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Österreich und das Abendland

Eine lustige alte Geschichte ohne Jahreszahlen

Ausarbeitung 2010 112 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Am Anfang

Römische Kaiserzeit
Germanien
Macht korrumpiert
Gefahr aus Germanien
Drei-Kaiser-Konferenz
Wieder mal Bürgerkrieg
Konstantin der Große
Das Christentum als Staatsreligion
Gründung von Konstantinopel

Ostrom und der Untergang Westroms

Die Merowinger

Karl der Große

Nach Karl dem Großen

Die Ungarn

Die neue Kaiserzeit
Otto I
Die Schlacht am Lechfeld
Die Reichskrone
Heinrich des Zänkers Zänkereifolgen
Theophanu, Otto III. und ein „Was wäre, wenn“
Die völlige Umkehrung des Weltgefüges
Schlechte Neuigkeiten aus dem Osten
Die Schlacht von Manzikert

Deus volt – Gott will es
Der Volkskreuzzug
Die Bewertung der Kreuzzüge
Die Zeit nach dem ersten Kreuzzug

Der zweite Kreuzzug und seine Folgen
Privilegium Minus
Die Lage in Frankreich und England

Kaiser Barbarossa und der dritte Kreuzzug
Schlacht bei Hattin und ihre Folgen
Der dritte Kreuzzug
Die Heimreise des Richard Löwenherz

Höhepunkt und Untergang der Staufer
Die Katastrophe des Ostens, der Aufstieg Venedigs
Das Erstaunen der Welt – Friedrich II
Die Schlacht bei Bouvines
Die Einlösung der Versprechen Friedrichs II
Der fünfte Kreuzzug
Staufisches Abendrot
Die letzten Babenberger und ihre Zeit
Georgenberger Handfeste
Leopold VI. der Glorreiche
Der Mongolensturm
Friedrich II. der Streitbare
Ottokar II. Přemysl

Der erste Habsburger – endlich!
König Ottokars endendes Glück und daraus folgendes Ende
Schlacht bei Dürnkrut

Abzug aus dem Heiligen Land
Alle Jahre wieder kommt das Christenheer
Das Schicksal des Templerordens
Die Ostorientierung des Deutschen Ordens

Der Rückschlag der Welt – die Pest

Die Habsburger kommen wieder – und bleiben
Rudolf der Stifter
Kärnten und Tirol werden habsburgerisch
Später Sieg der Kaiser über die Päpste

Die Osmanen
Serbien und das Amselfeld
Einnahme Konstantinopels
Die christliche Walachei als grausamer Kontrapart

Friedrich III. – Habsburgs Herrlichkeit beginnt

Nachwort

Vorwort

Es war immer schon ein Hobby meinerseits, einerseits geschichtliche Themen wie ein Staubsauger aufzusaugen und sie andererseits unter möglichst vielen Menschen zu verteilen – gleichwohl sie sie hören wollten oder nicht.

Ich betrachte es augenzwinkernd als evangelistische Aufgabe, Geschichte salonfähig zu machen und die Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Geschichtslehrer, die nur Jahreszahlen abprüften, eher Turnlehrer hätten werden sollen.

Geschichte ist lebendig, spannend und man kann aus ihr einiges für die Gegenwart und Zukunft ableiten.

Jahreszahlen bieten nichts davon.

Erst wenn man tiefer in der Geschichte bohrt, bieten sie Anhaltspunkte für zeitliche Gegenüberstellungen – für Geschichtsanfänger in der Schule dienen sie nur faulen Lehrern der einfacheren Prüfung.

Abgeleitet vom theoretischen Wissen fuhr ich auch mit haufenweise „Jüngern meines Evangeliums“ auf Reisen, um die Geschichte vor Ort auch zu sehen und zu spüren – und dort klugscheißend den Reiseführer zu spielen!

Nie werde ich vergessen, wie auf einer dieser Reisen eines meiner Opfer – Alexander Loicht – im Ägyptischen Museum in Kairo den Sarkophag von Ramses II. entdeckte. Nicht, weil er die arabische Beschriftung (eine andere gab es nicht), sondern die ägyptischen Hieroglyphen lesen konnte.

Mario Kuttnig war eines meiner Hauptopfer, das ich für Geschichte begeistern konnte. Er las sich ebenfalls in Gebiete ein, wodurch sich extrem interessante Gespräche und auch Reisen herausbildeten.

Er war es auch dann, der mich 2010 dazu brachte, dieses Buch zu schreiben.

Mario, ohne dich hätte ich das Buch nicht begonnen und ohne deine intensive Mitarbeit auch nie zu Ende gebracht.

Danke!

Dir sei deshalb das Buch gewidmet.

Danke auch an meinen Bruder Rainer Marek, durch dessen Input u.a. der Titel des Buches zu Stande kam.

Thomas Marek

Einleitung

Wie im späteren Mittelalter jedermann von Bildung – also niemandem – bekannt, war das Erzherzogtum Österreich bereits durch Julius Caesar und Nero mit besonderen Rechten ausgestattet worden, um seinen Vorrang vor anderen Herzogtümern zu betonen.

Daher war es auch kein Herzogtum, sondern ein Erzherzogtum. Niedergeschrieben wurde dies und weitere Fakten im Privilegium Maius, das zwar vom nichthabsburgerischen Kaiser Karl IV. als Werk eines Esels klassifiziert, aber von den nachfolgenden Habsburgern anerkannt wurde.

Das Dokument wurde erst vor 150 Jahren tatsächlich als Fälschung identifiziert.

Österreichs Geschichte baut damit zu einem Großteil auf einer Lüge auf. Das ist aber nichts Besonderes, denn z. B. die weltliche Macht der römisch-katholischen Kirche – also der Kirchenstaat, von dem heute nur der Vatikan übrig ist – macht dies ebenfalls[1]. Und was soll man von einer englischen Nation halten, deren berühmteste Könige Französisch sprachen und sich kaum in England aufhielten?

Österreichs Geschichte kann – wie die Geschichte jedes Landes – unmöglich ohne sein Umfeld verstanden werden. Und dieses Umfeld geht im österreichischen Fall vom heutigen Portugal bis ins Heilige Land, von Schweden bis Sizilien und startet in Bayern, das damals Baiern hieß.

Dieses Buch versucht, die Geschichte Österreichs im europäischen Kontext auf eine lockere Art und Weise näherzubringen.

Nachdem es über jedes Kapitel dieses Buches Tonnen von Büchern gibt, ist eine Vollständigkeit wohl nicht ganz zu erreichen, das Ziel des Buches ist es aber, den werten bisher an Geschichte nur wenig interessierten Leser jene näherzubringen und den geschätzten an Geschichte interessierten Leser mit den einen oder anderen Anekdote zu versorgen.

