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Darstellung des öffentlichen Gedenkens an die Opfer des Holocaust im Schulbuch „Mosaik. Der Geschichte auf der Spur, B9“

Didaktische Analyse zweier Kapitel

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Geschichte - Didaktik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Formal-gestalterische Ebene

3. Fachwissenschaftliches und fachdidaktisches Potential der Materialien
3.1. Erster Autorentext auf
3.2. Zweiter Autorentext auf
3.3. Die Bildquelle M1
3.4. Die Textquellen
3.5. Der Autorentext auf
3.6. Die Bildquelle M1
3.7. Die Grafik M2

4. Fachdidaktisches Potential der Arbeitsaufträge

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärquellen
6.2. Sekundärquellen

1. Einleitung

„Misstraut gelegentlich euren Schulbüchern!

Sie sind nicht auf dem Berg Sinai entstanden, meistens nicht einmal auf verständige

Art und Weise,

sondern aus alten Schulbüchern,

die aus alten Schulbüchern entstanden sind,

die aus alten Schulbüchern entstanden sind,

die aus alten Schulbüchern entstanden sind.

Man nennt das Tradition.

Aber es ist etwas ganz anderes." (Erich Kästner)[1]

Dieses einprägsame Zitat aus dem Werk Erich Kästners von 1952[2], das dem Medium Schulbuch äußerst kritisch gegenüber steht, hat auch heute noch nichts von seiner Gültigkeit verloren. In vielen Schulbüchern häufen sich sowohl fachdidaktisch problematische Aufgabenstellungen als auch fachwissenschaftliche Ungenauigkeiten und Fehler in Autorentexten sowie in Bild-und Textquellen. Da das Schulbuch immer noch als ein Leitmedium des Geschichtsunterrichts[3] gilt und nicht selten als „heimlicher Lehrplan“[4] verwendet wird, ist es insbesondere für Geschichtslehrer wichtig, die Problematik beim Einsatz des Schulbuchs zu kennen und sinnvoll für die Unterrichtsgestaltung zu nutzen.

Das Thema des öffentlichen Gedenkens und Erinnerns an die Opfer des Holocaust spielt heutzutage in der wissenschaftlichen Analyse und geschichtskulturellen Reflexion eine große Rolle.[5] Das Schulbuch für den gymnasialen Geschichtsunterricht der 9. Klasse in Bayern „Mosaik – Der Geschichte auf der Spur B9“[6] widmet diesem Thema ganze vier Seiten.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie das Thema des öffentlichen Gedenkens an die Opfer des Holocaust im Schulbuch „Mosaik – Der Geschichte auf der Spur B9“ formal und inhaltlich aufgebaut ist und welche fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Problematiken sich beim Einsatz des Schulbuchs im Geschichtsunterricht ergeben können.

In einem ersten Schritt soll zunächst die formal-gestalterische Ebene der beiden Doppelseiten untersucht werden.

Anschließend soll das fachwissenschaftliche und fachdidaktische Potential der Autorentexte sowie der Bild- und Textquellen herausgearbeitet werden. Neben der altersangemessenen Textverständlichkeit und der wissenschaftlichen Aktualität wird hier ein besonderer Schwerpunkt auf die Korrektheit der Inhalte gelegt. Zusätzlich soll geklärt werden, ob bei der Auswahl der Materialien Wert auf geschichtsdidaktische Prinzipen gelegt wurde und diese methodisch innovativ umgesetzt werden. Auch der inhaltliche Aufbau und die Struktur der Doppelseiten sollen herausgearbeitet und beurteilt werden.

In einem nächsten Schritt wird die fachdidaktisch-funktionale Ebene der Schulbuchseiten genauer in den Blick genommen. Dazu sollen die einzelnen Arbeitsaufträge auf ihr didaktisches Potenzial, aber auch auf eventuelle Problematiken hin untersucht werden.

Die abschließende Schlussbetrachtung soll die erarbeiteten Ergebnisse kurz zusammenfassen und klären, ob die gestellten Fragen beantwortet werden konnten.

