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Gottfried von Straßburg: Tristan; eine Untersuchung von Tristans Kindheit und Jugend

Hausarbeit 2001 17 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgeschichte, Handlung und Struktur des Romans

3. Interpretation
3.1 Tristans frühe Jugend und Ausbildung (Vers 1791- 2148)
3.2 Die Entführung (Vers 2149- 2758)
3.3 Die Jagd und der junge Künstler (Vers 2759- 3756)
3.4 Widersehen und Auflösung der Familiensituation (Vers 3757- 4546)
3.5 Tristans Schwertleite (Vers 4547- 5068)

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Ursprung des Romans von Gottfried von Straßburg liegt in der keltischen Sagengeschichte und enthält Motive aus antiken, irischen, walisischen und orientalischen Sagen. Das Werk ist realhistorisch und bildete somit eine starke Konkurrenz zum Artusstoff. Die älteste schriftliche Überlieferung ist von dem Franzosen Thomas von Bretagnes, welche Gottfried als Vorlage für seinen Roman diente. Das Ende der Vorlage von Thomas ist allerdings nur noch in Fragmenten erhalten und so ist es nicht verwunderlich, dass Gottfrieds Werk ebenfalls kein Ende vorweisen kann. Man spekuliert, ob Gottfried das absichtlich gemacht hat oder ob es andere Gründe für den fehlenden Schluss gab. Ulrich von Türheim schrieb 1230 ein Ende für den Gottfried- Roman, ebenso tat dies Heinrich von Freiberg 1280. Der älteste deutsche Verfasser der Tristangeschichte ist Eilhart von Oberg, der 1147- 1190 einen eher märchenhaften Roman schrieb. In der Neuzeit komponierte Richard Wagner eine Oper über den Tristanstoff und feierte 1865 ihre Uraufführung.

Als Schriftsteller des 13. Jahrhunderts stützte Gottfried sich auf bestehende Quellen und verbreitete bestehende Ideen. Er verfasste ungefähr im Jahr 1210 seinen Roman, der heute den Höhepunkt der Tristan- Dichtung darstellt. Er ist in 11 Handschriften, Fragmenten aus dem 13. Jahrhundert überliefert und umfasst 20.000 Verse. Über Gottfried selber ist wenig bekannt. Aufgrund seines Literaturexkurses (Vers 4621- 4820) konnte die Forschung einen ungefähren Zeitpunkt ausmachen, in dem Gottfried gelebt hat. Er macht hier eine Dichterschau, in der man sehen kann wer vor, während oder nach ihm gelebt hat. Man vermutet, dass Gottfried ein clericus war, denn er muss hoch gebildet gewesen sein. Ebenso muss sein Publikum von ähnlichem Stand gewesen sein, denn man geht davon aus, dass sie Gottfrieds Sicht der Dinge teilten. Seine große Zuhörerschaft, ist dadurch zu erklären, dass er die Interessen und Ideen des Publikums teilte und sich mit den Problemen seiner Zeit beschäftigte.[1]

Christoph Huber schreibt in seinem Buch: „Gottfrieds perfektes und beinahe unpersönlich glattes Wissen spiegelt sich im Lehrplan des spielerisch lernenden Wunderkindes Tristan“[2]. Gottfried hebt den Erziehungsgedanke in seinem Roman stark hervor. Tristans Bildung, wie sie der Meister beschreibt, gilt daher als typisch für das 13. Jahrhundert.

Zu dieser Zeit gilt das siebte Lebensjahr als „Zäsur der Kindheit“[3]. Für die Kinder ändert sich ab diesem Alter einiges, sie fangen je nach Stand der Eltern außerhalb der Familie an zu arbeiten oder kommen zur Weiterbildung in ein Kloster. Die Bildung ist fast ausschließlich den Jungen vorbehalten, Mädchen werden zur Hausfrau erzogen und für die Ehe vorbereitet. Das Verlassen der Familie ist Erziehungsprinzip dieser Zeit und dient der frühen Integration in die Arbeitswelt der Erwachsenen. Die Kinder, die den Vorzug einer geistigen Ausbildung genießen können, lernen in den ersten sieben Jahren die elementare Grammatik der „septem artes liberales“ an Dom- bzw. Kathedralschulen oder in einem Kloster. Ab dem 14. Lebensjahr beginnt für die Knaben die Ausbildung an der Artistenfakultät, wo sie die philosophische Grammatik lernen. Das Ziel der Eltern war es, die Jungen mit 15 Jahren in einem Orden oder einer Abtei unterzubringen, wo sie die Chance hatten durch ihr Wissen eine Stellung in der Liturgie, der Seelsorge oder der Verwaltung zu bekommen.[4] Über die Bildung, wie sie Tristan genießt, was oder ob daran etwas besonderes ist, werde ich im folgenden Teil versuchen zu erläutern. Dazu beschreibe ich kurz den Handlungsverlauf des Romans und gehe dann auf die Kindheit Tristans ein, so wie sie Gottfried beschrieben hat.

