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Fabeln der Aufklärung. Das starke Schaf und der schwache Wolf? Ein Deutungsversuch von Lessings Fabel „Der Wolf und das Schaf“

Examenslehrprobe im Fach Deutsch

Unterrichtsentwurf 2012 6 Seiten

Didaktik - Deutsch - Gattungen

Leseprobe

Examenslehrprobe im Fach Deutsch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[1]

1. Geplanter Unt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Bemerkungen zur Lerngruppe

Die Lemgruppe setzt sich aus sieben Mädchen und fünfzehn Jungen zusammen und ist die Klasse meiner Mentorin. Ich absolvierte bereits in meinem 3. Semester den Unterricht unter Anleitung in dieser Klasse. Die Jugendlichen verhalten sich mir gegenüber sehr freundlich und aufgeschlossen. Innerhalb der Lerngruppe gibt es große Leistungsunterschiede, die sich nicht nur in der Aufnahme- und Abstraktionsfähigkeit, sondern auch im Arbeitstempo äußern. Dazu sind einige Schüler recht schüchtern und passiv während des Unterrichtsgeschehens, andere recht dominant.

3. Vorstellung des Unterrichtsgegenstandes

Fabeln haben heute im Vergleich zu ihrem Stellenwert in der Zeit der Aufklärung weitgehend an Bedeutung verloren. Dabei gibt es diese epische Kleinform bereits seit der Antike. In diesem Zusammenhang wird der griechische Sklave Äsop[2] als angeblicher Gründer der Fabeldichtung genannt. In der Zeit der Aufklärung gewinnt die Fabel wie nie zuvor und auch nie wieder danach an Aktualität und Bedeutung. Dabei bildet Gotthold Ephraim Lessing den Abschluss der klassischen deutschen Fabeltradition.[3] In seinen „Abhandlungen über die Fabel“ von 1755 formuliert dieser eine Definition des Wesens der Fabel. Dass Lessings Fabeln allerdings nicht immer seinen aufgestellten Prinzipien streng folgen, zeigt auch die Fabel „Der Wolf und das Schaf“, die bereits motivisch seit Äsop bekannt ist und beispielsweise durch Martin Luther im 16. Jahrhundert sowie den Schriftsteller Jean de La Fontaine im 17. Jahrhundert - leicht abgewandelt - veröffentlicht wurde.[4] Ein Lamm und ein Wolf werden durstig an dieselbe Wasserstelle getrieben. Der Wolf sucht nach einem Vorwand, das Lamm zu fressen. So beschuldigt er es z.B., ihm das Wasser getrübt und ihn verhöhnt und geschmäht zu haben[5]. Das Lamm reagiert durch rationale Erklärungen und Zurückweisung der Anschuldigungen des Wolfes, indem es darauf hinweist, dass der Wolf immerhin höher an der Wasserstelle trinke oder das Lamm zu der Zeit, die der Wolf in seinen Beschuldigungen erwähnt, noch gar nicht geboren war. Die Geschichte schließt damit, dass der Stärkere den Schwächeren tötet, auch wenn dieser die besseren Argumente hatte. Dem entsprechen dann auch die Lehrsätze bei Äsop, Luther und La Fontaine: Der Stärkere hat immer Recht oder bestimmt, was Recht ist. Lessing nimmt in seiner Variante der Fabel einen Rollenwandel vor. Nicht nur, dass er in seinem Titel aus dem Lamm ein Schaf macht, er gibt dem schwächeren Tier Sicherheit. Die Ausgangssituation ist verändert. Das Schaf und der Wolf sind in der Lessingschen Fabel nicht mehr nur durch ein Rinnsal (La Fontaine) oder einen Bach (Luther) voneinander getrennt, sondern durch einen Fluss, so dass der Wolf das Schaf nicht erreichen kann. Dieser Sicherheit gewahr, spottet und provoziert das Schaf nun den Wolf, indem es die bereits bekannten Vorwürfe verbalisiert. Der Wolf erkennt seine Chancenlosigkeit, das Schaf - zumindest in dieser Situation - und antwortet Zähne knirschend, dass es das Glück des Schafes sei, dass Wölfe es gewohnt seien, mit „Schafen Geduld zu haben“[6]. Lessing setzt die Kenntnis der Fabeln von Luther und La Fontaine voraus, kehrt sie jedoch nicht so deutlich um, wie man es von einer Fabel der Aufklärung erwartet, in der nun beispielsweise der Schwächere den Stärkeren durch Klugheit und Verstand besiegt, sich gegen die bestehenden Machtverhältnisse aufbäumt und ihnen entgegen tritt. Vielmehr lässt er hier den Spielraum zu fragen, welches Tier in dieser Situation überhaupt der Stärkere und Schwächere ist, welches Tier klug oder dumm gehandelt hat. Er lässt den Lehrsatz aus, überlässt eine Formulierung der Moral seiner Fabel als Lehrstelle dem Leser selbst. Dieser Erkenntniszuwachs, den der Leser letztendlich selbst leisten muss, wiederum entspricht den Leitsätzen der Aufklärung, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen. Dieser Facettenreichtum und die Ambivalenz machen die Behandlung der Fabel „Der Wolf und das Schaf“ im Unterricht so lohnenswert, worauf ich in der nachfolgenden didaktischen Analyse näher eingehen werde.