2. Formal-gestalterische Ebene

Das bayrische Schulbuch „Mosaik – Der Geschichte auf der Spur“ für die 9. Klasse ist in fünf größere Themengebiete gegliedert, die sämtliche Inhalte der Lehrpläne für die 9. Klasse abdecken, vom Nationalsozialismus, über Nachkriegsdeutschland und die Teilung Deutschlands bis hin zum Kalten Krieg und der Geschichte deutscher Städte.[7]

Die Themengebiete sind wiederrum in einzelne Kapitel gegliedert und die zu untersuchenden Unterthemen „Die Ermordung der europäischen Juden“[8] und „Erinnern für die Zukunft?“[9] stehen im Kapitel „Zweiter Weltkrieg und Völkermord“. Das Unterthema „Erinnern für die Zukunft?“ dient der inhaltlichen Vertiefung und ist auch entsprechend im Inhaltsverzeichnis mit einem roten „V“ für Vertiefung markiert.

Die Themen sind übersichtlich auf Doppelseiten aufbereitet und können somit im Zusammenhang gelesen und untersucht werden. Die Kapitelüberschrift „Zweiter Weltkrieg und Völkermord“ zieht sich als farbige Bordüre am oberen Seitenrand jeder einzelnen Seite des Kapitels entlang. Dies ermöglicht eine gute Orientierung innerhalb des Gesamtbuches und strukturiert die Gestaltung der einzelnen Seiten.

Die Doppelseiten auf S. 54 und 56 beginnen mit einem schülergemäßen Autorentext, der dazu dient, das nötige Hintergrundwissen bereitzustellen und die Schüler/innen über wesentliche Aspekte und Entwicklungen zu informieren. Der Autorentext ist jeweils in kleinere Texte aufgeteilt, die eine Überschrift tragen und den Text dadurch übersichtlich zusammenfassen. Zusätzlich zum Autorentext befindet sich auf den beiden Schulbuchseiten jeweils eine Bildquelle, die zu einen vertieften Verständnis beiträgt und einzelne Aspekte aus dem Autorentext visualisiert.

Die zweite Hälfte der einzelnen Doppelseiten ist unterschiedlich strukturiert. Auf S. 55 befinden sich drei verschiedene Textquellen mit genauen Literaturangaben. Ein Vermerk am unteren Seitenrand weist darauf hin, dass sich die Arbeitsaufträge zu den Textquellen auf der übernächsten Seite (S. 57) befinden. Dadurch wird gewährleistet, dass sich sowohl Schüler/innen als auch Lehrer/innen im Buch orientieren und den Aufbau der zwei Doppelseiten nachvollziehen können. Die neun Arbeitsaufträge auf Seite 57 nehmen den unteren Teil der Seitenhälfte ein, während der komplette obere Teil durch eine Grafik dominiert ist.

Insgesamt zeichnen sich die Doppelseiten durch eine klar strukturierte, geordnete und nachvollziehbare Gestaltung aus.

3. Fachwissenschaftliches und fachdidaktisches Potential der Materialien

3.1. Erster Autorentext auf Seite 54

Der Autorentext auf S. 54 zum Thema „Die Ermordung der europäischen Juden“ ist in zwei Texte gegliedert. Der erste Text trägt die Überschrift „Tag der Erinnerung“ und berichtet von der Befreiung der Opfer des Holocaust aus Ausschwitz am 27. Januar 1945. Die Überschrift „Tag der Erinnerung“ wird jedoch nicht genügend im Text erläutert und so fehlt den Schülern und Schülerinnen das Hintergrundwissen um die Bedeutung der Überschrift vollkommen zu erfassen. Der 27. Januar wurde von den Vereinten Nationen am 1. November 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärt.[10]

Als Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee 1945, war das Datum schon am 3. Januar 1966 von dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum nationalen Gedenktag in Deutschland erklärt worden.[11] Die Tatsache, dass der 27. Januar ein internationaler Gedenktag ist, hätte insbesondere deshalb erläutert werden müssen, da die Information auf ein aktuelles wissenschaftliches Forschungsthema, die Globalisierung bzw. Universalisierung des Holocausts, hinweist.[12] Ferner geht es auf der nächsten Doppelseite um Formen des Gedenkens und auch dort wird dieser wichtige Gedenktag nicht weiter erläutert.

Abgesehen von den fehlenden Informationen zur Überschrift, eignet sich der Autorentext für Schüler/innen einer neunten Jahrgangsstufe sehr gut, da der Text in einer altersangemessenen und verständlichen Sprache geschrieben ist. So werden Fachbegriffe wie z.B. „Holocaust“ genau erklärt.[13] Zusätzlich sind die Fachbegriffe „Konzentrationslager“ und „Holocaust“ im Text schwarz hinterlegt. Dadurch wird die Wichtigkeit und Bedeutung der Fachbegriffe für das Thema deutlich und die Begriffe prägen sich ein.