2. Struktur, Vorgeschichte und Handlung des Romans

Gottfried von Straßburg hat seinen Roman in 30 Kapitel unterteilt, die wie bereits in der Einführung erwähnt knapp 20.000 Verse umfassen. Dabei benutzt er den höfischen Erzählvers.

Gottfried startet seinen „Tristan“ mit einem Prolog, in dem er die ideale Redesituation herstellt. Er nennt sich und seinen Auftraggeber, umreißt das folgende Thema und seinen Nutzten für das Publikum.[5] Anschließend steht die für den höfischen Roman typische Elternvorgeschichte, in der Tristans Eltern sein Minneschicksal vorleben. Der Fürst Rivalin kommt an König Markes Hof in England, wo er die schöne Blanscheflur, die Schwester des Gastgebers, kennen lernt. Die beiden führen ein heimliches Verhältnis miteinander bis Blanscheflur schwanger wird und sie zusammen in Rivalins Herkunftsland fliehen müssen. Doch für die beiden ist dieser Ortswechsel nicht gut, denn schon bald fällt Rivalin in einer Schlacht mit seinem Widersacher Morgan. Über die enorme Trauer stirbt seine (mittlerweile) Frau bei der Geburt des Kindes. Der Waise wird von Rual, einem Gefolgsmann und Freund Rivalins, einem freigeborenen Ritter,[6] und dessen Frau Floraete aufgezogen. Sie gibt das Kind als ihr eigenes aus und zieht es mit großer Sorgfalt groß. Tristan, wie sie das Kind nennen, kommt in den Genuss einer standesgemäßen Ausbildung. Als er 14 Jahre alt ist, wird er von norwegischen Kaufleuten mit dem Schiff entführt. Nach einem fürchterlichen Seesturm setzten sie Tristan an der englischen Küste aus, wo er nach einiger Zeit auf zwei Pilger trifft. Diese bringen den Heimatlosen an den Hofe König Markes. Nachdem der Junge vier Jahre bei Marke lebt, findet Rual ihn wieder. Er hat die ganze Zeit nach Tristan gesucht und ist gewillt, die wahre Herkunft Tristans zu offenbaren. Rual berichtet von Rivalin und Blanscheflur und deren tragische Geschichte. Der König kann es kaum fassen und erklärt Tristan vor Freude zu seinem Nachfolger. Bei einem Kampf mit dem Bruder des irischen Königs tötet Tristan Morgan, den Mörder seines Vaters, und wird selber dabei stark verletzt. Isolde, die Schwester des Toten, ist die einzige, die Tristans Wunde heilen kann. Also verkleidet sich dieser als Spielmann, um an den Hof der Dame zu gelangen. Er spielt seine Rolle sehr überzeugend und wird nicht nur geheilt, sondern auch als Lehrer der Tochter, die auch den Namen Isolde trägt, angestellt. Einige Hofbarone sind eifersüchtig auf den hochbegabten Tristan, dass sie König Marke mit Isolde, Tristans Schülerin, verheiraten wollen. Tristan tritt als Kaufmann eine Reise nach Irland an, um als Heiratsvermittler zu fungieren. Er besiegt einen Drachen für den König und Isolde soll sich aufgrund eines Liebestrankes in Marke verlieben. Irrtümlicherweise trinken aber Tristan und Isolde dieses Gebräu und sind von nun an unsterblich ineinander verliebt. Damit niemand diese Liebe entdeckt, nimmt Isoldes Zofe in der Hochzeitsnacht deren Platz ein. Es folgen verschiedene Listen, um die Liebe zwischen Tristan und ihr geheim zu halten, doch sie tappen in eine Falle. Daraufhin wird Isolde vor Gericht gestellt, doch glücklicherweise fällt das Gottesurteil zu ihren Gunsten aus. Die Liebe wird heimlich fortgesetzt, bis Marke die beiden erneut erwischt und sie verjagt. Durch eine erneute List versöhnen sich die beiden wieder mit dem König und dürfen an den Hof zurück. Doch Tristan muss schon bald von dort fliehen, denn er wird bei einer erneuten Umarmung mit Isolde erwischt und die letzte Chance, die der König ihm gegeben hat, ist vertan. Die Liebe der beiden ist endgültig zerstört, weswegen Tristan abschließend Isolde Weißhand heiratet, eine Frau, die bisher keine Rolle in seinem Liebesleben gespielt hat. An dieser Stelle bricht der Roman abrupt ab.