4. Didaktische Analyse

Der Lehrplan Deutsch verlangt für das zweite Halbjahr des 11. Jahrgangs das Kursthema „Eine Epoche in ihrer Eigenart“[7]. Davon ausgehend wurde die Epoche der Aufklärung gewählt. Innerhalb dieser Epoche habe ich mich für die Behandlung der epischen Kleinform „Fabel“ entschieden, da die Fabel in der Zeit der Aufklärung eine entscheidende Bedeutung vor allem für die Äußerung von politischer und gesellschaftlicher Kritik darstellte. Neben den bekannten Fabeldichtern der Aufklärung wie Christian Fürchtegott Gellert, Gottlieb Konrad Pfeffel und Christian Friedrich Daniel Schubart stellt Gotthold Ephraim Lessing eine besondere Rolle innerhalb der Beschäftigung mit Fabeln dar. Vor allem seine Fabeltheorie stellt eine literaturtheoretische Annäherung an die Gattung „Fabel“ dar. Für Lessing musste jede Fabel einen bestimmten Zweck erfüllen. Tiere in der Fabel würden benutzt, weil ihre jeweilige „allgemeine Bestandtheit der Charaktere“[8] dem Publikum bekannt wäre. Genau damit spielt Lessing insbesondere in seiner Fabel, in dem er die Stereotype Wolf und Lamm konterkariert, ihre physischen Eigenschaften, der starke Wolf, das schwache Schaf, zwar beibehält, schwach und stark aber gleichsam in der Situation austauscht. Das Schaf in der vermeintlichen Position des Stärkeren, gesichert durch die für den Wolf unüberwindbare Breite des Flusses, verhält sich höhnisch und spottend. Es denkt nicht an die Zukunft, die bereits durch den Wolf in der Fabel drohend vergegenwärtigt wird (Geduld), es nutzt den Moment, um sich aufzulehnen, sei es aus mangelnder Weitsicht, sei es dem Umstand geschuldet, dass diese Situation der Umkehr der Naturgesetze einmalig ist. Aber Lessing gestaltet mit seiner Fabel lediglich eine einzige Situation, in der die Rollen verkehrt sind. Von einem Sieg des Schafes, des sonst Schwächeren kann nicht die Rede sein. Gerade darin liegt der Reiz zur Beschäftigung mit gerade dieser Fabel in der hier beschriebenen Stunde. Die Lehre ist eben gerade nicht klar und sticht dem Leser nicht ins Auge, sie lässt Spielraum zur Interpretation. Sie enttäuscht zunächst die Erwartungen an eine Fabel in der Zeit der Aufklärung, von der man annimmt, sie wäre ähnlich Fürchtegotts „Das Füllen“, Schubarts „Der gnädige Löwe“ oder Lessings Fabeln „Der Rabe und der Fuchs“ und „Der Tanzbär“. In diesen Fabeln wird lautstark und deutlich Kritik an gesellschaftlichem Verhalten wie Anpassung und Schmeichelei sowie an den Machthabenden geübt. Dennoch lassen sich aufklärerische Lehrsätze und Prinzipien in ihr finden. Die Schüler sind gezwungen, sich in den Text hineinzuversetzen, mehrere Deutungsmöglichkeiten durchzuspielen und in die Tiefe zu gehen. Ich entspreche damit den Forderungen des Lehrplans für die Sekundarstufe II, „Inhalte und Formen von Literatur und Texten unterschiedlicher Epochen und Stile sachgerecht zu erfassen und in der fachlich angemessenen Begrifflichkeit zu beschreiben“ und „im Spielraum des Literarischen Welt- und Menschenkenntnis zu erweitern“[9]. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Schüler es gewohnt sind, ihre Meinung frei und offen sagen zu können und mit dem Internet auch ein größeres Publikum erreichen zu können, ist es wichtig, sich auch in Zeiten hineinversetzen zu können, in der eine freie Meinungsäußerung in Deutschland nicht selbstverständlich war. So wird die Selbstkompetenz der Schüler geschult, indem sie sich mit anderen Welt- und Gesellschaftsverhältnissen und -bildern auseinandersetzen sowie eine Empathie in ihren Deutungsversuchen zeigen müssen.

