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Leben und Wirken von Johann Hinrich Wichern und Handhabung seiner Ansätze in der heutigen Diakonie

Hausarbeit 2007 38 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ursprung der Worte Mission und Diakonie

3. Biographie und Werke Johann Hinrich Wicherns
3.1. Der Werdegang Wicherns bis zur Gründung des Rauhen Hauses
3.2. Entstehung und erste Entwicklungen des Rauhen Hauses
3.3. Der Wittenberger Kirchentag und die Gründung des Centralausschusses
3.4. Sonstige Schwerpunkte in Wicherns Leben
3.5. Weiterer Lebensweg Wicherns

4. Motivation und Handlungsansätze Wicherns
4.1. Dem Elend begegnen
4.2. Weitergabe des Evangeliums
4.3. Erziehung im Rauhen Haus und Ausbildung von Mitarbeitern
4.3.1. Wicherns Erziehungsstrategien
4.3.2. Ansätze Wicherns zur Ausbildung in der Inneren Mission

5. Veränderungen in der Diakonie
5.1. Diakonie als Sektor der Sozialen Arbeit
5.2. Der Stellenwert des Evangeliums in der heutigen Diakonie
5.3. Veränderungen bezüglich Praxis und Ausbildung im Rauhen Haus

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e.V. gehört zu den Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege und zählt mit mehr als 420.000 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern in Deutschland. Die Anfänge des Werkes liegen inzwischen etwa 160 Jahre zurück. Damals wurde die Innere Mission gegründet, die sich später mit dem Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V. zusammenschloss.

Einer der maßgeblichen Mitbegründer der Inneren Mission war Johann Hinrich Wichern. Er war eine faszinierende Persönlichkeit voller Ideenreichtum und Schaffenskraft. In meiner Hausarbeit möchte ich zunächst auf Leben, Werke, Denkweisen und Handlungsansätze Wicherns eingehen und mich anschließend mit der gegenwärtigen Situation des Diakonischen Werkes und des Rauhen Hauses befassen. Dabei beschäftigt mich die Frage, ob in der heutigen Diakonie noch Ansätze Wicherns zu finden sind oder ob die Diakonie gänzlich andere Ziele und Handlungsweisen aufweist als damals Wichern.

Beginnen werde ich meine Arbeit mit einer kurzen Darstellung der Ursprünge der Worte Mission und Diakonie, um daraus ableiten zu können, welche Motivation hinter den Namen Innere Mission bzw. Diakonisches Werk stecken könnte. Im nächsten Schritt möchte ich auf Wicherns Biographie und die von ihm mitgegründeten Werke eingehen. Da das Rauhe Haus mein besonderes Interesse geweckt hat, werde ich durch die Hausarbeit hinweg auf diesen Arbeitsbereich Wicherns besonders viel Aufmerksamkeit legen. Danach werde ich mich damit befassen, was Wichern zu seinem Aktivismus motivierte und wie er dies umsetzte. Außerdem werde ich darauf eingehen, was das Besondere an der Erziehung im Rauhen Haus war und wie Wicherns Ansätze zur Ausbildung von Mitarbeitern für die Innere Mission aussahen. Im weiteren Verlauf meiner Arbeit möchte ich die gegenwärtige Situation in der Diakonie und dem Rauhen Haus betrachten, um eine Antwort auf meine Frage, inwieweit Wicherns Ansätze heute noch Berücksichtigung finden, zu gewinnen.

2. Der Ursprung der Worte Mission und Diakonie

Zu Beginn der Hausarbeit habe ich mich auf die Suche nach dem Ursprung der Worte Mission und Diakonie begeben, den ich in der Bibel vermutete. Doch dabei musste ich feststellen, dass in der Konkordanz keines der beiden Worte zu finden war.

Lediglich in der Überschrift von Matthäus 28, 16-20 ist die Rede von Mission. In der Luther-Übersetzung ist der Abschnitt mit „Der Missionsbefehl“ überschrieben, auch in der Elberfelder Übersetzung ist hier die Rede vom „Missionsbefehl“, in der Bibelübersetzung Hoffnung für alle heißt es nur „Der Auftrag“.