Ganz bewusst wurde auf die Angabe jeglicher Jahreszahlen verzichtet, die Chronologie der Ereignisse ist einfach viel bedeutender als die einzelne Jahreszahl.

Am Anfang …

Klarerweise waren die Ureinwohner Österreichs Neandertaler, aber die haben sich für ein Staatsgebiet noch nicht so recht interessiert (eher für eine Rehkeule).

Auch der berühmteste alte Österreicher, der Herr Ötzi, sah sich wohl kaum als solcher. Aber immerhin gehörte er Menschen an, aus denen später die Kelten hervorgingen.

Und die sind definitiv Österreichs Ureinwohner.

Die Hallstätter Kultur (abgeleitet vom Hallstätter See) beispielsweise vermischte sich mit Kelten und wurde so eine keltische Kultur. Ganz Gallien – also das heutige Frankreich - war keltisch. Die Kelten waren von England bis Griechenland und sogar bis in die heutige Türkei verbreitet und gefürchtet[2].

Allerdings, nur weil halb Europa von Kelten bewohnt war, darf man nicht von einem keltischen Staat reden. Es ist vergleichbar mit einem Kriegsherren-System aus dem heutigen Afrika oder Afghanistan.

Einer dieser Kelten namens Brennus zeigte erfrischend wenig Respekt vor den aufkommenden Römern. Als eine keltische Gruppe ein bisschen in Oberitalien herumbrandschatzte (es war dies Kulturgut der meisten Völker der damaligen Zeit), mischten sich die Römer ein, wie sich jede Macht einmischt: Sie wurden „zu Hilfe gerufen“. Ihre Hilfe bestand darin, dass sie während Verhandlungen einen keltischen Anführer töteten.

Auch Tote haben Verwandte, in diesem Fall war es Brennus. Dem gefiel das gar nicht und er forderte die Auslieferung der römischen Unterhändler.

Nachdem die Römer ihm unterstellten, das Thema nicht sachlich mit den Auszuliefernden aus der Welt diskutieren zu wollen, verweigerten sie die Forderung ganz einfach.

Brennus zog daraufhin nach Süden und schlug die Römer in einer offenen Feldschlacht vernichtend. Danach wurde das ungeschützte Rom geplündert und die Verteidiger (die nur noch das Kapitol halten konnten) mussten Lösegeld für die Freigabe Roms zahlen.

Bei der Wiegung des Goldes motzten die Römer, dass die Gewichte der Kelten nicht passten, worauf Brennus sein Schwert zog und es auf die Seite der keltischen Gewichte warf. Seinen dazu gesprochenen Satz „Vae victis – wehe den Besiegten“ nahmen die Römer wiederum in ihr Kulturgut auf und versuchten ihn die nächsten 800 Jahre so wirkungsvoll wie möglich zu leben.

Eine andere Gruppe von Kelten wanderte eines Tages die Donau entlang und entdeckte einen schönen Flecken Erde.

Hier kam ein kleines Flusserl aus dem Wald und mündete in die Donau. Diese Herren waren so kreativ und nannten diesen Fluss „Waldbach“. Noch kreativer wurden sie in der Wahl des Namens des Ortes, den sie dort gründeten und nannten ihn ebenfalls „Waldbach“.

Im Deutschen wurde aus dem keltischen Wort für „Waldbach“ der heutige Name dieses Ortes: „Wien“.

Der Wiener Wald ist somit der „Waldbacher Wald“. Das bedeutet, dass der Bach nach dem Wald benannt ist, der nach dem Bach benannt ist.

Verwandte Leute wanderten weiter südwestlich umher und gründeten die Stadt Noreia in Kärnten oder der Steiermark[3].

Unter ihrer Führung schlossen sich später 13 keltische Stämme zum Königreich Noricum zusammen[4], dem ersten politischen Gebilde auf österreichischem Boden, das zwar nicht ganz Österreich umfasste, aber immerhin große Teile und auch die spätere Hauptstadt Wien einschloss.

Östliche Grenze war wahrscheinlich die March, denn die Boier (ein weiterer keltischer Stamm), die Noricum bedrohten, hatten ihre Hauptstadt in Pressburg. Die beiden verfeindeten keltischen Stämme hätten lieber zusammenhalten sollen, denn mit den verschiedenen germanischen Stämmen und vor allem den Römern kamen deutlich stärkere Gegner auf.

So wurden relativ kurze Zeit nach der Gründung des Königreichs Noricum die armen Römer von den bösen Kimbern und Teutonen bedroht, weshalb sie sich verteidigen mussten und in der Schlacht bei Noreia[5] eine ordentlich auf den Deckel bekamen.

Um diese Peinlichkeit der eigenen Geschichtsschreibung zu verdecken, frönten die Römer hundert Jahre später ihrem Lieblingshobby – der Expansion – und eroberten das Königreich Noricum.

Wobei erobern vielleicht nicht ganz richtig ist, denn die norischen Herrscher waren der germanischen und anderskeltischen Bedrohung überdrüssig und waren nicht unglücklich über die römische Hilfe.

Pannonien war das nächste Gebiet auf dem römischen Expansionsplan und die Römer teilten aus reiner Bosheit „Waldbach“ der Provinz Pannonien zu. Damit kann die Provinz Noricum nicht als Vorgänger von Österreich herhalten und es dauerte wieder 1800 Jahre, bis dieses Gebiet eine gemeinsame Regierung bekam.

In Noricum wurde zunächst Virunum (bei Maria Saal) und dann Ovilava (Wels) Hauptstadt, ein Fakt, der für beide Städte ihren existenziellen Höhepunkt bedeutete (gefolgt vor nicht einmal hundert Jahren, als die Gemeinde Maria Saal zum Markt erhoben wurde).

Römische Kaiserzeit

Octavian wurde per Testament von Julius Caesar adoptiert und erhielt dessen Namen Caesar.

Durch Bürgerkrieg und allen damit verbundenen Grauslichkeiten kam er als führende Persönlichkeit an die Macht.

Er ersetzte seinen bisherigen Vornamen Gaius durch „Imperator“. Dieser Name war bis dahin eigentlich ein Titel, der „Träger einer militärischen Gewalt“ bedeutete.

Als er später durch den Senat auch „der Erhabene“ (Augustus) genannt wurde, waren schließlich alle drei Namen der zukünftigen Herrscher für die nächsten 2000 Jahre beisammen.

Denn „Caesar“ sprach man im Lateinischen schon damals „Ka-e-sar“ aus und „ae“ entwickelte sich in der Aussprache zu „ai“, wodurch sich „Kaiser“ bildete.

