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Freiwillige "Brain Drain"-Steuer

Probleme und Chancen einer Besteuerung ausgewanderter Fachkräfte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 26 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Motivation und Aufbau der Arbeit

2. Problematik des Brain Drain
2.1 Definition und Ursachen des Brain Drain
2.2 Erklärung des Brain Drain anhand empirischer Daten

3. Effizienz und Implementierbarkeit einer freiwilligen Brain Drain-Steuer
3.1 Einführung
3.2 Modellannahmen
3.3 Modell einer optimalen Brain Drain-Steuer

4. Eine differenzierte Brain Drain-Steuer

5. Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Migration of University Graduates

Quelle : OECD, Policy Coherence for Development : Migration and Developing Countries, Paris, Organization for Economic Co-operation and Development (OECD), 2007.

Abbildung 2: Mittel- und Südamerikanischer Brain Drain

Quelle: OECD Development Centre calculations based on data from Barro and Lee (2000) and OECD database on Immigrants in OECD countries, 2008.

Abbildung 3: Afrikanischer Brain Drain

Quelle: Eigene grafische Aufbereitung anhand der Daten des WDI und GDF, World Bank Report 2010.

1. Motivation und Aufbau der Arbeit

Ein weltweit zusammenwachsender Arbeitsmarkt, etwa durch das schnellere Überwinden geografischer Entfernungen und den Abbau nationalstaatlicher und ideologischer Barrieren, ermöglichte insbesondere hochqualifizierten Ar- beitskräften in den letzten Jahrzehnten vermehrt eine Berufstätigkeit im Aus- land. Vor allem Fachkräfte aus Entwicklungsländern sind oftmals abwande- rungswillig, da ihnen in Industrieländern aufgrund einer höheren Technologi- sierung bessere Gehälter und somit ein attraktiverer Lebensstandard geboten wird. Dadurch erleiden die Heimatländer dieser Emigranten einen enormen Verlust an Humankapital, dem sogenannten Brain Drain. Um diese Heimatlän- der zu entlasten, gibt es Überlegungen unterschiedlicher Art, den Brain Drain zu besteuern.

In dieser Seminararbeit greife ich das Thema der Brain Drain-Besteuerung auf, erweitere es jedoch um die wichtige Annahme, dass die Emigranten selbst ent- scheiden dürfen, ob sie diese pauschale Steuer (sog. Brain Drain-Steuer) zahlen wollen, welche ihnen im Falle ihrer späteren Rückkehr ins Heimatland eine dauerhafte Steuerermäßigung ermöglicht. Dazu werde ich in Kapital 2 die Notwendigkeit eines steuerlichen Eingriffes anhand empirischer Daten zum weltweiten Brain Drain erläutern und in Kapitel 3 mit dem Modell „A Volunta- ry Brain-Drain Tax“1 von Wilson eine mögliche Lösung der Problematik ma- thematisch herleiten.

2. Brain Drain

2.1. Definition und Ursache des Brain Drain

In dem Bericht der British Royal Society wurde 1962 erstmalig der Begriff des „Brain Drain“ offiziell erwähnt, welcher damals die Auswanderung britischer Ingenieure und Wissenschaftler von Großbritannien in die Vereinigten Staaten bezeichnete.2 Vor allem die Veröffentlichung des Bhagwati-Aufsatzes „Taxing the brain drain“ aus dem Jahre 1972 manifestierte die Migrationsproblematik und den dazugehörenden Begriff in der soziologischen und wirtschaftswissenschaftlichen Fachliteratur.3 Umstritten war vor allem die Idee Bhagwatis, den Brain Drain in Entwicklungsländern zu besteuern, wodurch deren Verluste für den Abfluss von Humankapital kompensiert werden sollten.

Ganz allgemein versteht man heute unter Brain Drain die grenzüberschreitende Migration hochqualifizierter Fachkräfte.4 Diese kann sowohl als Abwanderung aus einem Entwicklungsland, als auch aus einem Industrieland geschehen. In dieser Seminararbeit konzentriere ich mich auf den Brain Drain aus Entwicklungsländern, da diesem Auswanderungsstrom von Fachkräften oftmals nur eine sehr begrenzte Menge an qualifizierten Einwanderern gegenüber steht und deshalb ein größeres Problem darstellt.

Man unterscheidet zwei Arten von Personengruppen innerhalb des Brain Drain. Einerseits handelt es sich um hochqualifizierte Arbeitskräfte, hauptsächlich aus dem Bereich Medizin, Technik und Naturwissenschaften, welche nach ihrem Hochschulstudium ihr Heimatland verlassen, andererseits sind es Studenten, die nach ihrem Auslandsstudium nicht in ihr Heimatland zurückkehren.5

Die Gründe, warum Fachkräfte ihre Heimat verlassen, sind sowohl beruflicher als auch persönlicher Natur: Schlechte Arbeitsbedingungen, geringe Bezahlung und fehlende Karriere- oder Weiterbildungschancen begünstigen die Migrati- onsentscheidung. Vielerorts spielen zudem eingeschränkte Presse-, Meinungs- oder Informationsfreiheit, politische Verfolgung oder die Instabilität der Her- kunftsregion eine Rolle.6