Das 1948 in der Agentur des Rauhen Hauses erschienene Buch „Vom Wesen und Werden der Inneren Mission“ definiert Mission als Mitarbeit an der Weltpolitik Gottes, durch Mission soll die Welt für Gott erobert werden. Jesu Worte bei der Aussendung der Jünger „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28, 19 f.) erklärt das Buch zum Beginn der Mission (vgl. Freudenstein 1948, S. 5).

Das Wort Diakon fand ich in der Überschrift von Apostelgeschichte 6,1-7, in diesem Abschnitt geht es um die Wahl der sieben Armenpfleger in der Urgemeinde. So lautet die Überschrift in der Elberfelder Übersetzung „Diakonenwahl“ und in der Hoffnung für alle „Die Wahl der sieben Diakone“, in der Luther-Übersetzung hingegen ist der Abschnitt mit „Die Wahl der sieben Almosenpfleger“ überschrieben.

Eine recht aktuelle Definition des Begriffs besagt, dass die Bezeichnung Diakon griechisch-lateinischen Ursprungs ist und der Diakon in der frühen christlichen Kirche der Armen- und Krankenpfleger in der Gemeinde war (vgl. Boeßenecker 2005, S. 123).

3. Biographie und Werke Johann Hinrich Wicherns

Da die Hauptperson meiner Hausarbeit Johann Hinrich Wichern ist, werde ich im folgenden seine Biographie darstellen und auf die Arbeitszweige eingehen, an deren Gründung er stark beteiligt war.

3.1. Der Werdegang Wicherns bis zur Gründung des Rauhen Hauses

Johann Hinrich Wichern wurde als ältester von sieben Geschwistern am 21. April 1808 in Hamburg geboren und stammte aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater, der zunächst als Fuhrmann und Mietkutscher arbeitete, nahm eine Tätigkeit als Schreiber in einem Notariatsbüro auf, wodurch er in die Notariatsgeschäfte hineinwuchs. Zusätzlich lernte er zehn bis elf neue Sprachen, so dass es ihm gelang, sich zum kaiserlichen Notar und geschworenen Übersetzer empor zu arbeiten. Er ermöglichte Wichern den Besuch einer Privatschule und anschließend des Johanneums (vgl. Heidenreich 1997, S. 1 f.). Bei dem Johanneum handelte es sich um ein berühmtes Gymnasium in Hamburg. Ein finanzieller Lebenserfolg des Vaters blieb jedoch aufgrund der Napoleonischen Kriege und der Kontinentalsperre aus, im Jahr 1823 starb er an Schwindsucht. Wicherns Tagebüchern zufolge litt dieser noch viele Jahre später unter dem Verlust seines Vaters.

Da die Familie nach dem Tod des Vaters langsam verarmte, ging Johann Hinrich Wichern in der vorletzten Klasse des Gymnasiums ab, um durch Privatstunden zum Familienunterhalt beizutragen. Dadurch kam er mit Familien aus der Erweckungsbewegung in Verbindung und lernte bedeutende Persönlichkeiten kennen, z. B. den Senator Hudtwalcker und den Stadtbibliothekar und Professor am Akademischen Gymnasium Hartmann, die ihm väterliche Freunde wurden.

Im Januar 1826 trat Wichern für etwas mehr als ein Jahr in die Pluns`sche private Lehranstalt als Erzieher ein. Er unterrichtete dort 23 Stunden pro Woche „ungezogene und durchtriebene Buben“. Zusätzlich erteilte er sieben Privatstunden und belegte sechs Stunden Kolleg am Akademischen Gymnasium, das eine Zwischenstufe zwischen Johanneum und Universität darstellte. Aufgrund dieser großen Überlastung trug er bleibende gesundheitliche Schäden davon und litt, da er nachts meist nur vier Stunden schlief, häufig unter starken Kopfschmerzen (vgl. Beyreuther 1983, S. 89 f.).

Durch die Arbeit an der Pluns`schen Lehranstalt sammelte Wichern erste Erfahrungen als Pädagoge und durch den Besuch des Akademischen Gymnasiums konnte er sich auf das Universitätsstudium vorbereiten. Zudem gewann er einen Freundeskreis von Studierenden, Kaufleuten und Künstlern. Stipendien ermöglichten es ihm, von 1828 bis 1831 in Göttingen und Berlin Theologie zu studieren. In Berlin lernte er zwei Personen kennen, die von großer Bedeutung für sein späteres Wirken waren: Den Baron von Kottwitz, der 1808 eine freiwillige Armenbeschäftigungsanstalt errichtet hatte, und Nikolaus Heinrich Julius, der sich für die Reform des Gefängniswesens einsetzte (vgl. Diakonisches Werk der EKD (Hrsg.), S. 5 ff.).