So entwickelten sich aus den drei Namen dieser außergewöhnlichsten Figur der Geschichte die Titel der folgenden abendländischen Herrscher. Auch das russische Wort „Zar“ leitet sich von Caesar ab.

Augustus, den man durchaus als Vater Europas bezeichnen könnte, holte sich nicht nur Noricum und Pannonien, sondern eroberte auch ganz Germanien[6], also das Gebiet nördlich der Alpen zwischen Rhein und Weichsel.

Das hätte er besser bleiben lassen sollen.

Germanien

Diese Provinz Germania[7] wurde bereits beherrscht, wirtschaftlich ausgebeutet und es wurde in ihr römisches Recht gesprochen.

Statthalter der Provinz wurde Varus, der zuvor – aus römischer Sicht – erfolgreicher Statthalter in der Provinz Syria war.

Ihm wurden drei Legionen (die 17.–19.) zugeteilt, ein unvorstellbare Militärmaschine. Zum Vergleich: Als auf der britischen Insel 50 Jahre später ein Aufstand – der Boudicca-Aufstand – versucht wurde, traten zwei Legionen (10.000 Mann) gegen zwischen 80.000 und 200.000 Einheimische[8] in einer offenen Feldschlacht an.

Nach der Schlacht waren 400 Römer und alle (!) Einheimischen tot[9].

Im Gegensatz zu den Amerikanern, die unter Bill Clinton in Somalia ein ähnliches Verhältnis schafften, wurde die Schlacht aber auch gewonnen.

Der Grund dieser Überlegenheit lag in der Ausrüstung der Römer und der daran angepassten Schlachttaktik. Die Einheimischen liefen mit Langschwertern und Schildern bewaffnet auf ihre Wucht vertrauend auf die Römer zu und wollten sie einfach niederrennen. Die Römer aber standen in vielen Reihen und jeder stützte seinen Vordermann. Dadurch konnte der Aufpralldruck der angreifenden Menschenmasse genommen werden. Zusätzlich warfen die Legionäre haufenweise Wurfspeere, die zwar meist per Schild abgewehrt werden konnten, die die Schilder aber aufgrund der Hebelwirkung des steckenden Speers unbrauchbar machten. Die Angreifer mussten sich also der Schilder entledigen und klebten durch den Druck der hinteren Reihen ungeschützt am römischen Schilderwall. Ein Langschwert macht wenig Sinn, wenn man keinen Platz zum Ausholen hat, das Kurzschwert der Römer war hingegen eine Stichwaffe, die nun eben ca. 200.000 Mal zum Einsatz kam.

In Germanien lief dies anders ab. Während eine Generation zuvor Julius Caesar in Gallien bei Alesia letztendlich nur wegen der Undiszipliniertheit der einzelnen gallischen Heerführer gewann, konnte der Germane Hermann (Arminius) eine kurzzeitige Zusammenarbeit der germanischen Stämme erreichen.

Die drei römischen Legionen wurden in eine hervorragend vorbereitete Falle im Wald gelockt und während des Marsches im strömenden Regen durch ständige Angriffe in morastigem Gelände innerhalb von drei Tagen komplett vernichtet. Es war dies eine der wenigen Schlachten der Weltgeschichte, die nach dem Namen des Verlierers benannt wurde: die Varusschlacht.

Augustus verfiel in berechtigte Panik, da zwischen Rom und den germanischen Siegern keine Armee mehr stand, und hob in Windeseile neue Truppen aus.

Tatsächlich gingen die Germanen nun auch westwärts, allerdings zerfielen sie rasch wieder in innere Streitigkeiten, wodurch Rom wieder die Oberhand gewinnen konnte.

Arminius, der die Herrschaft über alle Germanen und danach wahrscheinlich der Welt anstrebte, kam auf traditionelle germanische Weise ums Leben: Er wurde von Verwandten ermordet[10].

Die Varusschlacht war so prägend für die Römer, dass die Legionen 17-19 als Einzige in der Geschichte der römischen Armee nie wieder nachbesetzt wurden.

Macht korrumpiert

Die Nachfolger von Augustus waren nun Kaiser nicht nur vom Namen, sondern auch vom Titel und vor allem bezüglich Macht – absolut uneingeschränkte, ungeprüfte, ungezügelte Macht.

Überraschenderweise wurde diese nicht nur friedfertig und im Sinne des Volkes genutzt, sondern korrumpierte die Machthaber.

Tiberius, der erste „echte Kaiser“, etwa hatte im Alter auf der Insel Capri ein paar Villen, in denen er sich so genannte „Fischchen“ hielt. Es waren dies männliche Knaben im Alter zwischen eins und ca. sechs, die ihn unter Wasser sexuell befriedigen mussten.

Wurden sie zu alt, machte es ihm keinen Spaß mehr und er ließ sie beseitigen.

Caligula – einer seiner Nachfolger – täuschte seinen eigenen Tod vor und ließ danach alle, die das vermeintliche Ende seiner Schreckensherrschaft feierten, grausam bestrafen. Als er dann wirklich starb (auf natürlichem Weg durch ein Schwert im Rücken), trauerte die ganze Bevölkerung tagelang. Erst als er öffentlich aufgebahrt wurde und die Bevölkerung sich seines wirklichen Todes sicher sein konnte, trauten sich die Ersten, zaghaft zu grinsen.

Es kam aber nichts Besseres nach, denn falls man den Quellen glauben darf (was man nicht immer sollte), so war einer seiner Nachfolger der Schlimmste von allen: Nero.

Die Berichte, wonach sich Nero in ein Bärenfell einwickelte und festgebundenen männlichen wie weiblichen Strafgefangenen die Geschlechtsteile abbiss, sind vermutlich erfunden.

Auch dass er Rom anzünden ließ (oder selbst anzündete), stimmt sehr wahrscheinlich nicht. Bei einer großen Katastrophe wie dem großen Brand von Rom wird der Führung aber immer die Schuld gegeben.

Dass er aber außertourliche Olympische Spiele einberufen ließ, bei denen er als Wagenlenker antrat, durch Unfall ausschied und trotzdem gewann, ist überliefert. Auch dass er stundenlange Gesangsstücke vor Publikum vortrug, dem es unter Androhung von Strafen nicht gestattet war, das Theater zu verlassen. Dass einige im Publikum dann ihren Tod vortäuschten, um der Tortur zu entgehen, wiederum nicht.