4. Methodische Analyse

Der Einstieg in die Stunde erfolgt über ein Zitat aus Lessings „Abhandlungen über die Fabel“, in dem er die gesellschaftlich konnotierten Typisierungen von Tieren am Beispiel von Wolf und Lamm aufzeigt und betont. Die Schüler werden dazu aufgefordert, das Zitat Lessings zu erklären und auf die in der vorangegangenen Stunde bereits behandelten Fabeln vom Wolf und Lamm anzuwenden. Ich erhoffe mir von diesem Vorgehen eine einerseits motivierende, andererseits reaktivierende Hinführung zum Thema, da es sowohl in der vergangenen Stunde als auch in dieser Stunde um die Fabel vom Wolf und Lamm/Schaf gehen soll und diese bereits im Einstiegszitat aufgegriffen werden. Mit dem Hinweis darauf, dass Lessing auch eine Version dieser Fabel geschrieben hat, leite ich die Problematisierung der Stunde ein. Die Schüler werden nun aufgefordert, in Gruppenarbeit Vermutungen über die Lessingsche Variante der Fabel vor dem Hintergrund ihres Wissens über die Epoche der Aufklärung zu bilden. Um die Vermutungen der Schüler sichtbar zu machen, sollen die Schüler ihre Varianten der Fabel auf Papierkarten notieren, die an der Tafelrückseite mit dem Hinweis, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt der Stunde aufgegriffen werden sollen, befestigt werden. Ich habe mich für eine Gruppenarbeit entschieden, um einerseits den bereits erwähnten stilleren und schüchternen Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung in diesem geschützten Raum einzubringen, andererseits um einen möglichst fruchtbaren und variantenreichen Gedankenaustausch zu gewährleisten. Schnellere Gruppen haben die Möglichkeit, weitere Ideen zu entwickeln und festzuhalten. Alternativ hätten die Schüler auch bei gleicher Aufgabenstellung eine eigene Fabelversion schreiben können. Wegen der Vielschichtigkeit und der zahlreichen Deutungsmöglichkeiten der Lessingschen Fabel habe ich mich aber für eine intensive Behandlung dieser entschieden. In der folgenden Erarbeitungsphase wird die Fabel Lessings vorgetragen. Bevor nun aber die Vermutungen der Schüler mit der tatsächlichen Fabel verglichen und diskutiert werden, sollen die Schüler sich durch genauere Textarbeit mit der Fabel auseinander setzen, indem sie Eigenschaften und Merkmale von Schaf und Wolf sowie die Lehre der Fabel in die - in der letzten Stunde bereits begonnene - Tabelle eintragen. Ich habe mich für diese Reihenfolge entschieden, da ich das Textverständnis als Voraussetzung für ein tieferes Eindringen eines jeden Schülers der Klasse in die Bedeutungsebene der Fabel gewährleisten möchte. So wie jede Gruppe ihre Ergebnisse bereits in der letzten Stunde auf einer Folie festgehalten hat, sollen auch in der vorliegenden Stunde die Ergebnisse wieder auf den Folien fixiert werden. Damit kann auch optisch schnell eine Vergleichbarkeit der Fabeln erzielt werden. In der anschließenden Sicherungsphase werden dann einige Schüler nach vorne gebeten, um ihre Ergebnisse zu präsentieren. Dabei sind die übrigen Schüler dazu angehalten, ihre Ergebnisse abzugleichen und gegebenenfalls zu verbessern oder zu ergänzen. Auch soll die Fabel auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin mit den bereits bearbeiteten Fabeln verglichen werden. Nun sollen die Schüler die Fabel mit ihren eigenen Vermutungen, die nun durch das Aufklappen der Tafel zum Vorschein kommen, vergleichen. In dieser Phase der Vertiefung soll es nicht darum gehen, ein Richtig oder Falsch zu deklarieren, vielmehr soll die Frage aufgeworfenen werden, inwiefern sich die Vermutungen der Schüler mit der Fabel decken oder nicht bzw. inwieweit ihre Ideen aufgegriffen oder umgesetzt wurden. Weiterhin soll nach möglichen Gründen für die Gestaltung der Lessingschen Fabel gesucht werden. Dabei sollen die Schüler stetig die Prinzipien und Ziele der Epoche vor Augen haben und auch aus dieser heraus Bezüge zur Gestaltung der Fabel herstellen. Hierbei helfen nun die erarbeiteten Eigenschaften der agierenden Tiere und deren Vergleich. Es wird danach gefragt, ob sich in der Lessingschen Fabel ein Rollenwechsel zum starken Schaf und schwachen Wolf ereignet habe. Schließlich wird erneut das Zitat vom Beginn der Stunde herangezogen und danach gefragt, inwieweit Lessing seine eigene Maxime in Bezug auf die Fabel berücksichtigt oder nicht. Dabei werden die Schüler voraussichtlich auf mehrere Möglichkeiten und verschiedene Interpretationsansätze kommen, was durchaus gewollt ist, da es keine festgelegte Deutung der Lessingschen Fabel gibt. Bei genügend Zeit werden die Schüler aufgefordert, zu überlegen, wie die Fabel vom Wolf und Lamm wohl für unsere Gegenwart gestaltet werden könnte. Die Ideen sollen zunächst im Unterrichtsgespräch geäußert werden, in der folgenden Stunde sollen die Schüler die Fabel dann selbst schreiben.