Wichern kehrte am 2. September 1831 nach Hamburg zurück und legte dort sein theologisches Examen ab (vgl. Gefährdetenhilfe Scheideweg e.V. (Hrsg.) 2000 a, S. 32). Bei der Rückkehr nach Hamburg erfüllte ihn die Gewissheit, zu einem besonderen Werk bestimmt zu sein (vgl. Beyreuther 1983, S. 91).

In Hamburg lebten viele Arme in engen Straßen und großen Wohnhöfen. Ihre Kinder mussten in der Woche häufig arbeiten, so dass sie keine Schule besuchen konnten. Deshalb wurde für sie eine Sonntagsschule eingerichtet, die jedoch 1811 eingestellt wurde. Der Pfarrer Rautenberg der Vorstadt St. Georg gründete 1825 eine neue Sonntagsschule im Geiste der Erweckungsbewegung, 1830 folgte eine zweite Sonntagsschule in der Stadt. Beide Sonntagsschulen wurden von Vereinen getragen. 1832 wurde außerdem ein Besuchsverein gegründet, der die Familien der Kinder aufsuchte (vgl. Diakonisches Werk der EKD (Hrsg.), S. 8 f.). Pfarrer Rautenberg zog Wichern gleich nach dessen Rückkehr nach Hamburg mit in die Sonntagsschularbeit seiner Gemeinde St. Georg ein. Wichern wurde zum neuen Oberlehrer und Schulleiter gewählt und gewann durch die Arbeit im Besuchsverein der Sonntagsschule einen Einblick in das Elend, das in Hamburg zu finden war. Ihm wurde klar, dass allein durch die Sonntagsschularbeit den Kindern nicht durchgreifend geholfen werden konnte, weil sie nach wie vor in den schwierigen Verhältnissen ihrer Familien blieben.

Auf Wicherns Drängen hin fand im Februar 1833 die Jahresversammlung des Sonntagsschulvereins öffentlich statt. Hier machte Wichern vor mehr als 1.000 Menschen auf das von vielen Menschen unbemerkte Elend in Hamburg aufmerksam und rief die Bürger auf, den Proletarierfamilien zu helfen (vgl. Beyreuther 1983, S. 91 f.).

3.2. Entstehung und erste Entwicklungen des Rauhen Hauses

Durch Wicherns Rede auf der Jahresversammlung entstand bei dem Besuchsverein der Sonntagsschule und bei anderen Christen in Hamburg der Wunsch, ein Rettungshaus für Kinder aus verwahrlosten Verhältnissen zu gründen. Auch Senator Dr. Karl Sieveking, der über einen großen Grundbesitz verfügte, teilte diesen Wunsch. Er stellte für das Rettungswerk einen großen Garten mit einer kleinen strohbedeckten Bauernkate zur Verfügung. Die Kate wurde von je her „Das rauhe Haus“ genannt (vgl. Beyreuther 1983, S. 92 f.). In ihr hatte in den letzten Jahrzehnten eine Gärtnerfamilie gewohnt, den Namen trug sie, weil mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor Bettler und heimatlose Fremdlinge dort ein Nachtquartier gefunden hatten (vgl. Wichern 1958, Band IV / Teil 1, S. 116).

Am 31. Oktober 1833 zog Wichern mit seiner Mutter, seiner Schwester und einem seiner jüngeren Brüder in das Rauhe Haus ein. Bereits wenige Tage später folgten die ersten drei Jungen, die aus den heruntergekommensten Verhältnissen stammten. Die Zahl der Kinder wuchs, so dass bis Ende des Jahres zwölf Jungen im Alter von fünf bis achtzehn Jahren dort lebten. Die meisten der Kinder kannte Wichern bereits durch Besuche in ihren Wohnlöchern oder im Gefängnis. Viele von ihnen waren schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten und besaßen einen großen Freiheitswillen (vgl. Beyreuther 1983, S. 93). Immer mehr Kinder kamen in das Rauhe Haus, so dass ein Haus nach dem anderen neben die Kate gebaut wurde, die Rettungsanstalt wurde zu einem Rettungsdorf. In den einzelnen Häusern lebten Gruppen von Kindern und Erziehern in Familienformen zusammen (vgl. Diakonisches Werk der EKD (Hrsg.), S. 14). Ab Dezember 1835 nahm Wichern auch Mädchen im Rauhen Haus auf. Er beschreibt ihren Zustand als teilweise noch schwieriger als den der Jungen. Zur Sicherstellung der Geschlechtertrennung wohnten sie in einem von den Häusern der Jungen gänzlich getrennten Haus und wurden von Wicherns Schwester beaufsichtigt (vgl. Wichern 1964, S. 68). Im Jahr 1838 wurden die Mädchen in ein Nachbardorf umgesiedelt, so dass im Rauhen Haus nur noch Jungen wohnten (vgl. Sattler 1998, S. 48).

