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Bestimmt und beeinflusst soziale Ungleichheit die Bildungschancen in Deutschland?

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Ungleichheit und Bildungsungleichheit
a. Soziale Ungleichheit und der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildung
b. Bildungsungleichheit und ihre Ursachen

3. Theoretische Grundlage – der Ansatz von Boudon

4. Soziale Ungleichheit als Ursache unterschiedlicher Bildungschancen in Deutschland? - Bezug auf die PISA- Studie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema „Chancengleichheit im Bildungswesen“ ist ein ständig brisantes Thema in der Bildungspolitik der Bundesregierung. Durch die Bildungsreformen sollte Chancengleichheit für Jedermann erzielt werden, ungeachtet seiner sozialen Herkunft, Sprache, Religion und seines Geschlechts (vgl. Becker/Lauterbach (2010): 157). Die Realität sieht jedoch anders aus: Die Bildungsexpansion in den 1950er Jahren führte zwar zu verbesserten Bildungschancen, jedoch nahm gleichzeitig die Bildungsbenachteiligung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Schichten zu. Vor allem betroffen waren Frauen und Kinder der sogenannten Arbeiterschicht. Nach Becker „habe[n] sich lediglich (eine) geringfügige Verschiebung bei den herkunftsbedingten Bildungschancen ergeben“ (Becker/ Lauterbach (2010): 157).

Die Arbeit soll im Allgemeinen einen Überblick über Ursachen der Chancenungleichheit im Bildungswesen anhand der sozialen Herkunft geben. Hierbei wird im Einzelnen auf die Schlagwörter soziale Ungleichheit und Bildungsungleichheit eingegangen und diese in einen soziologisch relevanten Kontext gesetzt. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird dann auf die soziologische Theorie von Boudon zurückgegriffen, um das Vorgehen theoretisch fundieren zu können. Danach wird zur Beantwortung der zentralen Fragestellung:

„soziale Ungleichheit die Ursache unterschiedlicher Bildungschancen in Deutschland?“

die PISA-Studie herangezogen. Diese wird zunächst allgemeinen vorgestellt. Durch das Hervorheben einzelner Ergebnisse wird im Anschluss herausgearbeitet, welche Schlüsse man hieraus bezüglich der sozialen Ungleichheit im Zusammenhang mit Bildungsungleichheit gezogen werden können. Im letzten Kapitel werden die Arbeit rekapituliert und die Ergebnisse zusammengetragen. Des Weiteren werden auch eventuelle Anknüpfungspunkte und eigene Gedanken zur Verbesserung der bildungspolitischen Lage gegeben werden.

2. Soziale Ungleichheit und Bildungsungleichheit

In diesem Abschnitt werden die Begriffe soziale Ungleichheit und Bildungsungleichheit genauer definiert und in Hinblick auf die eingangs gestellte zentrale Fragestellung genauer untersucht.

a. Soziale Ungleichheit und der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildung

Der Begriff der sozialen Ungleichheit entsteht durch ein Ungleichgewicht oder durch Unterschiede zwischen sozialen Positionen, welche Individuen in einer Gesellschaft innehaben. In der Soziologie wird von sozialer Ungleichheit gesprochen, wenn bestimmte Güter, welche für die Gesellschaft als wertvoll oder erstrebenswert gelten, ungleich auf ihre Mitglieder verteilt sind. Der Terminus der sozialen Ungleichheit stützt sich aus soziologischer Sicht auf vier Basisdeterminanten: materieller Wohlstand, Macht, Prestige und Bildung. Hinzu kommen weitere Dimensionen, welche im Diskurs sozialer Ungleichheit durch den gesellschaftlichen Wandel unabdingbar wurden: Arbeitsbedingungen, Wohnbedingungen, Umweltbedingungen und Freizeitbedingungen (vgl. Hradil (2001): 27ff). Des Weiteren lassen sich Determinanten sozialer Ungleichheit anführen. Diese sind „soziale Positionen von Menschen in Beziehungsgeflechte“ (Hradil (2001): 34) und lassen sich durch zwei Merkmale unterscheiden. Determinanten wie das Geschlecht oder das Alter stellen soziale Positionen dar, welche an quasi-biologische Merkmale geknüpft sind. Determinanten wie beispielsweise der Beruf, die ethnische Zugehörigkeit oder die Konfession eines Menschen hingegen beschreiben soziale Positionen beruhend auf individuumsbezogene Unterschieden. Die Funktion der Determinanten sozialer Ungleichheit ist es, eine Gruppe von Individuen mit einem gemeinsamen sozialen Merkmal zu schaffen (vgl. Hradil (2001): 35).

Eines dieser oben genannten Merkmale ist die soziale Herkunft. Der Zusammenhang mit Bildung lässt den Verdacht zu, dass sich soziale Ungleichheit und Chancenungleichheit im Bildungswesen folgern lassen. Nach den Ergebnissen von Jutta Allmendinger (2003) entscheiden sich lediglich 28 Kinder der Arbeiterschicht von 100 Untersuchten für den Weg des Abiturs als Bildungsabschluss und nicht mehr als 6 Kinder entschließen sich zum Gang an eine Universität. Dem Gegenüber stehen 73 Beamtenkinder, welche sich für das Gymnasium als weiterführenden Bildungsweg entscheiden und 49 Kinder, welche ein Studium an einer Universität beginnen. Somit lässt sich folgern, dass die Chance eines Beamtenkindes, einen universitären Abschluss zu erzielen, sieben mal höher ist als die eines Arbeiterkindes (vgl. Allmendinger: 82 f). Ebenso kommt eine Hamburger Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Kindern, deren Väter ihre schulische Laufbahn mit dem Abitur abgeschlossen haben, der Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium häufiger erleichtert wird als Kindern, deren Väter keinen schulischen Abschluss erreicht haben (vgl. Allmendinger: 83 f).