Positiv gesinnte Historiker sehen darin den Versuch einer Art Kulturrevolution, in der die kriegerischen Römer hin zu einem künstlerisch agierenden Volk bewegt werden sollten. Dadurch, dass sogar er als Oberster im Reich bisher verpönte kulturelle Tätigkeiten aufnahm, sollte es den Bürgern leichter gemacht werden, ihre Ansichten zu ändern.

Der große Brand allerdings nötigte ihn zu einer Maßnahme, die ihm auf Dauer schlechte Presse bescherte:

Er suchte nach einem Sündenbock und fand ihn in einer neuen seltsamen Sekte, die scheinbar kannibalisch veranlagt war, da sie bei jedem Gottesdienst im Rahmen der Eucharistie ihren eigenen Herrn aßen: die Christen.

Er ließ ein paar Hundert von ihnen verhaften und, wie üblich bei einem Schauprozess, kamen einige wenige frei, einige wurden leicht bestraft und viele andere wurden zum Tod verurteilt.

Doch bei den Hinrichtungen lief etwas anders als normal: Während bisher die zum Tod Verurteilten um Gnade flehten oder es mit Würde trugen, freuten sich die Christen auf ihre Hinrichtung. Selbst der Kriegsgott Mars hätte ein solches Opfer von den Menschen nie verlangt!

Das Konzept des Märtyrertums war den Römern neu und machte viele neugierig auf diese Religion, denn wer keine Angst vor dem Tod hat, ist eigentlich unbesiegbar.

Es ist also möglicherweise Nero zu verdanken, dass sich das Christentum nun rasch ausbreitete.

Sicher zu verdanken ist ihm der Neuaufbau Roms, nun auch unter „feuerpolizeilichen“, wohl aber auch unter protzig-herrschaftlichen Gesichtspunkten. So enteignete er ein riesiges Gebiet vor dem Palatin (dem kaiserlichen Herrschaftssitz) und dem Forum Romanum und ließ sich einen Palast mit riesigem Pool und einer kolossalen Statue mit seinem Abbild bauen. Letztere war direkt am Eingang zum Forum Romanum platziert.

Der Bau des Palasts – die Domus Aurea – wurde zu seinen Lebzeiten nicht fertig gestellt. Nach seinem Tod auch nicht.

Sofort begonnen wurde hingegen ein Bürgerkrieg, der ein so genanntes Vier-Kaiser-Jahr brachte, das neben den vier Kaisern auch viel Blut und Elend brachte. Als Sieger ging ein General namens Vespasian hervor, der Rom stabilisieren konnte.

Es gelang ihm dies über zwei Maßnahmen: Erstens gab er dem Volk wieder, was Nero ihm nahm: Er ließ viele Gebäude für das Volk bauen, insbesondere auch auf dem Gebiet des abgeschotteten Palasts von Nero. Das berühmteste wurde das flavische Amphitheater, das bereits damals aufgrund seiner Nähe zur kolossalen Statue von Nero „Kolosseum“ genannt wurde.

Seine zweite Maßnahme war die finanzielle Konsolidierung des Reichs, die dringend notwendig war. Er machte aus allem und jedem Geld, sogar für die Verwendung der Latrinen musste man ab nun zahlen.

Auf die Kritik, dass das unehrenhaft sei und Fäkalien und Urin unsauber seien, meinte er, dass das zwar stimme, das daraus gewonnene Geld aber eben nicht stinke: Geld stinkt nicht.

Gefahr aus Germanien

Vespasian war es auch, der das Reich gegen die Germanen nun besser absicherte. Er stationierte dazu römische Truppen entlang der Donau und des Rheins und ließ dazu einige große Legionärslager und mehrere kleinere Kastelle bauen.

Vier dieser größeren Legionärslager waren auf heutigem österreichischen Boden angesiedelt: Lauriacum im heutigen Enns (Stadtteil Lorch), Albing in Sankt Pantaleon-Erla im Bezirk Amstetten, Carnuntum in Niederösterreich und Vindobona („Waldbach“).

In Letzterem war zunächst die 13., dann die 14. und danach ca. 300 Jahre lang die 10. Legion stationiert.

Diese Legion bekam es immer wieder mit aufmüpfigen Germanen zu tun, insbesondere als sie bei der in „Gladiator“ verfilmten Schlacht bei Vindobona die Markomannen bekämpfte[11].

Der damalige Kaiser, ein Literat und Schöngeist namens Marcus Aurelius, der sein Leben lang Krieg führte, war so erfreut über den Schlachtausgang, dass er sich gleich darauf mit einer Ratte anfreundete und in Vindobona an der Pest starb.

Während die äußere Gefahr der Germanen über die nächsten zwei Jahrhunderte mühsam abgewehrt werden konnte, war die innere Gefahr der Bürgerkriege immer offensichtlicher.

Die Größe des Reichs auf der einen und der Stopp der Expansion auf der anderen Seite machten es schwer regierbar. Die Beendigung der Expansion führte dazu, dass keine neuen Gebiete mehr ausgebeutet werden konnten und das notwendige Geld zur Versorgung der vorhandenen Bevölkerung und des Heeres immer schwieriger zu besorgen war.

Wir kennen das aus jeder Epoche inklusive der heutigen: Hat der Staat zu wenig Geld für die Versorgung der Leute, revoltieren sie.

Dass der daraus resultierende Bürgerkrieg noch viel mehr Elend bringt, wurde noch nie berücksichtigt. Dass die darauffolgende Regierung nicht mehr genügend Geld für die Versorgung der Bevölkerung und des Heeres hat, führt erneut zu Revolten.

Diesen Kreislauf perfektionierten die Römer nun über viele Generationen.

Drei-Kaiser-Konferenz

So, jetzt wird’s kompliziert. Kaiser Diokletian – offensichtlich ein Freund komplizierter Zusammenhänge – befand das Römische Reich als zu unbeweglich, und meinte, wenn ein Kaiser mit der Steuerung des Reichs aufgrund der großen Abstände überfordert wäre, dann wären es vier Kaiser eben nicht. Auch sind vier Kaiser schwerer zu stürzen als einer.

Solch ein Konstrukt nennt man Römische Tetrarchie und ist in der Geschichte aufgrund Nichtfunktionierens einzigartig[12].

Es gab zwei Augusti, also Hauptkaiser, einer im Westen und einer im Osten, die aber völlig gleichberechtigt waren. Ihre Weisungen galten in beiden Reichshälften, aus Idealismus interessierten sie sich jedoch nur für ihre Hälfte. Diese beiden Herrscher saßen in den jeweiligen Hauptstädten Mailand im Westen (Rom war nur noch ideelle Hauptstadt) und Nikomedia, in der heutigen Westtürkei.