Um in den einzelnen Häusern Familiengruppen bilden zu können, benötigte Wichern Gehilfen, so dass er sogenannte „Brüder“ ausbildete, die in der Rettungsanstalt arbeiteten (vgl. Diakonisches Werk der EKD (Hrsg.), S. 17). An späterer Stelle werde ich genauer auf den Sinn der Familiengruppen und die Ausbildung der Brüder eingehen.

Neben den Brüdern hatte auch Wicherns Frau, Amanda Wichern geb. Böhme, Bedeutung für die Rettungsanstalt. Wichern hatte sie bereits in seiner Zeit als Oberlehrer in der Sonntagsschule kennen gelernt und wurde von Pfarrer Rautenberg mit ihr getraut. Sie bekamen zehn Kinder, der Sohn Johannes übernahm nach seinem Vater die Leitung des Rauhen Hauses. Amanda Wichern war vor allem für die aufgenommenen Mädchen und deren Arbeitsbereiche zuständig, sie inspizierte das Hauswesen und verwaltete das Geld der Kinder. In den späteren Jahren, in denen sich Wichern viel in Berlin aufhielt, hatte Amanda Wichern mit Hilfe eines Inspektors die innere Leitung der Anstalt (vgl. Heidenreich 1997, S. 9 ff.).

Da das Rauhe Haus weit vor den Toren Hamburgs lag, war ein eigener schulischer Unterricht erforderlich, der neben Wichern als Hausvater von jungen Theologen erteilt wurde, die auf eine Stelle im Pfarramt warteten. Der Unterricht war stark christlich geprägt, neben der Vermittlung von Wissen wurde viel Wert auf die richtige Behandlung des ganzheitlichen Menschen gelegt (vgl. Heidenreich 1997, S. 14 ff.).

Auf dem Gelände wurden eine Schneiderei, eine Schusterei und eine Tischlerei errichtet, dort wurde ein Großteil des täglichen Bedarfs hergestellt. Wichern maß der Arbeit großen pädagogischen Wert bei. Da er davon überzeugt war, dass Gebet und Arbeit miteinander unlöslich verbunden sein müssen, gab es auf dem Gelände auch einen Betsaal, außerdem wurden die Gottesdienste in der Hammer Kirche besucht.

Zudem wurde eine Druckerei eingerichtet, aus der 1844 die Agentur des Rauhen Hauses hervorging (vgl. Diakonisches Werk der EKD (Hrsg.), S. 15 f.).

Ab 1844 gab Wichern die „Fliegenden Blätter“ heraus, in ihnen erschienen Artikel über soziale Notstände, die evangelische Liebesarbeit und die kirchliche Lage. Hierdurch sollte das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit bei allen helfenden Kreisen gestärkt werden. Den Ausdruck „Innere Mission“ benutzte Wichern seit 1843 bei den Veröffentlichungen für seine Arbeit (vgl. Beyreuther 1983, S. 100).

3.3. Der Wittenberger Kirchentag und die Gründung des Centralausschusses

In dem von politischen Unruhen erschütterten Jahr 1848 wusste die evangelische Kirche nicht, was aus ihr werden würde, wenn die Liberalen in Deutschland die Regierung übernehmen würden. Da sie in unzählige Landeskirchentümer zerspaltet war, wurde der Wunsch nach einer Einheit lebendig, so dass über eine „Deutsche Nationalkirche“ nachgedacht wurde. Aus diesem Grund wurde ein gesamtdeutschen Kirchentag für die Zeit vom 21. bis 23. September 1848 in der Wittenberger Schlosskirche anberaumt. Etwa 500 Männer aus dem kirchlichen Leben, unter ihnen auch Wichern, besuchten den Kirchentag, um einen Kirchenbund vorzubereiten. Da Wichern bereits eine sehr bekannte Persönlichkeit war, bat man ihn, einer der Unterzeichner auf der Einladung zum Kirchentag zu sein, und unter der Zusicherung, er dürfe auf der Versammlung über die Innere Mission sprechen, war er dazu bereit.