Auch hat die Bildungsexpansion nicht zu einer Verbesserung der Chancen von Kindern der Arbeiterschicht beigetragen. Ihre Chancen stiegen zwar an, jedoch stiegen auch die Chancen der Kinder der höheren Sozialschicht um den gleichen Wert an, womit die beschriebene Situation gerade verlaufen ist und sich keine Veränderung aufzeigen lässt. Im Folgenden soll sich mit dem Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungsungleichheit auseinandergesetzt werden.

b. Bildungsungleichheit und ihre Ursachen

Defintion: Bildung allgemein

Unter dem Schlagwort der Bildungsungleichheit werden „Unterschiede im Bildungsverhalten und in den erzielten Bildungsabschlüssen (beziehungsweise Bildungsgängen) von Kindern, die in unterschiedlichen sozialen Bedingungen und familiären Kontexten aufwachsen“ (Schlicht (2011): 35 aus: Müller und Haun (1994): 3) verstanden. Es wird somit untersucht, wie sich die Unterschiede von sozialen Bedingungen und in der Herkunftsfamilie sowohl auf das Bildungsverhalten als auch auf die erreichten Schulabschlüsse auswirken. Allein diese Definition lässt den Schluss zu, dass „die Abhängigkeit des individuellen Bildungserfolgs von der individuellen sozialen Herkunft [beschrieben] (verdeutlichen)“ (Schlicht (2011): 35). Im Folgenden soll herausgearbeitet werden, inwiefern diese Annahme zutrifft.

Der amerikanische Soziologe Jerry A. Jacobs, welcher sich zwar mehr auf die Bildung von Frauen spezialisierte, jedoch in diesem Zuge auch mit der Bildungsungleichheit befasste, führt in seinem Werk drei Konzepte der Bildungsungleichheit auf. Diese bezieht er auf verschiedene Richtungen des Bildungserfolges: die Ungleichheit im Bildungszugang, die Ungleichheit im Bildungsprozess und die Ungleichheit im Bildungsergebnis (vgl. Schlicht (2011): 36). Lassen sich die Chancen eines Schülers einen höheren Bildungsweg, wie beispielsweise der Besuch des Gymnasiums oder einer Universität oder Hochschule, durch die soziale Herkunft und die sozialen Determinanten der Eltern vorhersagen, so spricht Jacobs von einer Ungleichheit im Bildungszugang. Das zweite Konzept Jacobs, die Ungleichheit im Bildungsprozess, befasst sich mit dem Zusammenhang des Erwerbs von schulischen Kompetenzen und der sozialen Herkunft des Kindes. Kann die Leistung eines Schülers durch seine soziale Herkunft vorhergesagt werden, so besteht eine große Ungleichheit im Bildungsprozess. Um die Ungleichheit im Bildungsergebnis zu definieren, wird untersucht, ob die Berufwahl und somit auch das Einkommen von Schulabgängern mit dem gleichen Notendurchschnitt von der sozialen Herkunft des Schülers abhängen (vgl. Schlicht (2011): 36). Aus dieser Vorstellung der drei Konzepte von Bildungsungleichheit lässt sich folgern, dass die Determinante „sozialer Herkunft“ in der Bildungssoziologie sich hoher Bedeutung erfreut (vgl. Schlicht (2011): 36 aus: Foster et al. (1996); Hurrelmann und Mansel (2000)). Im Folgenden soll nun näher auf Ursachen der Bildungsungleichheit eingegangen werden.

Der französische Soziologe Boudon, auf den im dritten Abschnitt näher eingegangen wird, unterscheidet in seiner Theorie zwischen zwei Ursachen der Bildungsungleichheit: dem primären und dem sekundären Herkunftseffekt. Der primäre Herkunftseffekt beinhaltet den Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der schulischen Leistung eines Kindes und dem daraus resultierenden Bildungserfolg. Es wird gezeigt, dass Kinder, welche höheren Sozialschichten angehören, öfter und besser das vorgegebene Leistungsziel erreichen und als weiterführende Schüle häufiger das Gymnasium wählen als Kinder der Arbeiterschicht. Der sekundäre Herkunftseffekt zeigt den Zusammenhang von sozialer Herkunft und getroffener elterlichen Bildungsentscheidungen hinsichtlich weiterführender Bildungswege auf. Hierbei tragen die Eltern der Kinder die Entscheidungsrolle. Neben den genannten Ursachen nach Boudon können noch weitere Aspekte zur Entstehung der Bildungsungleichheit beitragen. Beispiele hierfür sind das Bildungsniveau der Herkunftsfamilie, das Einkommen der Eltern, schichtspezifische Unterschiede und/oder ein vorhandener Migrationshintergrund.

Das Niveau der Herkunftsfamilie könnte bei der Bildungsungleichheit insoweit eine Rolle spielen, da Kinder das gleiche Bildungsniveau wie ihre Eltern aufweisen. Je niedriger das Bildungsniveau der Herkunftsfamilie, desto weniger Wert wird auf schulische Bildung oder einen hohen Schulabschluss gelegt. Somit könnte sich folgern lassen, dass Kinder aus bildungsniveauschwachen Familien weniger Chancen haben einen hohen Bildungsabschluss zu erreichen und sind somit vermehrt von Bildungsungleichheit betroffen.

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Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656664352
ISBN (Buch)
9783656665014
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274036
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Max-Weber-Institut
Note
1,2
Schlagworte
bestimmt ungleichheit bildungschancen deutschland

Autor

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