Die Abwanderung hochqualifizierter Kräfte muss für die Herkunftsländer je- doch nicht unbedingt von Nachteil sein. So zeigt u. a. Michel Beine7, dass zwei unterscheidbare Effekte mit dem Brain Drain verbunden sind. Einerseits gibt es den negativen „drain effect“, welcher durch den Abfluss von Fachkräften ent- steht. Andererseits existiert ein „brain effect“, der potentielle Migranten veran- lasst, infolge verbesserter Migrationsaussichten, in ihr Humankapital zu inves- tieren. Dies ist gem. Beine jedoch nur bis zu einem bestimmten Punkt bei der Abwanderung Hochqualifizierter der Fall, über den hinaus die mit dem Brain Drain verbundenen Wachstumseffekte negativ sind.

2.2 Erklärung des Brain Drain anhand empirischer Daten

Wenngleich bereits eine umfangreiche theoretische Literatur zum Thema Brain Drain existiert,8 ist infolge eines Mangels geeigneter und international kompa- tibler Daten eine fundierte empirische Analyse nur sehr schwer möglich.9 Die folgenden Abbildungen und Diagramme sollen dem Betrachter deshalb nur einen Eindruck über das Ausmaß der Migration und des Brain Drain geben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Migration of University Graduates

Quelle : OECD, Policy Coherence for Development : Migration and Developing Countries, Paris, Organization for Economic Co-operation and Development (OECD), 2007.

Wie umfangreich die Migration von Fachkräften weltweit bereits ist, wird an- hand von Abbildung 1 gut ersichtlich. Die Grafik zeigt den prozentualen Anteil der Akademiker eines bestimmten Landes, welche in einem anderen Land als ihrem Heimatland leben. Sie sagt nichts über die entsprechenden Einwande- rungsströme aus, zeigt jedoch sehr anschaulich, welche Nationen vom Brain

Drain besonders betroffen sind. Vor allem weite Teile Afrikas sowie der karibische und zentralamerikanische Raum und Südostasien leiden verhältnismäßig stark unter einem hohen Brain Drain, der die intellektuelle Elite und somit das durchschnittliche Humankapital sinken lässt. In absoluten Zahlen gemessen stellen jedoch große Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien die meisten hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten.10

In der Karibik stellt der Brain Drain ein besonders großes Problem dar. So hatten laut OECD im Jahr 2000 mit Guyana und Jamaika zwei mittelamerikanische Länder kumulierte Abwanderungsraten von über 70 % ihrer Hochschulabsolventen. Weitere Karibiknationen wie Haiti oder Trinidad und Tobago besitzen noch Abflussraten oberhalb von 60 % der gesamten wissenschaftlichen Elite (siehe Abbildung 2). Insbesondere kleinere und wirtschaftlich abhängige Länder verlieren hier viele kluge Köpfe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Mittel- und Südamerikanischer Brain Drain

Quelle: OECD Development Centre calculations based on data from Barro and Lee (2000) and OECD (2008c), database on Immigrants in OECD countries.

Der mit Abstand am stärksten betroffene Kontinent ist jedoch Afrika, wo zehn der 53 afrikanischen Länder eine tertiäre Auswanderungsquote von über 35 Prozent aufweisen11 und der Brain Drain in fast jedem Land über 20 % beträgt. Viele Nationen, wie insbesondere die zentralafrikanische Region, verlieren jedoch einen weit höheren Anteil ihrer Eliten. So lebten im Jahr 2000 bereits 2 von 3 Akademikern Gambias und fast jede zweite ghanaische Fachkraft außerhalb des Heimatlandes (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Afrikanischer Brain Drain

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene grafische Aufbereitung anhand der Daten des WDI und GDF 2010.

Die Migranten der afrikanischen Nationen suchen sich fast ausschließlich eu- ropäische oder nordamerikanische Einwanderungsländer aus, womit dem star- ken Auswanderungsstrom ein nur sehr geringer innerafrikanischer Zuwande- rungsfluss entgegensteht. Viele Wissenschaftler sehen im Brain Drain jedoch einen Nutzen für die Entwicklungsländer, da die Abwanderung vieler Eliten den Technologieaustausch fördert, da viele Auswanderer weiterhin mit ihrer Heimat verbunden bleiben und bei einer späteren Heimkehr auch gleichzeitig modernes Wissen einführen.12

Doch auch Industrienationen wie Großbritannien oder Deutschland sind vom Abfluss Hochqualifizierter betroffen. Hier zeichnet der Brain Drain ein diffe- renzierteres Bild. So leben 14,9 % der britischen Akademiker im Ausland bei gleichzeitig 15,9 % immigrierten Fachkräften.13 Der Brain Drain ist dort, zu- mindest saldiert betrachtet, zu einem Brain Gain geworden. Deutschlandweit kommen auf 11,4 % Immigranten noch 8,9 % akademische Auswanderer, wo- mit der Einwanderungssaldo noch positiv ist. Dieser Überschuss an Fachkräf- ten ist jedoch rückläufig, da in den Jahren 2005-2009 im Mittel die emigrierten Akademiker die Zahl der eingewanderten Fachkräfte überstieg.14