Dazu gab es zwei Caesaren, die an der Front stationiert waren (im Westen in Trier, im Osten an der Donau). Diese Juniorkaiser mussten sich an der Front bewähren und konnten dann den jeweiligen Augustus beerben.

Ihr Wort war selbstverständlich ebenfalls im ganzen Reich Gesetz, auch sie erhoben es aber (klarerweise wieder aus Idealismus) nur zu lokalen Themen.

Die große Neuerung dieses Systems war – abgesehen von der fixen Zahl vier – ein Verbot der Vererbung der Position. Caesar wurde man über Können, Verwandte der Caesaren oder der Augusti waren von der Wahl ausgeschlossen. Nach dem Tod oder Rücktritt eines Augustus beerbte ihn der zugehörige Caesar.

Ja. Klingt wie ein System für die Ewigkeit. War es auch. Zumindest Diokletians Ewigkeit. Kaum starb er, wollten natürlich sämtliche Verwandten von sämtlichen Caesaren und dem anderen Augustus ebenfalls Augustus werden.

Besonders brenzlig wurde es, als der westliche Caesar Constantinus starb. Die Soldaten vor Ort (und das waren viele) riefen sofort seinen Sohn Konstantin zum Augustus aus (man brauchte ja wegen des Unterschieds zwischen Caesar und Augustus nicht kleinlich sein).

Für die verbliebenen drei Kaiser war dies eine blöde Situation. Rechtlich stand Konstantin nichts zu, doch sind ein Haufen Soldaten (die darauf brennen, seine nicht vorhandenen Rechte durchzusetzen) ein durchaus achtbares Argument.

So trafen sich die drei Kaiser in Carnuntum zur Drei-Kaiser-Konferenz, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Zu Ehren dieser Konferenz putzte sich diese durchaus große Stadt (50.000 Einwohner) im heutigen Niederösterreich ordentlich heraus[13].

Ergebnis der Konferenz war, dass Konstantin zwar nicht als Augustus, aber immerhin als Caesar anerkannt wurde.

Diokletians System (von wegen Unvererbbarkeit) wurde damit ad absurdum geführt, aber die gewünschte Konsequenz dieser Einigung war der Versuch, einen Bürgerkrieg zu verhindern.

Ja, was soll man sagen. Wenigstens gewünscht hatten sie es sich.

Wieder mal Bürgerkrieg

Die vier Herrscher plus ein fünfter (Maxentius hatte in Rom die Macht an sich gerissen) stritten sich nun um die Herrschaft im Reich.

Es war nicht das erste Mal, dass es Bürgerkrieg in Rom gab, und auch nicht das letzte Mal, dass aber gleich fünf Kontrahenten aufeinander losgingen war einzigartig und Ergebnis der nicht durchführbaren Tetrarchie.

Konstantin der Große

In so einer Situation waren die Truppen der Caesaren denen der Imperatoren natürlich überlegen. Wer tagein tagaus an der Front kämpft, hat irgendwie verständlicherweise mehr Kampferfahrung als die Truppen aus dem Hinterland.

Germanen können hier gute Lehrer sein, denn Konstantin zog mit einem Viertel seiner Truppen (Germanen waren nicht nur gute Lehrer, sondern immer noch lästig) nach Rom, um den zahlenmäßig deutlich überlegenen Maxentius zu stellen.

Wenn es ein menschliches Bauwerk gibt, das am meisten gesehen hat, dann ist das wahrscheinlich eine Brücke über den Tiber im Norden von Rom. Diese Brücke war für fast 2.000 Jahre die einzige Verbindung Roms mit dem Norden, und so kam alles Weltgeschichtliche aus dem Norden über diese Brü>Und auch Konstantin kam über diese Milvische Brücke, allerdings mit Waffengewalt, denn Maxentius wollte ihn daran hindern.

Am Vortag der Schlacht handelte Konstantin mit dem Gott der Christen einen Deal aus. Konstantin sollte die Schilder seiner Soldaten mit einem Staurogramm (also dem Symbol für Jesus Christus) bemalen.

Wenn er das hübsch hinbekäme, würde Gott ihm den Sieg schenken.

Gesagt, getan, gewonnen.

So jedenfalls sahen es die späteren christlichen Geschichtsschreiber.

Die Schlacht gewonnen hatte er wirklich, davon zeugt noch heute der Konstantin-Triumphbogen gleich neben dem Kolosseum in Rom.

Konstantin zog in Rom ein und die überraschten Bewohner mussten jubeln. Auch eine gerade fertig gestellte Basilika (eine Markthalle am Forum Romanum) namens Maxentius-Basilika hieß auf einmal Konstantin-Basilika. Ein Drittel davon steht heute noch.

Doch wenn die Römer dachten, das war alles an Veränderung, dann irrten sie gewaltig. Denn Konstantin, der auch alle anderen Gegner danach besiegte und das Reich unter seiner Herrschaft wieder einigte, brachte zwei Änderungen mit sich, die die Zukunft des Reichs sicherten:

Das Christentum als Staatsreligion

Die erste betraf die Religion. Zwar haben Herrscher vor ihm bereits eine gewisse Toleranz gegenüber dem Christentum gezeigt, doch welchen Sinn hat es, eine Religion nicht vollständig zu akzeptieren, die Folgendes sagt:

Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation.

Es kann hier nur Ja oder Nein geben. Nein – also eine Verfolgung der Christen – hat sich nicht bewährt, also wählte er Ja[14].

Im Toleranzedikt von Mailand wurde das Christentum den anderen Religionen gleichstellt und somit den Christen im ganzen Reich die freie Religionsausübung erlaubt.

Konstantin erwartete sich von Religionen eine Stabilisierung der Gesellschaft.

Nachdem das Christentum nun 300 Jahre lang im Untergrund agiert hatte, gab es überhaupt keine einheitlichen Regeln und Bücher. Jede Splittergruppe hatte ihre eigenen Evangelien, aus denen sie predigte.

Es ist das Werk Konstantins, diese Splittergruppen wenigstens ein bisschen zu einen, vor allem aber ein für alle gültiges neues Testament zu schaffen.

Auf dem Konzil von Nicäa wurde dieses unter seinem Vorsitz erarbeitet: vier Evangelien, alle anderen sind Müll[15].

Der Weg zur einzigen Staatsreligion war eingeschlagen.

Der Bischof von Rom – als Papst das spätere Oberhaupt der Christenheit – war bei diesem Konzil der Siebente von links …

Gründung von Konstantinopel

Der zweite Punkt erschütterte Rom – die Stadt, nicht das Reich – noch viel mehr: Konstantin hatte genug von der dekadenten Stadt, in der Intrigen wichtiger waren als die Verwaltung des Reichs.

