich Katerí Tekakwitha, in die Geschichte der katholischen Kirche ein. Die tugendhafte junge Frau vom wildesten und grausamsten Stamm der Irokesen, den Móhawk, ließ sich nicht von ihrem christlichen Glauben abbringen. Nach ihrem frühen Tod nannte man sie die „Lilie der Móhawk“.

Katerí Tekakwitha kam im April 1656 als erstes Kind des Kriegshäuptlings Tsonitówa („Großer Biber“) und dessen Frau Kahónta („Wiese“) in der Siedlung Ossernénon – heute Auriesville im US-Bundesstaat New York (USA) – zur Welt. Der jetzige Ortsname Auriesville beruht auf dem letzten Mohawk namens Auries, der dort gelebt hatte.

Dort, wo einst das alte Ossernénon lag, befindet sich heute eine große Wallfahrtskirche zu Ehren der drei 1930 heilig gesprochenen Männer, die einst an diesem Ort von den Móhawk grausam gefoltert, als Sklaven gehalten und ermordet wurden: René Goupil (1608–1642), Isaak Jogues (1607–1646) und Jean de La Lande (1620–1646).

René Goupil wurde am 29. September 1642 in Ossernénon mit Tomahawkschlägen auf den Kopf getötet, weil er einigen Kindern der Móhawk das Kreuzzeichen auf die Stirn gemacht hatte. Er war am 3. August 1642 auf zwölf Kanus mit einer 40-köpfigen Reisegruppe von Québec zur Missionsstation Sainte-Marie-des-Hurons unterwegs gewesen und dabei von etwa 70 Móhawk überfallen worden. Einem Teil der Reisenden, darunter Húronen-Indianer, gelang die Flucht, andere verloren ihr Leben und 22 Personen gerieten in Gefangenschaft. Zu den Gefangenen gehörte der Huronen-Krieger Ahatsitari, der erst wenige Monate zuvor getauft worden war, der Chirurg René Goupil und der Missionar Isaak Jogues. Die Gefangenen wurden in drei Dörfern der Móhawk mit Ruten und Keulen geschlagen, man renkte ihnen die Hände aus, riss Fingernägel aus, hackte ihnen Finger ab und fügte ihnen mit brennenden Fackeln Brandwunden zu. Indianer-kinder bewarfen die an Armen und Beinen gefesselten Gefangenen mit glühenden Holzstücken. Der Krieger Ahatsitari und zwei weitere Húronen starben einen langsamen und qualvollen Feuertod. Die am Leben gelassenen Gefangenen fristeten in Ossernénon ein trauriges Sklavendasein. Während der Gefangenschaft bei den Móhawk wurde der Chirurg Goupil vom Missionar Jogues in den Jesuitenorden aufgenommen. Nach dem Tod von Goupil hat man Jogues als Sklaven schuften lassen und drangsaliert. Erst nach 13-monatiger Sklaverei gelang holländischen Kalvinisten im rund 40 Meilen von Ossernénon entfernten „Fort Orange“ die Befreiung von Jogues, dem damals das furchtbare Los drohte, langsam zu Tode verbrannt zu werden. Kommandant Arent van Corlaer (1619–1667) bewog Jogues, der von Móhawk mit ins Fort gebracht worden war, zur Flucht und half ihm dabei.