[...]


[1] Im Folgenden sind ausökonomischen Gründen mit der Bezeichnung „Schüler“ beide Geschlechter gemeint.

[2] Äspo lebte um 600 v. Christus

[3] Volk, Stefan: Zeitalter der Aufklärung, Schöningh, Braunschweig u.a. 2008. S. 110.

[4] Die Fabeln finden sich bspw. in: Poser, Therese (Hrsg.): Texte und Materialien für den Unterricht. Fabeln, Reclam, Stuttgart 1975. S. 13, 16, 20.

[5] Bei Luther wirft der Wolf dem Lamm weiterhin vor, die „Wiesen und Äcker abgenagt und verdorben“ zu haben. Außerdem taucht in allen Varianten weiterhin der Vorwurf des Wolfes auf, dass Verwandte (meist Vater oder Bruder) des Lammes dem Wolf gespottet hätten.

[6] Poser, Therese (Hrsg.): Texte und Materialien für den Unterricht. Fabeln. S. 29f.

[7] Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein (Hrsg.): Lehrplan für die Sekundarstufe II: Gymnasium, Gesamtschule, Fachgymnasium - Deutsch. Kiel: Glücksstädter Werkstätten 2002. S.41.

[8] Lessing, Gotthold Ephraim: Abhandlungen über die Fabeln, Anaconda Verlag Köln 2008. S. 115.

[9] Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein (Hrsg.): Lehrplan für die Sekundarstufe II. S. 27.

Details

Seiten
6
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656670612
ISBN (Buch)
9783656669845
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274133
Note
1,0
Schlagworte
fabeln aufklärung schaf wolf deutungsversuch lessings fabel examenslehrprobe fach deutsch

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