Außerdem waren die Feinde des Reichs – und der Reichtum – im Osten zu finden. Also fuhr er mit dem Pflug durch einen relativ unbedeutenden Ort namens Byzantion und gründete Nova Roma – das neue Rom.

Kaum war es halbwegs beziehbar, verlegte er die Hauptstadt des Reiches kurzerhand vom alten ins neue Rom.

Nach seinem Tod wurde die Stadt in „die Stadt Konstantins“, oder auf Griechisch „Konstantinopel“, umgetauft.

Relativ kurze Zeit danach kam ein gewisser Herr Attila und bedrohte ganz Europa. Konstantinopel erhielt darauf eine Stadtmauer, in der mehr Steinmaterial als in der Cheopspyramide eingebaut wurde. Das Ganze war in sechs Monaten erbaut.

Diese Stadtmauer war danach eine Stadtmauer der Superlative: stärkste und meistbelagerte Stadtmauer der Welt. Erstmals genommen wurde sie erst 800 Jahre nach Konstantin – und da auch nur von der schwächeren Seeseite.

Erst die Erfindung der Kanonen zeigte ihre Grenzen auf.

Ostrom und der Untergang Westroms

Das Römische Reich hatte sich nach Konstantin immer wieder einmal in ein Oströmisches und ein Weströmisches Reich aufgeteilt. Da ist klar, zu wem wir halten, war doch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts klar in Gut (der Westen) und Böse (der Osten) aufgeteilt. Zunächst waren die Bösen die Sowjets, dann die Orientalen, was ja in einer anderen Sprache ebenfalls wieder „die Ostler“ heißt.

Dass der Name Österreich ja ebenfalls vom Wort Osten[16] herrührt, hat damit ja wohl wirklich nix zu tun!!!

Die Trennung in mehrere Reiche kam von der Grundidee, dass es in einem zentralen Staat recht langweilig ist, auf Befehle ein paar Wochen zu warten. Man stelle sich Folgendes vor: Die Parther greifen z. B. Jerusalem an, mehrere Boten werden nach Rom gesandt, ein paar kommen nach Wochen auch tatsächlich an und berichten dem Kaiser. Dieser befiehlt sofort, Truppen von Antiochia nach Jerusalem zu schicken (das ja vor den genannten Wochen belagert wurde). Nach ein paar weiteren Wochen kommen die Boten in Antiochia an und geben den Befehl weiter. Die dortigen Truppen marschieren ins inzwischen geplünderte Jerusalem, und die Parther können nun das unbeschützte Antiochia plündern.

Eine lange Befehlskette hat sich also schon damals nicht bewährt. Deswegen wurde das Reich geteilt. Nicht, dass es dadurch besser geworden wäre.

Das Weströmische Reich war klar im Nachteil: Umgeben von Barbaren, die entweder gewaltsam oder als Wirtschaftsflüchtlinge am Wohlstand Roms teilnehmen wollten, hatte es wenig wirtschaftliche Ressourcen, und die wurden auch noch ständig geplündert.

Der Osten war hier wesentlich besser aufgestellt.

Das Weströmische Reich ging daher relativ bald darauf unter: Ein gewisser Romulus Augustus (oder besser Romulus „Augustulus“ - „das Kaiserlein“) durfte als letzter Kaiser in Pension gehen und ein Germane namens Odoaker[17] nannte sich fortan König von Italien und beendete so das Römische Reich.

So haben wir es in der Schule gelernt. „Falscher“ könnte es nicht sein. Denn WIR Westeuropäer wollten später die Nachfolger der Römer sein, daher wurde in unserer Geschichtsschreibung Ostrom einfach ignoriert.

Wer am Forum Romanum in Rom spazieren geht, kann heute noch die Phokas Säule bewundern, die über 100 Jahre nach dem angeblichen Untergang Roms spannenderweise ausgerechnet für einen römischen Kaiser aufgestellt wurde.

Ostrom übernahm nämlich nach dem Untergang des Weströmischen Reichs wieder die Rolle des gesamtrömischen Reichs.

Ja, sie nahmen sogar Süditalien und damit Rom wieder ein (das erklärt dann auch die Säule).

Bis zu ihrem Untergang tausend Jahre später nannten sie sich nicht Byzantiner oder Griechen, sondern einfach Römer.

Ein Steirer nennt sich ja auch Steirer, obwohl Steyr heute in Oberösterreich liegt[18].

Und diese Römer standen ziemlich mächtig da. Allerdings kann eine unfähige Regierung sehr leicht alles zerstören. Nie war das so offensichtlich wie zu dieser Zeit:

Kaiser Herakleios stürzte die Welt gemeinsam mit seinem unversöhnlichen Feind, dem persischen Großkönig Chosrau II., in den Abgrund.

Diese beiden Reiche waren damals sicher die stärksten der Welt. China hätte wahrscheinlich noch mithalten können, doch der Himalaja hat den Spaß des geschichtlichen Kräftemessens immer verdorben.

Anstatt also hin und wieder zu verhandeln oder Abstriche zu machen, kämpften sie bis zum bitteren Ende.

War der Zweite Weltkrieg schlimm an Zerstörung, der 30-jährige Krieg (abgesehen selbstverständlich vom unvergleichlichen Verbrechen des Holocausts) schlimmer, so war dieser Krieg der Höhepunkt gegenseitiger Verwüstung.

Keine Stadt in beiden Reichen – bis auf Konstantinopel, geschützt durch die stärksten Mauern der Welt – überlebte diesen Krieg, alle wurden zerstört. Jedes Haus, jede Bretterbude wurde dem Erdboden gleichgemacht. Ein dramatischer Bevölkerungsrückgang und – noch schlimmer – eine Kultur der Verzweiflung kamen auf. Zuvor waren alle Städte und Dörfer offen gegenüber Fremden, nun war jeder Hof einer Festung gleich.

Den Krieg „gewannen“ die Römer, einfach weil sie noch eine Stadt hatten und die Perser nicht. Doch die einheimische Bevölkerung beider Staaten war verzweifelt: Weder Priester der damaligen persischen Religion noch Priester des Christentums konnten Antworten geben, warum die Hölle über die Menschen hereingebrochen war. Letztere hatten auch gar keine Zeit, um solch lächerliche Fragen zu klären, war es doch weit wichtiger zu diskutieren, ob Gott, Jesus und der Heilige Geist nun eine Gestalt sind und Jesus lediglich eine fleischliche Hülle hatte oder ob er eine eigenständige Gestalt oder ob er nur halbeigenständig war. Darüber und über Unmengen von Heiligen, Seligen und „Noch-nicht-Heiligen-obwohl-ich-aber-will-dass-er-heilig-ist“ kann man ernsthaft Jahrhunderte streiten, unser heiliger Nikolaus schlug Arianus – dem Anführer seiner Gegner – sogar einen Zahn während eines Konzils aus[19].