Trotz seiner leidvollen Erfahrungen reiste Jogues im Mai 1646 nach Ossernénon, um einen Friedensvertrag zwischen den Franzosen und den Móhawk, deren Sprache er gut beherrschte, auszuhandeln. Er kam am 5. Juni 1646 dort an, reiste am 16. Juni wieder ab und erreichte am 3. Juli wieder Québec. Im September 1646 reiste Jogues erneut nach Ossernénon, um weitere Details des Friedensvertrages zu regeln. Bevor er aufbrach, ahnte er seinen Tod und schrieb in einem Brief an einen Mitbruder, er werde wohl von dieser Mission nicht mehr zurückkehren. Auf dem Weg nach Osser-nénon wurde Jogues von einigen Húronen und dem Förster Jean de La Lande begleitet. Unterwegs begegneten sie Irokesen, von denen sie hörten, ihr Stamm sei wieder auf Kriegspfad und wolle die Franzosen angreifen. Zudem machte man die Zauberkünste von Jogues für eine verheerende Missernte und eine tod-bringende Epidemie verantwortlich. Man betrachtete ihn wegen geistlicher Gewänder und Altargeschirr, das er bei einem früheren Besuch in einem Koffer zurück-gelassen hatte, als Hexenmeister. Nach diesen bedrohlichen Informationen verließen die begleitenden Hú-ronen mit einer Ausnahme Jogues und La Lande. Am 17. Oktober 1646 betrat Jogues mitsamt Begleitern wieder Ossernénon. Man überfiel Jogues sofort, nahm ihn gefangen, schlug ihn mit Fäusten und Knüppeln, schnitt ihm mit Messern Fleisch von Armen und vom Rücken, um zu sehen ob es von einem Zauberer stamme. Am nächsten Tag wurde Jogues mit einem Tomahawk erschlagen. Nach einem Fluchtversuch am Folgetag erlitt La Lande dasselbe traurige Schicksal. Die Köpfe der beiden Weißen steckte man auf Palisaden. Ihre Körper warf man in den Fluss. Erst im Juni 1647 wurde der Tod von Jogues und La Lande in Québec be-kannt.

Ein Jahrzehnt nach dem Märtyrertod von Isaak Jogues und Jean La Lande kam in Ossernénon ein Mädchen zur Welt, das ganz und gar nicht seinen grausamen Stammesgenossen glich. Der Vater war ein heidnischer Móhawk, die Mutter eine christliche Algónkin. Weil das Mädchen geboren wurde, als die Sonne aufging, erhielt es den Kosenamen „Jorágode“ („Sonnenschein“). Das Wort Móhawk soll „Menschenfresser“ oder „Sie essen lebendes Fleisch“ bedeuten. Ihnen wird nachgesagt, das Fleisch getöteter Feinde verzehrt zu haben. Die Móhawk selbst nannten sich allerdings Kanien’kehá:ka“ („Leute vom Land des Feuersteins“).

Bei den Irokesen, die sich selbst als Haudenosaunee („Leute des Langhauses“ bezeichneten, gab die Mutter jeweils gleich nach der Geburt ihrem Kind einen Kosenamen. Dieser wurde bis zum siebten oder achten Lebensjahr beibehalten und dann durch einen perä-sönlichen Namen ersetzt, den Mädchen gewöhnlich bis zum Tod trugen. Jungen dagegen wechselten den Namen erneut, wenn sie mit 17 oder 18 Jahren in den Krie-gerstand traten.

Die Mutter von Jorágode gehörte einem Stamm der Algónkin an. Sie hatte mit ihren Eltern in einer Siedlung am Sankt-Lorenz-Strom in Kanada gewohnt. In früher Jugend wurde sie zur Waise und danach von einer französischen Familie in Trois-Rivières (Neufrankreich) katholisch erzogen. Um 1653 geriet die etwa Zwölf-jährige bei einem Überfall in die Gewalt der Móhawk. Fortan arbeitete sie als Sklavin im Haushalt des Kriegers, der sie gefangen genommen hatte. Im Alter von 19 Jahren wurde sie die Frau des jungen Häuptlings Tsónitowa. Ihren christlichen Glauben konnte sie nur heimlich praktizieren, weil die Móhawk die Franzosen und ihre katholischen Missionare hassten.

1658 schenkte die Mutter der etwa zweijährigen Jorágode einem Jungen das Leben. Das Mädchen fand seinen jüngeren Bruder nach seiner Geburt „süß“. Deswegen bekam der Junge den Kosenamen „Otsikéta“ („Zucker“).

1660 starben die Mutter, der Vater und der Bruder von Járagode an Pocken. Die Pocken grassierten oft unter den Indianern und rafften manchmal bis zu 90 Prozent der Stammesangehörigen hinweg. Auch die etwa vierjährige Járagode litt an dieser Krankheit, wurde jedoch von Anastasia Tegonhadsihóngo, einer christlichen Freundin ihrer Mutter, gesund gepflegt. Danach trug das Gesicht der Kleinen zahlreiche Pockennarben. Außerdem wurde sie stark kurzsichtig und so empfindlich gegen helles Sonnenlicht, dass sie im Freien ihr Kopftuch über die Stirn zog, um die Augen zu beschatten.