Zu Beginn des Kirchentages war die Versammlung nicht sehr effektiv, es wurde aufgrund der derzeitigen im Land herrschenden Unruhen fast nur von sich zutragenden Ereignissen gesprochen, zudem wurden Verfahrensweisen debattiert, wie ein Kirchenbund erreicht werden könne, ohne das Bekenntnis zu verletzen. Dies änderte sich ab dem Nachmittag des 22. Septembers, als Wichern die Möglichkeit bekam, über die Innere Mission zu sprechen (vgl. Beyreuther 1983, S. 105 f.). In seiner Rede fasste Wichern das zusammen, was er schon zuvor geschrieben und gesprochen hatte. Er machte u. a. deutlich, dass es die Innere Mission mit allen Volksklassen zu tun habe und sich nicht nur auf Einzelgemeinden beschränke. Außerdem machte er auf den Umfang der Not der verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufmerksam (vgl. Gerhardt 1948, S. 73 f.). Zudem beantragte Wichern, die Innere Mission unter die Aufgaben des Kirchenbundes aufzunehmen, woraufhin die gesamte Versammlung ihre Zustimmung sofort durch Aufstehen bezeugte (vgl. Beyreuther 1983, S. 107). Die Rede bedeutete den Anbruch einer neuen Epoche in der Geschichte der Inneren Mission, da diese ab diesem Zeitpunkt zu einem unabtrennbaren Bereich der evangelischen Kirche in Deutschland geworden war (vgl. Gerhardt 1948, S. 73).

Vom Kirchentag wurde festgestellt, dass die „Förderung christlich-sozialer Zwecke, Vereine und Anstalten, insbesondere der inneren Mission“ ab nun zu den Aufgaben des Kirchenbundes gehören sollte. Daraufhin wurde der „Centralausschuss der Inneren Mission“ gegründet, zu dem auch Wichern gehörte (vgl. Heidenreich 1997, S. 18 ff.). Der Centralausschuss sollte eine Verbindung zwischen den Vereinen und Einrichtungen der Inneren Mission herstellen (vgl. Diakonisches Werk der EKD (Hrsg.), S. 22). Es wurden zwölf Mitglieder berufen, allesamt hohe Persönlichkeiten aus Kirche, Staat und Adel. Dank Wicherns Engagement wurde aus dem überwiegend konservative Ausschuss kein lähmendes Gewicht. Wichern wurde durch einen Stiftungsfonds vom Rauhen Haus unabhängig, der Centralausschuss brachte nun sein Gehalt auf. Wichern hatte das Ziel, viele Landesvereine und Provinzialvereine ins Leben zu rufen, damit Sammelpunkten entstehen würden, an die sich neue Gründungen anschließen könnten. Außerdem sollte so der Verzettelung von Kräften vorgebeugt werden (vgl. Beyreuther 1983, S. 114).

Wichern bekam vom Centralausschuss die Aufgabe übertragen, für die Ziele der Inneren Mission zu reisen und zu werben, so dass er in der Folgezeit einer Reisetätigkeit in ganz Deutschland nachging. Hierbei gelang es ihm beispielsweise, im November 1848 in Hamburg auf einer Versammlung einen örtlichen Verein für Innere Mission zu gründen. An vielen Orten erfolgten ähnliche Gründungen wie in Hamburg (vgl. Heidenreich 1997, S. 20 f.). In einigen Regionen kam Wichern schnell ans Ziel, in anderen waren die Anfänge eher bescheiden. Acht Jahre nach seiner Gründung stand der Centralausschuss bereits mit allen deutschen Landeskirchen in einer engeren Verbindung. Hierdurch wurden die vielen bereits bestehenden Vereine und Anstalten miteinander verbunden und konnten sich über den Central-Ausschuss gegenseitig helfen und anregen. Aus freier Initiative und Mithilfe evangelischer Christen erblühten Arbeitsfelder wie freie evangelische Anstalten und Stiftungen für Kinder, Alte und Behinderte, Vereine zur leiblichen und geistigen Betreuung, Heilung und Rettung besonders Gefährdeter, Betreuung von Strafentlassenen, Seeleuten und Landstreichern. Auch wurden Vereine zur Herstellung und Verbreitung christlicher Literatur und verschiedenste evangelische Jugendvereine gegründet (vgl. Beyreuther 1983, S. 115 f.).