In dieser Zeit nun – alles war verwüstet, alles war am Ende – kam ein Typ aus der Wüste und erklärte: „Es gibt nur einen Gott und ich bin sein Prophet.“

So einfach konnte es sein. Nicht 15 Gestalten in eineinhalb Göttern oder Ähnliches, keine Heiligen und Seligen in undefinierbaren Mengen, sondern nur ein Gott und aus.

Die Perser, die die Römer immer noch blindlings hassten, übernahmen irrsinnig rasch diesen Glauben, denn ihr alter Glaube hatte verloren und den christlichen – den ihres Feindes – wollten sie nicht. In Windeseile war der Islam im ganzen alten Persischen und in vielen Teilen des Oströmischen Reichs verbreitet. Diese Gebiete waren daraufhin natürlich nicht mehr römisch und das Römische Reich war zu erschöpft um noch einmal eine Rückeroberung zu versuchen.

Nur an Konstantinopel scheiterten sie wieder einmal – wie so viele vor und nach ihnen.

Nicht die Schlacht des Karl Martell[20] bei Tours und Poitiers hielt die Moslems von Europa fern, sondern die Römer bei ihrer Hauptstadt Konstantinopel.

Nachdem aber WIR die Römer sein wollten, … es lebe Karl Martell!!!

Konstantinopel konnte vermutlich hauptsächlich aufgrund des griechischen Feuers vor der islamischen Expansion gerettet werden. Dies war eine chemische Mischung, deren Zutaten mit denen des Schießpulvers ident sind. Während aber das europäische 500 Jahre jüngere Schießpulver explodiert, brannte das oströmische (und ein paar Hundert Jahre später auch das chinesische) extrem lange und gut.

Kam also ein arabisches Schiff (oder eines der Wikinger oder eines der Bulgaren oder … das war mannigfaltig anwendbar), so wartete man, bis es nahe genug herankam und dann bespuckte man es mit einer Art Kanone (nein, man bespuckte es nicht mit der Kanone, sondern die Kanone bespuckte das Schiff mit der Substanz). Danach musste es nur noch mit einem Brandpfeil verfeinert werden.

Binnen Sekunden brannten dann das Schiff, alle Menschen an Bord und das Wasser rund um das Schiff. Versuchte man es mit Wasser zu löschen, brannte es noch besser, da sich das Öl, das als Bindemittel verwendet wurde, nun schöner verteilen konnte.

Sprang man von Bord, musste man irgendwann zwecks Atmens wieder auftauchen und das war dann meist auch keine schöne Erfahrung – wenngleich sie recht kurz war.

Somit konnte sich das Römische Reich gegen die Expansion des Islams halten. Gut für den Westen, denn zu dieser Zeit war Westeuropa auf dem wissenschaftlichen Stand der Steinzeit und hätte weder gegen die islamischen Kämpfer noch gegen ein unbedrängtes Römisches Reich irgendetwas ausrichten können.

Die Merowinger

Die Franken unter der Führung der Merowinger konnten in Westeuropa nach dem Niedergang der Römer im Westen große Gebiete mit vorhandener Infrastruktur übernehmen.

Es war zwar niemand mehr am Leben, der solche Straßen und Gebäude hätte bauen können (der Steinbau kam über Jahrhunderte zum Erliegen), doch das Vorhandene ließ sich wunderbar verwenden.

Stammvater der Merowinger ist Childerich, Sohn des Merowech. Bitte fragen Sie nicht nach, warum dann nicht Merowech, nachdem sie ja auch benannt sind, der Stammvater ist. So ist es halt.

Die Merowinger waren wie die meisten damaligen Germanen weniger als Feingeister berühmt und hielten auch nicht wahnsinnig viel von Handel oder Sicherheit oder Ähnlichem. Die meisten Bewohner fielen in eine vorrömische Agrargesellschaft zurück (oder waren jenseits des Rheins eh schon immer dort). Den Frankenstaat der Merowinger darf man sich nicht wie jenen der römischen Kaiser vorstellen. Staat heißt hier „ich hab die meisten Krieger und kann dich töten, wenn ich will. Und ich will recht oft“. Es war eher ein zentral organisierter Beutezug, den moderne Geschichtsschreiber „Staat“ nennen. Die einzelnen Stämme wie die Baiern hatten außerdem eine weit gehende Eigenständigkeit.

Das Christentum nahmen sie in einer Art Wette an: In einer Schlacht stand es nicht zum Besten und Chlodwig I. meinte (später nannte man es „beten“) „Hör zu, Gott der Christen, wenn du mir hilfst zu gewinnen, dann glaub ich halt ab sofort an dich“. Gesagt, getan, fortan waren die Merowinger christlich. Dass das nicht unbedingt zivilisiert oder friedlich heißt, bewiesen sie sogleich darauf.

Sie entwickelten ein Hobby, das Gott sei Dank nicht wegweisend für die Zukunft Europas wurde: Sie ermordeten sich selbst. Ständig und zu jeder Gelegenheit.

Es gab in der Geschichte Westeuropas kein grausameres Herrscherhaus als die Merowinger![21]

Jeder in diesem riesigen Haus wollte eine Machtposition, und um diese zu erreichen, wurde kein Mittel gescheut. Was? In der Rangliste nur Vierter? Kein Problem! Drei Schwerthiebe später war man Erster.

Sie interessierten sich über die Jahrzehnte auch überhaupt nicht mehr für das Regieren, wichtiger waren interne Familienstreitereien (wobei das Wort „Streit“ hier schon mal mit dem Einsatz von hunderten Kämpfern einhergehen kann).

Das Regieren überließen sie so genannten Hausmeiern, die stets aus dem Geschlecht der Karolinger kamen.

Kurze Zeit nach Annahme des Christentums nutzten die Baiern die weit gehende Freiheit der einzelnen Stämme im Merowinger Reich und holten sich das heutige Tirol bis ca. Bozen von den Ostgoten, das fortan auch bairisch besiedelt wurde[22] und die nächsten 600 Jahre Teil von Baiern blieb.

Als die islamische Expansion Spanien erreichte, traf sie auf ein vollkommen am Ende befindliches Westgotenreich, das zu nehmen ein Leichtes war.

Das islamische Vorgehen zu dieser Zeit war immer gleich: Zunächst drangen kleinere Trupps in ein fremdes Land ein und man testete, wie sich die Einheimischen dort schlugen. Konnten sich die Angreifer gut durchsetzen, kam man mit dem großen Heer und nahm das Land.