Der Brain Drain in Deutschland zeigt sich vermehrt branchenspezifisch und nicht generell, so leidet Deutschland insbesondere unter dem Abfluss von medizinischen Fachpersonal und Ingenieuren. Auch findet der Brain Drain eher intranational statt, also von Ost- nach Westdeutschland.15

3. Die Effizienz und Implementierbarkeit einer freiwillige Brain Drain-Steuer

3.1 Einführung

Ein Hauptproblem des Vorschlages von Bhagwati, emigrierende Fachkräfte zu besteuern, liegt in der Organisation der Besteuerung, falls die Industrienationen sich bei dieser nicht kooperativ zeigen. Wie soll ein Entwicklungsland seine Abwanderer persönlich besteuern, falls diese im Industrieland untertauchen? Die Lösung könnte in einer Pauschalsteuer liegen, welche Auswanderer frei- willig zahlen und sich hierdurch bei einer späteren Rückkehr ins Heimatland dauerhafte Steuererleichterungen sichern. Sie stellen sich dadurch besser im Vergleich zu Rückkehrern, welche bei ihrer Emigration die Brain Drain-Steuer ablehnten. Die Entscheidung für oder gegen die freiwillige Entrichtung der Brain Drain-Steuer fällt abhängig vom Erwartungswert der Steuererleichte- rung.

In diesem Grundmodell schließt das optimale Steuersystem eine freiwillige Brain Drain-Steuer mit ein, welche die individuelle Migrationsentscheidung des Einzelnen allerdings nicht verzerrt. Ich möchte im Folgenden durch die Beschreibung des Steuermechanismus eine Lösung herleiten, bei welcher die Abwanderungsländer durch den Verlust ihres Humankapitals von den Fachkräften selbst entschädigt werden. Eine solche Besteuerungsart wird daher auch als Kompensationssteuer bezeichnet.

Die Idee für ein Steuermodell auf Kosten der Fachkräfte rührt daher, dass Fachkräfte im Industrieland aufgrund der höheren Grenzerträge auf das einge- setzte Humankapital, abhängig von den speziellen Einwanderungsgrenzen, generell eine höhere Rente abgreifen können. Die Begründung, diese Renten zu besteuern, entspricht dann dem Äquivalenzprinzip16, welches in der Fachliteratur als Grund für eine progressive Steuer angegeben wird.

Die Thematik der Brain Drain-Steuer wurde von Mirrlees noch weiter vertieft, indem er ein nichtlineares Einkommenssteuermodell entwarf, welches Einheimische und Auswanderer besteuert. Er kam letztendlich zu dem Ergebnis, Auswanderer deutlich höher zu besteuern.17 Diese Aussage steht im Gegensatz zur grundlegenden Steuertheorie, welche auch für den ausschließlichen Fall der Effizienzbetrachtung besagt, dass das Faktoreinkommen, welches in einer kleinen offenen Volkswirtschaft zuhause verdient wurde, mit der gleichen Rate wie Steuereinkommen von außerhalb zu besteuern sei.

[...]


1 Vgl. Wilson, A Voluntary Brain-Drain Tax, Journal of Public Economics, 2008.

2 Bhagwati, Wilson, Income taxation and international mobility, 64.

3 Bhagwati, Taxing the brain drain, 1972.

4 Vgl. Bhagwati, Writings on International Economics, 1997, 257ff.

5 Vgl. Nayyar, 1986.

6 Vgl. Sippel, Von Brain Drain zu Brain Circulation, Berlin-Institut für Bevölkerung und und Entwicklung, 2009.

7 Vgl. Beine/Docquier/Rapoport, Brain Drain and LDCs' Growth: Winners and Losers, IZA ..Discussion Paper Nr. 819, 2003.

8 Bhagwati, Hamada, 1974; Borjas 1994; Wilson; Wildasin.

9 Leidel, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 2004.

10 Vgl. Docquier/Rapoport, Skilled Migration : The Perspective of Developing Countries, IZA Discussion Papers Nr. 2873, 2007.

11 Vgl. Marfouk, The African Brain Drain : Scope and Determinants, Working Papers DULBEA Nr. 08-07.RS, 2008.

12 Vgl. Stark/Wang, Inducing Human Capital Formation: Migration as a Substitute for Subsidies, Journal of Public Economics, 2002, Vol. 86, 29-46.

13 OECD 2006, 46ff.

14 Brücker, Deutschland leidet unter einem Brain Drain, Wirtschaftsdienst, 2010, 138-139. 15 Ifo Dresden, 2007.

16 Vgl. Tipke/ Lang, Steuerrecht, 17.Auflage, 2002, S.81f.

17 Vgl. Mirrlees, Migration and optimal income taxes, Journal of Public Economics 18, 1982, g g 319-341.

Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656665465
ISBN (Buch)
9783656665427
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274013
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Wirtschaftstheorie und Finanzwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Braindrain Brain-Drain

Autor

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Titel: Freiwillige "Brain Drain"-Steuer