Auffällig ist die emotionsgeladene, unwissenschaftliche Sprache des Autorentextes, die an das Empathievermögen der Schüler/innen appelliert:

„Ausgemergelte Gestalten, kaum 30 Kilo schwer, taumelten den Soldaten entgegen: Männer, Frauen und Kinder, die von Schwerstarbeit, Schikanen, Folter und medizinischen Versuchen gezeichnet waren, berichteten stockend über das Geschehene. Den Soldaten, die grausamste Szenen aus dem Kriegalltag kannten, verschlug es die Sprache.“[14]

Der Autorentext macht deutlich, dass neben der jüdischen Bevölkerung auch Sinti und Roma, Homosexuelle und politische Gegner zu den Opfern des Nationalsozialismus gehörten und ebenfalls verfolgt und ermordet wurden. Die Überschrift der Doppelseite, „Die Ermordung der europäischen Juden“, der weitere Autorentext und auch die Textquellen beschäftigen sich hingegen ausschließlich mit der Opfergruppe der Juden.

Fachwissenschaftlich ist der Text jedoch ungenau, was die Zahlen der Opfer anbelangt. Die Literatur geht davon aus, dass fast doppelt so viele Häftlinge aus Ausschwitz auf Todesmärsche geschickt wurden wie im Autorentext genannt, das heißt statt 35000 ca. 58000 Menschen.[15]

[...]


[1] Kästner, Erich: Ansprache zu Schulbeginn. In: Ders., Gesammelte Schriften für Erwachsene, 7. Bd.: Vermischte Beiträge, München 1969, S. 180-183.

[2] Kästner , Erich: Die kleine Freiheit. Chansons und Prosa 1949 – 1952, Zürich 1952.

[3] Vgl. Grosch, Waldemar: Das Schulbuch der Zukunft. In: Hans-Jürgen Pandel (Hrsg.): Wie weiter? Zur Zukunft des Geschichtsunterrichts, Schwalbach/Ts. 2001, S. 136-155.

[4] Vgl. Seewald, Friedrich: Schulbuch und heimlicher Lehrplan. In: Lehrer und Gesellschaft 35 (1982), S. 7-10; Eva Matthes (Hrsg.): Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis, Bad Heilbrunn/Obb. 2005.

[5] Popp, Susanne: Nationalsozialismus und Holocaust im Schulbuch. Tendenzen der Darstellung in aktuellen Geschichtsschulbüchern. In: Gerhard Paul; Bernhard Schoßig (Hrsg.): Öffentliche Erinnerung und Medialisierung des Nationalsozialismus. Eine Bilanz der letzten dreißig Jahre (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte Bd.10), Göttingen 2010, S. 98.

[6] Mosaik – Der Geschichte auf der Spur B9, Bayern, München (Oldenbourg) 2007.

[7] Mosaik – Der Geschichte auf der Spur B9, Bayern, München (Oldenbourg) 2007.

[8] Ebenda, S. 54.

[9] Ebenda, S. 56.

[10] Vgl. Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 1. November 2005, http://www.un.org/News/Press/docs/2005/ga10413.doc.htm (letzter Abruf am 23.04.3013).

[11] Schmid, Harald: Europäisierung des Auschwitzgedenkens? Zum Aufstieg des 27. Januar 1945 als „Holocaustgedenktag“ in Europa. In: Jan Eckel; Claudia Moisel, (Hrsg.): Universalisierung des Holocaust? Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in internationaler Perspektive, Göttingen 2008, S. 185; siehe: Proklamation des Bundespräsidenten vom 3. Januar 1996, In: Bundesgesetzblatt, Teil I, 16.1.1996, S. 17.

[12] Vgl. Eckel, Jan; Moisel, Claudia (Hrsg.): Universalisierung des Holocaust? Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in internationaler Perspektive, Göttingen 2008.

[13] „Den Völkermord an den Juden Europas benennen wir heute mit dem Wort Shoah oder dem Begriff Holocaust.“, Mosaik – Der Geschichte auf der Spur B9, Bayern, München (Oldenbourg) 2007, S. 54.

[14] Ebenda, S. 54.

[15] Strzelecki, Andrzej: Endphase des KL Auschwitz. Evakuierung, Liquidierung und Befreiung des Lagers. Oświęcim-Brzezinke 1995.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656670711
ISBN (Buch)
9783656670704
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274090
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
0,7
Schlagworte
darstellung gedenkens opfer holocaust schulbuch mosaik geschichte spur didaktische analyse kapitel

Autor

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