Jedoch stieß die Arbeit des Centralausschusses auch auf Widerstand, Wicherns Wirksamkeit wurde von den vorerst abseits stehenden lutherischen Landeskirchen Nord- und Mitteldeutschlands als gefährlich angesehen, ihrer Ansicht nach hatte ein Geistlicher nur innerhalb seiner eigenen Gemeinde zu wirken. Zudem befürchteten sie, dass freie Vereine zu freikirchlichen Bestrebungen verleiten könnten. Jedoch entschieden sich mit der Zeit auch Lutheraner zur Mitarbeit in der Inneren Mission und dem Centralausschuss. Auch vom Liberalismus erfuhr die Innere Mission Angriffe. Durch die Anfeindungen wurde Wichern bewusst, dass der Inneren Mission die feste Sicherung und Einordnung in die verfasste Kirche und ihre amtlichen Organe fehlte (vgl. Beyreuther 1983, S. 117). Da, nachdem sich die Angst vor der Revolution gelegt hatte, viele Mitarbeiter in ihrem Eifern nachließen, gelangte Wichern zu der Auffassung, dass Freiwilligkeit für eine regelmäßige, allgemeine Gemeindediakonie auf Dauer nicht ausreichen würde (vgl. Beyreuther 1983, S. 118).

3.4. Sonstige Schwerpunkte in Wicherns Leben

Neben seiner Tätigkeit im Rauhen Haus und im Centralausschuss gab es noch viele andere Arbeitsfelder, in denen Wichern aktiv war. Zu den von ihm mit initiierten Arbeitsfeldern gehörten unter anderem die Versorgung und Begleitung von Amerika-Auswanderern, die Fürsorge für wandernde Handwerksgesellen durch Gründung von Herbergen zur Heimat, die Entsendung von Felddiakonen als Sanitäter in die Deutsch-Dänischen Kriege und die Betreuung der Arbeiter beim Eisenbahnbau (vgl. Heidenreich 1997, S. 30). Wichern bildete für die verschiedensten Arbeitsfelder Brüder aus, so dass aufgrund der steigenden Zahlen der Brüder eine Brüderschaft entstand (vgl. Diakonisches Werk der EKD (Hrsg.), S. 18).

Wichern sah als eine seiner Hauptaufgaben auf staatlichem Gebiet die Arbeit mit Strafgefangenen (vgl. Gerhardt 1948, S. 109). Er beteiligte sich an einer vom preußische Innenministerium eingesetzten Kommission zur Begutachtung des Strafvollzuges und nahm an drei Inspektionsreisen der Kommission teil. Über die Situation der Strafgefangenen verfasste er einen ausführlichen Bericht.

Im Jahr 1856 wurde Wichern mit der Reorganisation der Musteranstalt Moabit beauftragt. Hierbei verfolgte er das Ziel, menschenwürdige Unterbringungsverhältnisse zu schaffen, sinnvolle Betätigungen für die Gefangenen zu organisieren, das Gefängnispersonal, das aus ehemaligen Soldaten bestand, auszuwechseln und für die Familien der Gefangenen zu sorgen. Den gesamten Aufseherdienst bekamen die Brüder übertragen; um sie dafür auszubilden, wurde in Berlin das Johannesstift gegründet, das nach dem Muster des Rauhen Hauses aufgebaut war und mit diesem trotz selbständiger Haushaltsführung eng verbunden war (vgl. Heidenreich 1997, S. 23 ff.).

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Details

Seiten
38
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656668909
ISBN (Buch)
9783656668893
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274202
Institution / Hochschule
Hochschule Hannover – Fachhochschule Hannover
Note
1,0
Schlagworte
leben wirken johann hinrich wichern handhabung ansätze diakonie

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Titel: Leben und Wirken von Johann Hinrich Wichern und Handhabung seiner Ansätze in der heutigen Diakonie