Nach dem Tod ihrer Eltern lebte Jarágode bei ihrem Onkel, dem Krieger Jowanéro („Kalter Wind“), der Karitha („Köchin“), die Schwester ihres Vaters, geheiratet hatte. Jowanéro, auch Atasàta oder Kryn genannt, wurde neuer Kriegshäuptling der Schildkrötensippe („Turtle Clan“) der Móhawk und zog mit seiner Frau, seiner verwitweten Schwester Aróson („Eichhörnchen“) und dem zwölfjährigen Waisenkind „Onída“ („Mond“) in Tsonitówas Langhaus.

Einige Monate nach dem Ende der Pockenepidemie verließen die Móhawk im Spätsommer 1660 Ossernénon. Derartige Umzüge erfolgten bei den Irokesen oft und meistens nach Missernten, Überschwemmungen oder Krankheiten. Etwa eine halbe Meile von Osser-nénon entfernt lag jenseits eines Baches, den die Weißen als Auries bezeichneten, ein Hügel, der oben flach war und dessen nördliche Flanke steil zum Móhawk-Fluss abfiel. Holländer von Oranje hatten den Móhawk empfohlen auf einen benachbarten Hügel umzuziehen, wo frische Luft und ständiger Westwind eine Epidemie nicht so leicht entstehen ließen. Die neue Siedlung trug den Namen Gandaouagué (auch Gandawagué oder Ganawage genannt), zu deutsch „An den Wasserwirbeln“, wie der Hügel, auf dem sie sich befand. Der Móhawk-Fluss brauste an dieser Stelle über Felsblöcke, die seinen Lauf einengten.

Im neuen Langhaus von Gandaouagué streckte die halb blinde Jarágode oft die Arme vor, um nicht anzustoßen, und tastete sich voran. Deswegen nannte ihr Stiefvater sie scherzhaft „Te ka kwithwa“. Zu Deutsch heißt dies etwa „Die gegen Dinge stößt“ oder „Die mit der Hand voraus geht“. Nach ihrem siebten Geburtstag wurde Tekakwitha ihr endgültiger Name. Fortan übernahm sie immer mehr Arbeiten im Haushalt. Sie sammelte Brennholz, holte frisches Wasser von der Quelle, sammelte Beeren und Pilze, lernte kochen, flechten, weben und nähen.

Im September 1664 verloren die Holländer ihre Kolonie Neu-Niederlande in Nordamerika an die Engländer. Jakob Herzog von York und Albany (1633–1701) sowie Bruder des englischen Königs Karl II. (1630–1685), hatte eine Flotte von Kriegsschiffen in die „Neue Welt“ geschickt, um die Kolonie Neu-Niederlande zu erobern. Der holländische Statthalter ergab sich, ohne Widerstand zu leisten. Denn seine Untertanen – friedliebende Bauern, Handwerker und Händler – waren nicht bereit, gegen die Eindringlinge einen Krieg zu führen. Die Kolonie Neu-Niederlande wurde dem Herzog von York und Albany zugesprochen. Nach ihm hat man die bisherige Hauptstadt Neu-Amsterdam als New York sowie die kleine Stadt und das Fort von Oranje am Hudson River als Albany bezeichnet. Für die Móhawk änderte sich nicht viel. Sie tauschten weiterhin mit den Holländern in Albany ihre Biberfelle gegen Schnaps, andere Waren und Feuerwaffen. Mit den Holländern und Engländern pflegten die Móhawk gute Beziehungen. Dagegen hassten sie die Weißen („Onserónni“) in Kanada sowie die Húronen und Algónkin-Indianer und unternahmen immer wieder Kriegszüge an den Sankt-Lorenz-Strom. Dabei töteten sie, nahmen Gefangene, die sie folterten, ermordeten oder als Sklaven hielten.

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Details

Seiten
72
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656658085
ISBN (Buch)
9783656658078
Dateigröße
6.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273910
Note
Schlagworte
Katerí Tekakwitha Katharina Tekakwitha Indianerinnen Heilige Selige Frauenbiografien Ernst Probst

Autor

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Titel: Katerí Tekakwitha. Die erste selige Indianerin in Nordamerika