3. Interpretation

3.1 Tristans frühe Jugend und Ausbildung (Vers 1791- 2148)

Die Bildung hatte im 13. Jahrhundert je nach Stand der Familie eine unterschiedliche Funktion. Da Tristans Vater ein Fürst war, gebührt ihm eine Ausbildung wie anderen Kindern seiner Klasse. Doch in Tristans Situation ist dies nicht selbstverständlich, denn wie bekannt sind beide Elternteile von Tristan verstorben und er wird von Rual, einem Vasallen, und dessen Frau Blanscheflur aufgezogen. Tristans Geburt hat etwas mythisches, die Situation des Waisenkindes ist typisch für Heldenepen und ist nicht aus dem wahren Leben, der Gesellschaft gegriffen[7]:

der marschalc und diu marschalkîn/ nâmen daz cleine weiselîn/ und burgen ez vil tougen/

den liuten von den ougen./ si sageten unde hiezen sagen,/ ir vrouwe haete ein kint getragen,/

daz waere in ir und mit ir tôt./[...] der getriuwe marschalc [...] sprach sîn saelic wîp/ und

bevalch ir verre und an den lîp,/ daz sî sich in leite/ nâch der gewonheite,/ als ein wîp kindes

inne lît,/ und daz si nâch der selben zît/ jaehe unde jehende waere,/ daz sî daz kint gebaere,/

daz ir junchêrre sollte sîn. (Vers 1823- 1904)

Tristans Leben beginnt also mit einer Lüge, einer List, die ihn sein ganzes Leben begleiten und für später prägen wird. Rual nimmt dieses Kind wie sein eigenes Fleisch und Blut auf aus Loyalität zu seinem Herren Rivalin. Die ersten Jahre wächst Tristan unter einer liebevollen Betreuung der Mutter auf, sie widmet ihm all ihre Zeit und ihr Denken. Schon von Beginn an ist es Gottfried sehr wichtig zu zeigen, dass Tristan besonders ist, denn man kümmert sich mehr um ihn als um andere Kinder:

als wir daz maere hoeren sagen,/ sone geschach ez weder sît nôch ê,/ daz ein man unde

ein wîp ie mê/ mit solher liebe ir hêrren zugen. (Vers 1946- 1949)

Das war nach Philippe Ariès im 13. Jahrhundert nicht üblich, er ist der Auffassung, dass eine liebevolle Kindheit aufgrund der hohen Kindersterblichkeit nicht die Regel war. Die Eltern bauen seiner Meinung nach keine feste Bindung in den ersten Jahren zu den Kleinen auf.[8] Dieser historische Aspekt wird zwar von einigen Mediävisten widerlegt, ist aber nichts desto trotz eine weitere Bestätigung für Tristans „Einzigartigkeit“. „Rual handelt an Tristan wie ein Vater. Er liebt ihn und nimmt freiwillig alle Pflichten und Sorgen auf sich, die ein Vater zu tragen hat, der durch Liebe an das Schicksal seines Kindes gebunden ist.“[9]

[...]


[1] Raab, Rudolf Wolfgang: „Gottfrieds Tristan: Eine sozialliterarische Interpretation“. London 1945,

[2] Huber, Christoph: „Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde“. München 1986,

[3] Arnold, Klaus: „Kind und Gesellschaft im Mittelalter und Renaissance: Beiträge und Texte zur Geschichte der Kindheit“. München 1980,

[4] Koch, Josef: „Artes Liberales: Von der antiken Bildung zur Wissenschaft des Mittelalters“. Köln 1976,

[5] Huber, Christoph: a. a. O.

[6] Combridge, Rosemary Norah: „Das Recht im `Tristan` Gottfried von Straßburg“. Berlin 1994,

[7] Winter, Matthias:“ Kindheit und Jugend im Mittelalter“. Freiburg 1984,

[8] Ariès, Philippe: „Geschichte der Kindheit“. München 1988,

[9] Schneider, Nora: „Erziehergestalten im höfischen Epos“. Würzburg 1935,

Details

Seiten
17
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638116572
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2745
Institution / Hochschule
Universität Trier – FB Germanistik
Note
1.0
Schlagworte
Gottfried Straßburg Tristan Untersuchung Tristans Kindheit Jugend Höfische Kultur

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Titel: Gottfried von Straßburg: Tristan; eine Untersuchung von Tristans Kindheit und Jugend