Diese kleineren Nadelstiche und Raubzüge haben einen arabischen Namen: Razzia.

Nach mehreren Razzien kam also das große Heer und nahm fast ganz Spanien. Fast ganz Spanien, denn das Gebiet der heutigen Basken machte wieder einmal etwas anderes als das restliche Spanien. In diesem Fall blieb es christlich.

Nun kam eine solche kleinere Truppe ins Land der Franken. Und wurde dort vom Hausmeier Karl Martell (nein, der stellte damals noch keinen Cognac her) vernichtend geschlagen.

Die damaligen Geschichtsschreiber erwähnten diese Schlacht nur nebenbei, erst WIR machten daraus den größten Triumph der Weltgeschichte.

[...]


[1] Kaiser Konstantin war so nett und hat das gesamte Weströmische Reich an den Papst verschenkt. Niedergeschrieben wurde diese Anweisung schon 500 Jahre nach seinem Tod und ging als „Konstantinische Schenkung“ in die Fälschungsgeschichte ein.

[2] Sie selbst fürchteten (nicht nur laut Asterix) nichts – außer, dass ihnen der Himmel auf dem Kopf fallen könnte. Eine witzige Theorie gibt einem angeblichen Meteoriteneinschlag, der eine riesige Landfläche im keltischen Bayern vernichtet hätte, die Schuld für diese angebliche Furcht. Doch Beweise für einen solchen Einschlag gibt es nicht, viel mehr sprechen wissenschaftliche Befunde dagegen. Schade, denn lustig wäre es schon!

[3] Die Gründung dürfte keine Wahnsinns-Erfolgsstory gewesen sein, denn schon wenige hundert Jahre später galt sie als eine der untergegangenen Städte des Abendlandes und konnte bis heute nicht lokalisiert werden.

[4] Die Niederschrift dieses Faktums erfolgte ganz offensichtlich vor der Christianisierung, sonst wären es sicher 12 Stämme gewesen.

[5] Dass sie sich auf fremdem Gebiet verteidigten, ist eines der immer wieder kehrenden Paradoxa der österreichischen Geschichte. Auch können beispielsweise Gebiete im Südwesten Österreichs, die im 1. Weltkrieg vom Gegner nicht erobert wurden, trotzdem von jenem militärisch unterlegenen Gegner im Nachhinein doch „erobert“ worden sein.

[6] „Germanien“ gab es eigentlich nicht. Caesar fasste – damit er ein größeres Gefahrenpotenzial aufzeigen konnte – alle Stämme östlich des Rheins unter diesem Namen zusammen. Ein Angehöriger eines „germanischen“ Stammes hatte aber keinerlei Zugehörigkeitsgefühl zu einem anderen „germanischen“ Stamm. Die Diskussion, ob der eine oder andere germanische Stamm in Wirklichkeit slawisch war, ist daher eher intelligenzbefreit und resultiert aus Nationalismen und Antinationalismen, die damals völlig unerheblich waren.

[7] Im germanischen Bereich gab es bereits eine Schrift: die Runen. Jede Rune bestand aus einem Stab (ein Strich von oben nach unten wie das „I“) und optional Ästen und Wurzeln. Als Schreibmaterial wurde Holz verwendet; der häufigste Baum in Germanien war und ist die Buche. Nimmt man nun ein Buchenbrett und ritzt einen Stab hinein, so entsteht ein … Buchstab(e).

[8] Das ist das Schöne an Geschichte: Es ist immer alles so genau!

[9] Warum Boudicca heute für englische Nationalisten eine Heldin ist, fragen Sie bitte die Engländer.

[10] Seltsamerweise wurde dieses Faktum in der nationalistischen/nationalsozialistischen Zeit niemals betont. Der Vereiniger der Germanen war nur einfach plötzlich weg.

[11] Ansonsten ist so ziemlich alles in diesem Film aus historischer Sicht Schwachsinn. So gewannen die Markomannen eigentlich die Markomannenkriege (bzw. konnten einen sehr vorteilhaften Frieden aushandeln). Nach dem Tod von Marcus Aurelius war Commodus zwölf Jahre lang alleiniger Kaiser, zuvor war er bereits – im Gegensatz zum Film - Mitkaiser.

[12] Obwohl die Einzigartigkeit „nicht funktionierender politischer Systeme“ diskussionswürdig wäre.

[13] Das Heidentor – Überbleibsel eines triumphalen Tetrapylons (ein flächenmäßig quadratischer Triumphbogen mit eigentlich vier Bögen) – stammt aber entgegen früherer Annahmen nicht von der Drei-Kaiser-Konferenz, sondern ist 50 Jahre jünger.

[14] Konstantin selbst bekannte sich aber noch nicht zum Christentum. Er war noch eher Anhänger des unbesiegbaren Sonnengottes „Sol Invictus“. U. a. geht der Sonntag als Ruhetag auf diese Periode zurück.

[15] Die anderen Evangelien gingen nicht, wie Dan Brown schreibt, verloren, sondern wurden „weggeworfen“.

[16] Ostarrîchi – die erste Form des Wortes Österreich – heißt quasi „Gebiet im Osten“.

[17] Dieser Herr Odoaker beendete sein Leben übrigens, indem er unter aktiver Mithilfe eines gewissen Herrn Theoderichs (bzw. dessen Schwert) in zwei Hälften zerfiel. Dieser „Unfall“ ereignete sich bei einem Bankett zur Feier der gemeinsamen zukünftigen Regierung. Theoderich regierte danach das Gebiet alleine, sein Grab ist heute noch in Ravenna zu besichtigen.

[18] Der Name Steiermark kommt tatsächlich von der Stadt Steyr, der ursprünglichen Keimzelle der Steiermark.

[19] Heute übernimmt solche Jobs eher der Krampus.

[20] Sollte jemand unvorstellbarerweise diese Person noch nicht kennen, sie wird in diesem Buch noch vorgestellt.

[21] Dies gibt der These Dan Browns (das Sakrileg), wonach die Merowinger Nachfahren Jesu Christi sind, eine besonders sinnlose Note.

[22] Die Baiern wurden ursprünglich auch Bajuwaren genannt, einen Umstand, den der – durch eigenes Verschulden – nullhändige Briefbomben-Terrorist Franz Fuchs zur Benennung seiner abstrusen einmitgliedrigen „Bajuwarischen Befreiungsarmee“ verwendete.

Details

Seiten
112
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656663201
ISBN (Buch)
9783656663164
Dateigröße
781 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274043
Note
Schlagworte
Österreich Geschichte Jahreszahlen

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Titel: Österreich und das Abendland